Worum es hier geht:
Die Kurzgeschichte „Die rote Perücke“ ist das weibliche Aufbegehren und die Suche nach (weiblicher) Existenz und Identität sowie Ausbruchs- und Aufbruchssehnsüchte.
Die Geschichte thematisiert den Ausbruch aus einer grauen, seelenlosen Alltäglichkeit und die Sehnsucht nach Selbstfindung. Die rote Perücke dient hierbei als Metapher für diese Emanzipationsbestrebungen der Frau. Im weiteren Kontext des Expressionismus behandelt der Sammelband, in dem die Kurzgeschichte enthalten ist, auch Themen wie Entfremdung, Wahnsinn, Liebe, soziale Not und Konflikte sowie Träume.
Hier schon mal ein bisschen Vorfreude auf eine besondere Frage, die kreative Reaktionen auslösen kann – siehe weiter unten:

Wo man die Kurzgeschichte finden kann:
Der Text der Kurzgeschichte „Die rote Perücke“ von Marie Holzer wurde ursprünglich im Januar 1914 in Franz Pfemferts expressionistischer Zeitschrift „Die Aktion“ publiziert.
Darüber hinaus ist die Kurzgeschichte in der Anthologie „Die rote Perücke. Prosa expressionistischer Dichterinnen“ enthalten, herausgegeben von Hartmut Vollmer. Die zweite, aktualisierte Auflage dieser Anthologie erschien 2010 bzw. 2012 beim Igel Verlag Literatur & Wissenschaft. In dieser Anthologie befindet sich die Erzählung von Marie Holzer auf den Seiten 22–24. Auszüge des Textes finden sich auch in den vorliegenden Quellen.
Unterrichtsmaterialien zur „Charakteristik der Protagonistin: Marie Holzer: Die rote Perücke (expressionistische Prosa)“ sind zudem auf Plattformen für kostenloses Unterrichtsmaterial im Fach Deutsch für die 11. Klasse verfügbar.
Was zeigt diese Kurzgeschichte?
Die Kurzgeschichte zeigt:
- Die Sehnsucht nach einem leidenschaftlichen und selbstbestimmten Leben im Gegensatz zu einer tristen studentischen Existenz: Die Protagonistin, eine kleine Studentin, blickt in ein Schaufenster und wünscht sich die rote Perücke. Sie imaginiert ein glamouröses Leben, das stark im Kontrast zu ihrem aktuellen Alltag steht:
„Nicht wie jetzt bei toten Büchern sitzen, bei Worten mit fremdem Klang, bei Längstgestorbenen, deren Atem verweht, deren Gedanken bloß ein seltsam Leben führen, das man erwecken kann oder daran vorübergehen, und ich will nicht mehr, ich will nicht mehr…“.
- Die rote Perücke als Symbol für weibliches Aufbegehren und Selbstfindung: Die Perücke wird zur Vision des Ausbruchs und zum Zeichen der ersehnten und erreichten Selbstfindung. Die Protagonistin erlebt in ihrer „roten Vision“ eine Befreiung von der „leblosen und fremden, grausamen und erniedrigenden Realität“.
- „Aller Augen sehen auf mich, hüllen mich ein in Glut und Licht. Und ein ander Leben erwacht in meinem Blut, mein Denken, mein Fühlen wird heißer unter der Feuersbrunst der roten Haare, meine Augen leuchteten anders, meine Blicke würden wärmer, meine Worte trunken von seltsamer Fremdheit.“.
- „Stolz wie eine Siegesfahne trüg ich die rote Perücke durch den Saal – durch das Leben dann, und es lacht und lockt, verspricht und schenkt, betört und beseligt…“.
- Die Protagonistin spürt eine innere Wandlung und das Erwachen tiefer Sehnsüchte: „Rote Sehnsucht rinnt in meinen Adern, Verlangen klopft in den Gliedern, und um mich her, eine mir fremde, kalte Grausamkeit lauert im Herzen, und die Seele horcht, die Seele wächst und wächst…“.
- Die Perücke wird als entscheidend für die Entfaltung des Selbst empfunden: „Ja, sie allein hat mir gefehlt zur Entfaltung meines Selbst, das fühl’ ich, das weiß ich. Meines Herzens Lachen, meiner Sinne Flamme, meines Geistes Feuer, sie alle warteten auf die rote Perücke, mit dem Haar aus Feuergold, auf die Vision der roten Perücke.“.
- Die Entschlossenheit der Frau zur Verwirklichung ihres Traums: Die Studentin ist bereit, für ihren Traum der Selbstverwirklichung Opfer zu bringen.
- „Für ihren siegesgewissen Traum opfert die junge Frau schließlich auch die Bekanntschaft mit einem Herrn, der ihr die rote Perücke nicht zu kaufen vermag; „sie sieht über ihn hinweg, bis er fortschleicht. Ihre Augen umwerben wieder die rote Perücke, und sie weiß, sie wird sie tragen.““.
Welche sprachlichen und rhetorischen Mittel sind von besonderer Bedeutung?
Die Kurzgeschichte ist ein Beispiel für expressionistische Prosa und zeichnet sich durch folgende Merkmale aus:
- Kürze und Prägnanz: Expressionistische Erzählungen sind oft kurz und prägnant. Die Forschung beschreibt die „kleine Prosa“ des Expressionismus als die „paradigmatische und adäquate Erzählform“ aufgrund der „Tendenz zur Reduktion, zur Ellipse, zur raschen, hastigen, sprach-intensivierten Diktion“.
- Reiche Metaphorik und Symbolik: Die „rote Perücke“ selbst ist die zentrale Metapher und ein Symbol für weibliches Aufbegehren, Ausbruch und Selbstfindung. Das Haar wird als „Feuer“ und „Feuergold“ beschrieben, was für Leidenschaft und Stärke steht.
- „Die rote Perücke mit den tiefen, breiten Wellen, den kleinen, schmiegsamen Ringelchen um die Schläfe und der großen duftigen Lokke, die sich wie nach einer zärtlichen Bewegung zufällig losgelöst und einem hinter dem Ohr in den Nacken fällt.“.
- „Was sind die blonden, schwarzen, braunen Haare nichtssagend im Gegensatz zu der roten Perücke, die wie Feuer glänzt.“.
- „Stolz wie eine Siegesfahne trüg ich die rote Perücke durch den Saal – durch das Leben dann“.
- Intensive, assoziative Sprache: Die Texte expressionistischer Dichterinnen sind geprägt von einer „gesteigerten Sensibilität, einer geschärften Wahrnehmung“, die sich in einer Sprache mit „reicher Metaphorik, wuchtiger Reduktion und Konzentration, mit oft assoziativer Technik, traditionelle Ausdrucksformen überschreiten“ äußert. Die Sprache ist oft emotional aufgeladen und verwendet starke Bilder:
- „heiß und sengend, wie ein Schmerz, wie ein heilig Gebot“.
- „Hell ringeln sich die Löckchen zu züngelnden Flammen, dunkel glüht der Scheitel, Sonnen sprühen, Leidenschaft glänzt im Flimmergold jeden Haares.“.
- „Glutvolle Leidenschaft. Die Sehnsucht, die Jahrtausende geklopft in Milliarden Frauenherzen, stünde auf. Lebendig. Riesengroß. Lachend. Märchenhaft tief.“.
- Personifikation und mythische Anspielungen: Die Protagonistin beseelt die Perücke und ihre Haare mit Leben und mächtigen Eigenschaften:
- „Die toten Haare hier auf der kalten Wachsbüste, die will ich zum Leben wecken, sie würden zu reden beginnen, wenn ich darunter lachte.“.
- „Rote Sehnsucht rinnt in meinen Adern, Verlangen klopft in den Gliedern“.
- Die Phantasien werden durch Anspielungen auf mythische Gestalten verstärkt: „Gedanken einer Mänade steigen empor aus dem roten Haar, Wünsche einer Circe, das Erinnern an tausend Erlebnisse, das Locken einer bleichen Nixe mit dem grünschimmernden Wunderleib. Sirenenlachen.“.
- Wiederholungen (Anaphern) und parataktischer Satzbau: Die Wiederholung von Formulierungen („ich will nicht mehr, ich will nicht mehr…“) unterstreicht die Entschlossenheit und emotionale Intensität. Der oft parataktische Satzbau, der aneinandergereihte Hauptsätze verwendet, trägt zur Dichte und Dynamik der Erzählung bei.
Anregung
Wir überlegen und, welche Frage Mia, unsere Beispiel-Schülerin stellen könnte.

Zum Beispiel:
- Kann man die Geschichte nicht auf heute übertragen?
- Und daraus entsteht die Idee, die gleiche Begeisterung, die die Figur in der Kurzgeschichte zeigt, auch auf eine heutige Situation zu übertragen. Das kann sich auch auf ganze andere Wünsche beziehen – und sollte natürlich in moderner Sprache sein – dann wird der Abstand zum Originaltext auch deutlicher. Das kann ja zum Verständnis der Epoche beitragen.
Hier ein paar Anfänge, um das Feuer der Kreativität zu entfachen:
- Shopping-Mall-Illusion
Du gehst mit Freund*innen durch ein Einkaufszentrum. Plötzlich bleibst du vor einem Schaufenster stehen: Schuhe, eine Jacke, vielleicht ein Accessoire – nicht notwendig, aber es scheint wie ein Versprechen. Ein anderes Leben, ein neues Selbst. Der Gedanke: „Wenn ich das hätte, wäre ich anders. Stärker. Schöner. Begehrter.“ Kennst du das Gefühl?
- Social-Media-Filter
Du öffnest TikTok oder Instagram und siehst, wie andere mit Filtern und Effekten glänzen. Ein Hauch von Perfektion – wie eine Maske, die man nur aufsetzen muss. Für einen Moment glaubst du: Mit dem richtigen Filter könnte auch ich ein anderes Ich sein. Und trotzdem fragst du dich: Bleibe ich dahinter nicht unsichtbar?
- Konzert oder Clubnacht
Du bist auf einer Party oder in einem Club. Alles glitzert, die Musik trägt dich – und du stellst dir vor: „Wenn ich heute anders aussehen könnte, nur für eine Nacht, wäre ich der Mittelpunkt.“ Eine Frisur, ein Outfit, ein Detail könnte alles ändern. Doch was bleibt, wenn das Licht wieder angeht?
- Bewerbungsgespräch
Du sitzt nervös vor einem Gespräch für ein Praktikum oder einen Job. Du überlegst: „Sehe ich überzeugend genug aus? Wirke ich stark genug?“ Ein Kleidungsstück, ein Style könnte entscheiden, ob man dich ernst nimmt. Aber wie viel davon bist wirklich du – und wie viel ist nur Maske?
- Blick in den Spiegel
Du stehst morgens im Bad. Deine Haare, dein Gesicht – nicht schlecht, aber auch nicht so, wie du es dir wünschst. Für einen Moment überlegst du: „Was wäre, wenn ich mich völlig verändern könnte – nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich?“ Der Spiegel zeigt dich, aber dein Kopf spielt mit einem fremden Bild von dir.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Kurzgeschichten interpretieren – Infos, Tipps und Materialien (Themenseite)
https://textaussage.de/kurzgeschichten-interpretieren-themenseite
- Die besten Kurzgeschichten kurz vorgestellt nach Autoren alphabetisch
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- Klasse 8 Autoren M-Z
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— - Kurzgeschichten, nach Themen geordnet
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- „Kreatives Schreiben“
https://textaussage.de/kreativ-im-deutschunterricht-themenseite - Infos, Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
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