Lösungshinweise zur Klausur: Goethe, „Werther“, Auszug aus dem Brief vom 26. Mai (Mat8624)

Worum es hier geht:

Präsentiert wird eine Klausuraufgabe, in der ein Briefauszug aus Goethes „Werther“ im Hinblick die Grundhaltung des Protagonisten und ihre Folgen analysiert werden soll.

Hier nun einige Hinweise zur Lösung:

  • Zunächst muss kurz geklärt werden, wie Werther nach Wahlheim gekommen ist und was ihn dort fasziniert.
  • Wichtig ist, kurz auf den Anfang des Briefes einzugehen, denn der führt ja zu seiner entschiedenen Einstellung pro Natur und auch pro Kunst nach der Kultur.
  • Aus dem Brief selbst kann man Folgendes herausarbeiten (siehe die eingefügten Kommentar zu den Briefabschnitten).
  • Anschließend kann man überleiten zu Werther, der
    • im Umgang mit Lotte die Regeln der bürgerlichen Gesellschaft und auch der damals vorherrschenden Moral zumindest ansatzweise überschreitet,
    • dabei allerdings auch mehr Egoismus zeigt als Liebe im Sinne von Hinwendung zum anderen.
    • Am Ende zerbricht er daran.
    • Hier kann jetzt jeder selbst überlegen, ob er an den Regeln zerbricht oder an sich selbst.

Aufgabe:

  1. Analysieren Sie nach kurzer Klärung der Situation Werthers den unten abgedruckten Auszug aus dem Brief vom 26. Mai.
  2. Erörtern Sie vor dem Hintergrund dieses Briefes Werthers Verhalten im Umgang mit Lotte und beziehen Sie dabei ein, was aus dieser Beziehung geworden ist.
  3. Verfassen Sie ein kurzes Statement, indem Sie Ihre eigene Haltung zum Umgang mit den „Regeln […]der bürgerlichen Gesellschaft“ formulieren.

Am 26. Mai.

Das bestärkte mich in meinem Vorsatze, mich künftig allein an die Natur zu halten. Sie allein ist unendlich reich, und sie allein bildet den großen Künstler.

  • Ausgangspunkt ist die Komplett-Orientierung an der Natur
  • mit der Begründung, sie sei allein „unendlich reich“ und bilde „den großen Künstler“.
  • Das wird nicht näher ausgeführt.
  • Hier kann man kurz Überlegungen anstellen, was denn bei einer solchen Haltung mit Natur und Kunst gemeint ist. Sicherlich aus heutiger Sicht kein einfaches Draufhalten mit der Kamera.
  • Es geht wohl eher um den von Werther beschriebenen Prozess einer Anverwandlung der Natur, eines Aufgehens in ihr.,

Man kann zum Vorteile der Regeln viel sagen, ungefähr was man zum Lobe der bürgerlichen Gesellschaft sagen kann. Ein Mensch, der sich nach ihnen bildet, wird nie etwas Abgeschmacktes und Schlechtes hervorbringen, wie einer, der sich durch Gesetze und Wohlstand modeln läßt, nie ein unerträglicher Nachbar, nie ein merkwürdiger Bösewicht werden kann; dagegen wird aber auch alle Regel, man rede was man wolle, das wahre Gefühl von Natur und den wahren Ausdruck derselben zerstören! Sag‘ du: ›Das ist zu hart! sie schränkt nur ein, beschneidet die geilen Reben‹ etc. –

  • Hier zeigt Werther auf, was durchaus Vorteile der Regeln sind.
  • Sie sorgen für Ordnung und für so etwas, was man „Höflichkeit“ nannte, also die Orientierung an der damaligen Kultur an den Fürstenhöfen.
  • Damit wird allerdings schon ein Problem deutlich. Es ist eine Kultur der Macht, der kontrollierten Aggression.
  • Von daher wundert man sich nicht, dass Werther jetzt am Beispiel der Liebe die Grenzen dieser „Höflichkeit“ aufzeigt.

Guter Freund, soll ich dir ein Gleichnis geben? Es ist damit wie mit der Liebe. Ein junges Herz hängt ganz an einem Mädchen, bringt alle Stunden seines Tages bei ihr zu, verschwendet alle seine Kräfte, all sein Vermögen, um ihr jeden Augenblick auszudrücken, daß er sich ganz ihr hingibt. Und da käme ein Philister, ein Mann, der in einem öffentlichen Amte steht, und sagte zu ihm: ›Feiner junger Herr! Lieben ist menschlich, nur müßt Ihr menschlich lieben! Teilet Eure Stunden ein, die einen zur Arbeit, und die Erholungsstunden  widmet Eurem Mädchen. Berechnet Euer Vermögen, und was Euch von Eurer Notdurft übrig bleibt, davon verwehr‘ ich Euch nicht, ihr ein Geschenk, nur nicht zu oft, zu machen, etwa zu ihrem Geburts – und Namenstage‹ etc. – Folgt der Mensch, so gibt’s einen brauchbaren jungen Menschen, und ich will selbst jedem Fürsten raten, ihn in ein Kollegium zu setzen; nur mit seiner Liebe ist’s am Ende und, wenn er ein Künstler ist, mit seiner Kunst.

  • Hier wird überzeugend deutlich, dass diese Art von Regelbefolgung tatsächlich das Ende der Liebe und der Kunst bedeuten kann.
  • Beides ist angewiesen auf Originalität – und die bedeutet häufig eine Abweichung von den Regeln – man könnte auch sagen: der Norm – bzw. deren Überschreitung.

O meine Freunde! warum der Strom des Genies so selten ausbricht, so selten in hohen Fluten hereinbraust und eure staunende Seele erschüttert? – Liebe Freunde, da wohnen die gelassenen Herren auf beiden Seiten des Ufers, denen ihre Gartenhäuschen, Tulpenbeete und Krautfelder zugrunde gehen würden, die daher in Zeiten mit Dämmen und Ableiten der künftig drohenden Gefahr abzuwehren wissen.“

  • Am Ende dann ein eindrucksvolles Bild vom Genie, das „ausbricht“, „in hohen Fluten heranbraust“ und einen durchaus auch „erschüttert“.
  • Dem gegenüber stehen die „gelassenen Herren“, die sich eben durch nichts erschüttern lassen, nur auf Sicherheit bedacht sind (hier die Fortsetzung des Bildes der Fluten).

Quelle: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band 6, Hamburg 1948 ff, S. 7-60 – Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004853385

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