"Heimsuchung" - die extremste Episode - eine Frau und ein Rotarmist - Deep-Reading-Beispiel
May 8, 2026
Analyse-Schwerpunkt: Die Rotarmisten-Szene in Jenny Erpenbecks „Heimsuchung“
Diese Episode (ab S. 97) gilt als eine der zentralen und zugleich extremsten Stellen des Romans. In diesem Video präsentiere ich ein Deep-Reading-Beispiel, das zeigt, wie man durch genaues Hinsehen eine Interpretation erarbeitet, die weit über die gängigen Standard-Lösungen hinausgeht.
Die Inhalte im Überblick:
Wer gleich zur Website möchte, findet hier den Link. https://textaussage.de/die-rotarmisten-szene-im-roman-heimsuchung-das-loch-in-der-ewigkeit-als-fenster-zur-freiheit
Textbefund: Die Entdeckung im Kleiderschrank – vom Geruch nach Kampfer bis zum „Loch in der Ewigkeit“.
Analyse-Ansatz: Warum wir hier keine klassische Kriegskatastrophe sehen, sondern eine Rückkehr zur „evolutionären Natürlichkeit“.
Zivilisationskritik: Der Kontrast zwischen der erstarrten Welt des Architektenhauses und der unmittelbaren menschlichen Begegnung.
Prüfungsrelevanz: Argumente für das Abitur und Referate, die das Motiv der „Heimsuchung“ auf einer neuen Ebene greifbar machen.
Nutzwert für Schüler und Lehrkräfte:
Das Video bietet eine systematische Herleitung, die zeigt, wie literarische Motive (wie das Haus als „Gehege“ oder der Schrank als „Fenster zur Freiheit“) funktional gedeutet werden können. Ideal als Vorbereitung für Klausuren oder zur Inspiration für einen autonomen, textnahen Literaturunterricht.
Weiterführende Informationen:
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Heute wollen wir mal etwas tiefer in den
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Roman Heimsuchung einsteigen. Und zwar
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geht es da um diese Szene mit dem
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Rotarmisten, der ja die Frau des
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Architekten da im Schrank entdeckt und
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dann gibt es eine ähm Szene, die man
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sich genau anschauen muss. Dabei spielt
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nämlich dann etwas, was für die Frau von
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großer Bedeutung ist, nämlich ein Loch
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in der Ewigkeit, eine Rolle. Und die
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Frage ist, ob es sich hier nicht um ein
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Kurzzeitfenster zu einer besonderen Art
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von Freiheit handelt. Und hier sehen
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wir, wie wir uns das vorstellen. Das
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sind Leute, die haben eine Frage. Wir
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setzen uns zusammen und einer erklärt
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dann das soweit er das kann. Und hier
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unten haben wir den wichtigen Hinweis,
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die Kapitel Sprungmarken nutzen, wenn
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man schnell zu einer bestimmten Stelle
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springen will. Wir bringen das ja auch
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auf die Webseite, s dass man von dort
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aus auch dahin springen kann. Dann
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schießen wir mal los. Ja, die Situation
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ist also so, dass ähm sowjetische
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Soldaten hier in den Bereich des Hauses
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eingedrungen sind, das Haus
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gewissermaßen besetzt haben und die Frau
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des Architekten hat sich dann in einem
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Schrank versteckt. Und jetzt passiert
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folgendes, dass der äh kommandierende
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Offizier, ein junger Major, plötzlich
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ein Geräusch hört. Wir wollen das mal
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hier entsprechend hier wieder ein
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bisschen deutlich machen, wo wir gerade
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sind. Ein Geräusch
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und ähm dann stellt er fest, da atmet
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jemand. Wir haben hier die Teile aus dem
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Roman Text herausgezogen, die ganz
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wichtig sind, um zu verstehen, was
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geschieht da eigentlich, denn man denkt
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natürlich normalerweise, dass es eine
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vielen Vergewaltigungen jetzt, die am
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Ende des Krieges dann deutsche Frauen
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betroffen haben. In vielen anderen
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Kriegen kommt es auch immer wieder dazu,
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eine schreckliche Nebenerscheinung von
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Kriegen, die für die Betroffenen ganz
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furchtbar äh sind natürlich. Und jetzt
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greift er zu seinem Revolver. Also alles
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noch sehr gefährlich. kräftiger Ruck. Er
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hat diesen Schrank da entdeckt, zieht er
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dran und dann drängt er sich mit dem ins
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dunkel gerichteten Revolver zwischen den
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Kleidern nach hinten, bis er auf einen
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Körper stößt, der stumm Gegenwehr zu
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leisten beginnt, als er nach ihm greift.
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So, also bis dahin, das ist hier die
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absolute Gefahr bis hin zu einer
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möglichen Vergewaltigung. Jetzt passiert
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aber etwas. Ähm und da streift ihn
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diesen Rotarmisten, der Geruch nach
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Kampfer und Pfefferminz. Wir hatten
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schon gesagt, dass der eine große Rolle
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spielt als Leitmotiv in dem Roman. Jetzt
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geht's um der Geruch nach Krankheiten,
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die man im Bett ausliegt. Dieser Geruch
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nach Reife und Frieden. Man muss wissen,
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das ist ein ganz junger Offizier. In
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einem großen Mittelteil denkt er auch an
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seine Heimat zurück. Auf jeden Fall wird
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er jetzt ruhig und beginnt die Lippen zu
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küssen. Es ist keine Rede mehr von
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Gegenwehr. Sie wehrt sich nicht mehr,
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heißt es sogar. Aber ihr hört, wie sie
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zu weinen beginnt. Das ist jetzt ein
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entscheidender Punkt, der in vielen
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Interpretationen so verstanden wird,
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dass hier die Frau nachgibt, um
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einigermaßen gut durch diese
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Vergewaltigungssituation zu kommen und
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nicht noch zusätzliche Gewalt zu
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produzieren. Dann aber er streicht über
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den Kopf wie um sie zu trösten. Da
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spätestens muss sie merken, dass dieser
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Offizier nicht auf reine Gewalt aus ist.
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Mama, sagt er auch. Da merkt man, dass
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dieser junge Offizier hier auch völlig
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überfordert ist die Situation. Und jetzt
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verbindet er plötzlich in seinem Kopf
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Dinge, die eigentlich gar nicht
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zusammeng gehören, eben auch ohne zu
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wissen, was er sagt. Da stößt sie ihn
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von sich, er stolpert, fäll hin und sie
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tritt nach ihm. Also, da hat man dieses
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Wechselspiel von. Sie nutzt jetzt die
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Gelegenheit äh um ihn von sich zu
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stoßen. Er versucht sie wieder zu
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halten, um fasst dabei ihre Knie. Da
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steht sie still, dann zieht sie langsam
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ihr Kleid ein wenig nach oben. Er legt
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seine Stirn in ihren Leib. Unter dem
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Leib Kleid scheint sie nackt zu sein.
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Das ist jetzt so eine Situation, da weiß
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man jetzt wieder nicht, ist das eine
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erzwungene Hingabe oder was ist das? Er,
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der Offizier zieht den Geruch nach
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Leben, der aus dem Krausen Hadring tief
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ein. Sie sagt zwei Worte, aber auch ihre
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Worte kann man in dem dunklen Versteck
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nicht sehen. Und jetzt kommt's. Jetzt,
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da es an ihm wäre, die Führung zu
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übernehmen, kniet er noch immer und in
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all dem Nassen laufen ihm jetzt Tränen
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über sein Gesicht und seine Tränen haben
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die gleiche Temperatur wie der große
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Fluss, der ihn überschwemmt. Das wird
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vorher erklärt, was damit gemeint ist
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und mit dem die Tränen sich hier in den
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Tiefen eines deutschen Schrankes
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vermischen. Also, man merkt bereits, äh
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die Körperlichkeit der beiden Menschen
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hier vermischt sich. Noch einmal statt
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die Führung zu übernehmen, bleibt er zu
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den Füßen der Frau knien und schluchzt
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jetzt hörbar. Aber vielleicht ist es
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gerade seine Schwäche, die die Frau viel
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wirksamer entwaffnet, als es Gewalt
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vermocht hätte. Das heißt, das ist
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eigentlich die entscheidende Stelle, wo
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man sieht, dass die Frau jetzt nicht
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mehr Gewalt
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befürchten muss. Sie kann den Widerstand
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jetzt aufgeben, weil sie die Schwäche
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des anderen spürt.
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Dann zieht sie endlich nach oben,
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trocknet ihm im Kleidungsstück und so
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weiter das Gesicht ab, spricht leise zu
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ihm: "Es fehlt nicht viel und sie würde
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ihn mit einem kleinen Klaps, das passt
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natürlich zu der Mama Situation hier
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oben auf den Po zum Schrank
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hinausschieben, wie eine Mutter, die ihr
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Söhnchen auf den Weg zur Schule
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verabschiedet." Also halten wir fest,
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wir haben eine Gefahrensituation.
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Es sieht nach Gewalt aus, dann kommt
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aber dieser Geruch nach Krankheit aus
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der Kindheit. Das heißt, dieser Soldat,
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dieser Offizier ist ein besonderer
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Mensch mit einer besonderen
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Vergangenheit. Und dann kommt es zu
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einem hin und Herztlich
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begreift, der will ihr keine Gewalt
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antun, der ist ja eher jetzt der
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Schwache und sie nutzt jetzt äh die
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Gelegenheit, um gut aus der Situation
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rauszukommen und es wird gleich noch
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spannend, in welche Richtung das geht.
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Jetzt könnte man im Teil zweite jetzt
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kommt glauben, alles gut, er verlässt
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sie dann und sie ist froh, dass sie gut
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abgekommen ist da. Und jetzt aber kommt
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ein regelrechter Sexualakt, der von der
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Frau ausgeht. Die Frau greift an, greift
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in hinein und er hat seine Mutter noch
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im Kopf. Da merkt man seine
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Unerfahrenheit, während die Frau hier
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etwas weiter mit erfahrenen Händen, ja,
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arbeitet sie da. Und das kann man sich
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in Ru auf jeden Fall ist es eindeutig
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klar, dass hier ein Sexualakt
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beschrieben wird, der ganz stark von der
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Frau ausgeht. Sie ist die erfahrene, sie
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ist die reife Frau. Ähm während der
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Junge da völlig überfordert ist, er
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wehrt sich nicht mehr. Das geht dann
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weiter. Am Ende hört er sich stöhnen,
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hört sich nein sagen auf Russisch. Sie
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sagt doch. Also nun deutlicher kann man
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nicht klar machen, dass sie jetzt diese
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Sexualität will. Und dann heißt es: Sieg
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reibt sich an Niederlage und Niederlage
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an Sied und Schweiß und Säfte. Hier ist
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leider der Text bei uns verloren
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gegangen zwischen den Völgern da Völkern
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dann ein letzter Schrei und in allen
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Sprachen der gleiche. Man merkt ja ganz
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deutlich, dass hier etwas Animalisches
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passiert, etwas bevor überhaupt Kriege
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und andere Dinge zwischen den Völkern
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ausbrechen. Hier geht es nur um zwei
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Menschen, die sich ganz urtümlich,
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animalisch, gewissermaßen natürlich
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begegnen. Ein ganz wichtiger Punkt. Der
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Roman liefert jetzt selbst eine
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Erklärung. Jetzt ist der Tod endlich zur
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Strecke gebracht. Krieg spielt keine
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Rolle. auch Jugend und Alter, sie ist ja
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deutlich älter als ihr, spielt keine
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Rolle. Das was war und auch das was
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kommen sollte, kann man getrost
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vergessen in diesem Moment. Jetzt ist
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überhaupt nichts mehr da. Nichts,
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nichts. Nur müder, der schweift noch
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zwischen den Mündern ein Rest von was,
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schlaff wie die Sommerkleider zu Häupten
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des Rotarmisten und dieser Frau, die im
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Dunkel nicht zu erkennen ist. Im letzten
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Sommer, also vielleicht sie oder eine
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andere diese Kleider trug, war hier noch
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Frieden. Und dann heißt es ganz
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lakonisch am Ende: "Eigentlich hat er
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nur einen Schrank aufgemacht, jetzt
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macht er den Schrank wieder zu. Das
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heißt, er lässt die Frau in Ruhe. Wir
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erfahren auch hinterher nicht ob äh ob
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da noch irgendetwas passiert. Jedenfalls
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sie überlebt das äh Ganze äh und hier
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wird eindeutig deutlich gemacht, dass
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hier eine Situation ist. außerhalb des
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Krieges, außerhalb aller möglichen
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Dinge, die Menschen trennen können. Hier
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geht es nur um natürliche Sexualität,
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die die beiden austauschen und die am
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Ende natürlich in Erschlaffung dann
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entsprechend auch ähm sich dann daraus
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ergibt. Also keine klassische
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Vergewaltigungstragödie,
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wie sie zu viele Frauen im Krieg erlebt
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haben. geht. Es geht nicht darum, das
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hier zu
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verharmlosen. Von daher ist auch gut,
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dass dieser Roman natürlich von einer
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Frau geschrieben worden ist, sondern
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hier stößt ein ungewöhnlich junger und
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auch nicht durch den Krieg verdorbener
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Offizier auf eine Frau, die daraus einen
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animalischen sexuellen Akt macht, bei
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dem sie die Führung hat. Offensichtlich
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erlebt auch sie trotz aller erwachsenen
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Erfahrung eine bisher unbekannte Welt
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der Ektase. Das ist natürlich eine
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Deutung, aber die entspricht durchaus
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der Linie des Textes. Wir wenden uns
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jetzt einem zweiten Aspekt zu. Jetzt
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geht es um die Bedeutung dieses
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Ereignisses für die Frau. Sie spricht da
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von einem Loch in der Ewigkeit und da
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gibt es jetzt auch eine Interpretation,
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die wir für nicht optimal halten. Im
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Text heißt es einfach nur, dass der
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Major, dieser Russe ein Loch in ihre
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Ewigkeit gebohrt hat. Und jetzt kommt
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dieses Zitat. Äh und dann sagen wir
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gleich, wie andere das verstanden haben.
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Hätte es nicht diese eine Nacht gegeben,
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würde sie vielleicht doch immer glauben,
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dass ihr Mann ihr damals, als er ihr den
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Kauffertrag für die Unterschied
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hinschob, ein Stück Ewigkeit gekauft hat
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und dass diese Ewigkeit an keiner Stelle
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ein Loch hat. Das wird dann teilweise so
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interpretiert, dass auch diese letzte
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Sicherheit eben verloren geht. Also hier
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auch eine weitere große Heimsuchung. Wir
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haben schon gesehen, das entspricht
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nicht so ganz dem, was da abgelaufen
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ist. Und ähm es kommt jetzt eben hinzu,
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dass wir folgende These vertreten hier.
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Die Architekten war ja, das Loch ist für
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ihn eine Zerstörung der Sicherheit, denn
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er wollte ihr das ja entsprechend durch
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den Schrank und so weiter geben. Jetzt
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die Realitätsprüfung. War dieses Leben
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im positiven Sinne sicher? Nein, im Text
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ist die Rede davon, dass dieser Mann für
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diese junge Frau, die er da ähm von der
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Angestellten Situation dann in seine Ehe
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hineingenommen hat, dass eine ein Gehege
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für sie da sein soll. Die Ewigkeit war
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auch ein Lähmen ist eine Lei. Es gibt ja
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so eine Szene, in der vor allem dieses
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Rinnen, Rinnen, Rinnen immer wieder
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auftauch, dass die Zeit verrinnt. Da
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werden die so Krebse mechanisch getötet
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und so weiter. Ähm, das heißt, da ist
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richtig eine Betäubung des lebendigen
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Geistes, könnte man sagen. Das ist kein
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echtes Leben, dass diese Frau führt. Sie
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wollte ja auch vor allen Dingen etwas
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ganz anderes werden. Sie wollte nämlich
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Tänzerin werden. Sealtänzerin oder
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Domteurin intensiv und gefährlich so
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einleben wollte sie. Auf Druck des
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Vaters wurde sie dann stehen und
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bisschen also eine Büro Fachkraft und
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entschied sich für die umsorgte Variante
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ehe mit dem Architekten eine
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Entscheidung für den Stillstand
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lästlich. Und jetzt gibt es einmal in
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ihrem Leben einen Moment der Ektase, des
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Ausbruchs aus die Normalität, wo man
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gewissermaßen den Verstand verliert und
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nur noch einfach Mensch ist mit
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intensiven Gefühlen. Und die Begegnung
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mit diesem Major nach dem Schreckmoment
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ist eine Ahnung dieses ursprünglich
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gewollten intensiven Lebens. In der
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Gefahr und der Sexualität blitzt die
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Domteurin plötzlich wieder auf. Das
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heißt, hier ist sie ja eben so wird sie
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ja auch geschildert. Das hat die äh
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Autorin hervorragend gemacht, dass sie
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da ja gewissermaßen äh ihn führt und
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leitet durch die Szene. Es ist kein
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Einbruch in heile in eine heile Welt,
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sondern ein Loch in einer langweiligen
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Ewigkeit. Das muss man sich einfach mal
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in Ruhe anschauen. Jeder muss sich da
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eine eigene Meinung bilden, aber ich
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denke für diese Auffassung passt daf
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stimmt sehr viel. Stimmt, passt. Das
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passt sehr viel besser. Meinen wir auf
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jeden Fall. Dann schauen wir mal weiter.
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Kommen wir jetzt zum zweiten Teil. Das
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ist die Zeit danach und die Frage, was
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das Ganze für die Frau auf Dauer eine
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Bedeutung für eine Bedeutung hatte. Der
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Major, haben wir festgestellt,
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ermöglichte einen kurzen Ausblick auf
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eine alternative Existenz. Tragik. Eine
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Fortführung dieses Aufbruchs ist
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natürlich aufgrund der Umstände
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unmöglich. Nicht so von ungefähr heißt
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es auch. Er hat den Schrank aufgemacht.
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Jetzt macht er ih wieder zu. Das ist
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eine kurze Episode in seinem Leben. Hat
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bei weitem nicht die Bedeutung wie für
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die Frau. Die Erkenntnis bei der Frau
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jetzt durch das Loch sieht sie nun nicht
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mehr die trügerische Ewigkeit des
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Hauses, die ihr Mann da schaffen wollte
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im Gehege, sondern das Unaufhaltsame
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verrindende Zeit. Die Zeit tut einfach
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weh, weil mit jeder Zeit, die
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verstreicht, das auch gleichzeitig
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bedeutet, eine andere Existenz als
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Saltänzerin, als Künstlerin oder so oder
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auch als glückliche Ehefrau ähm wä wird
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ja immer weniger. Die Chance auf ein
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echtes Leben war winzig und nun läuft
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ihr die Zeit davon. Jetzt haben wir
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einen Teil rausgesucht. Ähm, wir werden
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es auch genau angeben, wo sie das
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befindet. Das ist jetzt diese
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Architekten Ewigkeit. Die Zeit rinnt,
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während die Frau des Architekten am Arm
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ihres Mannes die Freunde noch bis vor
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das T gelibt, die haben d mit anderen
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Leuten zusammen immer die gleiche
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Gesellschaft, die gleichen Späße da beim
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Krebs
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Essen. Äh und sie sagt dann nur noch,
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sie sei müde und er sagt, er raucht
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draußen noch was und so weiter. Also,
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das ist nicht gerade die intensive
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Beziehung, die da deutlich wird. Dann
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geht sie nach oben, dann ist von einem
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seidenen Mantel die Rede. Das ist
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eigentlich die andere Existenz, wo man
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sich schön macht und hofft damit auch
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anzukommen. Ähm und auch da verwendet
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sie dieses Kampferöl wieder und die
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Pfefferminzalbe. Auch das ist eine ganz
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deutliche Anspielung an diese früheren
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Zeiten hier entsprechend. So, mal gucken
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eben sehen, dass wir das hier wieder
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einschalten hier. So, jetzt haben wir es
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hoffentlich so ähm dann der Mann unten,
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gute Nacht, ruft man sich zu, alles
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völlig in Ordnung und so weiter. Dann
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noch mal dieser seidene Mantel und der
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wird in diesen begehbaren Schrank
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gehängt. Da gehört er auch durchaus hin,
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aber das ist natürlich ja in Erinnerung
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an diese ungewöhnliche
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Beziehungssituation
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mit diesen sowjetischen Soldaten. Und
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dann heißt es nur noch
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bald wird sie in einer Zweizimmerwohnung
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in Westberlin leben, später im
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Altersheim in der Nähe des Bahnhof So.
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Das ist also jetzt äh die das Minimum,
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was in diesem Leben am Ende überhaupt
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noch möglich ist. Das wird auch hier so
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minimalistisch dargestellt. Von der
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Flucht in den Westen bis zum Ende ihres
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Lebens wird sie alles, was man in
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Notzeit dringend braucht, Büroklammern,
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Schießgummis und nichts Negatives oder
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so, sondern das braucht man wohl für
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irgendwas im Büro. Briefmarken, Zettel
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und Bleistift immer in ihrer Handtasche
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griff bereit haben. Die ganzes Leben
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wird also reduziert, immer noch auf Büro
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Tätigkeit oder Erinnerung daran. Und
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jetzt kommt die Sache mit dem Testament.
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Ja, da geht sie davon aus, das gehört
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ihr ja eigentlich immer noch rein
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rechtlich,
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obwohl das in einem Land liegt, ne, dass
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die ohne Gefahr verhaftet zu werden,
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nicht mehr betreten kann. Das ändert
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sich ja an 1990, als die DDR äh dann äh
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aufgenommen wird in die Bundesrepublik.
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Dann kommen ja die ganzen
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Wiederherstellungsähre Regelungen. Auf
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jeden Fall wird sie das dann äh den
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ihren Nichten vererben, den Frauen ihrer
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Neffen, jedenfalls keinen Mann. Die
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Manngeschichte ist für sie jetzt
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erledigt, weil es da den einen Mann gab,
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der sie immer einhegte hier rechts und
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dann gab es einen anderen natürlich,
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aber das war nur ein kurzer Moment hier
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relativ Glücks und da kann vielleicht
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nur so etwas übrig bleiben wie Wehmut,
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weil das möglicherweise der intensivste
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Moment ihres Lebens gewesen ist und den
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hat sie durch diese Situation bekommen,
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die in diesem Roman ganz anders
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dargestellt wird, als was normalerweise
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erwartet. Ja, wenn man sich hier so
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klipweise vorarbeitet, hat das den
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Vorteil, man kann eben noch mal
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nachschauen, wo diese Darstellung ihrer
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Beziehungssituation
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nach dem Erlebnis ist. Das hei Ebook
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Ausgabe und das ist ja wohl auch die
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Standardausgabe, die in den Schulen ähm
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verwendet wird. Kommen wir jetzt zum
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Schluss. Was macht diese Textstelle so
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interessant? Der Roman nimmt nicht die
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leider durchaus reale
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Standardvorstellung von den
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Massenvergewaltigungen auf. Also die
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spielen hier keine Rolle. Obwohl der
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Offizier in seinem Kopf daran denkt, was
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würden die anderen jetzt wohl machen,
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wenn sie auf eine deutsche Frau stoßen.
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Ähm darum auch hier die traurige
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Normalität der Massenvergewaltigung, die
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wird durchaus am Rand angesprochen,
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steht aber nicht im Vordergrund.
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Stattdessen haben wir eine komplexe
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Situation aus Angst, Überraschung und
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dann Leidenschaft.
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Und das wird dann zu einem
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einvernehmlichen körperlichen Akt, bei
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dem die Frau sogar die Führung
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übernimmt. Also, das ist keine
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Vergewaltigung mehr und auch nicht
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irgendwie, ich muss mich jetzt hingeben,
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damit es nicht schlimmer wird. Es wird
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angedeutet, dass der Krieg hier nicht
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nur kurz unterbrochen wird, sondern dass
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auch gar nicht mehr um Täter und Opfer
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geht, sondern um natürliche
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Menschlichkeit. Hier wird das anders
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sein, ne? Du bist Sowjetrusse oder
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Ukraine oder irgendetwas und ich bin
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Deutsche. Das spielt ja keine Rolle. Die
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begegnen sich hier wirklich von Mensch
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zu Mensch.
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Und damit wird deutlich, dass sich hier
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im Roman um die einzige Heimsuchung
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handelt, die für einen kurzen Moment,
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zumindest für die Frau, ein Stück
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Erinnerung schafft, dass sie mit einem
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Loch in der ansonsten langweiligen
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Ewigkeit im Gehege ihres Mannes schafft.
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Das heißt, hier haben wir eine
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Heimsuchung, bei der zumindest diese
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Erinnerungsheimat bis zum Ende ihres
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Lebens wohl erhalten bleibt. Man fragt
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sich, ob eben nicht diese Erinnerung, da
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kommt das jetzt noch mal ausformuliert,
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auch ein Stück Heimat für die Frau ist,
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die das zumindest andeutet, was das
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ganze schöne Haus am See für sie nicht
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leisten kann. Das wird in diesem Moment
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eben und in der Erinnerung angedeutet.
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Wie immer werden wir das hier unten in
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dieser auf dieser Seite ablegen, hier
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die Dokumentation. Dort Korrekturen,
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Ergänzungen, Beantwortung und Fragen und
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wir werden wie immer am Ende hier oben
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einen Link hinsetzen, den wir
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hoffentlich ja auch runter kriegen.
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Nein, nicht macht doch nichts. Wir
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wünschen auf jeden Fall ähm viel Erfolg,
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wenn es darum geht, hier auf diese Szene
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mal einzugehen. Sie wird normalerwe im
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Unterricht wahrscheinlich so nicht
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besprochen und darum war es wichtig,
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dass wir das in aller Ausführlichkeit
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dargestellt haben, damit man sich dann
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auch sicher fühlt, dass das eine
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Interpretation ist, die man anbieten
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kann. Und dabei wünschen wir viel
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Erfolg. M.
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