Anmerkungen zur These von Adorno, Gedichte zu schreiben nach Auschwitz sei barbarisch (Mat322)

Worum es hier geht:

Wir zeigen, wie man eine These zur Literatur erörtern kann.

Das Folgende ist Teil von:
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Und das ist auch ernst gemeint. Man kann zu einzelnen Fragen oder auch insgesamt anderer Meinung sein. Dann interessiert uns natürlich ein entsprechendes Statement. Nur so sieht man auf Dauer immer klarer.

Lars Krüsand

Anmerkungen zu Adornos These, ein Gedicht zu schreiben nach Auschwitz – das sei barbarisch

Wenn es um Lyrik nach 1945 geht, ist man immer schnell auch bei einem berühmten Satz des Philosophen Adorno: „Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“
https://de.wikipedia.org/wiki/Nach_Auschwitz_ein_Gedicht_zu_schreiben,_ist_barbarisch
Dieser Satz stammt aus einem Aufsatz des Jahres 1949 und ist 1951 erstmals veröffentlicht worden. Im Folgenden geht es um unterrichtsnahe Überlegungen im Kontext des Deutschunterrichts. Wir stellen zu der provozierenden und zugleich anregenden Kurzthese Adornos im Folgenden ein paar Überlegungen zusammen, die helfen können, mit dem Problem umzugehen.

  1. Zunächst muss geklärt werden, ob man Adorno gerecht werden will oder der Lyrik.
  2. Wir nehmen Adorno hier nur als Impuls/Anregung, um zu überlegen, inwieweit Gedichte in der Lage sind, auch das Schlimmste, was Menschen passieren kann, auszudrücken und vielleicht zu verarbeiten.
  3. Wir gehen nicht ein auf die naheliegende Frage, ob Adorno zumindest in dieser Kurzfassung nicht viel zu weit geht, wenn er Menschen, die zum Beispiel nach Auschwitz geboren wurden und mit den Schrecken direkt nichts zu tun haben, gewissermaßen verbietet, sich an Kunst zu erfreuen oder zu erbauen.
  4. Zunächst aber muss man sich klar werden darüber, was Adorno mit Auschwitz wohl gemeint hat. Es geht um die maximale Entrechtung von Menschen, denen nicht nur die körperliche Unversehrtheit und das Leben genommen wurde, sondern  die man sogar zu reinen Nummern machte und deren Hinterlassenschaften bis hin zu Haaren, Zähnen und sogar Haut wirtschaftlich verwertet wurde. Dazu kommen abgrundtiefe Grausamkeiten von exzessiven Prügelstrafen, stundenlangem Stehen in eisiger Kälte bei Appellen, Sich-zu-Tode-arbeiten-Müssen bis hin zum Tod durch Ersticken in einer Gaskammer. Manche Häftlinge wurden sogar zu medizinischen Versuchen missbraucht.
  5. Wenn Adorno nun das Schreiben von Lyrik nach solchen Erfahrungen für barbarisch hält, kann das auf mehrere Art und Weise verstanden werden. Zum einen könnte gemeint sein, dass Menschen kein Recht mehr haben, sich an schönen Gedichten zu erfreuen. Das wäre so eine Haltung wie zum Totensonntag, an dem es auch keine Lustbarkeiten wie Tanzveranstaltungen oder Sportereignisse geben darf.  Der Unterschied zu Adorno ist, dass er dann gewissermaßen das ganze Jahr zu einem einzigen Totensonntag machen will.
    Zu den Einschränkungen am Totensonntag vgl. etwa:
    http://www.brauchtumsseiten.de/a-z/v/verbote-am-totensonntag/home.html
  6. Einer solchen Interpretation kann man entgegenhalten, dass sie unmenschlich ist und eine Anmaßung darstellt – zumindest gegenüber den später Geborenen.
  7. Dann wird es aber auch schon schwierig mit dem Satz von Adorno. Man könnte ihn noch so verstehen, dass er den Versuch, die Schrecken von Auschwitz auch in einem Gedicht darzustellen, für anmaßend hält, weil es unmöglich ist.
  8. Auch ein solches Verständnis ist problematisch, weil Werturteile über Kunst nicht von einem Einzigen gefällt werden können. Dazu kommt, dass Adorno auf so etwas wie Klagelieder überhaupt nicht eingeht.
  9. Für die Schule interessant ist letztlich ein Verfahren, bei dem sein Satz von Auschwitz in einem sehr eingeschränkten, aber machbaren Horizont prüft.
  10. Nachdem die Schüler sich ausreichend mit dem Schrecken der Vernichtungslager beschäftigt haben (etwa auf der Basis von Dokumentarfilmen oder auch auf Wirkung bedachten Spielfilmen) bekommen sie eine Anzahl von Gedichten mit der Aufgabe, zu prüfen, inwieweit diese auf ganz eigene Weise etwas vom Schrecken, vielleicht aber auch vom Überleben angesichts ungeheuerlicher Verhältnisse, sichtbar machen. Ganz praktisch wird es, wenn man Schüler bittet, eine Gedenkfeier vorzubereiten (etwa zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz) und dann zu überlegen, welchen besonderen Beitrag ein Gedicht leisten kann im Unterschied zu einem Filmausschnitt etwa oder einer Rede.
    Anmerkung: Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass fiktive, aber an der Realität orientierte Verarbeitungen der Schrecken der Konzentrationslager offensichtlich etwas an Betroffenheit und Einsicht bewirken – man denke an eine berühmte amerikanische Fernseh-Serie:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust_%E2%80%93_Die_Geschichte_der_Familie_Weiss
  11. Nur am Rande angemerkt sei hier, dass es Situationen gibt, die nicht mit Ausschwitz zu vergleichen sind, die aber auch zeigen, wie Menschen früher oder auch heute maximal Schreckliches zu verarbeiten versucht haben. Man denke etwa an die Barocklyrik oder auch Kirchenlieder vor dem Hintergrund des Dreißigjährigen Krieges
  12. Was die heutige Lebenswirklichkeit insbesondere von Schülern angeht, könnten Beispiele einbezogen werden, in denen etwa Mitschüler zu Tode gekommen sind und man nun eine angemessene Trauerfeier versucht zu gestalten, in der häufig Gedichte oder auch Lieder eine entscheidende Rolle spielen. Warum wohl? Es erscheint den Beteiligten und Betroffenen auf jeden Fall angemessen.
  13. Damit wären wir bei entscheidenden Frage, was denn Kunst und Kultur für eine Aufgabe bzw. Funktion haben: Extreme Dinge einerseits menschlich erträglich zu machen (denn auf andere Art und Weise ist Überleben nicht möglich) oder auch tief ins Gedächtnis zu graben und mit dazu beizutragen, das auch positive Konsequenzen aus dem Geschehen gezogen werden.
  14. Zur Funktion von Kunst und hier in besonderer Weise auch von Lyrik gehören zum Beispiel:
    1. Die Erregung von Aufmerksamkeit  für ein Problem ( natürlich in anderem Zusammenhang auch für schöne Dinge / Erfahrungen)
    2. Die Veranschaulichung  von Verhältnissen oder Entwicklungen oder auch Gedanken
    3. Ausgehend vom Gedanken der Trauerarbeit können Kunst und insbesondere Lyrik (oder auch Klagelieder) dazu beitragen, dass Leid und Not gewissermaßen aus einem herausgetragen werden.  Am Ende kann man dann etwas so gewissermaßen gegenständlich Gewordenes begreifen  und auf eine angemessene Art und Weise auch hinter sich lassen.
    4. Ebenso angemessen kann es aber auch sein, dass Kunst und besonderes Lyrik so Anstoß erregend sind, dass daraus ein dauerhafter Appell entsteht, die Welt besser zu machen bzw. das Schlimme zu reduzieren oder gar zu verhindern.
    5. Die Konzentration komplexer Dinge auf einen oder auch mehrere Punkte, die sich im Gedächtnis verankern und in gewisser Weise „kanonisch“ werden,  das heißt zu dem werden, worüber eine Kulturgemeinschaft immer wieder nachdenkt
    6. Das Infragestellen von scheinbar Selbstverständlichem: Gerade weil Kunst zwar im Augenblick entsteht, sich aber in ihm nicht erschöpft und immer wieder neu mit Sinn erfüllt werden muss, hat sie die Fähigkeit zur Anpassung, zur Weiterentwicklung – ist gewissermaßen potenziell immer wieder aktuell.
  15. Was eine mögliche Prüfung der Möglichkeiten von Gedichten angesichts des maximalen Grauens in der Welt angeht, ist man meistens schnell bei der berühmten „Todesfuge“ von Paul Celan. Die sollte auch unbedingt im Unterricht behandelt werden, allerdings am besten nicht gleich im Zusammenhang mit der Besprechung von Adornos Satz. Hier bieten sich zwei etwas einfachere, aber keineswegs weniger eindringliche Gedichte an, die man auf der folgenden Internet-Seite findet:
    http://www.hans-dieter-arntz.de/der_holocaust_in_bewegender_lyrik.html
    Es geht einmal um ein Gedicht mit der Überschrift „Auschwitz“ und zum anderen um eins mit dem Titel „Ankunft“. Das Interessante ist, dass beide Gedichte das Schreckliche der Vernichtungslager versuchen zu gestalten, zugleich aber auch am Ende die Ebene der Verarbeitung mit einschließen. Gerade ein Vergleich kann Schüler aufmerksam machen auf das jeweils Spezifische.

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