Anders Tivag, „Wenn Prosa am Ende das Sagen hat“ (Mat6230)

Worum es hier geht:

Glücklicherweise gibt es Lehrkräfte, die nicht nur Deutsch unterrichten (und das mit großem Erfolg), sondern auch selbst mal versuchen, Literatur auszuprobieren. Also mal selbst eine Kurzgeschichte oder ein Gedicht zu schreiben.

Natürlich geht das nur mit Hilfe eines Pseudonyms – sonst würden die Schülis vielleicht vor Begeisterung das aktuelle Deutschbuch beiseite legen, in Ehrfurcht erstarrt 😉

Das ist natürlich nicht, was wir wollen. Und das ist auch überhaupt nicht die Situation, die Leute wie Anders Tivag anstreben. Sie wollen nicht, dass ein Text nach dem Verfasser beurteilt wird, sondern nach dem, was in ihm zu finden ist und mit ihm anzufangen ist.

In diesem Falle war es so, dass Anders auf einen Spruch stieß, der auf intelligente Weise darauf aufmerksam machte: Es gibt auch die kleinen Vorurteile des Alltags, die gar nicht schlimm sind, aber auch unangenehme Folgen haben können.

Leider hat er den Spruch nicht wiedergefunden – also eine eigene Formulierung gewählt und noch ein bisschen ins Extreme gesteigert. Denn in der Kunst gilt ja: „So viel Anstoß darf sein!“ 😉

Dann ist es nur noch ein kleiner Schritt hin zu einer Kurzgeschichte, in der der Spruch gut in einen fiktiven Kontext gebracht werden kann.

Das ist hier geschehen – und soll eigentlich nur dazu anregen, noch mehr darüber nachzudenken – und vielleicht auch selbst mal das „literarische Schreiben“ auszuprobieren – ganz gleich, ob Lehrkraft oder Schüli. Vor der Göttin der Poesie sind alle gleich – da zählt nur die Wirkung 🙂

Anders Tivag

Wenn Prosa am Ende das Sagen hat …

Sie waren ein bisschen spät dran. Auf der normalen Strecke würden sie nicht mehr rechtzeitig da sein, bevor der Laden zumachte. Also meinte Sven auf halbem Wege: “Du wir schaffen das nicht. Ich kenne da vorne eine Abkürzung durch den Wald.” Carlo war skeptisch, aber sein Freund meinte: “Mach dir keine unnötigen Gedanken, Ich kenne mich aus!”

Anfangs sah der Weg auch ganz gut aus – aber dann wurde er zunehmend schlammig. Sven gab Gas – bis sie schließlich in einer engen Kurve langsam fahren mussten – und dann war es das. Sie saßen fest. Beim Blick in den Rückspiegel sah man gut, wie die Hinterräder Schlammfontänen im hohen Bogen von sich gaben. Sah irgendwie schön aus, brachte sie aber nicht weiter.

Nachdem sie festgestellt hatten, dass sie nicht rauskamen und außerdem in dieser Wildnis keinen Handy-Empfang hatten, sahen sie sich ratlos an. Es war dann Carlo, dessen Gesichtszüge als erstes sich wieder ins Positive formierten. “Ach Sven, es ist doch schön, wenn man zumindest einen passenden Spruch gehört hat.”

Der Freund schaute misstrauisch: Manchmal war ihm das zu intellektuell, was er zu hören bekam – er beschloss sich also mit einem Standardspruch zu wappnen, den man einfach aus der Kiste ziehen konnte. Er befürchtete schon das Schlimmste – aber dann kam er doch noch mal davon. Denn Carlo nahm zwar Rednerhaltung an wie im alten Rom, gab aber nur von sich: “Es sind die kleinen Dinge, die das Scheitern groß machen.” Da konnte man kontern: “So mancher Spruch zur rechten Zeit verbreitet nicht nur Heiterkeit.”

Carlo war erstaunt, so kannte er ihn gar nicht. Also beschloss er, in die erste Liga der schlauen Sprüche zu wechseln – und das waren die, über die er selbst erst mal lange hatte nachdenken müssen, bevor so etwas wie ein Licht am Ende des Tunnels auftauchte. Dann kam der Hammer:
“Ach Sven, weißt du, lassen wir das: Erfahrungen sind einfach die größte Brutstätte von Vorurteilen!”
Sein Freund war platt. Er sagte nichts, sondern setzte ich nur ins Auto, denn es hatte zu regnen begonnen.

Dann irgendwann, Carlo kam es ziemlich lange vor, meinte Sven ganz offen: “Verstehe ich nicht. Wo geht es hier um Vorurteile – und wie kommst du auf Brutstätte?

Als Antwort bekam er nur: Tja, warum fängst du nicht mit dem einfachsten Wort bei diesem schlauen Spruch an.

“Ach so, es geht um Erfahrung …”

“Stimmt wir machen gerade eine, die ist aber kein Problem, außer dass wir vielleicht die Nacht hier verbringen und morgen ein paar Kilometer laufen müssen.”

“Um welche Erfahrung geht es denn dann?”

“Um deine”

Sven verstand jetzt gar nichts mehr – er hatte gehofft, mit dem recht einfachen ersten Spruch davonzukommen und nun das aktuell größte Rätsel weit und breit.

Sein Freund schaltete um auf Mitleid: “Der Typ, der diesen Spruch erfunden hat, hat natürlich ein bisschen mit den Begriffen rumgespielt. Er wollte einfach nur deutlich machen, dass Erfahrungen, auf die man sich zu sehr verlässt, eben zu Vorurteilen werden.”

“Wieso das denn?”

“Vergiss die normalen Vorurteile – gemeint war nur, dass alles, was wir zu wissen meinen, uns zu selbstverständlich wird – und dann stellen wir es nicht mehr in Frage.”

Sven atmete etwas auf, war aber auch langsam ein bisschen sauer. Also brachte er die Sache zum Abschluss: Hör auf mit den Rätseln und übersetz mir den seltsamen Satz einfach.”

Carlo überlegte kurz, dann sagte er: “Da hat jemand die Erfahrung gemacht, dass man eine Abkürzung nehmen kann. Und dann nimmt er sie einfach”. Aber er ist einem Vorurteil aufgesessen – und darum sitzt er jetzt hier – knietief im Schlamm.”

Sven wusste jetzt, dass es irgendwie um die Verarbeitung ihres aktuellen Problems ging: “Mit einem PKW mitten im Wald” sagte er halblaut vor sich hin.

Dann schlug er sich mit der Hand vor die Stirn und knurrte: Wie recht du hast – ich bin hier immer mit meinem Vater langgefahren, wenn ich mal wieder Lust hatte, ihn auf so einer Förster-Tour zu begleiten .”

Carlo lächelte gönnerhaft: “Sehr gut – jetzt fehlt nur noch ein Wort, das mit A anfängt.”

Jetzt wusste Sven, worum es ging: “Allradantrieb” flüsterte er – er war ein bisschen am Ende seiner Kräfte.

Carlo musste natürlich wieder das Niveau nach oben verschieben:
Was raus kam, war ein Zweizeiler für Insider:

Willst du mal wieder durch den Wald,
schau unters Auto, sonst wird’s kalt.

Nach kurzem Überlegen meinte Sven:

“Ich konter mal mit Prosa. Es ist noch was an Lebensmitteln im Kofferraum – und zwei Decken haben wir immer dabei.”

Als er die aufkeimende Hoffnung in den Augen Carlos sah, fügte er nur noch hinzu:
“Wer zuletzt lacht, lacht am besten.”

Sein Freund zog es vor, nichts mehr zu sagen. Er hatte Hunger und kalt war es schon seit längerem.

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