Das Gedicht ist z.B. hier zu finden.
Wir nehmen dieses Gedicht mal als Beispiel, um auszuprobieren, wie man schnell alles Wesentliche erkennt und schon mal notiert. In einer Klausur würde man das in Stichpunkten machen. Wir formulieren das hier aus, weil wir ja anderen zeigen wollen, wie man das machen kann.
Wir beziehen uns hier auf ein Video, dass wir für die Abiturienten des Jahres 2025 noch kurz vor der Prüfung als kleine Tipp Reserve veröffentlicht haben.
Abi-Klausur: 3 Pannen mit einer Methode vermeiden – und zwei Zusatztipps für mehr Punkte
Im wesentlichen geht es um das Zerlegen der Aufgabenstellung und das schnelle Festhalten von ersten Beobachtungen, Erkenntnissen und Ideen, die man in mehreren Spalten auf einem Konzeptblatt notieren kann.
- Als erstes lässt man die ganze äußere Form des Gedichtes beiseite, denn sie spielt normalerweise keine große Rolle und kann einen zum Beispiel beim Rhythmus am Anfang eher irritieren, was dann Zeit kostet.
- Man beginnt mit dem Lesen der Überschrift (nicht vergessen, das tun wir leider manchmal ;-)) und der Verszeilen und notiert sich dabei das, was man brauchen kann. Für das Verstehen der Aussagen, des Themas und schließlich der verwendeten Mittelpunkt.
- Nun zu den Elelementen des Gedichtes, das wir aus urheberrechtlichen Gründen hier nur kommentieren – weiter oben haben wir gezeigt, wo man es im Internet finden kann.
- Die Überschrift ist sehr allgemein und schiebt den Leser in gewisser Weise nur in eine grundsätzliche Richtung. Ob es dabei um Moral oder um Wertgegenstände handelt, bleibt offen.
- Zeile 1-3:
Das Gedicht beginnt mit einer Feststellung, die besonders betont, dass die guten Dinge des Lebens, das wird dann erläutert an den Beispielen Luft, Wasser und Liebe, angeblich kostenlos sind. - Kritische Anmerkung:
Wenn man zufällig ein Video gesehen hat, in dem darauf hingewiesen wurde, dass die Leute in Südspanien angeblich das Wasser aus dem Wasserhahn nicht zur Speisezubereitung verwenden, sondern kaufen, hat man damit schon mal einen kritischen Aspekt für die abschließende Einschätzung des Gedichtes. Denn mit diesen natürlichen Lebensgrundlagen ist das heute nicht mehr so selbstverständlich, wenn sogar davon geredet wird, dass man die Luft besteuern könnte. Und auch mit der Liebe ist das nicht so ganz unproblematisch, wie jeder merkt, wenn er eine Scheidung hinter sich hat. Dann hatte er zwar Liebe gehabt, aber die wirkt aus der Rückschau nicht mehr so schön und hatte eben schon einen Preis.
- 4-6:
Der nächste Versblock stellt dann die berechtigte Frage, warum man insgesamt das Leben für teuer hält, wenn doch die wichtigsten Grundlagen angeblich kostenlos sind. - Kritische Anmerkung:
Hier muss man nur ein bisschen Fantasie entwickeln und zum Beispiel an die Menschen denken, die verzweifelt eine Wohnung suchen oder ihre Miete nicht mehr bezahlen können. Es soll Bilder aus Kalifornien geben, wo Menschen anscheinend die Straßen in Zelten bevölkern. - Hier muss man natürlich selbstkritisch anmerken, dass dies Gedicht aus einer Zeit stammt, wo man diese These grundsätzlich vertreten konnte. Trotzdem bleibt sie natürlich in ihrer Radikalität fragwürdig.
- 7-12:
Im nächsten Versblock wird dann eine Erklärung geliefert, die auf eine wesentliche Veränderung hinweist, die mit dem Älterwerden verbunden ist. - Tatsächlich ist es wohl so, dass Kinder tatsächlich alles das auf ihre eigene Art und Weise genießen, was eine gute Umgebung ihnen anbietet. Zumindest machen Sie sich keine Sorgen über ihre eigene Zukunft und Essen und Wohnung werden in der Regel von ihren Eltern bezahlt, ohne dass die nachwachsende Generation in den ersten Jahren darüber nachdenkt.
- Kritische Anmerkung:
Aber auch hier merkt man natürlich, dass das, was dieses Gedicht hier von sich gibt, in gewisser Weise grundsätzlich gelten kann und wohl auch gilt, aber es viele Kinder in der Welt gibt, die den Anfang ihres Lebens anders erlebt haben.
- 13-18:
In diesem Versblock wird die Verminderung einer nach Meinung des Gedichtes richtigen Einstellung zum Leben auf den Punkt des Einatmens gebracht. Erstaunlicherweise wird es mit dem Phänomen der Zeit verbunden. Vielleicht ist damit gemeint, dass mit zunehmendem Alter die Zeit kostbarer wird, aber nicht aus finanziellen Gründen. Und das kann/sollte dazu führen, dass man die guten Dinge, die man in dieser schwindenden Zeit erlebt, höher schätzt. - Es folgen dann drei Beispiele falschen Lebens, wobei besonders der Hinweis auf Liebe als Pflicht bemerkenswert ist.
- Am Ende eine Art Zusammenfassung, die die Frage der Kosten des Lebens ins Grundsätzliche verschiebt. Es sollte darauf aufmerksam gemacht werden, dass der es bereuen wird, der die wirklich wichtigen Dinge des Lebens nicht genügend schätzt.
Aussagen – Deutungshypothese – Thema
- Wenn man das Gedicht so intensiv gelesen und durchdacht hat, kann man eine vorläufige Aussage formulieren und genau das ist die so genannte Deutungshypothese.
- Die könnte so lauten:
- Dieses Gedicht soll anscheinend darauf aufmerksam machen, das mit dem Erwachsenwerden die Gefahr verbunden ist, dass man die wirklich wichtigen Dinge im Leben nicht genügend schätzt und sich stattdessen mehr auf äußere Dinge konzentriert, die Geld kosten.
— - Wenn man die Deutungshypothese hat, kann man eine vorläufige Themenformulierung wagen: am besten in Frageform:
„Das Gedicht behandelt die Frage, was im Leben wirklich wichtig ist und wie man damit am besten umgeht.“
Die Frage der Mittel
- Wenn man die Aussagen des Gedichtes als Antwort auf die Themafrage hat, kann man sich mit den so genannten Mitteln beschäftigen, die im Deutschunterricht bedauerlicherweise sehr im Vordergrund stehen, obwohl sie eigentlich zweitrangig sind, denn es handelt sich ja nur um Mittel, und häufig wird nicht einmal gefragt, wofür die überhaupt zum Mittel geworden sind.
- Die Sache sei nicht ganz einfach: Entscheidend bei einem Gedicht ist zumindest zu 50 % erst einmal die inhaltliche Aussage. Natürlich ist ein Gedicht ein Kunstwerk, bei dem auch Form und Sprache eine wichtige Rolle spielen.
- Was jetzt die Mittel angeht, so sind das diejenigen Elemente, die die Aussagen durch besondere (mehr oder weniger ungewöhnliche) Formulierungen oder andere Einfälle unterstreichen.
Was man an Mitteln in diesem Sinne hier finden kann:
- Wenn man sich jetzt das Gedicht noch mal anschaut, dann sieht man schon, dass man in der Zeile drei eine Reihung hat, die man durchaus als Steigerung verstehen kann. Denn an die Luft denkt man in der Regel überhaupt nicht, das Wasser in der Wüste oder auch im Hochsommer kann sehr kostbar werden Und die Liebe ist natürlich vielleicht sogar das Wichtigste im Leben, auch wenn man es in der Regel nicht mit Kosten verbindet. Man könnte hier also eine Art Gegensatz sehen, der zumindest implizit vorhanden ist.
- In Zeilen 4-6 hat man dann eine rhetorische Frage, die natürlich appellativen Charakter hat.
- In der Zeile 7 hat man die Metapher des Erkaltens, denn die Verringerung des Wertgefühls für bestimmte Dinge wird ausgedrückt durch die Beschreibung einer Veränderung der Temperatur.
- Interessant ist die Apposition zu Liebe, nämlich das Wort „unbegehrte“. Das macht deutlich, dass im Unterschied zu späteren Zeiträumen die Liebe in der ersten Zeit nach der Geburt in der Regel einfach ein Geschenk ist, das man bekommt und für das man sich nicht anstrengen muss, zumindest nicht bewusst.
- Ein interessanter Neologismus ist „herzleicht“, weil er auf besondere Art und Weise deutlich macht, wie hier zwei sehr unterschiedliche Dinge auf eine besondere Art und Weise verbunden werden.
- Es folgt ab Zeile 13 dann die bildliche Steigerung der Vorstellung vom Atmen, denn es geht hier nicht um das natürliche Atmen, sondern ein erweitertes, das alles, was wichtig ist, wirklich aufnimmt.
- Der Schluss besteht dann aus drei Feststellungen, wobei Wasser und Wein eine Anspielung sind auf Verwendungen, die recht geläufig sind. Und natürlich ist es auch eine Alliteration. Das Phänomen der Liebe wird dann in Form eines Gegensatzes verbunden mit „Pflicht und Last“.
- Es folgt, dann eine freie Zeile, die den Schlussakzent noch stärker hervorhebt. Auch hier wird wieder mit dem Gegensatz gespielt von teuer und billig. Allerdings wird er in gewisser Weise umgedreht, und teuer wird dabei zur Voraussetzung für eine Art von Reue, wenn man vorher die wirklich wichtigen Dinge des Lebens so billig aufgefasst hat, gemeint ist, damit Ihnen nicht den richtigen Wert zugeschrieben hat.
Fazit
- Wenn man so an die sprachlichen, rhetorischen und sonstigen Mittel herangeht, wird deutlich, wie eng eine Auffassung von sprachlicher Substanz von Gedichten ist, die versucht, den Zweck eines einzelnen Mittels dadurch zu erfassen, dass man es auf seine unmittelbare Text-Umgebung bezieht.
- Viel wichtiger als irgendeine germanistische Begriffsfixierung ist die Erkenntnis, was es in dem Gedicht an Besonderheiten der Sprache gibt, die letztlich der Autor sich hat einfallen lassen und die etwas beitragen zu den Aussagezielen, die im Gedicht gegeben sind, ganz gleich, ob der Autor sie bewusst angestrebt hat oder nicht.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Gedichte: Wie interpretiert man sie schnell und sicher?
https://textaussage.de/themenseite-gedichte-interpretieren
— - Besonders hervorheben möchten wir hier:
https://textaussage.de/5-survival-tipps-zur-sicheren-interpretation-bsd-von-gedichten
— - Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/weitere-infos
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