Baustein „Szenenanalyse“: Was ist das? Wie macht man das am besten? (Mat8571)

Worum es hier geht:

Wir versuchen hier mal einfach zu erklären, wie man am besten die Szene eines Dramas analysiert.

  1. Ein Drama ist ein Theaterstück, das grundsätzlich dafür gedacht ist, auf einer Bühne aufgeführt zu werden.
  2. Das heißt: Es gibt normalerweise keinen Erzähler, der in die Handlung einführt. Dafür gibt es die Exposition, den Teil, in dem durch Bühnendekoration und die Sprechhandlungen der Schauspieler die Ausgangssituation eines Konfliktes deutlich wird.
  3. Beispiel: Schiller, „Kabale und Liebe“:
    Das Thema ist die Frage, wie es einer unstandesgemäßen Liebe in der Zeit des Absolutismus ergeben kann.
  4. Daraus ergibt sich die Ausgangssituation: Der Vater der bürgerlichen Luise ist ganz entsetzt, dass seine Tochter anscheinend wirklich den adligen Ferdinand, den Sohn sogar des Präsidenten (eine Art Kanzler) liegt. Er sieht hier keine gute Zukunft.
  5. Dieser Konflikt wird dann im 1. Akt weiter ausgeführt, im 2. Akt steigert er sich dann, im 3. Akt gibt es einen Höhe- und Wendepunkt, dann kommt im 4. Akt eine Verzögerung des tragischen Endes im 5. Akt. Dieses sogenannte „Pyramidenschema“ ist eigentlich etwas ganz Normales – das gibt es auch in vielen Liebesfilmen.
  6. Wenn man eine Szene zur Analyse vorgelegt bekommt, muss man
    1. zunächst den Stand des Konfliktes ermitteln – als Ausgangspunkt für das, was in der Szene passiert.
    2. Dann schaut man sich die Entwicklung des Konfliktes an und
    3. stellt am Ende fest, mit welchem Stand die Szene schließt.
  7. Als nächstes kann man die Aussagen der Szene zusammenfassen: Was zeigt sie?
  8. Wenn man die Aussagen hat, kann man von ihnen auf das Thema der Szene schließen. Denn das Thema ist in gewisser Weise die der Szene zugrundeliegende Frage – die Aussagen sind die Antworten.
  9. Anschließend kann man sich anschauen, mit welchen sprachlichen, rhetorischen und sonstigen Mitteln die Aussagen unterstützt werden. Hier geht es vor allem um grundsätzliche Mittel.
  10. Wenn man die Szene fertig analysiert hat, kann man sich der Interpretation zuwenden. Meistens wird sie in einer 2. Aufgabe mitgegeben. Zum Beispiel kann man bei Ferdinand in „Kabale und Liebe“ die Frage stellen, inwiefern man bei ihm von einem „Absolutismus der Liebe“ sprechen kann.

Wer sich im Drama nicht so auskennt, sollte sich vielleicht die folgenden Videos ansehen:

Kurze Vorstellung der fünf Akte Schaubildern (auch Video)

mit Schaubild, Inhalt, Zitaten und Detail-Interpretationen
Akt 1: https://www.schnell-durchblicken2.de/schiller-kabale-akt-1

Akt 2: https://www.schnell-durchblicken2.de/schiller-kabale-akt-2

Akt 3: https://www.schnell-durchblicken2.de/schiller-kabale-akt-3

  • Hierzu gibt es inzwischen auch eine Extra-Seite, auf der man sich in Ruhe das Schaubild mit Inhalt und Zitaten anschauen kann.
  • Darunter gibt es eine mp3-Datei, die man sich auf „die Ohren legen“ kann. Somit kann man das Schaubild auch leicht verstehen.
  • Zugleich kann man die Datei verwenden, um sich auch im Bus oder in der Pause noch schnell auf den Akt vorzubereiten.
  • Die Seite ist hier:
    https://textaussage.de/audio2063

Akt 4: https://www.schnell-durchblicken2.de/schiller-kabale-akt-4

  • Hierzu gibt es inzwischen auch eine Extra-Seite, auf der man sich in Ruhe das Schaubild mit Inhalt und Zitaten anschauen kann.
  • Darunter gibt es eine mp3-Datei, die man sich auf „die Ohren legen“ kann. Somit kann man das Schaubild auch leicht verstehen.
  • Zugleich kann man die Datei verwenden, um sich auch im Bus oder in der Pause noch schnell auf den Akt vorzubereiten.
  • Die Seite ist hier:
    https://textaussage.de/audio5946

Akt 5: https://www.schnell-durchblicken2.de/schiller-kabale-akt-5

Verstehen einer Szene: Kabale, V,6

Wir präsentieren den Originaltext in kursiver Schrift und fügen Anmerkungen hinzu (eingerückt).

  1. Luise mit der Limonade und die Vorigen.
    • Die Szene beginnt damit, dass Luise bei ihrem Vater erscheint, der sich im Gespräch mit Ferdinand befindet. Luise hat die Limonade zubereitet für Ferdinand und bringt sie jetzt herein.
  2. LUISE mit rotgeweinten Augen und zitternder Stimme, indem sie dem Major das Glas auf einem Teller bringt. Sie befehlen, wenn sie nicht stark genug ist?
    • Schnell wird klar, dass Luise sich in einem emotional sehr aufgewühlten  Zustand befindet.
    • Gegenüber Ferdinand nimmt sie eine distanzierte, untergeordnete Stellung ein, wie es ihrem Stand entspricht.
  3. FERDINAND nimmt das Glas, setzt es nieder und dreht sich rasch gegen Millern. O beinahe hätt ich das vergessen! – Darf ich Ihn um etwas bitten, lieber Miller? Will Er mir einen kleinen Gefallen tun?
  4. MILLER. Tausend für einen! Was befehlen – –
  5. FERDINAND. Man wird mich bei der Tafel erwarten. Zum Unglück hab ich eine sehr böse Laune. Es ist mir ganz unmöglich, unter Menschen zu gehn – Will Er einen Gang tun zu meinem Vater und mich entschuldigen?
    • Als nächstes setzt Ferdinand seinen Plan um, Miller aus dem Haus zu bekommen, damit er mit Luise allein ist und sie – wie geplant – mit Gift ermorden kann.
    • Anmerkung für die Interpretation:
      • Die Frage ist hier wirklich, wie Ferdinands Verhalten zu beurteilen ist.
      • Es dürfte der klassischen Morddefinition entsprechen (geplant, aus niederen Motiven) und ein ungünstiges Licht werfen auf diese Beziehung und damit letztlich auch die Reife Luises.
  6. LUISE erschrickt und fällt schnell ein. Den Gang kann ja ich tun.
  7. MILLER. Zum Präsidenten?
  8. FERDINAND. Nicht zu ihm selbst. Er übergibt Seinen Auftrag in der Garderobe einem Kammerdiener – Zu Seiner Legitimation ist hier meine Uhr – Ich bin noch da, wenn Er wiederkommt. – Er wartet auf Antwort.
  9. LUISE sehr ängstlich. Kann denn ich das nicht auch besorgen?
  10. FERDINAND zu Millern, der eben fort will. Halt, und noch etwas! Hier ist ein Brief an meinen Vater, der diesen Abend an mich eingeschlossen kam – Vielleicht dringende Geschäfte – Es geht in einer Bestellung hin –
  11. MILLER. Schon gut, Baron!
  12. LUISE hängt sich an ihn, in der entsetzlichsten Bangigkeit. Aber mein Vater, dies alles könnt ich ja recht gut besorgen.
  13. MILLER. Du bist allein, und es ist finstre Nacht, meine Tochter. Ab.
    • Deutlich wird, dass Luise ihren Vater bei sich behalten möchte und Angst vor dem Alleinsein mit Ferdinand hat.
    • Dieser tut mit erstaunlicher Kaltblütigkeit alles, um sein Ziel zu erreichen.
    • Luises Vater zeigt nicht das geringste Verständnis für die Ängste seiner Tochter und die mögliche Gefährlichkeit der Situation. Stattdessen nur ein Hinweis auf eine Standardgefahr für eine junge Frau allein abends unterwegs.
    • Anmerkung:
      • Hier zeigt sich jetzt die ganze Schwäche Luises, die es nicht wagt, ihre berechtigte Angst in eine entsprechende Tat umzusetzen.
      • Überhaupt muss man sich fragen, wie es mit der Wahrscheinlichkeit der Konstruktion der ganzen Handlung aussieht. Man kann sie wohl nur verteidigen, wenn man auf die Schwäche der Position einer Tochter zur Zeit des Dramas zurückgreift.
    • Die Frage ist dann aber wieder, ob Luises Verhalten hier und gegenüber der Lady zusammenpassen.
  14. FERDINAND. Leuchte deinem Vater, Luise. Währenddem, daß sie Millern mit dem Licht begleitet, tritt er zum Tisch und wirft Gift in ein Glas Limonade. Ja! Sie soll dran! Sie soll! Die obern Mächte nicken mir ihr schreckliches Ja herunter, die Rache des Himmels unterschreibt, ihr guter Engel läßt sie fahren –
    • Während Luise ihren Tochterpflichten nachkommt und ihren  Vater nach draußen begleitet, setzt Ferdinand seinen Plan um und wirft Gift in das Getränk.
    • Dann kommentiert er die Entwicklung in seinem Sinne: Er scheut sich nicht, die „obern Mächte“, also letztlich Gott, als Partner seines mörderischen Plans zu begreifen.
    • Anmerkung:
      • Daraus kann man möglicherweise die Hypothese ab leiten, dass das Christentum zur Zeit des Dramas wohl anscheinend sehr standesgemäß verstanden wird.
      • Das heißt: Jeder Stand hat es im Sinne der eigenen Position und der eigenen Interessen für sich interpretiert.
      • Eine die Stände übergreifende Wirkung scheint zumindest nach Aussage des Dramas der christliche Glaube damals nicht besessen zu haben.
Klärung der Voraussetzungen

Wenn man die Voraussetzungen einer Szene, den Stand des Konflikts an ihrem Anfang beschreiben will, muss man sich zunächst anschauen, worum es denn in der Szene geht:

  1. Hier geht es darum, dass Ferdinand beschlossen hat, die angeblich ungetreue Luise zu vergiften,
  2. um mit ihr gemeinsam zumindest im Jenseits vereinigt zu sein.
  3. Dahinter steht der angebliche Liebesbrief, den Luise an den Hofmeister richten musste, verbunden mit dem Eid, den damit verbundenen Zwang nicht offen zu legen.
  4. Dies wiederum hat sie getan, um Schaden von ihrer Familie und vor allem von ihrem Vater abzuwenden,
  5. der in einer Auseinandersetzung mit dem Präsidenten ziemlich ausfällig geworden ist, was ihn ins Gefängnis gebracht hat.
  6. Die Bereitschaft Ferdinands, zum Schutz der Familie von Luise sogar seinen Vater zu verraten, hat Wurm auf die Idee gebracht, einen inneren Keil in die Beziehung zu treiben, eben durch diesen falschen Brief, den Luise schreiben musste.
  7. Letztlich beginnt man am besten
    1. mit der unstandesgemäßen Liebe, die die Pläne des Vaters, des Präsidenten stören.
    2. Der hat zunächst mit Druck versucht, seinen Sohn davon abzubringen.
    3. Der aber ist standhaft geblieben und war sogar bereit, in einer Auseinandersetzung die Verbrechen des Vaters, von denen er erfahren hat, zu verraten.
    4. So konnte die Liebe nicht mehr durch Druck von außen auseinandergetrieben werden, sondern nur durch einen Eifersuchtsplan, den Wurm entworfen hat.
    5. Luise hat einen angeblichen Liebesbrief an den Hofmeister schreiben müssen, , um Strafmaßnahmen gegen ihren Vater zu verhindern, verbunden mit dem Eid, den Zwang nicht offen zu legen.
    6. Dies hat Ferdinand so in Zorn versetzt, dass er bereit ist, Luise zu töten, um mit ihr zumindest im jenseits vereinigt zu sein.
    7. Zu Beginn dieser Szene ist Ferdinand dabei, seinen Plan mit Gift in einer Limonade umzusetzen, die Luise ihm bringen soll.
Quelle:
Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 1, München 31962, S. 849-850.

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