Schnell durchblicken: Das Christentum – eine Religion gestaltet einen Kontinent (Mat8594-7)

1       Das Christentum – eine Religion gestaltet einen Kontinent

Heute erscheint es uns ganz selbstverständlich, dass wir mit Christi Geburt rechnen, auch wenn zum Teil von der „Zeitenwende“ o.ä. gesprochen wird. Dabei lohnt es sich, auf dieses Phänomen einen genaueren Blick zu werfen:

1.1       Die Christen rechneten mit allem – nur nicht mit 2000 Jahren Erfolgsgeschichte

Als dieser Jesus Christus nämlich gestorben war, sah es nicht nach einem solch bedeutenden Ereignis für diese Welt aus, denn die Christen dachten nicht mehr in irdischen Zeiträumen, sondern warteten auf die Wiederkehr ihres Herrn und damit das Ende aller Zeiten. Als die ausblieb, wurde es schwierig, zumal der Staat bald mehr auf sie aufmerksam wurde, als ihnen lieb sein konnte, und es nicht akzeptieren wollte, dass die angebliche Göttlichkeit der Kaiser nicht anerkannt wurde. Dementsprechend kam es zu großen Verfolgungswellen, aber die Christen breiteten sich dennoch immer weiter aus und 300 Jahre später bekam die Religion ihre große Chance, die Konstantinische Wende.

1.2       Ein römischer Kaiser schreibt Kirchengeschichte

Die verbindet sich mit der Figur des Kaisers Konstantin. Das war einer von mehreren Kaisern, denn man hatte um 300 n. Chr. das Reich nämlich sinnigerweise geteilt und sich dabei ein kompliziertes System von Ober- und Unterkaisern ausgedacht. Das ging natürlich nicht lange gut – und so kam es immer wieder zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den einzelnen Herrschern.

Von Konstantin wird nun erzählt, dass er vor einer wichtigen Schlacht ein Zeichen am Himmel gesehen habe, das ihm empfohlen habe, auf das Kreuzeszeichen der Christen zu setzen. Er gewann die Schlacht und beendete nicht nur die Verfolgung der Christen, sondern wandte ihnen auch seine ganze Aufmerksamkeit zu. Er war nämlich auf die gute Idee gekommen, sie gewissermaßen als Kitt des auseinanderfallenden römischen Reiches zu verwenden.

Das bedeutete dann aber auch, dass er bald knietief in den innerchristlichen Auseinandersetzungen steckte. Auf den Kirchenversammlungen ging es nämlich hoch her – und als es dem Kaiser zu lange dauerte, sprach er einfach ein Machtwort. In gewisser Weise ist also das noch heute gültige christliche Glaubensbekenntnis zumindest teilweise von einem heidnischen Kaiser diktiert worden. Taufen ließ er sich nämlich erst auf dem Totenbett.

1.3       Eine traurige Geschichte: Wer durch Toleranz groß wird, wird intolerant!

Die Vertreter des Christentums hatten sich in den ersten Jahrhunderten nichts mehr gewünscht als einfach entsprechend ihrem Glauben leben zu können. Als es dank Kaiser Kontantin schließlich so weit war, sprach man bezeichnenderweise und bis heute von einem „Toleranzedikt“.

Mit dieser Rücksichtnahme war es dann aber bald vorbei, als das Christentum unter den Nachfolgern Konstantins zur Staatsreligion aufstieg. Zu trauriger Berühmtheit ist Hypatia gekommen, eine der klügsten Frauen der damaligen Welt, die auf sehr moderne Art und Weise Wissenschaft im Umfeld der berühmten Bibliothek von Alexandria betrieb. Sie wurde von einem aufgehetzten „christlichen“ Mob regelrecht zerfleischt. Nun könnte man das als Einzelfall abtun – nach dem Motto: Radikale gibt es überall. Aber man muss nur an die weitere Entwicklung des Christentums bis hin zur Inquisition denken, um zu begreifen, dass jede Religion in der Gefahr steht, sich selbst absolut zu nehmen und irgendwann andere Glaubensrichtungen und Überzeugungen zu verfolgen. Man kann nur hoffen, dass der Islam, der im ehemaligen christlichen Europa immer einflussreicher wird, diesen Fehler vermeidet, und mit einem erwachsen gewordenen Christentum wirklich eine Welt auch religiöser Toleranz für alle aufbaut.

1.4       Und etwas völlig Neues – ein ganzer Kontinent im Zeichen des Kreuzes

Aber die Christen hielten das römische Reich nicht nur lange zusammen, sondern gestalteten auch den Übergang zum Mittelalter und zu einer Art Neuauflage des römischen Reiches, zunächst unter dem Franken Karl dem Großen, dann unter Otto, dem dritten König der Deutschen.

Dabei entstand so ein voluminöser Name wie „Heiliges Römisches Reich deutscher Nation“ – also ein Reich, das vor allem mit dem Christentum zusammenhängt und dessen Kaiser die Krone jeweils vom Papst als dem Stellvertreter Gottes auf Erden bekommt. Dann der Bezug zu den Römern, die überhaupt erst einmal Idee und Praxis eines Kaiserreichs entwickelt haben. Am Ende wird dann deutlich gemacht, dass ein bestimmtes europäisches Volk, nämlich die Deutschen, dieses Reich gewissermaßen übernommen haben.

Nation hat hier noch nichts mit „Nationalismus“ zu tun – das kommt erst sehr viel später. Es meint soviel wie Stamm oder – wie wir heute sagen würden – Ethnie, also Volks- oder Völkergruppe.

Dieses Reich bestand übrigens bis zum Jahr 1806, als sein letzter Herrscher keine Lust mehr hatte, nachdem der viel mächtigere französische Herrscher – inzwischen auch Kaiser – Napoleon ihm gewissermaßen alle „deutsche“ Macht weggenommen hatte.

1.5       Streit zwischen Kaiser und Papst

Kaisertum und deutsche Geschichte hängen also über viele Jahrhunderte eng zusammen, wobei es so ganz harmonisch zwischen religiöser und weltlicher Macht nicht zuging: Eigentlich hätte man ja gut miteinander auskommen können. Aber die Päpste wurden aus obersten Bischöfen immer mehr zu weltlichen Herrschern – und die Kaiser kamen auf den klugen, aber auch gefährlichen Gedanken, geistliche Würdenträger mit Land und staatlichen Ämtern zu versorgen. Das hatte den Vorteil, dass man sich nicht mit legitimen Erben herumschlagen musste, sondern die sogenannten „Lehen“ wirklich als „Leihgaben“ auf Lebenszeit vergeben konnte.

Daraus wurde der sogenannte „Investiturstreit“, also die Auseinandersetzung um die Frage, wer einen neu ernannten Bischof oder Abt „bekleiden“ (lateinisch: „investire“) darf und damit gewissermaßen auch die Macht über ihn hat.

Der Höhepunkt des Konflikts war erreicht, als der deutsche Kaiser Heinrich IV. sich ziemlich einsam über die verschneiten Alpen auf den Weg zu Papst Gregor VII. machen musste, weil der ihn gebannt, also aus der kirchlichen Gemeinschaft ausgeschlossen hatte. Das wiederum nutzte der eine oder andere Fürst, um dem König und Kaiser die Gefolgschaft aufzukündigen – eine gefährliche Situation. Und so stand oder lag dann tatsächlich ein Kaiser im Januar 1077 vor der Burg Canossa im Schnee und musste warten, bis der Papst nicht anders konnte, als den scheinbar reuigen Sünder wieder in die Kirche aufzunehmen.

Der ganz große Sieger war und blieb der Papst dann aber auch nicht. Bald gab es neuen Streit zwischen Kaiser und Papst – und diesmal kam der deutsche Herrscher mit Soldaten über die Alpen – und der Papst musste sich in der Engelsburg verschanzen. Er wurde dann zwar von den verbündeten Normannen befreit, aber die Zeit seines Glanzes und seiner Macht sogar über den Kaiser war vorbei.

Später waren dann für das Papsttum gar nicht mehr die deutschen Kaiser die gefährlichsten Gegner. Abhängig wurden die Päpste zwischen 1309 und 1377 so sehr vom französischen König, dass sie sogar ihren Sitz nach Avignon verlegen mussten.

1.6       Ausblick: Die Kirchenspaltung des 16. Jahrhunderts

Später kehrten sie dann nach Rom zurück und kümmerten sich vor allem um Politik und um Kunst. Besonders der Ausbau der Peterskirche kostete sehr viel Geld, so dass sie auf den Gedanken kamen, für den sogenannten „Ablass“ Geld zu nehmen.

Um das zu verstehen, muss man sich ein bisschen in der katholischen Sünden- und Gnadenlehre auskennen: Wer gesündigt hat, muss Buße tun und dazu gehört ggf. ein gutes Werk. Das kann natürlich sehr gut auch eine Geldzahlung an die Kirche sein – und da hatte man schon das Verbindungsstück zwischen den Sünden der Menschen und der Geldnot kunstsinniger Päpste.

Das Problem war nur, dass diese Praxis besonders unter dem geschäftstüchtigen Dominikanermönch Tetzel so ausartete, dass sogar schon künftige Sünden gewissermaßen mitbezahlt werden konnten. Das bedeutete natürlich praktisch, dass die Kirche die Erlaubnis zum Sündigen verkaufte – eine schon ziemlich perverse Vorstellung.

Das durchschaute vor allem ein deutscher Mönch namens Martin Luther, der dann im Jahre 1517 sein ganz anderes Sünden- und Vergebungsverständnis in Wittenberg veröffentlichte. Eigentlich wollte er die Kirche nur reformieren – da die Gegenseite aber auf stur stellte und ihn nur zum Widerruf seiner Thesen drängen wollte, kam es zur Spaltung der Kirche in eine katholische und eine protestantische oder evangelische Konfession. Darauf gehen wir dann später noch genauer ein.

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