Anders Tivag, „Digitale Diät? Ja – aber wie …?“ (Mat6213)

Anders Tivag,

Digitale Diät? Ja, aber …

  1. Es war mal wieder soweit – die Weltverbesserer schlugen zu – und das gleich mit Verboten. Gut, dass ich das nur gedacht, und nicht auch meinem Sohn gesagt hatte, als er mir ausnahmsweise mal was von der Schule erzählte.
  2. Aber er brauchte bei einer Hausaufgabe Hilfe – und da wird sogar ein 17jähriger situationsbezogen gesprächig.
  3. Es ging um die Idee einer Projektgruppe an seiner Schule:
    • Es sollte eine sogenannte „Digitale Diät“ eine Woche lang durchgezogen werden. Konkret hieß das: Man lässt eine Woche lang sein Smartphone ausgeschaltet.
    • Um den PC zu Hause ging es wohl nicht. Seltsame Vorstellung von „digital“ – aber die Zielrichtung war klar: In vielen Schulen sind „Handys“ sowieso ein rotes Tuch und viele Lehrkräfte entdecken in dem Zusammenhang anscheinend einen urzeitlichen Jagdtrieb bei sich.
  4. Aber ich wollte mich ja um Sachlichkeit bemühen – schließlich musste ich ja meinem Sohn ein Vorbild sein.
    Da er noch einen gut hatte bei mir – er hatte mir bei einem Problem mit meinem Smartphone geholfen – erklärte ich mich bereit, ihm bei einem Statement zu dem Vorschlag zu helfen.
  5. Ich habe ihm aber gleich klargemacht, dass ich eben Behelfsschriftsteller bin, der durchaus ernsthaft nachdenken kann, aber immer einen Hang hat zu sprachlicher Spielerei, d.h. dass Miss Fantasy immer wieder einem mal die Finger auf der Tastatur lenkt.
  6. Er hab mir eine halbe Stunde – und ab jetzt zählt die Zeit.
  7. Als erstes war mir klar: Alle Vorurteile beiseite schieben und dafür die Fantasie spielen lassen. Man muss sich nur Situationen ausdenken, bei denen die Dinge dann klar werden.
  8. Natürlich fiel mir wieder mein Onkel ein, der unglaublich glücklich war, als die ersten Smartphones auf den Markt kamen. Ein Kilogramm schwer und etwa 1200 DM – aber es wurde angeschafft.

    Warum: Nun seine Frau musste mit dem Auto immer eine ziemlich einsame Strecke fahren – auch noch spät abends oder sogar nachts. Da war es ein sehr unangenehmer Gedanke, dass sie eine Autopanne hatte und dann einsam durch die Gegend laufen musste. So konnte sie einfach anhalten und kurz anrufen – und dann schlimmstenfalls im verschlossenen Auto warten, bis der Retter kam.

    Damit dürfte dieser erste Punkt schon geklärt sein: Diese digitale Diät kann nicht bedeuten, dass man überhaupt kein Smartphone dabei hat. Sondern die Entscheidung hängt ganz davon ab, ob man das zumindest ausgeschaltet dabei haben kann – für Notfälle.
  9. Die nächste Frage, die auftaucht, ist, was eine solche Nulldiät für all die Menschen bedeutet, die einem etwas bedeuten und die vielleicht auf einen angewiesen sind.

    Natürlich gibt es auch andere Situationen, wo man einige Zeit telefonisch nicht erreichbar ist – etwa auf einer Segeltour in den Binnengewässern, aber etwas weiter draußen.

    Bei solchen Nicht-Erreichbarkeits-Zeiten sollte das mit allen abgesprochen werden, die ein reales Interesse an einem gewissen Maß an Empfangsbereitschaft haben.
  10. Beispielsweise könnte in der eigenen Familie ein Notfall auftreten, bei dem man dringend gebraucht wird. Es hängt dann sehr von der konkreten Situation ab, ob man nicht später für diese Idee einer digitalen Diät mit ausgeschaltetem Smartphone grausam bestraft wird, weil man bei einem Notfall zu Hause helfen kann – zumindest mit dem einen oder anderen beruhigenden Ratschlag.
  11. Damit wird schon mal deutlich, dass man die konkrete Umsetzung jedem selbst überlassen sollte. Zu Hause schaltet man das Gerät vielleicht ganz aus, weil andere ja erreichbar sind und ggf. Wichtiges weitergeben können.

    Unterwegs lässt man das Smartphone an, hat aber mit allen abgesprochen, dass nur in Notfällen eine WhatsApp-Nachricht erlaubt ist. Dann kann man immer noch selbst entscheiden, ob man reagiert oder nicht.
  12. Hilfreich ist in dem Zusammenhang auch eine Einstellung am Smartphone, bei dem man bei WhatsApp keine Infos weitergibt, wann man die Nachricht gelesen hat.

    Damit verliert dieser insgeheim oder auch ganz offen ausgeübte Zwang, schnell reagieren zu müssen, seine Datengrundlage. Wer sich wichtig fühlt mit seiner Nachricht, bekommt nicht mit, dass man sie gesehen hat, aber keine Lust hat darauf zu reagieren.
  13. Fassen wir zusammen:
    • Die Grundidee einer gewissen Smartphone-Enthaltsamkeit ist sehr gut, denn zu viele Menschen haben bei klarem Verstand das Gefühl, dass sie mehr in einer virtuellen Welt leben als in einer realen.
    • Dazu könnte man viel sagen. Aber wer nicht grundsätzlich ein Gefühl dafür hat, dass ein Leben mit Smartphone am Ohr und Kurzgrüßen per Hand an die Bekannten, die zufällig vorbeikommen, nicht das Wahre ist, der wird sich auch mit langen Begründungen nicht bekehren lassen.
  14. Überhaupt ist die Bereitschaft, von seinen Vor-Urteilen – auf gut Deutsch: der aktuellen Meinung abzugehen, äußerst gering. Besonders in Akademikerkreisen, habe ich letztens irgendwo gelesen. Ist aber auch verständlich – man hat studiert und sowieso Allgemeinbildung – da gibt es nicht mehr viel zu ändern.
  15. Die einzige Chance: Nach einer Woche berichten viele ehrlich von ihren Erfahrungen.
    • Sie haben dann vielleicht endlich wieder eine Stunde lang in einem Buch gelesen – ohne unterbrochen worden zu sein.
    • Und in einer Familie, die dank dieses Diätplans doch bereit war, die gemeinsamen Mahlzeiten ohne Smartphone-Teilnehmer zu verbringen, hat vielleicht einer der Junioren am Tisch die Erfahrung gemacht, dass die ersten zwei Tage hart waren – es dann aber leichter ging – und am vorletzten Tag hat man sich sogar gut unterhalten.

      Mehr positive Erfahrungen fallen mir leider nicht ein – ich hoffe also, dass das besser wird, wenn mein Gehirn gleich nach Beginn meiner gut durchdachten Intervallvariante von digitaler Diät endlich nicht mehr so oft gestört wird wie während der vergangenen halben Stunde – aus der anderthalb Stunden geworden sind – wegen einiger Anrufe.
      Mein Sohn ist etwas sauer, sieht mich aber auf dem Weg der Besserung.

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