Lessing, Nathan, 3. Akt, Szene 1-3 – Analyse und Interpretation

Worum es hier geht:

Wir stellen hier die 1. Szene des III. Aktes aus Lessings „Nathan der Weise“ genauer vor.

Damit hat man eine gute Grundlage für Analyse und Interpretation

Schaubild Akt III, Szene 1

Hörbuch: Akt III, Szene 1-3

Wir haben diese drei Dateien zusammenfassend auf der folgenden Seite als Hörbuch im mp3-Format vorgestellt.

https://schnell-durchblicken.de/lessing-nathan-3-akt-szene-1-mp3-analyse-und-interpretation

Akt III, Szene 1: Inhalt, Zitate, Bedeutung
  1. Voraussetzungen Ende Akt II und damit dieser Szene:
    Nathan hat es geschafft, zum Freund des Tempelherrn zu werden. Dementsprechend beauftragt er in II,8 Daja, die hinzukommt, Recha entsprechend auf den Besuch vorzubereiten.
    In III,1 nun unterhalten sich die beiden Frauen über die aktuelle Situation.
  2. Verlauf der Szene:
    Recha ist sehr aufgeregt, nachdem sie erfahren hat, dass der Tempelherr bald kommen wird.
  3. Das führt auch dazu, dass sie schon über diese Begegnung hinausdenkt.
    Zitat 1:
    Und wenn er nun
    Gekommen, dieser Augenblick; wenn denn
    Nun meiner Wünsche wärmster, innigster
    Erfüllet ist: was dann? – was dann?
    Man sieht hier deutlich, wie sehr Recha die Ankunft des Tempelherrn erwartet
    und wie sehr sie sich auch schon fragt, was dann kommt.
    Ein sehr schönes Beispiel für das Problem des Umgangs mit besonders schönen Momenten, die ja auch mal vorbeigehen.
    Kleiner Tipp: Diese ganze gefühlsgeladene Passage passt in dieser Form nicht mehr in unsere Zeit. Es könnte interessant sein, diesen Moment mal in heutiger Sprache zu formulieren: Was denkt jemand, was bespricht er mit seinem Freund, seiner Freundin, wenn er kurz davor steht. Das muss nicht um Beziehungen gehen, es kann auch im Sport eine Meisterfeier sein o.ä.
  4. Daja nutzt das, um nun auch eigene Wünsche einzubringen:
    Daja
    Mein, mein Wunsch wird dann
    An des erfüllten Stelle treten; meiner.
    Mein Wunsch, dich in Europa, dich in Händen
    Zu wissen, welche deiner würdig sind.
  5. Recha reagiert sehr reserviert:
    Dich zieht dein Vaterland:
    Und meines, meines sollte mich nicht halten?
  6. Daja verweist auf den Tempelherrn:
    Daja.       Sperre dich, soviel du willst!
    Des Himmels Wege sind des Himmels Wege.
    Und wenn es nun dein Retter selber wäre,
    Durch den sein Gott, für den er kämpft, dich in
    Das Land, dich zu dem Volke führen wollte,
    Für welche du geboren wurdest?
  7. Recha reagiert ganz im Sinne ihres Vaters, indem sie das „für seinen Gott kämpfen“ deutlich zurückweist:
    Recha zu Daja:
    Daja!
    Was sprichst du da nun wieder, liebe Daja!
    Du hast doch wahrlich deine sonderbaren
    Begriffe! »Sein, sein Gott! für den er kämpft!«
    Wem eignet Gott? was ist das für ein Gott,
    Der einem Menschen eignet? der für sich
    Muß kämpfen lassen? –
    Und wie weiß
    Man denn, für welchen Erdkloß man geboren,
    Wenn man’s für den nicht ist, auf welchem man
    Geboren? –
     

    Genau dasselbe wird später Nathan dem Sultan sagen:

    Wenn mein Vater dich so hörte! –
    Was tat er dir, mir immer nur mein Glück
    So weit von ihm als möglich vorzuspiegeln?
    Was tat er dir, den Samen der Vernunft,
    Den er so rein in meine Seele streute,
    Mit deines Landes Unkraut oder Blumen
    So gern zu mischen? –
     

    Hier wird deutlich, wie sehr Recha an ihrem Vater hängt, nicht nur an ihm als Person, sondern auch an seinem Denken.
     

    Liebe, liebe Daja,
    Er will nun deine bunten Blumen nicht
    Auf meinem
    Boden! – Und ich muß dir sagen,
    Ich selber fühle meinen Boden, wenn
    Sie noch so schön ihn kleiden, so entkräftet,
    So ausgezehrt durch deine Blume; fühle
    In ihrem Dufte, sauersüßem Dufte,
    Mich so betäubt, so schwindelnd! –
     

    Recha macht hier deutlich, dass Dajas Blumen nicht die ihren sind, ja dass ihr „Boden“ dadurch eher ‚“ausgezehrt“ wird.
    Diesen Gegensatz von „Blumen“ und „Boden“ haben wir als erstes Schlüsselzitat dieser Szene herausgegriffen, weil das erste Wort für die Offenheit und das Bunte und Schöne der Zukunft steht – und das zweite Wort für die Geschichte, die Verwurzelung im bisherigen Leben.
     


    Dein Gehirn
    Ist dessen mehr gewohnt. Ich tadle drum
    Die stärkern Nerven nicht, die ihn vertragen.
    Nur schlägt er mir nicht zu; und schon dein Engel,
    Wie wenig fehlte, daß er mich zur Närrin
    Gemacht? – Noch schäm ich mich vor meinem Vater
    Der Posse!
     

    Hier kommt etwas sehr Erstaunliches, denn Recha deutet an, dass die „Engel“-Idee von Daja kam und von ihr inzwischen  abgelehnt wird.
    Dabei hatte man in I,2 eher den Eindruck, dass es sich um Rechas eigene Idee handelte.

    • Man erkennt hier, wie „vernünftig“ Rechas Vorstellungen von Religion sind – sie entsprechen genau dem, was auch Nathan sagen würde.
    • Was Dajas Andeutungen angeht, Recha gehöre eigentlich ins christliche Europa, so fühlt diese sich regelrecht bedroht davon.
    • Man merkt auch am Ende, welche enge Beziehung Recha zu ihrem „Vater“ hat. Sogar für den von ihr selbst vertretenen Engel-Glauben schämt sich inzwischen.
  8. Als Daja andeutet, dass sie nicht offener reden dürfte, erklärt Recha:
    Darfst du nicht?
    Wenn war ich nicht ganz Ohr, sooft es dir
    Gefiel, von deinen Glaubenshelden mich
    Zu unterhalten? Hab ich ihren Taten
    Nicht stets Bewunderung; und ihren Leiden
    Nicht immer Tränen gern gezollt? Ihr Glaube
    Schien freilich mir das Heldenmäßigste
    An ihnen nie. Doch so viel tröstender
    War mir die Lehre, dass Ergebenheit
    In Gott von unserm Wähnen über Gott
    So ganz und gar nicht abhängt.

    • Recha versteht die Schweige-Andeutungen Dajas natürlich nicht – und die kommt nicht dazu, noch deutlicher zu werden.
    • Interessant auch die „multireligiöse“ Einstellung Rechas, die auch gerne die Glaubensgeschichten des Christentums gehört und sich dazu eine Meinung gebildet hat – im negativen wie im positiven Sinne.
    • Das Christentum hatte ihr immer ein Defizit an Heldentum.
    • Dafür aber ein Plus in Sachen „Ergebenheit“ in Gott.
      Dies Zitat haben wir als zweites Schlüsselelement der Szene herausgegriffen, weil es zeigt, dass Recha auf der Höhe des Denkens von Nathan ist. Denn auch der hat einen offeneren und höheren Gottesbegriff als all die Gotteskrieger: Er glaubt nämlich daran, dass die individuelle „Ergebenheit“ in Gott unabhängig ist von irgendeinem „Wähnen“ über Gott, also bestimmten Gottesvorstellungen und Riten.
  9. Recha:
    Liebe Daja, das ist kein
    Gespräch, womit wir unserm Freund‘ am besten
    Entgegensehn. Für mich zwar, ja! Denn mir,
    Mir liegt daran unendlich, ob auch er …
    1. Interessante Äußerung zwischen Ablehnung des Themas und Interesse daran.
    2. Anscheinend geht es Recha darum zu wissen, wie der Tempelherr zur Frage der Religion steht – denn das ist ja jetzt das, was sie von ihm noch trennt.
III,2: Gespräch zwischen Daja, Recha und dem Tempelherrn

In dieser Szene kommt der Tempelherr erstmals mit Recha zusammen – Nathan ist nicht dabei.

Es geht hier um eine erste Annäherung – schnell wird aber klar, wie große die Gefühle für einander schon sind.

  1. Recha:
    Ich will
    Ja zu den Füßen dieses stolzen Mannes
    Nur Gott noch einmal danken; nicht dem Manne.
    Der Mann will keinen Dank; will ihn so wenig
    Als ihn der Wassereimer will, der bei
    Dem Löschen so geschäftig sich erwiesen.
    Der ließ sich füllen, ließ sich leeren, mir
    Nichts, dir nichts: also auch der Mann. Auch der
    Ward nur so in die Glut hineingestoßen;
    Da fiel ich ungefähr ihm in den Arm;
    Da blieb ich ungefähr, so wie ein Funken
    Auf seinem Mantel, ihm in seinen Armen;
    Bis wiederum, ich weiß nicht was, uns beide
    Herausschmiss aus der Glut
    . –

    1. Recha nimmt Rücksicht auf den Tempelherrn und will nicht ihm, sondern Gott danken.
    2. Außerdem zeigt ihre Schilderung der Rettung, wie viel Gemeinsamkeit damit verbunden ist.
  2. Tempelherr
    Gutes, holdes Kind! –
    Wie ist doch meine Seele zwischen Auge
    Und Ohr geteilt! – Das war das Mädchen nicht,
    Nein, nein, das war es nicht, das aus dem Feuer
    Ich holte. – D
    enn wer hätte die gekannt,
    Und aus dem Feuer nicht geholt?

    1. Der Tempelherr ist ganz beeindruckt von dieser Recha.
  3. Tempelherr.
    Glaubt mir; es hat Gefahr,
    Wenn ich nicht geh.

    Recha
    Gefahr? was für Gefahr?

    Tempelherr.
    Gefahr für mich, für Euch, für ihn: wenn ich
    Nicht schleunig, schleunig geh. (Ab.)

    1. Hier wird deutlich, welchen verschiedenen Gefühlskräften der Tempelherr ausgesetzt ist.
    2. Zwar hat er auch Sorge wegen Nathans Besuch beim Sultan,
    3. Aber vor allem will er erst mal aus dem Gefühlssturm in Gegenwart Rechas herauskommen. Auch gegenüber Nathan hat er ja schon um etwas Zeit gebeten, um das alles verarbeiten zu können.
III,3: Verarbeitung der Begegnung zwischen Recha und dem Tempelherrn: Beruhigung

 

  1. Recha fragt nach der Bedeutung des schnellen Verschwindens des Tempelherrn nach ihrem ersten Gespräch:

    Daja [Es ist ein Zeichen,]
    Das etwas vorgeht innerhalb. Es kocht,
    Und soll nicht überkochen. Laßt ihn nur.
    Nun ist’s an Euch.

    1. Man sieht hier deutlich, wie sehr dieser Tempelherr gefühlsmäßig durch die rasche Entwicklung überrollt worden ist. Er muss erst mal etwas für sich sein. Ähnliches hat er Nathan gegenüber ja schon angedeutet, als er um etwas Geduld und Zeit für die weitere Entwicklung bat (vgl. 1285ff).
  2. Recha
    Er wird
    Mir ewig wert; mir ewig werter, als
    Mein Leben bleiben: wenn auch schon mein Puls
    Nicht mehr bei seinem bloßen Namen wechselt;
    Nicht mehr mein Herz, sooft ich an ihn denke,
    Geschwinder, stärker schlägt.

    1. Hier wird deutlich, dass das intensive Gefühl Rechas für ihren Retter jetzt übergeht in einen etwas ruhigeren Umgang damit, ohne aber an Intensität zu verlieren.

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