Schiller, „Die Begegnung“ – kurzzeitiges Glück

Worum es hier geht:

Präsentiert wird ein Gedicht, das stürmisch beginnt und zu menschlichen, aber auch künstlerischen Höhenflügen führt – dann aber doch in einer seltsamen Art des Verzichts endet.

Gefunden haben wir das Gedicht zum Beispiel hier.

Schiller

Die Begegnung

  1. Noch seh ich sie, umringt von ihren Frauen,
  2. Die herrlichste von allen stand sie da,
  3. Wie eine Sonne war sie anzuschauen,
  4. Ich stand von fern und wagte mich nicht nah,
  5. Es faßte mich mit wollustvollem Grauen,
  6. Als ich den Glanz vor mir verbreitet sah,
  7. Doch schnell, als hätten Flügel mich getragen,
  8. Ergriff es mich, die Saiten anzuschlagen.
    • Die erste Strophe zeigt zunächst die scheue, fast angstvolle Bewunderung des lyrischen Ichs für die „herrlichste“ der Frauen. Da sie umringt ist von anderen Frauen hat sie wohl eine hochgestellte Position.
    • Am Ende dann aber lässt sich das lyrische Ich anscheinend auf den „Flügeln“ seiner Gefühle dazu bewegen, „die Saiten anzuschlagen“. Offensichtlich handelt es sich um einen Musiker.
  1. Was ich in jenem Augenblick empfunden
  2. Und was ich sang, vergebens sinn ich nach,
  3. Ein neu Organ hatt ich in mir gefunden,
  4. Das meines Herzens heilge Regung sprach,
  5. Die Seele wars, die, jahrelang gebunden,
  6. Durch alle Fesseln jetzt auf einmal brach
  7. Und Töne fand in ihren tiefsten Tiefen,
  8. Die ungeahnt und göttlich in ihr schliefen.
    • Rückblickend ist da keine konkrete Erinnerung an die Gefühle und das, was gesungen worden ist,
    • Wohl aber an eine grundsätzliche Veränderung beim lyrischen Ich, die mit einem neuen Organ verglichen wird.
    • Offensichtlich ist hier ein Ausbruch in eine neue Freiheit gelungen, die sich auch musikalisch innovativ ausdrückt.
  1. Und als die Saiten lange schon geschwiegen,
  2. Die Seele endlich mir zurücke kam,
  3. Da sah ich in den engelgleichen Zügen
  4. Die Liebe ringen mit der holden Scham,
  5. Und alle Himmel glaubt‘ ich zu erfliegen,
  6. Als ich das leise süße Wort vernahm –
  7. droben nur in selger Geister Chören
  8. Werd ich des Tones Wohllaut wieder hören!
    • Der Rückblick konzentriert sich dann auf die unmittelbare Situation nach der Begegnung.
    • Sie ist geprägt durch eine Kombination von Liebe und Scham.
    • Den Schluss bildet in dieser Strophe allerdings ein wahrer Höhenflug.
  1. »Das treue Herz, das trostlos sich verzehrt
  2. Und still bescheiden nie gewagt zu sprechen,
  3. Ich kenne den ihm selbst verborgnen Wert,
  4. Am rohen Glück will ich das Edle rächen.
  5. Dem Armen sei das schönste Los beschert,
  6. Nur Liebe darf der Liebe Blume brechen.
  7. Der schönste Schatz gehört dem Herzen an,
  8. Das ihn erwidern und empfinden kann.«
    • Die letzte Strophe ist ein bisschen unklar.
    • Zunächst noch einmal der Rückblick auf die Zeit der inneren Fesselung.
    • Verbunden wird das mit dem Gefühl, dass es sich dabei um einen „verborgenen Wert“ handelt.
    • Dann wird es schwierig: Das lyrische Ich redet sich in eine Art Rache hinein – was nicht dafür spricht, dass aus dieser Liebe reines Glück geworden ist.
    • Daraus wird dann der Wunsch, dass dem Armen (wer immer das ist – vielleicht das lyrische Ich selbst) das „schönste Los beschert“, also geschenkt wird.
    • Dann eine rätselhafte Bemerkung zur Liebe, die wohl darauf hinausläuft, dass nur echte Liebe auf Liebe und Liebesbezeugungen (z.B. über Blumen) aus sein darf.
    • Am Ende dann eine allgemeine Weisheit, bei der man nicht weiß, inwieweit sie beim lyrischen Ich realisiert ist.
    • Angesichts des Gesamtverlaufs des Gedichtes sieht das eher nach durch die Realität des Standesunterschieds erzwungenem Verzicht aus.

Quelle: Friedrich Schiller: Sämtliche Werke, Band 1, München 31962, S. 217-218,405.

Permalink: http://www.zeno.org/nid/20005596629

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