Gabriele Wohmann, „Ich Sperber“ und die Bedeutung des Inneren Monologs

Zu diesem Thema gibt es ein Video, das auf Youtube unter der folgenden Adresse zu finden ist:
Die zugehörige Dokumentation stellen wir hier auch noch bereit.
Dann geht es weiter unten um eine ausführliche Behandlung des Themas.

Videodokumentation herunterladen :
Mat806 VidBeglBlatt Gabriele Wohmann, Ich Sperber, Kurzgeschichte

Kurze Zusammenfassung von Inhalt und Thematik der Kurzgeschichte:

In der Geschichte geht es um einen Schüler, der einer neuen Lehrerin gleich auffällt, weil er ständig aus dem Fenster blickt. Sie spricht ihn an, will seinen Namen wissen, worauf der Junge nur mit dem Vogelnamen „Sperber“ reagiert. Daraus entwickelt sich ein skurriles Nichtgespräch, das die Lehrerin als Machtkampf empfindet, während der Junge in einer ganz anderen Welt lebt. Am Ende bricht die Lehrerin den Unterricht ab und übergibt den Jungen seiner Mutter, wobei deutlich wird, dass er sich dem Versuch einer versuchsweise fürsorglich-freundlichen Erziehung völlig entzieht.

 
Zu finden ist die Geschichte u.a. in:
Schlaglichter. Zwei Dutzend Kurzgeschichten, mit Materialien, zusammengestellt von Herbert Schnierle-Lutz, Ernst Klett Verlag: Stuttgart, Leipzig 2008/2015, S. 8-12
ISBN: 978-3-12-262731-7
Anmerkungen zur Kurzgeschichte
  1. Die Geschichte beginnt mit dem Machtkampf zwischen einer neuen Lehrerin und einem eigensinnigen Schüler. Scheinbar geht es um die Schulordnung, wozu auch die Frage des Namens des Schülers gehört.
  2. Belastet wird die Situation durch das voyeurhafte Interesse der Mitschüler an den Einzelheiten und dem Ergebnis dieser Auseinandersetzung.
    [Voyeur = jemand, der andere Menschen beobachtet, auch da, wo sie das nicht wünschen]
  3. Spannend wird die Geschichte durch die Verklammerung von Schulnormalität und eigensinnigem Interesse an der Vogelwelt, die vom Klassenraum aus zu sehen ist.
  4. Erzähltechnisch wird das durch die Kombination von Dialog und Innerem Monolog des Schülers umgesetzt.
  5. Am Ende wird die Hilflosigkeit der beiden Erwachsenen deutlich, die versuchen, mit einer gewollt freundlichen Orientierung an einer angenommenen Kinderwelt dem Jungen gerecht zu werden, während der in einer ansatzweise darwinistischen Welt des Tötens zugunsten der Futterbeschaffung lebt.
  6. Offen bleibt die Frage, wie abseitig Einstellung und Verhalten des Jungen sind oder ob hier nur freigelegt wird, was in jedem Menschen sein könnte, wenn man über die Grenzen scheinbar normaler Zivilisiertheit hinaus beobachtet und fühlt.
Wie in dieser Kurzgeschichte der „Innere Monolog“ eingesetzt wird:
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Die Kurzgeschichte beginnt ganz normal mit dem Dialog zwischen der Lehrerin und dem auffälligen Kind.
Der eingerückte Text ist ein Originalzitat – wir lassen hier die Anführungszeichen des Zitats weg, damit die Anführungszeichen im Text selbst deutlicher werden.
„Wie heißt du?“ fragt die Lehrerin den letzten in der Fensterbankreihe. Sie spürt wieder stärker das Lauern in der Klasse. Sie geht durch den schmalen Gang, stellt sich vor die letzte Bank.
„Wie heißt du? Ich habe dich was gefragt, hast du verstanden?“
“Sperber“, sagt das Kind, ohne den Blick vom Fenster weg auf die Lehrerin zu richten.
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Dann aber geschieht etwas sehr Interessantes, denn
  1. Das Kind blickt auf den Ast.
    • Hier liegt noch ein einfacher Erzählerbericht vor.
  2. Der Star wippt, bebt vor Erwartung.
    • Hier weiß man schon nicht mehr, ob das nicht die Gedanken des Kindes sind.
  3. Endlich ein größerer Vogel: sogar ein Perlstar. Ist er mit Leinsamen und Hanf nicht zufrieden, weil er sich nicht heranwagt? Wie kann er sich nur vor dem winzigen Gewirr der Meisen fürchten: schwarz und langgestreckt und groß.
    • Hier handelt es sich ganz eindeutig um die direkte Wiedergabe dessen, was das Kind denkt.
  4. Das Kind beschließt, den kleinen Vögeln einen ändern Futterplatz einzurichten.
    • Hier haben wir wieder die Rückkehr zum Erzählerbericht.
  5. Stare und Amseln könnten bei ihm landen. Aber erst der Sperber!
    • Hier haben wir zunächst wohl einen Gedanken des Kindes, dann folgt so etwas wie ein Entschluss, auch er direkt wiedergegeben – so wie ihn das Kind im Kopf haben könnte.
  6. Die Klasse lacht, wartet.
    • Hier wieder die Rückkehr zum Erzählerbericht, im Unterschied zum Einstiegssatz gar nicht mehr direkt auf das Kind bezogen.
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Schauen wir uns die nächste Stelle an, die noch breiter angelegt ist.
  1. Der erste Grünling dieses Vormittags schaukelt auf dem Birkenzweig.
  2. Mohn und Kolbenhirse muß es in Zukunft streuen.
  3. Der Grünling hat seine Scheu überwunden, flappt zwischen die Meisen; aber er fliegt davon, bevor er den Mut fassen konnte, sich ein Korn zu picken.
    Diese drei Sätze enthalten einen Erzählerbericht, der aber schon nah an den Gedanken des Kindes ist.

  4. Der Ast am Götterbaum ist wieder leer.
    Hier wird am Wort „Götterbaum“ wohl deutlich, dass das schon wieder ziemlich die Perspektive des Kindes ist – denn entweder hat es selbst diesem Baum diesen Namen gegeben oder aber es kennt sich aus – wohl im Gegensatz zu allen anderen im Raum.

  5. Vor allem müssen Ameisenpuppen und Fliegenlarven besorgt werden.
  6. Später dann lebende Insekten.
  7. Es muß langsam und gründlich vorbereitet werden.
  8. Und soll man überhaupt den Sperber bis an die Schulfenster locken?
  9. Wird er sich mit dem, was man ihm da bieten kann, zufrieden geben?
  10. In läppischer Meisengesellschaft?
    Hier wieder ein richtiger innerer Monolog – die direkte Wiedergabe von Gedanken.
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Die Lehrerin versucht, mit der Situation irgendwie klarzukommen, indem sie von einem Streich spricht und versucht, normal weiter mit der Klasse zu arbeiten. Das Kind am Fenster versucht sie zu ignorieren. Es ist wieder mit seinen Beobachtungen und Gedanken beschäftigt.
  1. Wann wird der Sperber aus dem Stechfichtenversteck heraus schlagen, das vom Fenster aus wie Wolle wirkt, obwohl die Entfernung nicht groß ist, fünfzig, sechzig Meter vielleicht, doch die Herbstluft macht alles undeutlich.
  2. Der Herbst hängt in Netzen vom Himmel, die Vögel kräftige schwarze Flecke darin.
  3. Wann wird der Sperber kommen, von Ast zu Ast im kahlen Götterbaum schrecken?
  4. Wird es erst im Frühjahr gelingen, ihn anzulocken, wenn es Forsythien gibt und Heckenkirschenknospen?
  5. Wird es Erfolg haben, ihm Nester in Bocksdorn und Schneebeerenbusch vorzubereiten?
  6. Nein, es wird nicht genügen. Man wird für ihn töten müssen, das wird nötig sein.
  7. Die Lehrerin schlägt das Buch auf, fragt in die Klasse: Was habt ihr denn zuletzt gemacht? Jetzt erzählt mir mal, was euer früherer Lehrer mit euch Schönes gelesen hat.
  8. Und vor allem Wacholder. Es muß eine ganze Hecke gepflanzt werden. Dicht schwarz muß sie sein, eine Wacholdermauer. Drosseln werden darin wohnen, man wird sie opfern müssen. Der Garten muß voller Vögel sein, voller Schlafbüsche und Mäuseschlupfwinkel. Der Sperber wird den Tisch gedeckt finden.
  9. Die Lehrerin steht vor der scharrenden Klasse.
  10. „Bringen Sie’s ihm doch mal bei, daß er kein Vogel ist!“
  11. „Er ist ja verrückt!“
  12.  So lang der dunkle weggewandte Rücken nicht aus dem Winkel ihres Blicks getilgt ist, kann sie mit der Klasse nichts anfangen.
  13. „Also gut“, ruft sie, der Unterricht ist für heute beendet.
  14. „Den Sperber“ – sie hatte ihre Stimme schraubend in die Höhe gezogen und wieder fallengelassen – „das Raubvögelchen werd ich nach Haus bringen und seiner Mutter übergeben. Wahrscheinlich hat er Fieber, das kommt auch mal bei Sperbern vor.“
  15.  Die Hand der Lehrerin zerrt das Kind aus der Bank, es dreht sich noch zurück nach dem Stieglitzschwarm, der ins Goldrautendickicht hinter dem Schulgarten fällt.
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Der Schluss der Kurzgeschichte:
Hier gibt es das ganz normale Gespräch zwischen der Lehrerin, dem Kind und schließlich noch seiner Mutter.
Die Ungeheuerlichkeit liegt jetzt nicht mehr in der Art der Präsentation der Gedanken, sondern im Gegensatz zwischen der kindisch-freundlichen Sprachhaltung der Erwachsenen, die von „Bettchen“ sprechen und „mein lieber kleiner Fink, meine winzige Meise“ und dem wuchtigen Schlusssatz des Jungen:
„Nein, alle kleinen Vögel, alle Mäuse und Insekten werde ich töten, ich Sperber.“
Als Leser fragt man sich irritiert, wer von dieser Gruppe eigentlich realistisch denkt und die Welt sieht, wie sie ist.
Was den Inneren Monolog angeht, so ist deutlich geworden, dass er die echten Gedanken enthält und dem Leser tiefe Einblicke erlaubt in die Figur hinein. Die Dialoge dagegen sind kommunikative Akte, bei der immer auch Rollentypisches und Gruppendynamisches im Spiel ist – jedenfalls präsentieren sie nur mehr Berechnung und Wirkungsabsicht als Authentizität der Gefühle und Absichten.
[Authentizität = Echtheit]

Weitere Infos, Tipps und Materialien

 

 

 

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