Schiller, „Kabale und Liebe“, Akt I, Szene 3-4: Analyse und Interpretation (Mat2060-3-4)

Worum es hier geht:

  • Schillers „Kabale und Liebe“ ist ein recht interessantes Theaterstück, aber auf Grund der Sprache nicht immer leicht zu verstehen.
  • Wir stellen deshalb hier die Szenen vor, präsentieren wichtige Textstellen, die man sich direkte in seiner Ausgabe markieren kann.
  • Außerdem geben wir Interpretationshinweise – und machen auch Vorschläge für kreative Ansätze.

Hier geht es jetzt um zwei Szenen des I. Aktes, in denen die Gegensätze zwischen Luise und Ferdinand sehr deutlich werden.

I-3: Ein Mädchen träumt von seiner großen Liebe – was man modernisieren könnte

  • Millers Tochter kommt aus der Kirche und denkt eigentlich nur an ihren Freund, den adligen Major Ferdinand. Als der Vater sie dafür kritisiert, antwortet die Tochter (12/13):
  • “ Ich versteh Ihn, Vater – fühle das Messer, das Er in mein Gewissen stößt; aber es kommt zu spät. – Ich hab keine Andacht mehr, Vater – der Himmel und Ferdinand reißen an meiner blutenden Seele, und ich fürchte – ich fürchte – Nach einer Pause. Doch nein, guter Vater. Wenn wir ihn über dem Gemälde vernachlässigen, findet sich ja der Künstler am feinsten gelobt. – Wenn meine Freude über sein Meisterstück mich ihn selbst übersehen macht, Vater, muss das Gott nicht ergötzen?“
  • Man merkt hier, die Frau ist hin und weg und entwickelt ganz eigene Ideen, um ihre Gefühle auszudrücken: Hier dreht sie die Kritik des Vaters einfach um, der ihr vorgeworfen hat, sie würde zu wenig auf Gott und seine Gebote achten und zu viel auf ihren Freund.
  • Ihr Gegenhinweis besagt, dass Gott, der diesen Ferdinand geschaffen hat, doch sich eigentlich mitfreuen müsste, wenn man von seinem Meisterstück begeistert ist.
  • Luise wird dann immer enthusiastischer bei der Beschreibung ihrer begeisterten Liebe. Das wirkt auf uns heute zum Teil dermaßen übertrieben und auch fremdartig, dass es sich lohnt, sich mal eine moderne Variante auszudenken: (13/14)
  • „Ich will ja nur wenig – – an ihn denken – das kostet ja nichts. Dies bißchen Leben – dürft ich es hinhauchen in ein leises schmeichelndes Lüftchen, sein Gesicht abzukühlen! – Dies Blümchen Jugend – wär es ein Veilchen, und er träte drauf, und es dürfte bescheiden unter ihm sterben! – Damit genügte mir, Vater. Wenn die Mücke in ihren Strahlen sich sonnt – kann sie das strafen, die stolze majestätische Sonne?“
    [Deutlich wird hier, wie wenig Luise nur will bzw. mit wie wenig sie sich begnügen will.]
  • „Als ich ihn das erstemal sah – Rascher. und mir das Blut in die Wangen stieg, froher jagten alle Pulse, jede Wallung sprach, jeder Atem lispelte: Er ists, – und mein Herz den Immermangelnden erkannte, bekräftigte, Er ists, und wie das widerklang durch die ganze mitfreuende Welt. Damals – o damals ging in meiner Seele der erste Morgen auf. Tausend junge Gefühle schossen aus meinem Herzen, wie die Blumen aus dem Erdreich, wenns Frühling wird. Ich sah keine Welt mehr, und doch besinn ich mich, daß sie niemals so schön war. Ich wusste von keinem Gott mehr, und doch hatt ich ihn nie so geliebt“.
    [Hier wird deutlich, wie sehr die Liebe Luise mitgerissen hat.]
  • „Auch will ich ihn ja jetzt nicht, mein Vater. Dieser karge Tautropfe Zeit – schon ein Traum von Ferdinand trinkt ihn wollüstig auf. Ich entsag ihm für dieses Leben. Dann, Mutter – dann, wenn die Schranken des Unterschieds einstürzen – wenn von uns abspringen all die verhaßte Hülsen des Standes – Menschen nur Menschen sind – Ich bringe nichts mit mir als meine Unschuld, aber der Vater hat ja so oft gesagt, dass der Schmuck und die prächtigen Titel wohlfeil werden, wenn Gott kommt, und die Herzen im Preise steigen. Ich werde dann reich sein. Dort rechnet man Tränen für Triumphe, und schöne Gedanken für Ahnen an. Ich werde dann vornehm sein, Mutter – Was hätte er dann noch für seinem Mädchen voraus?“
    [Luise nimmt noch mal den Anfangsgedanken auf, dass sie gar nicht viel will. Das schränkt sie aber auf das irdische Dasein ein – sie hofft auf den Himmel und dort eine ganz andere Art von menschlicher Gleichheit.]
  • Der Vater wird im Laufe der Szene verständnisvoller: Spricht er anfangs noch vom „gottlosen Lesen“ (13), von dem diese ganzen neuen Ideen kämen, ist er später zumindest ein bisschen „gerührt“ (13), bleibt aber bei seiner besorgten Einstellung: „Luise – teures – herrliches Kind – Nimm meinen alten mürben Kopf – nimm alles – alles! – den Major – Gott ist mein Zeuge – ich kann dir ihn nimmer geben.“ (14)

I-4: Ein Liebhaber, der vor allem „haben“ will

  • Der Einstieg in die Szene:
  • „FERDINAND. Du bist blass, Luise?
  • LUISE steht auf und fällt ihm um den Hals. Es ist nichts. Nichts. Du bist ja da. Es ist vorüber.
  • FERDINAND ihre Hand nehmend und zum Munde führend. Und liebt mich meine Luise noch? Mein Herz ist das gestrige, ists auch das deine noch? Ich fliege nur her, will sehn, ob du heiter bist, und gehn und es auch sein – du bists nicht.“
  • „Schon der Anfang der Szene ist verräterisch, denn der adelige Major interessiert sich kaum für seine Freundin,
    will nur sehen, ob „du heiter bist, und gehen und es auch sein.“
  • Ferdinands Kritik an Luises Blässe:
  • FERDINAND. Rede mir Wahrheit. Du bists nicht. Ich schaue durch deine Seele wie durch das klare Wasser dieses Brillanten. Er zeigt auf seinen Ring. Hier wirft sich kein Bläschen auf, das ich nicht merkte – kein Gedanke tritt in dies Angesicht, der mir entwischte. Was hast du? Geschwind! Weiß ich nur diesen Spiegel helle, so läuft keine Wolke über die Welt. Was bekümmert dich?
  • LUISE sieht ihn eine Weile stumm und bedeutend an, dann mit Wehmut. Ferdinand! Ferdinand! Dass du doch wüsstest, wie schön in dieser Sprache das bürgerliche Mädchen sich ausnimmt –
  • [Luise denkt hier an den Standesunterschied, den ihr der Vater so deutlich gemacht hat, und sagt Ferdinand eigentlich etwas Schönes, das aber auch Traurigkeit enthält.]
  • FERDINAND. Was ist das? Befremdet. Mädchen! Höre! Wie kommst du auf das? – Du bist meine Luise! Wer sagt dir, dass du noch etwas sein solltest? Siehst du Falsche, auf welchem Kaltsinn ich dir begegnen muß. Wärest du ganz nur Liebe für mich, wann hättest du Zeit gehabt, eine Vergleichung zu machen? Wenn ich bei dir bin, zerschmilzt meine Vernunft in einen Blick – in einen Traum von dir, wenn ich weg bin, und du hast noch eine Klugheit neben deiner Liebe? – Schäme dich! Jeder Augenblick, den du an diesen Kummer verlorst, war deinem Jüngling gestohlen.“
  • Deutlich werden  hier der vorwurfsvolle Ton und der Besitzanspruch. Er verlangt von Luise, dass sie sich den gleichen Träumen hingibt und die Wirklichkeit vergisst.
  • Ferdinands Vorstellungen von der Zukunft:
  • „FERDINAND. Ich fürchte nichts – nichts – als die Grenzen deiner Liebe.
  • Lass auch Hindernisse wie Gebürge zwischen uns treten, ich will sie für Treppen nehmen und drüber hin in Luisens Arme fliegen.
  • Die Stürme des widrigen Schicksals sollen meine Empfindung emporblasen, Gefahren werden meine Luise nur reizender machen. –
  • Also nichts mehr von Furcht, meine Liebe.
  • Ich selbst – ich will über dir wachen wie der Zauberdrach über unterirdischem Golde – Mir vertraue dich. Du brauchst keinen Engel mehr – Ich will mich zwischen dich und das Schicksal werfen – empfangen für dich jede Wunde – auffassen für dich jeden Tropfen aus dem Becher der Freude – dir ihn bringen in der Schale der Liebe.
  • Sie zärtlich umfassend. An diesem Arm soll meine Luise durchs Leben hüpfen, schöner als er dich von sich ließ, soll der Himmel dich wieder haben und mit Verwunderung eingestehn, daß nur die Liebe die letzte Hand an die Seelen legte –“
  • Deutlich wird hier, wie sehr dieser Ferdinand sich in Träumen ergeht, sich überschätzt und die realistischen Ängste seiner Geliebten unterschätzt. Ja, der Major geht sogar soweit, die Gefahren als etwas zu bezeichnen, das seine Partnerin nur schöner macht. Er fantasiert also eigene Überlegenheitsvorstellungen in die Beziehung hinein.
  • Geradezu lächerlich ist die Vorstellung, dass Luise einfach so an seinem Arm durchs Leben „hüpfen“ könnte.
  • Insgesamt eine völlig unrealistische Sicht, verbunden mit etwas, was ein Forscher den „Absolutismus der Liebe“ genannt hat. D.h., dieser Ferdinand hat überhaupt nicht begriffen, dass es nicht nur um gesellschaftliche Grenzen geht, sollen auch um Grenzen des Verhaltens zwischen den Geschlechtern.
  • Denn für Luise ist es letztlich gleichgültig, ob sie unter einem Adeligen leidet oder unter einem Mann, der sie nur als Eigentum betrachtet, das er nach seinem Willen beherrschen kann.
  • Sehr viel klarer sieht Luise ihre Situation, sowohl ihre Gefühle als auch die Folgen, die damit wahrscheinlich verbunden sind.
  • Weitere Infos, Tipps und Materialien

 

 

 

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