Nietzsche und seine Moralbegriffe – Herrenmoral, Sklavenmoral – Auswertung des Originaltextes
Worum es hier geht:
Wer sich mit den moralischen Vorstellungen von Nietzsche beschäftigt, wird um diese Seite kaum herumkommen:
Die Textsammlung Zeno stellt sie hier bereit: http://www.zeno.org/nid/20009255966
Wir haben uns für unsere eigenen Untersuchungen von NotebookLM die folgende Übersicht erstellen lassen, die hoffentlich auch anderen hilft, sich schnell einen Überblick über den Text zu verschaffen.
Zunächst eine gliedernde Überschrift zu dem jeweiligen Abschnitt
Dann die ersten Wörter des Originaltextes, so dass man den Abschnitt auf zeno schnell findet.
Schließlich eine kurze Vorstellung und Erklärung des Abschnittes
• 1. Die paradoxe Aufgabe des Menschen: Versprechenkönnen und Vergesslichkeit
◦ Erste Wörter zum Finden: „Ein Tier heranzüchten, das versprechen darf – ist das nicht gerade jene paradoxe Aufgabe selbst…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Nietzsche beginnt mit der paradoxen Aufgabe, ein Tier heranzuzüchten, das versprechen kann, und betrachtet dies als das eigentliche Problem des Menschen. Er erläutert die aktive Natur der Vergesslichkeit als ein positives Hemmungsvermögen, das notwendig ist, um das Bewusstsein für Neues freizuhalten und seelische Ordnung zu bewahren. Ohne Vergesslichkeit gäbe es kein Glück, keine Hoffnung, keine Gegenwart. Im Gegensatz dazu hat der Mensch ein Gegenvermögen entwickelt: ein Gedächtnis des Willens, das es ihm ermöglicht, Versprechen zu halten und das einmal Gewollte fortzusetzen, selbst über lange Zeiträume und wechselnde Umstände hinweg.
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• 2. Voraussetzungen des Versprechens und der Berechenbarkeit
◦ Erste Wörter zum Finden: „Wie muß der Mensch, um dermaßen über die Zukunft voraus zu verfügen, erst gelernt haben…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Um über die Zukunft verfügen und Versprechen abgeben zu können, musste der Mensch lernen, das Notwendige vom Zufälligen zu scheiden, kausal zu denken und Zukünftiges vorauszusehen und zu berechnen. Dafür war es notwendig, dass der Mensch selbst berechenbar, regelmäßig und notwendig wurde, auch für seine eigene Vorstellung, um endlich als Versprechender für sich selbst als Zukunft bürgen zu können
• 3. Herkunft der Verantwortlichkeit und das souveräne Individuum
◦ Erste Wörter zum Finden: „Eben das ist die lange Geschichte von der Herkunft der Verantwortlichkeit.“
◦ Erklärung des Abschnittes: Dieser Abschnitt beschreibt die lange Geschichte der Verantwortlichkeit, die damit begann, den Menschen durch die „Sittlichkeit der Sitte“ bis zu einem gewissen Grad notwendig, einförmig, gleich unter Gleichen und folglich berechenbar zu machen. Diese ungeheure vorhistorische Arbeit des Menschen an sich selbst, trotz ihrer Härte und Tyrannei, hatte ihren Sinn und ihre Rechtfertigung darin. Am Ende dieses Prozesses steht als reifste Frucht das souveräne Individuum – der autonome Mensch, der von der Sittlichkeit der Sitte losgekommen ist und einen eigenen, unabhängigen, langen Willen besitzt, der versprechen darf. Dieses Individuum empfindet ein stolzes Macht- und Freiheitsbewusstsein. Es ehrt diejenigen, die wie ein Souverän versprechen – schwer, selten, langsam, mit Bedacht – und verachtet jene, die ihr Wort brechen oder versprechen, ohne es zu dürfen. Das stolze Wissen um das Privileg der Verantwortlichkeit und die Macht über sich und das Geschick sind zu seinem dominierenden Instinkt geworden, den er sein Gewissen nennt.
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• 4. Ursprung von Schuld und schlechtem Gewissen; Kritik an Moral-Genealogen
◦ Erste Wörter zum Finden: „Aber wie ist denn jene andre »düstre Sache«, das Bewußtsein der Schuld, das ganze »schlechte Gewissen« auf die Welt gekommen?“
◦ Erklärung des Abschnittes: Nietzsche fragt nach der Herkunft des Schuldgefühls und des „schlechten Gewissens“ und kritisiert die bisherigen Moral-Genealogen für ihre mangelnde historische Einsicht. Er enthüllt, dass der moralische Hauptbegriff „Schuld“ seinen Ursprung im sehr materiellen Begriff „Schulden“ hat. Die Strafe als Vergeltung entwickelte sich demnach abseits jeder Voraussetzung über freien oder unfreien Willen. Die Vorstellung, dass ein Verbrecher Strafe verdient, weil er anders handeln konnte, sei eine sehr spät erreichte und raffinierte Form menschlichen Urteilens. In der längsten Zeit der Menschheitsgeschichte wurde nicht gestraft, weil man den Übelanstifter verantwortlich machte, sondern aus Zorn über einen erlittenen Schaden, der sich am Schädiger auslässt. Die Idee einer Äquivalenz von Schaden und Schmerz hat ihre Macht aus dem Vertragsverhältnis zwischen Gläubiger und Schuldner bezogen, das so alt ist wie es „Rechtssubjekte“ gibt und auf Kauf, Verkauf, Tausch und Handel zurückweist.
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• 5. Das Vertragsverhältnis und die Grausamkeit der Strafe
◦ Erste Wörter zum Finden: „Die Vergegenwärtigung dieser Vertragsverhältnisse weckt allerdings, wie es nach dem Voraus-Bemerkten…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Die Betrachtung der Vertragsverhältnisse weckt den Verdacht, dass hier eine Fundstätte für Härte, Grausamkeit und Peinliches liegt. Um Vertrauen für ein Versprechen der Rückzahlung zu schaffen, verpfändete der Schuldner dem Gläubiger im Falle der Nichtzahlung etwas, das er besaß, zum Beispiel seinen Leib, seine Frau, seine Freiheit oder sein Leben. Der Gläubiger konnte dem Körper des Schuldners alle Arten von Schmach und Folter antun, wie zum Beispiel soviel davon herunterschneiden, wie der Größe der Schuld angemessen schien. Nietzsche sieht es als Fortschritt römischer Rechtsauffassung an, dass das Zwölftafelgesetz dekretierte, die genaue Menge sei unerheblich. Die Logik dieser Ausgleichsform besteht darin, dass dem Gläubiger als Rückzahlung und Ausgleich ein Wohlgefühl zugestanden wird – die Lust, seine Macht an einem Machtlosen unbedenklich auslassen zu dürfen, die Freude an der Vergewaltigung. Dieser Genuss wurde umso höher geschätzt, je tiefer der Gläubiger in der Gesellschaft stand. Durch die Strafe am Schuldner nimmt der Gläubiger an einem Herren-Recht teil, er erlebt das Gefühl, ein Wesen als „Unter-sich“ verachten und misshandeln zu dürfen. Der Ausgleich besteht also in einem Anweis und Anrecht auf Grausamkeit.
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• 6. Blutiger Ursprung moralischer Begriffe und die Lust an Grausamkeit
◦ Erste Wörter zum Finden: „In dieser Sphäre, im Obligationen-Rechte also, hat die moralische Begriffswelt »Schuld«, »Gewissen«, »Pflicht«…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Die moralische Begriffswelt von „Schuld“, „Gewissen“, „Pflicht“ und „Heiligkeit der Pflicht“ hat ihren Entstehungsherd im Obligationenrecht. Ihr Anfang ist, wie der Anfang alles Großen auf Erden, gründlich und lange mit Blut getränkt worden, und hat laut Nietzsche einen gewissen Geruch von Blut und Folter niemals ganz eingebüßt (selbst beim kategorischen Imperativ Kants nicht). Hier entstand auch die Verknüpfung von „Schuld und Leid“. Leiden konnte eine Ausgleichung von „Schulden“ sein, weil das Zufügen von Leiden ein außerordentliches Gegen-Genuss bot, ein Fest. Nietzsche spekuliert, dass die Grausamkeit die große Festfreude der älteren Menschheit ausmachte und als Ingredienz fast jeder ihrer Freuden beigemischt war. Ihr Bedürfnis nach Grausamkeit trat naiv und unschuldig auf, und die „uninteressierte Bosheit“ wurde als normale Eigenschaft des Menschen angesehen, zu der das Gewissen herzhaft Ja sagte. Der harte Satz „Leiden-sehn tut wohl, Leiden-machen noch wohler“ ist ein alter und mächtiger menschlich-allzumenschlicher Hauptsatz, den vielleicht auch schon Affen unterschreiben würden. Ohne Grausamkeit gab es kein Fest.
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• 7. Grausamkeit, Pessimismus und die Sublimierung des Leidens
◦ Erste Wörter zum Finden: „Mit diesen Gedanken, nebenbei gesagt, bin ich durchaus nicht willens, unsren Pessimisten…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Nietzsche stellt klar, dass er mit seinen Gedanken nicht den Pessimisten helfen will; im Gegenteil, er bezeugt, dass das Leben heiterer war, als die Menschheit sich ihrer Grausamkeit noch nicht schämte. Die Verdüsterung des menschlichen Himmels und der müde, pessimistische Blick sind Anzeichen einer krankhaften „Verzärtlichung und Vermoralisierung“, durch die der Mensch sich seiner Instinkte schämen lernt. Er vergleicht die Schmerzempfindlichkeit früherer Zeiten mit der heutigen und spekuliert, dass Schmerz damals nicht so weh tat wie heute. Die Lust an der Grausamkeit ist möglicherweise nicht ausgestorben, sondern hat sich in der modernen Kultur sublimiert und vergeistigt, etwa im „tragischen Mitleiden“. Was heute am Leiden empört, ist dessen Sinnlosigkeit; für frühere Menschen und Christen gab es jedoch kein sinnloses Leiden, da es in einen größeren Kontext (z.B. als Heils-Maschinerie oder Schauspiel für Götter) interpretiert wurde. Die Götter wurden als Freunde grausamer Schauspiele gedacht; die trojanischen Kriege und ähnliche Schrecken waren für die Griechen Festspiele für die Götter. Die Erfindung des „freien Willens“ durch Philosophen könnte dazu gedient haben, das Interesse der Götter am menschlichen moralischen Ringen zu sichern, da eine deterministische Welt für Götter ermüdend gewesen wäre.
• 8. Schuldgefühl im Käufer-Verkäufer-Verhältnis und der früheste Gerechtigkeits-Kanon
◦ Erste Wörter zum Finden: „Das Gefühl der Schuld, der persönlichen Verpflichtung, um den Gang unsrer Untersuchung…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Das Gefühl der Schuld und der persönlichen Verpflichtung hat seinen Ursprung im ältesten und ursprünglichsten Personen-Verhältnis: dem zwischen Käufer und Verkäufer, Gläubiger und Schuldner. Das Denken des Menschen war maßgeblich durch das Preismachen, Werteabmessen, Äquivalenteausdenken und Tauschen geprägt, was in gewisser Weise das Denken selbst darstellt. Hier wurde die älteste Art von Scharfsinn und wohl auch der erste Ansatz menschlichen Stolzes herangezüchtet. Nietzsche vermutet, dass das Wort „Mensch“ (manas) dieses Selbstgefühl ausdrückt, da der Mensch sich als das „abschätzende Tier an sich“ bezeichnete. Kauf und Verkauf sind älter als gesellschaftliche Organisationsformen. Aus den rudimentärsten Formen des Personen-Rechts übertrug sich das keimende Gefühl von Tausch, Vertrag, Schuld, Recht, Verpflichtung und Ausgleich auf die anfänglichsten Gemeinschafts-Komplexe. Dies führte zur Verallgemeinerung: „jedes Ding hat seinen Preis; alles kann abgezahlt werden“ – dem ältesten und naivsten Moral-Kanon der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit auf dieser Stufe ist der gute Wille unter ungefähr Gleichmächtigen, sich miteinander abzufinden und durch Ausgleich zu verständigen, und gegenüber weniger Mächtigen, diese zum Ausgleich zu zwingen.
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• 9. Das Gemeinwesen als Gläubiger und die Bestrafung des Vertragsbrüchigen
◦ Erste Wörter zum Finden: „Immer mit dem Maße der Vorzeit gemessen (welche Vorzeit übrigens zu allen Zeiten da ist…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Das Gemeinwesen steht zu seinen Mitgliedern in dem grundlegenden Verhältnis des Gläubigers zu seinen Schuldnern. Wer die Vorteile des Gemeinwesens genießt (Schutz, Frieden, Vertrauen), hat sich im Gegenzug der Gemeinde verpfändet und verpflichtet. Ein Verbrecher wird nicht primär wegen des direkten Schadens bestraft, sondern weil er ein „Brecher“, ein Vertrags- und Wortbrüchiger gegen das Ganze ist. Er ist ein Schuldner, der die ihm erwiesenen Vorteile nicht nur nicht zurückzahlt, sondern sich sogar an seinem Gläubiger vergreift. Die Gemeinschaft stößt ihn daher aus und liefert ihn dem wilden und vogelfreien Zustand aus, vor dem er zuvor geschützt war. Die „Strafe“ auf dieser Stufe der Gesittung ist ein Abbild des normalen Verhaltens gegenüber einem gehassten, wehrlosen und niedergeworfenen Feind – ein Kriegsrecht und Siegesfest des „Vae victis!“ in aller Schonungslosigkeit und Grausamkeit. Daher haben Kriege und kriegerische Opferkulte die Formen der Strafe in der Geschichte geprägt.
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• 10. Milderung des Strafrechts und die Idee der Gnade
◦ Erste Wörter zum Finden: „Mit erstarkender Macht nimmt ein Gemeinwesen die Vergehungen des einzelnen nicht mehr so wichtig…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Mit zunehmender Macht und Selbstbewusstsein eines Gemeinwesens nehmen die Vergehen des Einzelnen an Bedeutung ab, da sie die Existenz des Ganzen weniger gefährden. Der Übeltäter wird nicht mehr vogelfrei erklärt oder ausgestoßen; vielmehr wird er vom Gemeinwesen vorsichtig gegen den Zorn der unmittelbar Geschädigten verteidigt und in Schutz genommen. Es kommt zu Kompromissen, dem Bemühen, Fälle zu lokalisieren und eine Ausweitung der Störung zu verhindern, sowie zu Versuchen, Äquivalente zu finden und Geschäfte beizulegen (compositio). Vor allem entwickelt sich der Wille, jedes Vergehen als abzahlbar zu betrachten und Täter sowie Tat voneinander zu isolieren. Je stärker und reicher ein Gemeinwesen wird, desto milder wird das Strafrecht; jede Schwächung hingegen bringt härtere Formen hervor. Der „Gläubiger“ wird menschlicher, je reicher er wird. Nietzsche spekuliert, dass ein so machtvolles Gemeinwesen sich den vornehmsten Luxus gönnen könnte, seinen Schädiger straflos zu lassen, indem es sagt: „Was gehen mich eigentlich meine Schmarotzer an? Mögen sie leben und gedeihen: dazu bin ich noch stark genug!“. Die Gerechtigkeit, die mit „alles ist abzahlbar“ begann, endet damit, „durch die Finger zu sehn und den Zahlungsunfähigen laufen zu lassen“ und hebt sich schließlich selbst auf in der Gnade, die das Vorrecht des Mächtigsten ist und jenseits des Rechts steht.
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• 11. Kritik an der Ursprungstheorie der Gerechtigkeit aus dem Ressentiment
◦ Erste Wörter zum Finden: „Hier ein ablehnendes Wort gegen neuerdings hervorgetretene Versuche, den Ursprung der Gerechtigkeit…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Nietzsche lehnt Versuche ab, den Ursprung der Gerechtigkeit im Ressentiment zu suchen, wie sie von Anarchisten und Antisemiten oder von Denkern wie E. Dühring vertreten werden. Er argumentiert, dass diese „wissenschaftliche Billigkeit“ dazu neigt, reaktive Affekte wie Hass, Neid und Rache zu verherrlichen, während biologisch wertvollere, aktive Affekte wie Herrschsucht unterschätzt werden. Stattdessen behauptet er, dass der letzte Boden, den der Geist der Gerechtigkeit erobert, der Boden des reaktiven Gefühls ist. Der aktive, angreifende Mensch ist der Gerechtigkeit hundert Schritte näher als der reaktive, da er ein freieres Auge und ein besseres Gewissen hat. Die Erfindung des „schlechten Gewissens“ schreibt Nietzsche dem Menschen des Ressentiments zu. Historisch betrachtet entstand das Recht im Bereich der aktiven, starken und aggressiven Mächte, die den reaktiven Gefühlen Einhalt gebieten und Ausgleiche erzwingen wollten. Die oberste Gewalt errichtet Gesetze, die „Recht“ und „Unrecht“ definieren, und lenkt das Gefühl von Rache ab. Nietzsche meint, dass „Recht“ und „Unrecht“ an sich keinen Sinn haben, da das Leben essentiell ausbeutend und zerstörerisch funktioniert. Rechtszustände sind vom höchsten biologischen Standpunkt aus Ausnahme-Zustände, die der Schaffung größerer Macht-Einheiten dienen. Eine Rechtsordnung, die allen Kampf beseitigen will, wäre lebensfeindlich und ein Attentat auf die Zukunft des Menschen.
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• 12. Ursprung und Zweck der Strafe: Trennung der Konzepte
◦ Erste Wörter zum Finden: „Hier noch ein Wort über Ursprung und Zweck der Strafe – zwei Probleme, die auseinanderfallen…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Nietzsche kritisiert die Vermischung von Ursprung und Zweck der Strafe und betont, dass die Ursache der Entstehung eines Dings und dessen spätere Nützlichkeit „toto coelo auseinander liegen“. Er argumentiert, dass etwas Vorhandenes immer wieder von einer überlegenen Macht auf neue Absichten ausgelegt, neu in Beschlag genommen und zu einem neuen Nutzen umgebildet wird. Diese Interpretation gilt für physiologische Organe ebenso wie für Rechtsinstitutionen. Der frühere „Sinn“ und „Zweck“ werden dabei notwendigerweise verdunkelt oder ausgelöscht. Die Geschichte eines „Dings“ ist eine fortgesetzte Kette von immer neuen Interpretationen und Umdeutungen, deren Ursachen nicht zusammenhängen müssen. „Entwicklung“ ist kein Fortschritt auf ein Ziel hin, sondern eine Abfolge von Überwältigungsprozessen und Widerständen. Auch das teilweise Unnützlichwerden, Verkümmern und der Verlust von Sinn und Zweckmäßigkeit gehören zu den Bedingungen des wahren Fortschritts, der immer als Wille zur größerer Macht erscheint und auf Kosten zahlreicher kleinerer Mächte durchgesetzt wird. Nietzsche hebt diesen historischen Standpunkt hervor, der dem modernen Zeitgeschmack widerspricht, der den Macht-Willen leugnet und stattdessen „Anpassung“ als primäre Lebensfunktion hervorhebt. Dies verkennt das Wesen des Lebens und die überragende Rolle spontaner, angreifender Kräfte.
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• 13. Die vielschichtigen „Sinne“ der Strafe
◦ Erste Wörter zum Finden: „Man hat also, um zur Sache, nämlich zur Strafe zurückzukehren, zweierlei an ihr zu unterscheiden…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Bei der Strafe muss man zweierlei unterscheiden: das relativ Dauerhafte (Brauch, Akt, Prozeduren) und das Flüssige (Sinn, Zweck, Erwartung). Die Prozedur selbst ist älter als ihre Nutzung zur Strafe; der Sinn wurde nachträglich in sie hineingedeutet. Im heutigen Europa stellt der Begriff „Strafe“ keine Einheit mehr dar, sondern eine ganze Synthesis von „Sinnen“, die schwer zu analysieren und undefinierbar ist, da sie die Geschichte ihrer vielseitigen Ausnutzung widerspiegelt. In früheren Stadien war diese Synthese noch auflösbarer und die Elemente konnten ihre Wertigkeit verändern. Nietzsche listet ein Schema möglicher „Sinne“ der Strafe auf: als Unschädlichmachen, Abzahlung des Schadens, Isolierung einer Störung, Furchteinflößen, Ausgleich für Vorteile des Verbrechers (z.B. als Sklave), Ausscheidung eines entartenden Elements, als Fest (Vergewaltigung und Verhöhnung eines Feindes), als Gedächtnis-machen (Besserung oder Abschreckung), als Honorar für Schutz vor Rache, als Kompromiss mit dem Naturzustand der Rache oder als Kriegserklärung gegen einen Feind des Friedens und der Ordnung.
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• 14. Strafe weckt kein schlechtes Gewissen; Verhärtung statt Besserung
◦ Erste Wörter zum Finden: „Diese Liste ist gewiß nicht vollständig; ersichtlich ist die Strafe mit Nützlichkeiten aller Art überladen.“
◦ Erklärung des Abschnittes: Nietzsche stellt fest, dass die Strafe mit vielen Nützlichkeiten überladen ist. Er widerspricht jedoch der populären Annahme, dass die Strafe das Gefühl der Schuld im Schuldigen wecken und somit das „schlechte Gewissen“ hervorrufen soll. Er argumentiert, dass ein echter Gewissensbiss unter Verbrechern und Sträflingen äußerst selten ist. Stattdessen „härtet und kältet die Strafe ab; sie konzentriert; sie verschärft das Gefühl der Entfremdung; sie stärkt die Widerstandskraft“. Für die längste Zeit der Menschheitsgeschichte hat die Strafe die Entwicklung des Schuldgefühls sogar aufgehalten. Der Verbrecher wird durch den Anblick der gerichtlichen und vollziehenden Prozeduren daran gehindert, seine Tat als verwerflich zu empfinden, da er dieselben Handlungen (Spionage, Überlistung, Berauben, Foltern, Morden) im Dienst der Gerechtigkeit als gutgeheißen sieht. Das „schlechte Gewissen“ ist nicht auf diesem Boden gewachsen. Richter hatten es nicht mit einem „Schuldigen“ zu tun, sondern mit einem „Schaden-Anstifter“, und der Bestrafte empfand keine innere Pein, sondern sah die Strafe als unvermeidliches, schreckliches Naturereignis an.
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• 15. Spinozas Sicht des Gewissensbisses und die Wirkung der Strafe
◦ Erste Wörter zum Finden: „Dies kam einmal auf eine verfängliche Weise Spinoza zum Bewußtsein…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Nietzsche verweist auf Spinozas Erkenntnis bezüglich des „morsus conscientiae“ (Gewissensbiss), den dieser als „Gegensatz des gaudium“ (Freude) definierte – eine Traurigkeit, die von der Vorstellung einer vergangenen, unerwartet schlecht ausgefallenen Sache begleitet ist. Er argumentiert, dass Übel-Anstifter Jahrtausende lang ähnlich empfanden: „hier ist etwas unvermutet schiefgegangen“, nicht „das hätte ich nicht tun sollen“. Sie unterwarfen sich der Strafe mit einem beherzten Fatalismus, wie man sich einer Krankheit oder dem Tod unterwirft. Die eigentliche Wirkung der Strafe, sowohl bei Mensch als auch Tier, ist laut Nietzsche die Vermehrung der Furcht, die Verschärfung der Klugheit, eine Verlängerung des Gedächtnisses und die Bemeisterung der Begierden. Die Strafe zähmt den Menschen, aber sie macht ihn nicht „besser“; eher noch das Gegenteil, denn „Schaden macht klug“ kann auch bedeuten, dass er „schlecht macht“.
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• 16. Die Ursprungshypothese des schlechten Gewissens: Verinnerlichung der Instinkte
◦ Erste Wörter zum Finden: „An dieser Stelle ist es nun nicht mehr zu umgehn, meiner eignen Hypothese über den Ursprung…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Nietzsche präsentiert seine Hypothese zum Ursprung des „schlechten Gewissens“ als eine tiefe Erkrankung des Menschen. Diese entstand, als der Mensch sich endgültig in den Bann der Gesellschaft und des Friedens eingeschlossen fand. Seine ursprünglichen Instinkte des Krieges, der Wildnis und des Abenteuers wurden entwertet. Die fehlende äußere Entladung führte zur Verinnerlichung des Menschen: Alle Instinkte, die sich nicht nach außen entladen konnten, wandten sich nach innen, wodurch die „Seele“ entstand. Die staatliche Organisation und ihre Strafen zwangen die wilden Instinkte des Menschen, sich gegen ihn selbst zu richten. Feindschaft, Grausamkeit, die Lust an Verfolgung und Zerstörung – alles wandte sich gegen den Menschen selbst. Der Mensch, der sich in der Enge der Sitte selbst zerfleischte, verfolgte und quälte, wurde der Erfinder des „schlechten Gewissens“. Dies markiert den Beginn der größten und unheimlichsten Krankheit der Menschheit: des Leidens des Menschen am Menschen, an sich selbst, als Folge einer gewaltsamen Abtrennung von der tierischen Vergangenheit. Trotzdem war dies auch der Beginn von etwas Neuem, Tiefem und Zukunftsreichem, das den Menschen als einen „Weg, eine Brücke, ein großes Versprechen“ erscheinen lässt.
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• 17. Entstehung des Staates durch blonde Raubtiere und der latent gemachte Freiheitsinstinkt
◦ Erste Wörter zum Finden: „Zur Voraussetzung dieser Hypothese über den Ursprung des schlechten Gewissens gehört erstens…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Als Voraussetzung für die Hypothese des schlechten Gewissens nennt Nietzsche, dass die grundlegende Veränderung des Menschen keine allmähliche, sondern ein gewaltsamer Bruch, Zwang und ein unabweisbares Verhängnis war. Der älteste „Staat“ entstand demnach als eine furchtbare Tyrannei, eine „zerdrückende und rücksichtslose Maschinerie“, die eine noch ungestaltete Bevölkerung formte. Nietzsche lehnt die Vorstellung ab, dass der Staat mit einem „Vertrag“ begann. Stattdessen sieht er den Staat als das Werk eines „Rudels blonder Raubtiere“, einer Eroberer- und Herren-Rasse, die kriegerisch organisiert ist und instinktiv ihre furchtbaren Tatzen auf eine zahlenmäßig überlegene, aber formlose Bevölkerung legt. Diese „geborenen Organisatoren“ kennen weder Schuld noch Verantwortlichkeit; in ihnen waltet ein „furchtbarer Künstler-Egoismus“. Das „schlechte Gewissen“ ist nicht bei ihnen gewachsen, sondern entstand unter dem Druck ihrer „Hammerschläge“ und „Künstler-Gewaltsamkeit“, durch die ein enormes Quantum Freiheit aus der Welt geschafft und latent gemacht wurde. Dieser gewaltsam latent gemachte, zurückgedrängte Freiheitsinstinkt, der sich ins Innere einkerkerte und nur noch an sich selbst entlud, ist der Ursprung des schlechten Gewissens.
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• 18. Die Schönheit aus der Grausamkeit des schlechten Gewissens
◦ Erste Wörter zum Finden: „Man hüte sich, von diesem ganzen Phänomen deshalb schon gering zu denken, weil es von vornherein…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Nietzsche warnt davor, das Phänomen des schlechten Gewissens wegen seines hässlichen und schmerzhaften Ursprungs geringzuschätzen. Er sieht darin dieselbe aktive Kraft am Werke, die in den großen Staatsgründern großartiger zum Ausdruck kommt, hier jedoch nach innen gerichtet. Diese heimliche „Selbst-Vergewaltigung“, diese „Künstler-Grausamkeit“, diese Lust, sich selbst als einem schweren, widerstrebenden, leidenden Stoffe eine Form zu geben, einen Willen, eine Kritik, einen Widerspruch, eine Verachtung, ein „Nein“ einzubrennen, hat letztlich auch eine Fülle von neuer, befremdlicher Schönheit und Bejahung ans Licht gebracht – vielleicht überhaupt erst die Schönheit. Nietzsche fragt rhetorisch, was „schön“ wäre, wenn nicht erst der Widerspruch sich selbst zum Bewusstsein gekommen wäre und das Hässliche zu sich selbst gesagt hätte: „ich bin hässlich“. Diese Perspektive macht das Rätsel verständlicher, inwiefern in Begriffen wie Selbstlosigkeit, Selbstverleugnung und Selbstopferung ein Ideal, eine Schönheit angedeutet sein kann. Die Lust, die der Selbstlose empfindet, gehört zur Grausamkeit. Das schlechte Gewissen und der Wille zur Selbstmisshandlung sind die Voraussetzung für den Wert des Uneigennützigen.
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• 19. Das schlechte Gewissen als Krankheit der Schwangerschaft; Ursprung der Götter
◦ Erste Wörter zum Finden: „Es ist eine Krankheit, das schlechte Gewissen, das unterliegt keinem Zweifel, aber eine Krankheit, wie die Schwangerschaft eine Krankheit ist.“
◦ Erklärung des Abschnittes: Das schlechte Gewissen ist eine Krankheit, aber eine, die wie eine Schwangerschaft eine neue Entwicklung einleitet. Nietzsche kehrt zum privatrechtlichen Verhältnis des Schuldners zum Gläubiger zurück und interpretiert es in einer historisch merkwürdigen Weise in das Verhältnis der Gegenwärtigen zu ihren Vorfahren. Innerhalb ursprünglicher Geschlechtsgenossenschaften erkennt jede lebende Generation eine juristische Verpflichtung gegenüber den früheren und insbesondere den geschlechtsbegründenden Vorfahren an. Es herrscht die Überzeugung, dass das Geschlecht nur durch die Opfer und Leistungen der Vorfahren besteht und man ihnen dies durch Opfer und Leistungen zurückzuzahlen hat. Diese Schuld wächst beständig an, da die Ahnen als mächtige Geister weiterhin Vorteile gewähren. Man muss ihnen opfern (anfänglich Nahrung, Feste, Kapellen, Gehorsam). Die Furcht vor dem Ahnherrn und das Bewusstsein der Schuld gegen ihn nehmen proportional zur Macht des Geschlechts zu. Denkt man sich diese Logik bis an ihr Ende, so müssen die Ahnherren der mächtigsten Geschlechter durch die Phantasie der wachsenden Furcht selbst ins Ungeheure gewachsen und in das Dunkel einer göttlichen Unheimlichkeit zurückgeschoben worden sein – der Ahnherr wird zuletzt notwendig in einen Gott transfiguriert. Hier vermutet Nietzsche den Ursprung der Götter, einen Ursprung aus der Furcht. Erst in späteren, mittleren Zeiten, gaben die vornehmen Geschlechter ihren Ahnen die edlen Eigenschaften zurück, die inzwischen in ihnen selbst offenbart wurden.
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• 20. Das wachsende Schuldgefühl gegenüber der Gottheit und der Atheismus
◦ Erste Wörter zum Finden: „Das Bewußtsein, Schulden gegen die Gottheit zu haben, ist, wie die Geschichte lehrt…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Das Bewusstsein, Schulden gegenüber der Gottheit zu haben, endete nicht mit dem Niedergang der blutverwandtschaftlichen Gemeinschaftsformen. Die Menschheit erbte mit den Geschlechts- und Stammgottheiten auch den Druck unbezahlter Schulden. Dieses Schuldgefühl gegenüber der Gottheit hat über Jahrtausende hinweg immerfort im gleichen Verhältnis zugenommen, wie der Gottesbegriff und das Gottesgefühl auf Erden gewachsen und in die Höhe getragen wurden. Die Entwicklung zu Universalreichen führte auch zu Universalgottheiten, und der Despotismus ebnete dem Monotheismus den Weg. Die Heraufkunft des christlichen Gottes als des Maximal-Gottes hat deshalb auch das Maximum des Schuldgefühls auf Erden hervorgebracht. Nietzsche spekuliert, dass der unaufhaltsame Niedergang des Glaubens an den christlichen Gott zu einem erheblichen Niedergang des menschlichen Schuldbewusstseins führt. Er hält die Aussicht nicht für abwegig, dass der vollkommene und endgültige Sieg des Atheismus die Menschheit von diesem Gefühl der Schuld gegenüber ihrer causa prima befreien dürfte. Atheismus und eine Art zweiter Unschuld gehören demnach zusammen.
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• 21. Moralisierung von Schuld und Pflicht; die christliche Lösung
◦ Erste Wörter zum Finden: „Dies vorläufig im kurzen und groben über den Zusammenhang der Begriffe »Schuld«, »Pflicht«…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Nietzsche erklärt, wie die Begriffe „Schuld“ und „Pflicht“ moralisiert und ins „schlechte Gewissen“ zurückgeschoben wurden, entgegen der Annahme, dass sie mit dem Fall des Gottesglaubens enden würden. Diese Moralisierung ist ein Versuch, die Richtung der Entwicklung umzukehren: die Aussicht auf eine endgültige Ablösung der Schuld wird pessimistisch verschlossen, und die Schuld wird als unlösbar, die Buße als unabzahlbar (ewige Strafe) konzipiert. Dies richtet sich zunächst gegen den Schuldner, in dem sich das schlechte Gewissen festsetzt. Aber es richtet sich auch gegen den „Gläubiger“ – sei es die causa prima des Menschen, der Ahnherr (mit dem Fluch der „Erbsünde“ und „Unfreiheit des Willens“), die Natur (in die das böse Prinzip gelegt wird) oder das Dasein selbst (das als unwert gilt). Dies führt zu dem paradoxen und entsetzlichen Ausweg, den das Christentum fand: Gott selbst opfert sich für die Schuld des Menschen, bezahlt sich selbst an sich selbst und wird zum einzigen, der ablösen kann, was für den Menschen unablösbar geworden ist – der Gläubiger opfert sich aus Liebe für seinen Schuldner.
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• 22. Die Selbstmarterung des Menschen durch Gott als Folterwerkzeug
◦ Erste Wörter zum Finden: „Man wird bereits erraten haben, was eigentlich mit dem allen und unter dem allen geschehen ist…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Der im „Staat“ eingesperrte Mensch des schlechten Gewissens, dessen Grausamkeit nach innen gekehrt wurde, bemächtigt sich der religiösen Voraussetzung, um seine Selbstmarterung bis zu ihrer schauerlichsten Härte und Schärfe zu treiben. Der Gedanke einer „Schuld gegen Gott“ wird ihm zum Folterwerkzeug. Er ergreift in „Gott“ die letzten Gegensätze zu seinen tierischen Instinkten und deutet diese als Schuld gegen Gott um (Feindschaft, Auflehnung gegen den „Herrn“). Er spannt sich in den Widerspruch von „Gott“ und „Teufel“ und projiziert alles Negative, das er zu sich selbst und zur Natur sagt, nach außen als ein Positives: als Gott, seine Heiligkeit, Richtertum, Henkertum, als Jenseits, Ewigkeit, Marter ohne Ende und Hölle. Dies ist ein Willens-Wahnsinn seelischer Grausamkeit, ein Wille des Menschen, sich bis zur Unsühnbarkeit schuldig und verwerflich zu finden und sich unaufhörlich bestraft zu fühlen. Es ist ein Wille, den Grund der Dinge mit dem Problem von Strafe und Schuld zu infizieren, um sich den Ausweg abzuschneiden, und ein Ideal des „heiligen Gottes“ aufzurichten, um angesichts dessen seiner absoluten Unwürdigkeit gewiss zu sein. Nietzsche bezeichnet dies als die „furchtbarste Krankheit“, die bis jetzt im Menschen gewütet hat.
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• 23. Griechische Götter als Gegenteil des christlichen Gottes
◦ Erste Wörter zum Finden: „Dies genüge ein für allemal über die Herkunft des »heiligen Gottes«.“
◦ Erklärung des Abschnittes: Nietzsche stellt klar, dass die Konzeption von Göttern nicht zwangsläufig zu der beschriebenen moralischen Verschlechterung der menschlichen Fantasie führen muss. Er verweist auf die griechischen Götter als Beispiel für eine vornehmere Art, sich der Erdichtung von Göttern zu bedienen. In diesen Göttern spiegelten sich vornehme und selbstherrliche Menschen wider, in denen das Tier im Menschen sich vergöttlicht fühlte und nicht sich selbst zerfleischte oder gegen sich selbst wütete. Die Griechen nutzten ihre Götter, um sich das „schlechte Gewissen“ vom Leibe zu halten und ihre Seelenfreiheit zu bewahren, also in einem umgekehrten Sinne als das Christentum. Selbst als Homerische Götter, wie Zeus, die Sterblichen wegen ihres Unverstands beklagten, war dies als „Torheit“, nicht als „Sünde“, gemeint. Die Griechen erklärten menschliche Gräueltaten oft mit göttlicher Betörung („Es muß ihn wohl ein Gott betört haben“), wodurch die Götter dazu dienten, den Menschen bis zu einem gewissen Grad auch im Schlimmen zu rechtfertigen, indem sie die Schuld auf sich nahmen, anstatt die Strafe zu tragen.
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• 24. Die Last der Ideale und die Sehnsucht nach dem erlösenden Menschen
◦ Erste Wörter zum Finden: „Ich schließe mit drei Fragezeichen, man sieht es wohl. »Wird hier eigentlich ein Ideal aufgerichtet oder eins abgebrochen?«“
◦ Erklärung des Abschnittes: Nietzsche wirft die Frage auf, ob er Ideale aufrichtet oder abbricht, und hinterfragt den Preis der Aufrichtung jedes Ideals auf Erden: „Wieviel Wirklichkeit immer dazu verleumdet und verkannt, wieviel Lüge geheiligt, wieviel Gewissen verstört, wieviel »Gott« jedesmal geopfert werden mußte?“. Er postuliert das Gesetz: „Damit ein Heiligtum aufgerichtet werden kann, muß ein Heiligtum zerbrochen werden“. Moderne Menschen sind Erben der „Gewissens-Vivisektion und Selbst-Tierquälerei“ von Jahrtausenden, wodurch ihre natürlichen Neigungen mit dem „schlechten Gewissen“ verschwistert sind. Ein umgekehrter Versuch, die „unnatürlichen Hänge“ (die lebensfeindlichen, weltverleumderischen Ideale) mit dem schlechten Gewissen zu verschwistern, wäre möglich, erfordert aber eine andere Art von Geistern: solche, die durch Kriege und Siege gekräftigt sind, denen Eroberung, Abenteuer, Gefahr und Schmerz zum Bedürfnis geworden ist, und die die „große Gesundheit“ besitzen. Nietzsche sehnt sich nach dem „erlösenden Menschen der großen Liebe und Verachtung“, dem schöpferischen Geist der Zukunft, der die Menschheit von den bisherigen Idealen, vom großen Ekel, vom Willen zum Nichts und vom Nihilismus erlösen wird. Dieser „Antichrist und Antinihilist, dieser Besieger Gottes und des Nichts“ muss einst kommen, um der Erde ihr Ziel und dem Menschen seine Hoffnung zurückzugeben.
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• 25. Schweigen und die Ankunft des Zarathustra
◦ Erste Wörter zum Finden: „Aber was rede ich da? Genug! Genug! An dieser Stelle geziemt mir nur eins, zu schweigen…“
◦ Erklärung des Abschnittes: Nietzsche beendet seinen Diskurs abrupt und erklärt, dass er an dieser Stelle schweigen muss. Die weiteren Ausführungen und Hoffnungen auf den erlösenden Menschen der Zukunft stehen nur einem Jüngeren, einem Stärkeren, einem „Zukünftigeren“ zu – „was allein Zarathustra freisteht, Zarathustra dem Gottlosen“.