Lessing, „Nathan der Weise“: Fragen, die man diskutieren könnte (Mat8503 )

Worum es hier geht:

Gute Literatur erkennt man unter anderem daran, dass sie Raum für Diskussionen lässt bzw. überhaupt erst mal eröffnet. Und das ist in Lessings „Nathan der Weise“ in hohem Maße der Fall – vielleicht sogar mehr, als dem Autor lieb sein dürfte.

Die Zitate haben wir der folgenden Ausgabe entnommen und präsentieren sie in kursiver Schrift. Unsere Anmerkungen erscheinen eingerückt.

Quelle: Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 2, München 1970 ff., S. 207-212.
Nathans Verhalten in der 1. Szene des I. Aktes

Zur Situation: Nathan kommt als wohlhabender jüdischer Handelsherr von einer langen Reise zurück und erfährt von Daja, der Haushälterin und Freundin von Recha, dass diese bei einem Hausbrand nur dank eines christlichen Tempelherrn mit dem Leben davon gekommen ist.

Nathan liebt diese Recha sehr und bezeichnet sie als seine Tochter. Sie ist aber nur ein Pflegekind, das er über ihre christliche Herkunft nie aufgeklärt hat und die er überdies auch noch in einem anderen Glauben, nämlich seinem jüdischen, aufgezogen hat.

Daja ist Christin und weiß davon. In diesem Dialogausschnitt wird deutlich, wie Nathan sie regelrecht besticht, im übrigen keine Rücksicht nimmt auf ihr Gewissen.

Das steht in völligem Kontrast zu dem, was Nathan in der Ringparabel verkündet. Offensichtlich gehört er zu denen, die keinen Wunderring bekommen haben und sich auch gar nicht bemühen, selbst Wunder bei den Menschen und vor Gott zu tun.

  • NATHAN.
  • Verbrannt? Wer? meine Recha? sie? –
  • Das hab‘ ich nicht gehört. – Nun dann! So hätte
  • Ich keines Hauses mehr bedurft. – Verbrannt
  • Bei einem Haare! – Ha! sie ist es wohl!
  • Ist wirklich wohl verbrannt! – Sag‘ nur heraus!
  • Heraus nur! – Töte mich: und martre mich
  • Nicht länger. – Ja, sie ist verbrannt.
  • DAJA.
  • Wenn sie
  • Es wäre, würdet Ihr von mir es hören?
  • NATHAN.
  • Warum erschreckest du mich denn? – O Recha!
  • O meine Recha!
    • Hier wird deutlich, wie sehr Nathan an Recha hängt, sie aber auch als sein Eigentum im familiären Sinne betrachtet.
  • DAJA.
  • Eure? Eure Recha?
  • NATHAN.
  • Wenn ich mich wieder je entwöhnen müßte,
  • Dies Kind mein Kind zu nennen!
  • DAJA.
  • Nennt Ihr alles,
  • Was Ihr besitzt, mit eben so viel Rechte
  • Das Eure?
  • NATHAN.
  • Nichts mit größerm! Alles, was
  • Ich sonst besitze, hat Natur und Glück
  • Mir zugeteilt. Dies Eigentum allein
  • Dank‘ ich der Tugend.
  • DAJA.
  • O wie teuer laßt
  • Ihr Eure Güte, Nathan, mich bezahlen!
  • Wenn Güt‘, in solcher Absicht ausgeübt,
  • Noch Güte heißen kann!
  • NATHAN.
  • In solcher Absicht?
  • In welcher?
  • DAJA.
  • Mein Gewissen …
  • NATHAN.
  • Daja, laß
  • Vor allen Dingen dir erzählen …
  • DAJA.
  • Mein
  • Gewissen, sag‘ ich …
  • NATHAN.
  • Was in Babylon
  • Für einen schönen Stoff ich dir gekauft.
  • So reich, und mit Geschmack so reich! Ich bringe
  • Für Recha selbst kaum einen schönern mit.
  • DAJA.
  • Was hilfts? Denn mein Gewissen, muß ich Euch
  • Nur sagen, läßt sich länger nicht betäuben.
  • NATHAN.
  • Und wie die Spangen, wie die Ohrgehenke,
  • Wie Ring und Kette dir gefallen werden,
  • Die in Damaskus ich dir ausgesucht:
  • Verlanget mich zu sehn.
  • DAJA.
  • So seid Ihr nun!
  • Wenn Ihr nur schenken könnt! nur schenken könnt!
  • NATHAN.
  • Nimm du so gern, als ich dir geb‘: – und schweig!
    • Es ist unglaublich, mit welcher Selbstverständlichkeit Nathan
      • auf Bestechung Dajas aus ist,
      • im übrigen aus einer Machtposition heraus handelt.
  • DAJA.
  • Und schweig! – Wer zweifelt, Nathan, daß Ihr nicht
  • Die Ehrlichkeit, die Großmut selber seid?
  • Und doch …
  • NATHAN.
  • Doch bin ich nur ein Jude. – Gelt,
  • Das willst du sagen?
  • DAJA.
  • Was ich sagen will,
  • Das wißt Ihr besser.
  • NATHAN.
  • Nun so schweig!
  • DAJA.
  • Ich schweige.
  • Was Sträfliches vor Gott hierbei geschieht,
  • Und ich nicht hindern kann, nicht ändern kann, –
  • Nicht kann, – komm‘ über Euch!
  • NATHAN.
  • Komm‘ über mich! –
    • Hier wird deutlich, wie wenig sich Nathan dafür interessiert, ob er im Sinne der Ringparabel: „vor Gott / Und Menschen angenehm zu machen“
  • Wo aber ist sie denn? wo bleibt sie? – Daja,
  • Wenn du mich hintergehst! – Weiß sie es denn,
  • Daß ich gekommen bin?

Hinzunehmen sollte man noch die Schlussbemerkung Dajas:

  • 168: „Ihr seid so gut, und seid zugleich so schlimm!“

Und wenn man das im Kontext lesen will:

  • DAJA.
  • Vornehmlich Eine – Grille, wenn Ihr wollt,
  • Ist ihr sehr wert. Es sei ihr Tempelherr
  • Kein Irdischer und keines Irdischen;
  • Der Engel einer, deren Schutze sich
  • Ihr kleines Herz, von Kindheit auf, so gern
  • Vertrauet glaubte, sei aus seiner Wolke,
  • In die er sonst verhüllt, auch noch im Feuer,
  • Um sie geschwebt, mit eins als Tempelherr
  • Hervorgetreten. – Lächelt nicht! – Wer weiß?
  • Laßt lächelnd wenigstens ihr einen Wahn,
  • In dem sich Jud‘ und Christ und Muselmann
  • Vereinigen; – so einen süßen Wahn!
    • Hier wird deutlich, wie viel diese Engelvorstellung Recha bedeutet.
    • Daja macht deutlich, dass sich auf dieser Basis Christen und Muslime „vereinigen“ könnten.
    • Sie weiß, dass es sich um einen „süßen Wahn“ handelt, aber muss so etwas schlimm sein, wenn es nicht schadet?
      Auch eine schöne Diskussionsfrage:
      Wieviel „Wahn“ dieser Art braucht der Mensch?
      Warum sind Kinder, die noch mit Hinweis auf ihren Schutzengel beruhigt werden, glücklicher als später Erwachsene, wenn sich das als schöne Vorstellung herausgestellt hat.
  • NATHAN.
  • Auch mir so süß! – Geh, wackre Daja, geh;
  • Sieh, was sie macht; ob ich sie sprechen kann. –
  • Sodann such‘ ich den wilden, launigen
  • Schutzengel auf. Und wenn ihm noch beliebt,
  • Hiernieden unter uns zu wallen; noch
  • Beliebt, so ungesittet Ritterschaft
  • Zu treiben: find‘ ich ihn gewiß; und bring‘
  • Ihn her.
    • Dajas Bereitschaft, dazu beizutragen, dass aus dem Engel einMensch wird, passt natürlich nicht zum Erhalt des schönen Traums.
    • Vielleicht hofft sie auch darauf, dass der Tempelherr nicht nur Retter einer Jüdin ist, sondern sie auch sonst als Mensch achtet.
  • DAJA.
  • Ihr unternehmet viel.
  • NATHAN.
  • Macht dann
  • Der süße Wahn der süßern Wahrheit Platz: –
  • Denn, Daja, glaube mir; dem Menschen ist
  • Ein Mensch noch immer lieber, als ein Engel –
  • So wirst du doch auf mich, auf mich nicht zürnen,
  • Die Engelschwärmerin geheilt zu sehn?
    • Hier lässt Nathan die Katze aus dem Sack, was das ganze Projekt der Aufklärung bestimmt: vom „Wahn“ zur „Wahrheit“ überzugehen.
    • Er hat sicher Recht, dass es dem Menschen lieber ist, einen Menschen zu sehen als einen Engel – nur müsste er den gleichen Charakter haben.
    • Verdächtig das Wort „geheilt“ – denn das bedeutet im Umkehrschluss, dass Recha aktuell in ihrem Denken und Fühlen krank ist.
  • DAJA.
  • Ihr seid so gut, und seid zugleich so schlimm!
    • Hier die knappe Zusammenfassung des wirklichen Charakters von Nathan: Er ist „gut“ und „schlimm“.
    • Die einzige Frage ist, ob sich das bis zum Schluss des Dramas ändert.
    • Wenn nicht, wäre das ein Schlag gegen die Ringparabel. Denn deren Ziel soll ja wohl nicht die Herstellung einer Kombination von „gut“ und „schlimm“ sein.
    • Und Nathans Verhalten in der Schlussphase gegenüber dem Tempelherrn ist eher „schlimm“ als „gut“.
  • Ich geh! – Doch hört! doch seht! – Da kommt sie selbst.

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