Klausur: Goethe, Werther, Reaktion auf Alberts Ankunft (Mat8583-1)

Worum es hier geht:

Eine Schlüssel-Episode in Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ ist der Brief vom „30. Julius“, in dem die Reaktion des recht schräg verliebten jungen Mannes auf die Antwort des Verlobten seiner Angebeteten beschrieben wird.

Zu finden ist dieser Brief zum Beispiel hier:
Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden. Band 6, Hamburg 1948 ff, S. 7-60. Permalink: http://www.zeno.org/nid/20004853385

Zunächst die Aufgabenstellung:

Die Aufgabe
  1. Analysieren Sie den Brief vom „30. Julius“ aus Goethes Roman „Die Leiden des jungen Werther“, indem Sie
    1. den Textauszug zunächst mit Angabe des Themas in einem Einleitungssatz vorstellen,
    2. dann mit Blick auf den Textauszug die Situation klären, in der Werther sich am Anfang des Briefes befindet,
    3. als nächstes einen Überblick über die Erzählstruktur des Briefes geben
    4. und dann seine Intentionalität (Aussagen) herausarbeiten
    5. sowie am Ende schließlich zeigen, mit welchen sprachlichen und rhetorischen Mitteln die Aussagen des Textauszugs unterstützt werden.
  2. Beschreiben Sie anschließend ausgehend von diesem Brief die Eigenart  der Beziehung Werthers zu Lotte und erörtern Sie vor diesem Hintergrund, inwieweit Lotte hier wirklich zwei „Verehrer“ zur Wahl hat.

Hier zunächst der Textauszug aus Goethes Roman, weiter unten gibt es eine Druckvorlage.

Am 30. Julius.

Albert ist angekommen, und ich werde gehen; und wenn er der beste, der edelste Mensch wäre, unter den ich mich in jeder Betrachtung zu stellen bereit wäre, so wär’s unerträglich, ihn vor meinem Angesicht im Besitz so vieler Vollkommenheiten zu sehen. – Besitz! – Genug, Wilhelm, der Bräutigam ist da! Ein braver, lieber Mann, dem man gut sein muß. Glücklicherweise war ich nicht beim Empfange! Das hätte mir das Herz zerrissen. Auch ist er so ehrlich und hat Lotten in meiner Gegenwart noch nicht ein einzigmal geküßt. Das lohn‘ ihm Gott! Um des Respekts willen, den er vor dem Mädchen hat, muß ich ihn lieben. Er will mir wohl, und ich vermute, das ist Lottens Werk mehr als seiner eigenen Empfindung; denn darin sind die Weiber fein und haben recht; wenn sie zwei Verehrer in gutem Vernehmen mit einander erhalten können, ist der Vorteil immer ihr, so selten es auch angeht.

Indes kann ich Alberten meine Achtung nicht versagen. Seine gelassene Außenseite sticht gegen die Unruhe meines Charakters sehr lebhaft ab, die sich nicht verbergen läßt. Er hat viel Gefühl und weiß, was er an Lotten hat. Er scheint wenig üble Laune zu haben, und du weißt, das ist die Sünde, die ich ärger hasse am Menschen als alle andre.

Er hält mich für einen Menschen von Sinn; und meine Anhänglichkeit zu Lotten, meine warme Freude, die ich an allen ihren Handlungen habe, vermehrt seinen Triumph, und er liebt sie nur desto mehr. Ob er sie nicht manchmal mit kleiner Eifersüchtelei peinigt, das lasse ich dahingestellt sein, wenigstens würd‘ ich an seinem Platze nicht ganz sicher vor diesem Teufel bleiben.

Dem sei nun wie ihm wolle, meine Freude, bei Lotten zu sein, ist hin. Soll ich das Torheit nennen oder Verblendung? – Was braucht’s Namen! erzählt die Sache an sich! – Ich wußte alles, was ich jetzt weiß, ehe Albert kam; ich wußte, daß ich keine Prätension an sie zu machen hatte, machte auch keine – das heißt, insofern es möglich ist, bei so viel Liebenswürdigkeit nicht zu begehren – Und jetzt macht der Fratze große Augen, da der andere nun wirklich kommt und ihm das Mädchen wegnimmt.

Ich beiße die Zähne auf einander und spotte über mein Elend, und spottete derer doppelt und dreifach, die sagen könnten, ich sollte mich resignieren, und weil es nun einmal[42] nicht anders sein könnte. – Schafft mir diese Strohmänner vom Halse! – Ich laufe in den Wäldern herum, und wenn ich zu Lotten komme, und Albert bei ihr sitzt im Gärtchen unter der Laube, und ich nicht weiter kann, so bin ich ausgelassen närrisch und fange viel Possen, viel verwirrtes Zeug an. – »Um Gottes willen,« sagte mir Lotte heut, »ich bitte Sie, keine Szene wie die von gestern abend! Sie sind fürchterlich, wenn Sie so lustig sind.« – Unter uns, ich passe die Zeit ab, wenn er zu tun hat; wutsch! bin ich drauß, und da ist mir’s immer wohl, wenn ich sie allein finde.

Hier die Druckvorlage des Textes:

Mat8583-1 Aufgabe und Klausurtext Werther Alberts Ankunft

Weitere Infos, Tipps und Materialien

 

Cookie Consent mit Real Cookie Banner