Lessing, „Der Tanzbär“ – Vorstellung einer Fabel aus der Zeit der Aufklärung (Mat649)

Worum es hier geht:

Erläuterung der Fabel „Der Tanzbär“ von Lessing, in der ein uneigentliches Leben aufs Korn genommen wird. In ihm kann man zwar zu besonderen – auch künstlerischen – Leistungen kommen, es bleibt aber Sklavendienst.

Gotthold Ephraim Lessing,

Der Tanzbär

01 Ein Tanzbär war der Kett entrissen,

02 Kam wieder in den Wald zurück,

  •     Ein Tier, das man aus der Natur in die Zivilisation geholt hat, es also seiner Herkunft entfremdet hat, kann sich befreien.
  •     Und kehrt in seine ursprüngliche natürliche Heimat zurück.03 Und tanzte seiner Schar ein Meisterstück

04 Auf den gewohnten Hinterfüßen.
05 „Seht“, schrie er, „das ist Kunst; das lernt man in der Welt.

06 Tut mir es nach, wenns euch gefällt,
  • Das Tier ist zwar äußerlich frei geworden, aber innerlich immer noch an das Gelernte gebunden
  • und auch noch stolz darauf
  • und es fühlt sich seinen alten Artgenossen überlegen.
07 Und wenn ihr könnt!“ „Geh“, brummt ein alter Bär,
  • In dieser Zeile gibt es einen Umschwung. Einem maximalen Anspruch steht maximaler Widerstand gegenüber, bezeichnenderweise im Imperativ „Geh“ formuliert, was sicher bedeutet: „Ach, lass mal!“, aber eben auch „Verschwinde“ bedeuten kann.

08 „Dergleichen Kunst, sie sei so schwer,
09 Sie sei so rar sie sei!

10 Zeigt deinen niedern Geist und deine Sklaverei.“
  • Der alte Bär als Vertreter natürlicher und zugleich alter Weisheit und Erfahrung
  • akzeptiert durchaus, dass der Ankömmling etwas gelernt hat und darin ihnen überlegen ist,
  • aber entscheidend ist nicht das „rar“, also selten oder in diesem Umfeld außergewöhnlich,
  • sondern entscheidend ist, was dahintersteht, nämlich, dass es „niedern Dienst“, also genau das Gegenteil vom Anspruch, und sogar „Sklaverei“ zeigt.

11 Ein großer Hofmann sein,
12 Ein Mann, dem Schmeichelei und List
13 Statt Witz und Tugend ist;
14 Der durch Kabalen steigt, des Fürsten Gunst erstiehlt,

15 Mit Wort und Schwur als Komplimenten spielt,
  • Hier spricht nicht mehr der Bär, sondern das lyrische Ich.
  • Es überträgt den Inhalt der Fabel auf das Gemeinte, nämlich die höfische Welt.
  • Der Tanzbär wird gleichgesetzt dem großen „Hofmann“,
  • der wird durch Charakterzüge gekennzeichnet, die wirklich moralisch etwas Niedriges haben und eher einem Sklaven zugerechnet werden.
  • Deutlich wird der Gegensatz von „Schmeichelei und List“ zu „Witz“ im Sinne von Klugheit und „Tugend“.
  • Dann wird es auf den Punkt gebracht: Ein solcher Hofmann steigt eben nur durch „Kabalen“, also Hofintrigen auf und ist eigentlich ein Dieb, der die die Gunst des Fürsten „erstiehlt“.
  • Statt wirklich etwas zu leisten, wird so leichtfertig mit dem „Wort“ eines Mannes, das früher etwas galt, und sogar einem Schwur umgegangen wie mit Komplimenten, also schönen, aber letztlich nichtssagenden Sprüchen, mit denen man dem mehr oder weniger übertreibt bei der Hervorhebung von irgendetwas Gutem. Das Gegenüber wird dabei genauso betrogen – wenn es das für bare Münze nimmt – wie der vorher genannte Fürst. Aber der wird sicher damit rechnen und am Ende der Stärkere sein.

16 Ein solcher Mann, ein großer Hofmann sein,

17 Schließt das Lob oder Tadel ein?
  • Am Ende wird nach Aufzählung all des Schlechten bzw. Fragwürdigen, wird dem Leser die Frage gestellt und damit ds Urteil überlassen, ob das nicht eher Tadel als Lob ist.
  • Das wiederum ist auch der Abschluss der Bärengeschichte, der damit auch noch ausdrücklich getadelt wird.
Das Gedicht zeigt:
  • wie man eine Fabel einsetzen kann, um eine Wahrheit zu transportieren – typisch für die Aufklärung
  • dass es die Welt der letztlich falschen Zivilisation gibt (was gut zu Rousseaus „Zurück zur Natur“ passt)
  • und die der Natur und wohlverstandenen Tradition.
  • Vor allem geht es um Echtheit bzw. Aufrichtigkeit (was auch den Verzicht auf Tricks oder auch nur oberflächliche „Höflichkeit“ einschließt).
  • und den richtigen Gebrauch des Verstandes.
  • dass letztlich von der Natur ausgegangen wird, die mit Verstand und Moral verbunden wird.
Das Besondere an diesem Gedicht
  • dass deutlich wird, dass eine bestimmte Art von höfischer Zivilisation den Charakter so verdirbt,
  • dass selbst eine Befreiung und Rückkehr in die alte Natürlichkeit dort kein wirkliches Ankommen mehr ermöglicht.
  • Man nimmt die innere neue Natur, die man gelernt hat, mit.
  • Offen bleibt, ob dieser Bär die Lehre annehmen kann oder wirklich „gehen“ muss.
  • Eine Besonderheit ist auch der fließende Übergang von der eigentlichen „Bildgeschichte“ zum ausführlich präsentierten „Sachteil“.
  • Am Ende wird die Moral der Geschichte so klar formuliert, dass eigentlich kein Fehlurteil mehr möglich ist,
  • auch wenn das Urteil – wie bei einer rhetorischen Frage – dem Leser scheinbar offen überlassen wird.
Zur Kritik des Gedichtes und der Aufklärung:
  • Das Gedicht geht von einem gewissen Schwarz-Weiß-Denken aus.
  • Es setzt Ehrlichkeit und den Verzicht auf Tricks absolut
  • und übersieht dabei, dass Komplimente und der Versuch, mehr zu scheinen, als man ist, sowie der Einsatz vieler Mittel, die die eigene Position verbessern, zum Wesen des Menschen gehören.
  • Damit ist ein Kernproblem der Aufklärung zumindest indirekt erkennbar: Sie glaubt an die Erziehbarkeit des Menschengeschlechts – aber schon die Aufklärer selbst waren nicht einfach so gute Menschen, wie das Beispiel Voltaires zeigt.
  • Und später zeigte sich die „Dialektik“ der Aufklärung, auf der folgenden Seite näher beschrieben:
    https://textaussage.de/problem-dialektiv-aufklaerung-perspektive
  • Und wie es im 21. Jahrhundert – mit seinen ganz neuen, z.B. digitalen Möglichkeiten der Einschränkung der Menschenrechte – weitergeht, wird man sehen.

Weitere Infos, Tipps und Materialien

 

 

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