Theodor Fontane, „Silvesternacht“ – eine Ballade aus der Abteilung des Schaurigen (Mat6217)

Theodor Fontane

Silvesternacht

  1. Das Dorf ist still, still ist die Nacht,
  2. Die Mutter schläft, die Tochter wacht,
  3. Sie deckt den Tisch, sie deckt für zwei,
  4. Und sehnt die Mitternacht herbei.
  5. Wem gilt die Unruh? wem die Hast?
  6. Wer ist der mitternächtge Gast?
  7. Ob ihr sie fragt, sie kennt ihn nicht,
  8. Sie weiß nur, was die Sage spricht.
  9. Die spricht: Wenn wo ein Mädchen wacht
  10. Um zwölf in der Silvesternacht,
  11. Und wenn sie deckt den Tisch für zwei,
  12. Gewahrt sie, wer ihr Künftger sei.
  13. Und hätt‘ ihn nie gesehn die Maid,
  14. Und wär‘ er hundert Meilen weit,
  15. Er tritt herein und schickt sich an,
  16. Und isst und trinkt, und scheidet dann. –
  17. Zwölf schlägt die Uhr, sie horcht erschreckt,
  18. Sie wollt‘, ihr Tisch wär‘ ungedeckt,
  19. Es überfällt sie Angst und Graun
  20. Sie will den Bräutigam nicht schaun.
  21. Fort setzt der Zeiger seinen Lauf,
  22. Niemand tritt ein, sie atmet auf,
  23. Sie starrt nicht länger auf die Tür, –
  24. Herr Gott, da sitzt er neben ihr.
  25. Sein Aug‘ ist glüh‘, blass sein Gesicht,
  26. Sie sah ihn all‘ ihr Lebtag nicht,
  27. Er blitzt sie an, und schenket ein,
  28. Und spricht: „Heut Nacht noch bist du mein.
  29. Ich bin ein stürmischer Gesell‘,
  30. Ich wähle rasch und freie schnell,
  31. Ich bin der Bräut’gam, du die Braut,
  32. Und bin der Priester, der uns traut.“
  33. Er fasst sie um, ein einz’ger Schrei,
  34. Die Mutter hört’s und kommt herbei;
  35. Zu spät, verschüttet liegt der Wein,
  36. Tot ist die Tochter und – allein.

Anmerkungen zu dem Gedicht:

Das Gedicht beginnt mit der Vorbereitung einer heimlichen Aktion einer Tochter, die anscheinend um Mitternacht ihren Geliebten erwartet.

Sehr ungewöhnlich, dass hier das Lyrische Ich, der Sprecher im Gedicht, sich an den Leser wendet, um ihm mitzuteilen, dass die Tochter hier der Idee einer alten Sage folgt.

Hier wird der Inhalt der Sage geklärt. Es geht darum, dass bei der Herstellung dieser besonderen Situation Klarheit entsteht, wen das Mädchen heiraten wird. Das dürfte in einer Zeit sehr attraktiv gewesen sein, in der unverheirate Frauen als alte Jungfern galten und diskriminiert wurden. Diese junge Frau wünscht sich ganz offensichtlich normales Liebes- und Familienglück und ist auch bereit, viel dafür zu tun – ja wohl auch: zu riskieren.

Als es dann Mitternacht wird, erschrickt sie und möchte am liebsten alles ungeschehen machen.

Weil niemand eintritt, meint sie, aufatmen zu können, um dann feststellen zu müssen, dass bereits jemand neben ihr sitzt.

An der äußeren Erscheinung merkt man schon, dass es sich hier eher um ein Gespenst als um einen normalen Menschen handelt. Auf jeden Fall weiß sie nun, dass sie diesem Wesen gehören wird.

Außerdem erfährt sie auch noch, dass er bei seinen Aktivitäten sehr schnell vorgeht und dabei auch gleich die Rolle des Priesters übernimmt.

In der letzten Strophe wird dann das Ergebnis präsentiert: Dem Opfer gelingt nur noch ein Schrei und die Mutter findet dann ihre Tochter tot vor. Von der Gestalt, über die das Lyrische Ich den Leser informiert hat, gibt es keine Spur mehr.

Was die Aussage der Ballade angeht, geht es wohl darum, davor zu warnen, sich mit irgendwelchen dunklen Geschichten einzulassen. Auf jeden Fall endet ein solcher Versuch in diesem Falle tödlich.

Von der Gattung her ist es eindeutig eine Ballade, weil es sich letztlich um eine kurze Geschichte handelt, die dramatisch verläuft und in Gedichtform präsentiert wird.

Wenn man den Inhalt berücksichtigt, gehört das Gedicht zu den sogenannten „Schauerballaden“. Man kann es gut zum Beispiel mit „Der Knabe im Moor“ vergleichen. Dort geht die unheimliche Geschichte allerdings gut aus.

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