Friedrich Schiller, „„Das verschleierte Bild zu Sais“

Worum es hier geht:

Im Folgenden stellen wir „Das verschleierte Bild zu Sais“ von Friedrich Schiller vor – eine Ballade, die deutlich macht, wie mit den tiefsten Geheimnissen des menschlichen Lebens aussieht. Vor allem zeigt sie, wie es einem ergeht, der an sie rankommen will.

Für die, die Goethes „Faust“ kennen: Es gibt natürlich viele Gemeinsamkeiten zwischen dem jungen Mann in dieser Ballade und dem Professor, der sich sogar auf einen Teufelspakt einlässt.

Wir präsentieren den Originaltext in kursiver Schrift und unsere Anmerkungen jeweils unter der Strophe.

Friedrich Schiller

Das verschleierte Bild zu Sais

  1. Ein Jüngling, den des Wissens heißer Durst
  2. Nach Sais in Ägypten trieb, der Priester
  3. Geheime Weisheit zu erlernen, hatte
  4. Schon manchen Grad mit schnellem Geist durcheilt,
  5. Stets riß ihn seine Forschbegierde weiter,
  6. Und kaum besänftigte der Hierophant
  7. Den ungeduldig Strebenden. »Was hab ich,
  8. Wenn ich nicht alles habe?« sprach der Jüngling.
  9. »Gibts etwa hier ein Weniger und Mehr?
  10. Ist deine Wahrheit wie der Sinne Glück
  11. Nur eine Summe, die man größer, kleiner
  12. Besitzen kann und immer doch besitzt?
  13. Ist sie nicht eine einzge, ungeteilte?
  14. Nimm einen Ton aus einer Harmonie,
  15. Nimm eine Farbe aus dem Regenbogen,
  16. Und alles, was dir bleibt, ist nichts, solang
  17. Das schöne All der Töne fehlt und Farben.«

 

  1. Indem sie einst so sprachen, standen sie
  2. In einer einsamen Rotonde still,
  3. Wo ein verschleiert Bild von Riesengröße
  4. Dem Jüngling in die Augen fiel. Verwundert
  5. Blickt er den Führer an und spricht: »Was ists,
  6. Das hinter diesem Schleier sich verbirgt?«
  7. »Die Wahrheit«, ist die Antwort. – »Wie?« ruft jener,
  8. »Nach Wahrheit streb ich ja allein, und diese
  9. Gerade ist es, die man mir verhüllt?«

 

  1. »Das mache mit der Gottheit aus«, versetzt
  2. Der Hierophant. »Kein Sterblicher, sagt sie,
  3. Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
  4. Und wer mit ungeweihter, schuldger Hand
  5. Den heiligen, verbotnen früher hebt,
  6. Der, spricht die Gottheit –« –
  7. »Nun?« – »Der sieht die Wahrheit.«

 

  1. »Ein seltsamer Orakelspruch! Du selbst,
  2. Du hättest also niemals ihn gehoben?«
  3. »Ich? Wahrlich nicht! Und war auch nie dazu
  4. « – »Das fass ich nicht. Wenn von der Wahrheit
  5. Nur diese dünne Scheidewand mich trennte –«
  6. »Und ein Gesetz«, fällt ihm sein Führer ein.
  7. »Gewichtiger, mein Sohn, als du es meinst,
  8. Ist dieser dünne Flor – für deine Hand
  9. Zwar leicht, doch zentnerschwer für dein Gewissen.«

 

  1. Der Jüngling ging gedankenvoll nach Hause.
  2. Ihm raubt des Wissens brennende Begier
  3. Den Schlaf, er wälzt sich glühend auf dem Lager
  4. Und rafft sich auf um Mitternacht. Zum Tempel
  5. Führt unfreiwillig ihn der scheue Tritt.
  6. Leicht ward es ihm, die Mauer zu ersteigen,
  7. Und mitten in das Innre der Rotonde
  8. Trägt ein beherzter Sprung den Wagenden.

 

  1. Hier steht er nun, und grauenvoll umfängt
  2. Den Einsamen die lebenlose Stille,
  3. Die nur der Tritte hohler Widerhall
  4. In den geheimen Grüften unterbricht.
  5. Von oben durch der Kuppel Öffnung wirft
  6. Der Mond den bleichen, silberblauen Schein,
  7. Und furchtbar wie ein gegenwärtger Gott
  8. Erglänzt durch des Gewölbes Finsternisse
  9. In ihrem langen Schleier die Gestalt.

 

  1. Er tritt hinan mit ungewissem Schritt,
  2. Schon will die freche Hand das Heilige berühren,
  3. Da zuckt es heiß und kühl durch sein Gebein
  4. Und stößt ihn weg mit unsichtbarem Arme.
  5. Unglücklicher, was willst du tun? So ruft
  6. In seinem Innern eine treue Stimme.
  7. Versuchen den Allheiligen willst du?
  8. Kein Sterblicher, sprach des Orakels Mund,[225]
  9. Rückt diesen Schleier, bis ich selbst ihn hebe.
  10. Doch setzte nicht derselbe Mund hinzu:
  11. Wer diesen Schleier hebt, soll Wahrheit schauen?
  12. »Sei hinter ihm, was will! Ich heb ihn auf.«
  13. (Er rufts mit lauter Stimm.) »Ich will sie schauen.« Schauen!
  14. Gellt ihm ein langes Echo spottend nach.

 

  1. Er sprichts und hat den Schleier aufgedeckt.
  2. Nun, fragt ihr, und was zeigte sich ihm hier?
  3. Ich weiß es nicht. Besinnungslos und bleich,
  4. So fanden ihn am andern Tag die Priester
  5. Am Fußgestell der Isis ausgestreckt.
  6. Was er allda gesehen und erfahren,
  7. Hat seine Zunge nie bekannt. Auf ewig
  8. War seines Lebens Heiterkeit dahin,
  9. Ihn riß ein tiefer Gram zum frühen Grabe.
  10. »Weh dem«, dies war sein warnungsvolles Wort,
  11. Wenn ungestüme Frager in ihn drangen,
  12. »Weh dem, der zu der Wahrheit geht durch Schuld,
  13. Sie wird ihm nimmermehr erfreulich sein.«

 

Quelle:

Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 1, München 31962, S. 224-226,239-240.

Permalink:

http://www.zeno.org/nid/20005595541

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