Speed-Dating mit Gedichten: Paul Boldt, „Auf der Terrasse des Café Josty“ (Mat6140-terrasse)

Worum es hier geht:

Wir wollen zeigen, wie man ganz schnell – wie beim Speed-Dating mit Partnersuche – Kontakt mit einem Gedicht aufnehmen kann. Das wird begleitet von der Frage: „Ist mein Gegenüber was für mich – oder sollte ich weitersuchen.

Auf jeden Fall lohnt es sich in beiden Fällen – sowohl beim Treffen in einem Restaurant oder auch beim ersten Lesen eines Gedichtes – genauer hinzuschauen. Manchmal trügt der erste Eindruck auch – und man will doch nicht die große Liebe seines Lebens verpassen 😉

Das Gedicht, um das es hier geht – mit Kommentaren:

Das Gedicht haben wir hier gefunden.

Paul Boldt

Auf der Terrasse des Café Josty

  • Die Überschrift gibt einen wichtigen Hinweis auf den Ort, von dem aus das Folgende betrachtet wird.

Der Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll
Vergletschert alle hallenden Lawinen
Der Straßentakte: Trams auf Eisenschienen
Automobile und den Menschenmüll.

  • Hier wird eine Abfolge von Eindrücken geschildert, die
    • deutlich machen, wie laut es ständig an einem belebten Großstadtplatz ist,
    • wie einem die „Trams“ = Straßenbahnen, die Automobile und der „Menschenmüll“ vorkommt.
      • Hier hofft man, dass damit nicht die Menschen, sondern ihr Müll gemeint ist,
      • die Verbindung mit Lawinen, die sich ja grundsätzlich bewegen, deutet aber doch an, dass die Menschen gemeint sind – denn der Müll bewegt sich ja nicht mit den anderen Fahrzeugen mit.
    • Wichtig ist, dass man die Verbindung zwischen „Lawinen“ und „Straßentrakte“ sieht. Denn das bedeutet, dass hier in den Straßenschluchten, so würden wir vielleicht sagen, etwas letztlich unaufhaltsam rollt.
    • Allerdings „vergletschert“ – und das bedeutet, dass eine Schnee- und Eismasse zum Stillstand gekommen ist.
    • Das heißt, dass der Verkehr einen Doppelcharakter hat: Er wirkt auf das lyrische Ich wie eine Kombination von Lawine und Gletscher. Das muss man nicht nachvollziehen können – bei den expressionistischen Dichtern reicht es, wenn die sich das in ihrem Kopf vorstellen können – und das hauen sie dann raus.
  • Tipp1: Sich in die Situation des lyrischen Ichs versetzen und mit seinen Augen schauen
  • Tipp2: Von den Kernbegriffen (Lawinen) ausgehen und dann schauen, was dazu passt (der Straßentrakte)
  • Tipp3: Unbekannte Wörter erfragen, nachschlagen oder mal Verwendungszusammenhänge ausprobieren:
    Trakt = Krankenhaustrakt
  • Tipp4: Überlegungen anstellen, wieso ein und dasselbe einmal als „Lawine“ und dann als „Gletscher“ bezeichnet werden kann: Massenverkehr mit Zwangsstopps = Staus.
  • Tipp5: Nicht versuchen, alle Bilder der Dichter (bsd. des Expressionismus) selbst in seinem Kopf erzeugen zu können. Es reicht, wenn man sie versteht oder zumindest beschreibt.

Dann kann man die erste Strophe schon mal so zusammenfassen:

  1. In der ersten Strophe wird beschrieben, wie von einer Café-Terrasse aus der Potsdamer Platz gesehen wird.
  2. Hervorgehoben werden der ewige Lärm, dann der Strom von Fahrzeugen, aber auch von Menschen, die mal in der Bewegung wie Lawinen wirken – und bei Stau wie ein Gletscher.

Die Menschen rinnen über den Asphalt,
Ameisenemsig, wie Eidechsen flink.
Stirne und Hände, von Gedanken blink,
schwimmen wie Sonnenlicht durch dunklen Wald.

  • Hier werden die Menschen wie eine Flüssigkeit gesehen, die über den Asphalt läuft.
  • Hervorgeheben wird die Schnelligkeit, mit der sie sich bewegen.
  • Die 3. Zeile löst man am besten von „blink“ = von „blinken“ = leuchten auf und stellt sich vor, dass die Sonne mal die „Stirne“, mal die „Hände“ beleuchtet, was das lyrische Ich mit Gedanken verbindet.
  • Dann ein Vergleich mit Sonnenlicht im Wald, das auf die Straßenschlucht übertragen wird – der Wald sind dann die Hausreihen – dazwischen die zum Teil beleuchtete Straße.
  • Tipp 6: Bei einem Wort wie „rinnen“ sofort die Verbindung mit Flüssigkeit herstellen – einfach von Verwendungsbeispielen ausgehen: Das Wasser der Badewanne rinnt in die Nachbarwohnung.
  • Tipp7: Sich die Bewegung von Tieren wie Ameisen und Eidechsen vorstellen, dann weiß man, was hier ausgedrückt werden soll und kann es auf die Menschen anwenden.
  • Tipp8: Ein Wort wie „blink“ über „blinken mit „leuchten“ verbinden
  • Tipp9: Wenn Gedanken auf Stirn und Hände bezogen werden, dann einfach schauen, wie man Gedanken auch in den Händen haben kann – man denke an Klavierspieler oder Handwerker.
    Hier reicht wieder Tipp 5: Es reicht, wenn das lyrische Ich und sein Dichter Gedanken auch in Händen sehen können.
  • Tipp10: Und den Wald in einer Großstadt nicht plötzlich dort sehen, sondern überlegen, was dort wie Waldwände aussehen könnte, nämlich Häuserwände.

Dann kann man die zweite Strophe schon mal so zusammenfassen:

  1. Diese Strophe beschäftigt sich mit den Menschen in den Straßen,
  2. sie werden als sehr betriebsam angesehen.
  3. Was sie umtreibt, verbindet das lyrische Ich mit den Stirnen und den Händen, die von der Sonne beleuchtet werden.
  4. Am Ende verbindet das lyrische Ich die Gesamtsituation mit einer Lichtspur im Wald.
  5. Dabei wird der Gedanke des Schwimmens wieder aufgenommen, während anfangs von „rinnen“ die Rede war – möglicherweise eine Steigerung.

Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,
Wo Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen
Und lila Quallen liegen – bunte Öle;

  • Das erste Terzett (Strophe mit drei Versen) bringt eine Veränderung.
  • Es geht um die Nacht, verbunden mit Regen.
  • Dabei kommt dem lyrischen Ich der gesamte Platz wie eine Höhle vor – links und rechts die Häuser, über allem der dunkle Nachthimmel.
  • Dazu kommen Beobachtungen von Lichtflecken – etwa von Laternen oder angeschaltetem und wieder abgeschaltetem Fensterlicht. Die werden vom lyrischen Ich mit Fledermäusen gleichgesetzt.
  • Dazu kommen Wasserpfützen mit Autoöl, die dem lyrischen Ich wie entsprechend gefärbte Quallen vorkommen.
  • Tipp11 wie Tipp 1: Sich vorstellen, was beim lyrischen Ich den Platz in der Nacht wie eine Höhle aussehen lässt.
  • Tipp12: Überlegen, was könnte in einer Stadt wie Fledermäuse aussehen, die ja eher auf dem Land zu finden sind. Weiß verbindet man mit Licht – und dann hat man Ideen: Laternen und Fenster.
  • Tipp13: Bei Regen und Autoverkehr auf den Gedanken kommen, dass es hier um Wasserpfützen geht, die schmierig sind – und die für das lyrische Ich (Tipp1) eine Ähnlichkeit mit Quallen haben können.

Dann kann man die dritte Strophe schon mal so zusammenfassen:

  1. Diese Strophe bringt eine Veränderung hin zur Nacht mit Regen, was beim lyrischen Ich den Eindruck einer Höhle hervorruft.
  2. Dazu kommen fantasievolle Gleichsetzungen von Laternen o.ä. mit weißen Fledermäusen
  3. und einer Kombination aus Regenwasser und Öl mit Quallen.

Die mehren sich, zerschnitten von den Wagen.-
Aufspritzt Berlin, des Tages glitzernd Nest,
Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest

  • Die Betrachtung der Wasserpfützen wird fortgesetzt mit Hinweis auf die Autos, die sie durchschneiden.
  • Das dabei entstehende Spritzwasser wird mit Berlin gleichgesetzt,
  • das das Glitzern des Tages jetzt ablegt
  • und stattdessen sich präsentiert wie eine aufplatzende Eiterbeule.
    Das muss man wie vieles andere nicht nachvollziehen können. Die Dichter des Expressionismus entscheiden ziemlich willkürlich, wie sie das anschaulich machen, was sie denken und fühlen.
  • Tipp14: Verbindungen sehen – wie bei Tipp 2: Es sind die Wasserlachen, die von den Autos zerschnitten werden.
  • Tipp15: Das Spritzen mit der Situation verbinden
  • Tipp16: Erkennen, dass „des Tages glitzernd Nest“ ein nachgeschobenes Attribut (Beifügung) zu Berlin ist.
    Wie: Auftritt der starke Mark, der Klasse bester Kämpfer.
  • Tipp17: Überlegen, wie eine Nacht mit Rauch verbunden werden kann – z.B. die abends angemachten Öfen oder aufkommender Nebel – oder irgendeine Form von Diesigkeit.
  • Tipp18: „Eiter einer Pest“ verbinden mit den aufspritzenden Wasserlachen, die die komische Öl- oder Benzinfarbe haben. Ansonsten gilt hier wieder Tipp5.

Dann kann man die vierte Strophe schon mal so zusammenfassen:

  1. Die vierte Strophe bleibt bei den Pfützen
  2. und nutzt das Spritzwasser, das die Autoreifen hochschleudern,
  3. um zwei Bilder von Berlin zu präsentieren, eines des Tages im Glitzerlook und eines in der Nacht, das dem lyrischen Ich wie eine aufspritzende Eiterbeule vorkommt.