Worum es hier geht:
Wir präsentieren hier eine Geschichte, die sich mit der Frage beschäftigt, ob Fantasiewelten, die zu Poesie werden, auch eine Gefahr darstellen können.
Kimia Tivag
Livias Geschichte(n)
Livia war fünfzehn, fast sechzehn, und saß wie so oft an ihrem Schreibtisch. Das Heft vor ihr war bereits halb gefüllt mit hastigen Zeilen, durchgestrichenen Sätzen und neu angesetzten Gedanken. Sie schrieb Geschichten – nicht zum Vorzeigen, sondern um ihre vielen Wünsche irgendwo unterzubringen.
Gerade wollte sie einen neuen Absatz beginnen, da klopfte es, und ihr Onkel trat ins Zimmer. Er war zu Besuch, und Livia hatte nicht damit gerechnet, dass er einfach so hereinkommen würde. Verwundert blieb er an der Tür stehen. »Du schreibst Geschichten?«
Livia nickte und legte den Stift kurz weg. »Ja. Ich habe immer schon viele Wünsche gehabt – ich wollte reisen, Menschen kennenlernen oder Dinge erleben, die einfach nicht gingen. Und irgendwann dachte ich mir: Warum nicht in einer Geschichte? Da kann ich alles ausprobieren, was ich sonst nur träumen könnte.«
Der Onkel lächelte, aber in seinem Blick lag auch etwas Nachdenkliches. »Das ist wunderbar«, sagte er, »aber du musst aufpassen, dass du den Boden unter den Füßen nicht verlierst. Manchmal können Geschichten uns so sehr einfangen, dass wir die Wirklichkeit daneben vergessen.«
Diese Worte ließen Livia nicht los. Natürlich wusste sie, dass er recht haben könnte. Manchmal war es viel schöner, in eine erfundene Welt zu tauchen, als den grauen Alltag auszuhalten. Aber ganz loslassen wollte sie ihre Geschichten nicht.
Einige Tage später saß sie an der Bushaltestelle. Der Bus verspätete sich, und sie zog ihr Heft hervor. Die ersten Sätze entstanden, als sich jemand neben sie setzte – ein Mädchen etwa in ihrem Alter. Nach einer Weile beugte es sich neugierig zu ihr. »Was schreibst du da?«
Livia zögerte, dann zeigte sie ihr Heft. Das andere Mädchen nickte anerkennend. »Wir haben einen Schreibblock-Club. Wir treffen uns regelmäßig, lesen uns Texte vor und sprechen darüber. Manchmal geht es richtig zur Sache – so ähnlich wie damals bei der Gruppe 47. Hättest du Lust, mal vorbeizukommen?«
Livia wusste nicht, was sie antworten sollte. Der Gedanke, ihre Texte vor anderen vorzulesen, machte ihr Angst. Gleichzeitig spürte sie aber auch Neugier. Vielleicht war das die Chance, ihre Wünsche nicht nur allein im Heft festzuhalten. Der Bus kam endlich, und während sie einstieg, blieb die Frage offen: Würde sie den Mut finden, beim nächsten Treffen dabei zu sein?
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Übersicht über Texte einer „Behelfsschriftstellerin“, die das einfach mal selbst probiert, was richtige Dichter vor ihr schon gemacht haben:
https://schnell-durchblicken.de/kimia-tivag-was-dabei-herauskommt-wenn-man-den-dichtern-nacheifert
— - Weitere Themen des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/weitere-infos