Lars Krüsand, „Was auch immer du tust …“ oder: Von Macht zu Ohnmacht (Mat6157)

Worum es hier geht:

In der Schule fühlen sich Schülis hin und wieder ziemlich hilflos. Aber auch Lehrkräfte können an die Grenzen ihrer Macht stoßen – und tun gut daran, im Zweifel auf ihr Herz oder andere passende innere Entscheidungsinstanzen zu hören.

Hierzu gibt es auch eine Audio-Fassung:
https://schnell-durchblicken.de/audio6157

Lars Krüsand,

Was auch immer du tust …

Er war doch sehr erstaunt gewesen, als dieser Schüler vor ihm stand und ihm einen Zettel vor die Nase hielt. Was er zu lesen bekam, war schon ziemlich dreist. Da hatte der Junge eine recht schwache Arbeit geschrieben – er hatte ihm die Punktverteilung und die Note druntergeschrieben und gedacht: Gut is.

Weit gefehlt. Der wollte doch wirklich einen „Erwartungshorizont“ haben – was immer das sein mochte. Dem hatte er es aber gegeben: Mein lieber Joe, ich habe euch doch vor einiger Zeit gesagt, worauf es in der Arbeit ankommt. Wenn du da nicht zuhörst, ist das dein Problem. Und wenn du das nicht umsetzen kannst, ist das Problem noch größer. Und wenn du mich jetzt nicht bald in Ruhe lässt, wird das Problem noch größer sein. Und du wirst dich fragen, ob man sich mit mir anlegen soll.

Übrigens: Du bist jetzt in der Jahrgangsstufe 11. Glaubst du wirklich, dass du das verstehst, was wir Lehrkräfte in den Erwartungshorizont im Abitur schreiben. Das ist nur für den Kokorrektor, damit der überhaupt sieht, was wir alles gemacht haben. So – und jetzt mach’s gut.

Hinterher hatte er sich richtig gut gefühlt. Vor allem, als er gesehen hatte, wie der Junge mit hängenden Schultern davonschlich. Erst im Türrahmen hatte er sich etwas aufgerichtet, sich einmal umgedreht – und in seinen Augen war ein seltsamer Glanz gewesen.

Seine gute Laune endete, als er nach Schulschluss seinem Freund von seiner erzieherischen Arbeit an jugendlichem Übermut erzählte.

Dummerweise war der Fachvorsitzender und arbeitete stundenweise in der Schulbehörde.

„Hast du in den Sommerferien schon was vor?“

Irritierte Reaktion: „Wieso, was hat das mit dieser Geschichte zu tun?“

„Nun ja, wenn du Pech hast, wird dich diese Geschichte ein paar Wochen der Ferien kosten.“

„Wieso das denn?“

„Nun, wenn du dem Jungen nicht die Note auf dem Zeugnis gibst, die er haben will, wird er vielleicht Widerspruch einlegen.“

„Ja, und?“

„Nun ja, in der Behörde sitzen Juristen, die arbeiten so einen Fall nach Schema F ab.“

„Und was heißt das?“

„Du wirst aufgefordert, Stellung zu nehmen und alles vorzulegen, was die Note rechtfertigt.“

„Und was heißt das konkret?“

Ist doch klar, habe ich letztens noch erlebt. Da musste der Kollege die gesamten Aufzeichnungen zu seinem Unterricht vorlegen.“

„Da habe ich ja das Kursbuch.“

„Hoffentlich sieht es gut aus. So mit Zuweisung der Kompetenzen usw. Außerdem musst du akribisch klarmachen, dass dieser Schüler den Erwartungshorizont überhaupt aufgrund des Unterrichts erreichen konnte.“

Don merkte, wie ihm schwindlig wurde. Wenn es nicht sein Freund gewesen wäre, hätte er es drauf ankommen lassen. Aber der kannte sich sehr gut aus und erzählte manchmal wahre Horrorgeschichten über das, was die Juristen den Lehrkräften antaten. Aber es half nichts. Bei so was hatten die das sagen.

„Gibt es denn keinen Ausweg?“ fragte er kleinlaut.

„Ach Don, wir hatten doch in der gleichen Schule Latein. Erinnerst du dich noch an Dr. Gegenhardt und seine schlauen Sprüche?

Einer hieß: „Quidquid agis, prudenter  agas et respice finem.“

Wie schon erwartet, verständnislose Augen. Der gute Don war bei Ruderwettkämpfen deutlich erfolgreicher gewesen als in Latein.

„Das heißt: Was auch immer du tust, tu es klug und bedenke das Ende.“

Der Satz fuhr dem Ex-Ruderer schwer in die Knochen. Der Schluss erinnerte ihn an Barockzeiten, wo ständig an den Tod gedacht wurde.

Aber er hatte einen Freund – und der meinte lächelnd: Das mit dem klugen Handeln hast du vergeigt, aber du kannst dein Ende, sorry: den Übergang in die Ferien für dich lustvoller gestalten.“

Hoffnung keimte auf.

Der Freund packte seine Sachen und meinte schon leicht abgewandt: „Gib dem Jungen einfach die Note, die er für gerechtfertigt hält und gut is.“

 

 

 

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