Übung zur Sachtext-Analyse: Carolin Ströbele, „Fridays for Future: Hört auf, eure Kinder zu beklatschen!“ (Mat6031)

Worum es hier geht:

Gefunden haben wir den Text hier:
https://www.zeit.de/kultur/2019-03/fridays-for-future-schulstreik-klima-eltern-kinder

Ein interessanter Sachtext, den man gut für eine Übung zur Sachtextanalyse nutzen kann – auch wenn das Thema nicht mehr ganz so akut ist wie im Jahr 2019.

Am besten mal durchlesen und die folgenden Aufgaben lösen:

Aufgabenstellung

Analysieren und interpretieren Sie den Text, indem Sie

  1. ihn in einem einleitenden Satz vorstellen, dabei die Textgattung klären, den Kontext beschreiben und das Thema benennen,
  2. den Text gliedern und dabei den Gedankengang erläutern,
  3. die Intention (Aussageabsicht) klären
  4. und auf rhetorische Mittel verweisen, die die Intention unterstützen.
  5. Überlegungen anstellen, wie man kritisch zum Text Stellung nehmen könnte

Hinweise zur Lösung

Einleitungssatz mit Textgattung, Kontext und Thema

  • Es handelt sich um einen Kommentar
  • vom 29.03.2019
  • zu den bevorstehenden Fridays-for-Future-Protesten in Hamburg
  • zur Frage der Motive und der Bedeutung der Haltung der Eltern der beteiligten Schülerinnen und Schüler.

Gliederung des Textes und Erläuterung des Gedankengangs

  • Im 1. Abschnitt von
    • „Wenn Greta Thunberg …“
    • bis „… an den Bildschirmen“
    • wird eine Prognose abgegeben zu einem bestimmten Aspekt der kommenden Veranstaltung
    • und zwar geht es um die aus Sicht der Verfasserin überraschend große Unterstützung der Eltern der beteiligten Schülerinnen und Schüler.
  • Anschließend geht es
    • von „Früher war das anders …“
    • bis „Oder einfach nur für bequem“
    • um den großen Unterschied in der Haltung der Eltern früher und heute,
    • verbunden mit einer gewissen kritischen Distanz zu der Vorstellung, Eltern und Kinder wären „die besten Freunde.“
    • Angedeutet wird, dass die Verfasserin das wohl eher für eine Frage der Bequemlichkeit hält.
  • Es folgt im Abschnitt von
    • „Im elterlichen Applaus“
    • bis „Zeigen, dass man dabei war.“
    • eine Konkretisierung der unterschwelligen Kritik,
    • indem vor allem Momente der „Selbstgefälligkeit“ näher ausgeführt werden,
    • was die Verfasserin offensichtlich für problematisch hält.
  • Im Abschnitt von
    • Dabei? Was haben sie denn eigentlich bisher so gemacht (…)
    • bis „für seine Erzeuger auf die Straße geht“
    • gibt es den Versuch einer Erklärung des Verhaltens der Eltern
    • als Ersatzhandeln für das eigene Versagen,
    • von dem die Autorin selbst sich nicht ausnimmt.
  • Anschließend wird
    • von „Damit sind alle glücklich“
    • bis „gepampert wurde wie Fridays for Future“
    • darauf hingewiesen, dass das Verhalten der Eltern sich in einem größeren Kontext bewegt,
    • von den Schulen bis in die Regierung hinein
    •  Am Ende steht der Hinweis auf das völlig neue Phänomen, das ein Protest gegen das Versagen des Staates von ihm selbst „gepudert und gepampert“ wurde,
    • was zugleich eine Einschätzung als kindisches Verhalten einschließt.
  • Es folgt ein kurzer Absatz
    • von „Wenn alle etwas uneingeschränkt gut finden“
    • bis „Sie tun niemandem weh“,
    • der darauf hinweist, wie gefährlich es ist, wenn „alle etwas uneingeschränkt gut finden“.
    • Hier scheint die Kritik an einem problematischen Kollektivverhalten durch, wie es der Psychologe Le Bon in seiner Theorie von der Massenseele beschrieben hat.
    • [Das muss man nicht wissen, aber wenn es zufällig in der Schule behandelt wurde, kann und sollte man es natürlich einbringen. Nähere Informationen dazu gibt es zum Beispiel hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Psychologie_der_Massen ]
  • Es folgt der schon fast satirische Hinweis,
    • die „einzige Gewissensfrage“ für die Eltern sei nur noch die Ausgestaltung des Entschuldigungsschreibens.
    • Dort geht es nach Meinung der Autorin nur noch um Nichtstun, was Schwänzen bedeutet,  oder eine Begründung, die schon in der vorgeschlagenen Formulierung kritische Distanz deutlich werden lässt.
    • Ganz offensichtlich gibt es für die Autorin einen irrationalen Zusammenhang zwischen einer Demo am Freitag und der Rettung der Welt.
    • Am Ende gibt es dann schon die Überleitung zu einem nächsten Punkt, nämlich die kritische Nachfrage nach dem Verhalten der Erwachsenen insgesamt.
  • Das führt zum Durchspielen verschiedener Erklärungsvarianten:
    • Es beginnt mit mit der Idee einer die Grenzen überschreitenden Klimastreikbewegung auch der Erwachsenen und zwar während der Arbeitszeit, wie es eben typisch ist für einen echten Streik.
    • Als Gegengrund aus Sicht der Verfasserin werden wirtschaftliche Folgen genannt.
    • Die Möglichkeiten werden dann runterreduziert auf Bewegungen am Samstag.
    • Dagegen stehen aber nach Meinung der Autoren die persönlichen Wochenend-Vergnügungen.
    • Hier werden sowohl reale äußere Gegengründe wie auch innere aufgeführt.
  • Der nächste Abschnitt
    • von „Veränderung fängt erst an, wenn es wehtut“
    • bis „mit ein paar Kinderfotos und Tweets den Klimawandel aufzuhalten“
    • macht dann deutlich, worauf die Verfasserin hinauswill:
    • Es geht um die unangenehmen Begleiterscheinungen eines echten Kampfes.
    • Am Ende steht der gewissermaßen tröstende Hinweis auf die dann real gegebenen Gründe für Jubel und Lob.

 

Klärung der Intention (Aussageabsicht)

  • Hinweis auf das Missverhältnis zwischen dem elterlichen Applaus für die Fridays-Schüler und ihrem realen Verhalten
  • Vermutung, dass es sich hier um den Versuch einer Entlastung für das eigene Versagen handelt.
  • Forderung nach mehr realer Übernahme von Verantwortung durch die Erwachsenen
  • was nach Auffassung der Autorin vor allem die Inkaufnahme von Unannehmlichkeiten bedeutet,
  • denen stünde aber das Gefühl gegenüber, wirklich etwas getan zu haben.

Rhetorische Mittel, die die Intention unterstützen.

  • Hinweis auf Gegensätze (Einsatz der Kinder, Jubel der Eltern)
  • Zugleich Einstieg über eine Überraschung (sustentio)
  • Weiterer Gegensatz zwischen früher und heute
  • Anspielungen auf „Wackersdorf“ und das „Wendland“ – auch „Woodstock-Feeling“
  • Neologismus: „It-Bag moderner Großstadteltern“
  • Rhetorische Frage: „Was haben sie denn eigentlich gemacht?“ „Warum gibt es noch kein grenzüberschreitendes Erwachsenenschwänzen …?“
  • Metapher: „Ablasshandel“
  • Umgangssprache: „verbockt“, „gepampert“, „Huch“
  • Ansätze von eingespielten Dialogen („Na gut…“)
  • Reihungen: „Schulen“, „Klimakanzlerin“, „Jens Spahn“
  • Starke Neigung zur Parataxe (Aneinanderreihung von Hauptsätzen) im Schlussteil, dazu Reihungen
  • Am Ende Rückbindung an den Anfang, nur dass es jetzt nicht mehr um Ersatzhandlungen geht.

 Überlegungen zu Möglichkeiten einer kritischen Stellungnahme

  • Richtiger Hinweis auf ein Kernproblem der „Fridays-for-future“-Bewegung: Hier wird nämlich nichts aufgehalten, was einem wehtut, sondern die Schülerinnen und Schüler schaden sich eigentlich selbst.
  • Dementsprechend auch richtige Konsequenz: Die Erwachsenen müssen aktiv werden, auch da, wo es ihnen weh tut.
  • Hier kann man darauf verweisen, dass das mal das Grundkennzeichen von Streiks war: Die Arbeiter trafen damit den Arbeitgeber, aber auch sich selbst – sie brachten also Opfer, um Zugeständnisse der Gegenseite zu erzwingen.
  • Damit ist man auch schon bei einem möglichen Kernproblem.
  • Die Arbeitskämpfe früher waren einigermaßen überschaubare Interessenkonflikte.
  • Die heutigen Zusammenhänge können weder von Schülern noch ihren Eltern wirklich überblickt werden, es sei denn, sie haben sich mit allen Aspekten des Klimaproblems beschäftigt.
  • Letztlich geht es also darum, den Druck auf die Politiker zu erhöhen, die wiederum das Wissen der Fachleute in richtiges Handeln umsetzen müssen.
  • Hier bleibt fraglich, ob das Versagen der Politik nicht so tiefe Gründe hat, dass diese kaum im großen Stil behoben werden können.
  • Dagegen sprechen aber frühere Erfolge – etwa die Renaturierung von Flüssen etwa im umweltgeschädigten Ruhrgebiet.
  • Hier könnte man argumentieren, dass man das weiter entwickeln müsste, aber in einem organischen Sinne, bei dem neue überstürzte Verwerfungen vermieden werden.

Ü3: Weitere Infos, Tipps und Materialien