Worum es hier geht:
- Wenn eine neue Lektüre im Deutschunterricht ansteht, beginnt schnell das große Stöhnen.
- Einige kennen den Titel und all das, was negativ darüber im Umlauf ist.
- Andere fragen sich, gibt es nichts Moderneres?
- Das folgende Interview zwischen dem erfahrenen „Behelfsschriftsteller“ und Deutschlehrer Lars Krüsand und unserer aufstrebenden KI-Mitarbeiterin Mia Tivag nimmt das Stöhnen ernst, zeigt aber auch einen Ausweg.
- Am Ende könnte ein „Vertrag“ zwischen Lehrkraft und Schülis stehen – etwa wie folgt:
„Stöhnen ist erlaubt, aber erst sinnvoll nach gemeinsamer Goldsuche“ 😉
Interview mit Lars Krüsand: „Lesen ist wie Goldsuche – manchmal dauert’s eben“
Ein Gespräch zwischen der reflektierenden Mia Tivag und dem erfahrungsgesättigten Schriftsteller Lars Krüsand
Mia Tivag: Herr Krüsand, Sie haben einmal gesagt, Lesen sei wie Goldsuche. Meinen Sie das ernst – oder war das eher eine stilistische Ausgrabung?
Lars Krüsand: Ach, das war schon ernst gemeint. Ich hab’s selbst erlebt – als Leser und später als Lehrer. Manche Bücher sind wie ein verschütteter Stollen: Man hackt sich erst mal durch Felsen aus Fremdheit und Frust. Und irgendwann blitzt da ein Goldkörnchen. Oder auch nicht. Aber selbst das Scheitern ist manchmal ein Fund.
Mia: Gab’s bei Ihnen so ein Buch, bei dem Sie besonders lange graben mussten?
Lars: Oh ja. Goethes Wahlverwandtschaften. Erst war das Pflichtlektüre im Studium, ich hab’s gehasst. Aber dann – beim dritten oder vierten Mal – hab ich angefangen, Schichten zu entdecken. Das war wie beim Goldsucher: Tagelang klopfen, und dann – plötzlich – glänzt was im Gestein.
Mia: Klingt nach einer späten Liebe.
Lars: Ja, genau. Und manchmal wird aus dem Zwang dann eine Leidenschaft. Kafka war da mein persönlicher Wendepunkt. Seine Geschichten – so kurz, so schräg – die haben mich gefangen. Irgendwann hab ich gemerkt: Das sind Albträume aus einer Welt, die nicht so in Ordnung ist, wie wir tun. Und da wollte ich rein, verstehen, aufschließen.
Mia: Sie haben das Bild des Goldsuchers auch auf den Schulunterricht übertragen. Was bedeutet das für die Schülerinnen und Schüler?
Lars: Ganz einfach: Sie bekommen Bücher vorgesetzt, die erst mal nicht locken. Keine Action, kein schneller Einstieg. Aber die gute Nachricht ist: Diese Bücher wurden ausgesucht, weil schon jemand Gold darin gefunden hat. Wer also bereit ist zu graben – mit Neugier, Geduld, vielleicht auch mit Hilfe – der kann fündig werden.
Mia: Und wenn nicht?
Lars: Dann kann man wenigstens aus dem Scheitern etwas machen. Zum Beispiel bei Woyzeck. Ich fand das Stück immer schrecklich. Nur Elend, kein Ausweg. Aber dann kam mir die Idee: Vielleicht ist Marie, nicht Woyzeck, die eigentliche Heldin. Sie kämpft – wenn auch leise – für ein anderes Leben. Und allein dieser Perspektivwechsel war mein Goldfund.
Mia: Also ein Plädoyer fürs Dranbleiben?
Lars: Unbedingt. Literatur ist kein Instant-Erlebnis. Sie will erarbeitet werden. Manchmal schmeckt sie erst beim dritten Lesen. So wie bei einem guten Käse: Am Anfang fremd oder sogar leicht abweisend – und dann entfaltet sich der Geschmack, Schicht für Schicht, bis man plötzlich merkt: Das ist ein Genuss, den man vorher gar nicht kannte.
Mia: Und manchmal fragt man sich: Warum hab ich den nicht schon früher gemocht? Vielen Dank, Herr Krüsand – für Ihre Ehrlichkeit, Ihre Bilder und diesen literarisch-gereiften Käseteller.