Was macht das Lyrische Ich? – Wie erläutert man die Verszeilen eines Gedichtes ?
- Grundsätzlich ist es wichtig, von dem auszugehen, was das Lyrische Ich in einem Gedicht präsentiert. Ein Gedicht besteht ja aus nichts anderem.
- Es reicht natürlich nicht zu schreiben: „In der ersten Verszeile sagt das Lyrische Ich, dass …“ „Sagen“ ist zwar eine Sprecheraktivität, aber die ist immer gegeben. Hier sollte man also zumindest Wörter verwenden wie „behauptet“ oder „wendet sich gegen die Vorstellung, dass …“
- Ansonsten kann man zum Beispiel über die künstlerischen Mittel eine Verszeile erklären: „Wenn in der letzten Zeile vom Wind die Rede ist, so ist mit diesem Bild gemeint, …“ Hier merkt man deutlich, dass eine Erklärung vorliegt.
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Gedicht Nr. 1: Lotz, Hart stoßen sich …
01 Hart stoßen sich die Wände in den Straßen,
02 Vom Licht gezerrt, das auf das Pflaster keucht,
03 Und Kaffeehäuser schweben im Geleucht
04 Der Scheiben, hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen.
05 Wir sind nach Süden krank, nach Fernen, Wind,
06 Nach Wäldern, fremd von ungekühlten Lüsten,
07 Und Wüstengürteln , die voll Sommer sind,
08 Nach weißen Meeren, brodelnd an besonnte Küsten.
09 Wir sind nach Frauen krank, nach Fleisch und Poren,
10 Es müßten Pantherinnen sein, gefährlich zart,
11 In einem wild gekochten Fieberland geboren.
12 Wir sind versehnt nach Reizen unbekannter Art.
13 Wir sind nach Dingen krank, die wir nicht kennen.
14 Wir sind sehr jung. Und fiebern noch nach Welt.
15 Wir leuchten leise. – Doch wir könnten brennen.
16 Wir suchen immer Wind, der uns zu Flammen schwellt .
- In der ersten Strophe beschreibt das Lyrische Ich eine Umgebung, die offensichtlich städtisch geprägt ist.
- Hervorgehoben wird das enge Nebeneinander („Hart stoßen sich die Wände“ (01).
- Nicht ganz so klar ist, was das Lyrische Ich damit meint, wenn es die „Wände“ als „Vom Licht gezerrt“ vorstellt. Auf jeden Fall passt das „Zerren“ zum „Sich-hart-Stoßen“ und drückt eine unangenehme Atmosphäre der Gewalt aus.
- Interessant ist, dass das Licht dabei „auf das Pflaster keucht“ (02), was wohl deutlich machen soll, dass es hier um eine Art Kampf geht, bei dem es keine Seite leicht hat.
- In den Zeilen 3 und 4 geht der Blick des Lyrischen Ichs nach oben in Richtung Kaffeehäuser, die ihm wahrscheinlich – in der ersten Etage liegend – im „Geleucht / Der Scheiben“ (03/4) und im Kontrast zum dunklen Erdgeschoss – wie schwebend vorkommen.
- Wenn diese Gaststätten als „hoch gefüllt mit wiehernden Grimassen“ (04) bezeichnet werden, dann geht es zum einen um die große Zahl der Gäste, zum anderen um die Stimmung, die dort herrscht und die das Lyrische Ich ganz offensichtlich nicht mehr als menschlich empfindet. Wenn auch noch der Lärm nach außen dringen würde, hätte es wahrscheinlich noch von „Grölen“ gesprochen. [Dies ist eine sehr extreme Interpretationsvariante, aber sie macht deutlich, welche Linie der Darstellung man sieht, die man nur noch ein bisschen weiter auszieht bzw. verlängert.]
Gedicht Nr. 2: Eichendorff, „Sehnsucht“
Joseph von Eichendorff
01 Es schienen so golden die Sterne,
02 Am Fenster ich einsam stand
03 Und hörte aus weiter Ferne
04 Ein Posthorn im stillen Land.
05 Das Herz mir im Leib entbrennte,
06 Da hab ich mir heimlich gedacht:
07 Ach, wer da mitreisen könnte
08 In der prächtigen Sommernacht!
09 Zwei junge Gesellen gingen
10 Vorüber am Bergeshang,
11 Ich hörte im Wandern sie singen
12 Die stille Gegend entlang:
13 Von schwindelnden Felsenschlüften ,
14 Wo die Wälder rauschen so sacht,
15 Von Quellen, die von den Klüften
16 Sich stürzen in die Waldesnacht.
17 Sie sangen von Marmorbildern,
18 Von Gärten, die überm Gestein
19 In dämmernden Lauben verwildern,
20 Palästen im Mondenschein,
21 Wo die Mädchen am Fenster lauschen,
22 Wann der Lauten Klang erwacht
23 Und die Brunnen verschlafen rauschen
24 In der prächtigen Sommernacht. –
- Das Lyrische Ich beginnt mit der Beschreibung seiner Situation, die aus drei Elementen besteht:
- Da sind einmal die Sterne, die auf recht einfache Art und Weise als schön beschrieben werden („golden“).
- Dann ist da die Position am Fenster, also die Offenheit für die Welt draußen, vielleicht auch vernknüpft mit Erwartungen.
- Schließlich die Feststellung, dass das Lyrische Ich „einsam“ sei, wobei unklar bleibt, ob das aus heutiger Sicht eher negativ ist oder als durchaus auch positiv, wie es die Romantiker aufgefasst haben.
- Anschließend kommt von außen ein Impuls in diese Erwartungshaltung hinein, nämlich das Posthorn.
- In den Zeilen 05-08 werden dann die Auswirkungen dieses Impulses präsentiert.
- Eine wichtige Rolle spielt das Wort „entbrennte“, was in einem Bild deutlich macht, wie sehr hier Gefühle entflammt sind, Hitze entfachen.
- Nachdenklich macht den Leser die Wiederholung der letzten Zeile der ersten Strophe am Ende der letzten Strophe. Man hat den Eindruck, dass es hier einen großen Rahmen gibt, nämlich diese „Sommernacht“, der unabhängig davon funktioniert, ob das Lyrische Ich auch tatsächlich ans „mitreisen“ geht. Es reicht anscheinend, dass es sich in all das hineinträumt, was da gesungen wird.
Zusammenfassung / Tipps

- Ziel war die Anordnung der Tipps in einer Form, die man sich gut merken kann.
- Im Zentrum steht das Gedicht und der Hinweis, dass es auf das Lyrische Ich und seine Aktivitäten ankommt. Die kleine Wolke unten soll zeigen, dass das Lyrische Ich Teil des Gedichts sein kann, sich aber auch komplett raushalten kann.
- Ganz oben links finden sich dann zwei Beispiele, wie man direkt Sprech-Aktivitäten des Lyrisches Ichs beschreiben kann.
- Es folgt eine abstrakte Variante, in der man ohne direkten Hinweis auf das Lyrische Ich benennt, was das eigentlich ist in einem Verszeilen-Bereich.
- Rechts haben wir Möglichkeiten aufgeführt, Lücken oder Unklarheiten im Gedicht mit eigenen Gedanken zu füllen.
- Ganz unten folgt dann noch eine Strukturmöglichkeit: Hier stellt man Beziehungen zwischen Teilen des Gedichts her.
Gedicht Nr. 3: Krüsand, „Sehnsucht 2018“
und nach dem nächsten Brückentag.
Vielleicht auch noch danach,
Und wenn sie mal in alten Büchern blättern,
dann fassen sie es nicht,
dass einst die Menschen dieses Leben
als Pilgerreise sahen nur,
auf einen Punkt zu, der Erfüllung
bringen sollte und das
Wir leben heute ganz dem Augenblick
Und stellen fest dann plötzlich
Es fehlt der Rahmen
Das Zuhause
Das Eichendorff noch gab
Ein Ziel und Halt
Und wär es auch ein Lied nur,
Dem kalten Weltall
Voller Trotz entlockt,
Es wäre selbst ein Teil
Des großen Liedes
Das uns glücklich
Machen kann.
- Am Anfang eine dreifache Füllung der Sehnsucht von anderen Menschen, wobei offen gelassen wird, ob es sich auf alle Menschen bezieht oder eine ganz bestimmte Gruppe.
- In der zweiten Strophe wird aus rhythmischen Gründen mit Inversionen (Umstellung von Wörtern) gearbeitet: statt „dass einst die Menschen dieses Leben / nur als Pilgerreise sahen“ = „dass einst die Menschen dieses Leben / als Pilgerreise sahen nur“. Das „nur“ wird also nach hinten gestellt, was ihm eine besondere Bedeutung gibt.
- Die Aktivität des Lyrischen Ichs besteht darin, dass es jetzt vom allgemeinen Normalfall zu einem Sonderfall übergeht.
- Außerdem wird mit einer Lücke gespielt, indem nämlich nicht ausdrücklich gesagt wird, um was für einen Punkt es sich handelt. Hier muss man ggf. recherchieren oder einen Tipp bekommen. Es ist eine Anspielung zum Beispiel auf ein früher mal bekanntes Buch, nämlich John Bunyans „Pilgerreise“ (1678/1684). Es geht dabei um das Ziel der ewigen Seligkeit, also des Eingangs in den christlichen Himmel.
- Es folgt in der dritten Strophe eine Feststellung, eine allgemeine Behauptung über die Verhältnisse der Gegenwart, die natürlich sehr pointiert und pauschal ist, denn es gibt natürlich viele Menschen, die sich auch für eine fernere Zukunft interessieren als den aktuellen Tag – man denke etwa an das Glück der Kinder oder die Rente. Von daher liegt hier eine Zuspitzung vor.
- In der vierten Strophe gibt es eine Anspielung auf Eichendorff und die Gedichte, in denen er ebenfalls von einer himmlischen Heimat ausgeht. So heißt es etwa im Gedicht „Die zwei Gesellen“ am Ende „Ach Gott, führ mich liebreich zu Dir!“.
- Ansonsten werden zwei zentrale Bilder verwendet, zum einen der des Rahmens (für all das, was man tut), zum anderen der des Stroms der Zeit, was deutlich machen soll, dass die Zeit zwar ein ruhiger Fluss ist, aber eben auch ein mächtiger, dem man sich nicht entziehen kann, wenn man sich ihm anvertraut hat – und das hat man alleine dadurch, dass man geboren wurde.
- Die letzte Strophe knüpft dann an an Eichendorffs Gedicht „Wünschelrute“ – dort ist von dem Singen der Dinge die Rede, das beginnt, wenn man das richtige bzw. passende „Zauberwort“ findet. Am Ende wird das Motiv des Singens noch einmal aufgenommen und von den Dingen wieder auf die Menschen übertragen, allerdings in einem sehr viel umfassenderen Sinne. Letztlich läuft es darauf hinaus, dass die Sehnsucht des Menschen sich auf etwas erstreckt, das er selbst geschaffen hat – allerdings dem „kalten Weltall“ entlockt, womit sich der Kreis zwischen den Dingen und den Menschen schließt. [Auf diesen Verweis kann man natürlich nur kommen, wenn man das entsprechende Gedicht kennt!]
- Das erinnert an Goethes Gedicht „Das Göttliche“, das genau dieses Wechselspiel im Blick hat: „Heil den unbekannten / Höhern Wesen,
Die wir ahnen! / Ihnen gleiche der Mensch! / Sein Beispiel lehr uns
Jene glauben.“ [Auf diesen Verweis kann man natürlich ebenfalls nur kommen, wenn man das entsprechende Gedicht kennt!]
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Gedichte: Wie interpretiert man sie schnell und sicher?
https://textaussage.de/themenseite-gedichte-interpretieren
— - Besonders hervorheben möchten wir hier:
https://textaussage.de/5-survival-tipps-zur-sicheren-interpretation-bsd-von-gedichten
— - Übersicht über Texte von Lars Krüsand
https://textaussage.de/lars-kruesand-sammlung-der-texte-eines-behelfsschriftstellers
— - Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/weitere-infos
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