Vergleich von Goethes „Faust“ mit dem biblischen „Hiob“ (Mat8632)

Worum es hier geht:

Wir zeigen hier, wie man einen solchen Vergleich methodisch sauber durchziehen kann.

Der Weg zum Ziel
  1. Methodisch ist es sicher am besten, wenn man von seinen Kenntnissen der Faust-Figur Goethes ausgeht und das dann mit der biblischen Geschichte abgleicht.
  2. Wir wählen die Vorstellung Hiobs in der Wikipedia
    https://de.wikipedia.org/wiki/Ijob
  3. Zunächst einmal wird am Anfang Hiobs Frömmigkeit dargestellt, das passt zu dem, worüber sich Mephisto und der Herr im Prolog im Himmel einig sind.
  4. In der Bibel stellt Satan die Frömmigkeit in Frage – und zwar als berechnend. Nach dem Motto: Ich bin froh, dann geht es mir gut.
    Stufe 1:
    Gott erlaubt Satan, dem Hiob den Besitz wegzunehmen.
  5. Satan zweifelt weiter an Hiobs Glauben:
    Stufe 2: Jetzt verliert Hiob sogar seine Kinder.
  6. Satan zweifelt immer noch:
    Stufe 3: Jetzt darf Hiob sogar mit Krankheit geschlagen werden.
  7. Hier greift Hiobs Frau ein und versucht ihn, von seiner Frömmigkeit abzubringen – vergeblich.
  8. Dann gibt es einen Gesprächsteil zwischen Hiob und Freunden.
    Hier klagt Hiob durchaus und fordert Gott sogar heraus (Hiob 9, 21-24)
    https://www.bibleserver.com/LUT/Hiob9
    Bibeltext in kursiver Schrift – Anmerkungen in Normalschrift

    • [Kapitulation vor der Allmacht Gottes]
      Ja, ich weiß wohl, es ist so: Wie könnte ein Mensch recht behalten gegen Gott. 3 Hat er Lust, mit ihm zu streiten, so kann er ihm auf tausend nicht eines antworten. 4 Gott ist weise und mächtig; wer stellte sich ihm entgegen und blieb unversehrt? 5 Er versetzt Berge, ehe sie es innewerden; er stürzt sie um in seinem Zorn. 6 Er bewegt die Erde von ihrem Ort, dass ihre Pfeiler zittern. 7 Er spricht zur Sonne, so geht sie nicht auf, und versiegelt die Sterne. 8 Er allein breitet den Himmel aus und geht auf den Wogen des Meers. 9 Er macht den Großen Wagen am Himmel und den Orion und das Siebengestirn und die Sterne des Südens. 10 Er tut große Dinge, die nicht zu erforschen, und Wunder, die nicht zu zählen sind. 11 Siehe, er geht an mir vorüber, ohne dass ich’s gewahr werde, und wandelt vorbei, ohne dass ich’s merke. 12 Siehe, wenn er wegrafft, wer will ihm wehren? Wer will zu ihm sagen: Was machst du? 13 Gott wehrt seinem Zorn nicht; unter ihn mussten sich beugen die Helfer Rahabs[1]. 14 Wie sollte dann ich ihm antworten und Worte finden vor ihm?
    • [Klage über die Ungerechtigkeit Gottes]
      15 Wenn ich auch recht habe, so kann ich ihm doch nicht antworten, sondern ich müsste um mein Recht flehen. 16 Wenn ich ihn auch anrufe, dass er mir antwortet, so glaube ich nicht, dass er meine Stimme hört, 17 vielmehr greift er nach mir im Wettersturm und schlägt mir viele Wunden ohne Grund. 18 Er lässt mich nicht Atem schöpfen, sondern sättigt mich mit Bitternis. 19 Geht es um Macht und Gewalt: Er hat sie. Geht es um Recht: Wer will ihn vorladen? 20 Wäre ich gerecht, so müsste mich doch mein Mund verdammen; wäre ich unschuldig, so würde er mich doch schuldig sprechen.
    • [Selbstbewusste Anklage Gottes]
      21 Ich bin unschuldig! Ich möchte nicht mehr leben; ich verachte mein Leben. 22 Es ist eins, darum sage ich: Er bringt den Frommen um wie den Gottlosen. 23 Wenn seine Geißel plötzlich tötet, so spottet er über die Verzweiflung der Unschuldigen. 24 Die Erde ist in die Hand des Frevlers gegeben, und das Antlitz ihrer Richter verhüllt er. Wenn nicht er, wer anders sollte es tun? 25 Meine Tage sind schneller gewesen als ein Läufer; sie sind dahingeflohen und haben nichts Gutes erlebt. 26 Sie sind dahingefahren wie Schiffe aus Schilf, wie ein Adler herabstößt auf die Beute. 27 Wenn ich denke: Ich will meine Klage vergessen und mein Angesicht ändern und heiter bleiben, 28 so fürchte ich doch wieder alle meine Schmerzen, weil ich weiß, dass du mich nicht unschuldig sprechen wirst.
    • [Einsicht in die eigene Chancenlosigkeit gegenüber Gott]
      29 Ich soll ja doch schuldig sein! Warum mühe ich mich denn so vergeblich? 30 Wenn ich mich auch mit Schneewasser wüsche und reinigte meine Hände mit Lauge, 31 so wirst du mich doch eintauchen in die Grube, dass sich meine Kleider vor mir ekeln.
    • [Fehlen einer übergeordneten Instanz]
      32 Denn er ist nicht ein Mensch wie ich, dem ich antworten könnte, dass wir miteinander vor Gericht gingen. 33 Kein Schiedsmann ist zwischen uns, der seine Hand auf uns beide legte! 34 Dass er seine Rute von mir nehme und sein Schrecken mich nicht mehr ängstige!
    • 35 So wollte ich reden und mich nicht vor ihm fürchten, denn ich bin mir keiner Schuld bewusst.
  9. Gott nimmt den Gedanken seiner Allmacht auf und vertritt sie positiv im Sinne einer anderen Liga.
    Das erinnert an die mittelalterliche Formel, Gott sei die „Conincidentia oppositorum“ – das heißt. Was der Mensch nicht verstehen kann, kann bei Gott durchaus harmonisch sein.
  10. Am Ende stellt Gott sich auf die Seite Hiobs und stellt sein Glück wieder her. Letztlich ist die Botschaft: Gott kann auch den Gläubigen ins Unglück stürzen lassen – es gibt keinen einfachen Zusammenhang von Glaube und Glück. Gott akzeptiert aber auch, dass der Mensch dann klag und dabei Gott sogar in gewisser Weise Vorwürfe macht. Das gehört gewissermaßen zur übergeordneten göttlichen Harmonie dazu.
Vergleich Faust – Hiob
  1. In beiden Fällen geht es um eine Wette – also eine Art kosmisches Hintergrundschauspiel, bei dem Satan bzw. Mephisto große Spielräume gegeben werden.
  2. In beiden Fällen hat aber Gott eine übergeordnete Position.
  3. Der entscheidende Unterschied: In der Bibel verschränken sich die beiden Ebenen zumindest teilweise, wenn Gott direkt eingreift. In Goethes Faust geschieht das nur ansatzweise im Prolog und am Ende, als Fausts Unsterbliches auch noch gerettet wird, nachdem das Gretchen in der Kerkerszene auch schon zugesagt worden ist.
  4. In der Bibel geht es nicht mehr um das Handeln des Menschen – außer dass Hiob redet.
  5. Bei Goethe durchläuft Faust einen Prozess, bei dem er viel Unheil anrichtet, aber irgendwie doch auf Gottes Weg bleibt. Am Ende hat die Liebe Gretchens ihn gerettet, obwohl die Beziehung zwischen den beiden durchaus teilweise fragwürdig ist. Aber die Beziehung wird eher durch Mephisto und die gesellschaftlichen Umstände belastet als durch falsches Verhalten Fausts – sieht man mal von dem sexuellen Aspekt ab – aber auch der ist ja durch die Hexenküche bestimmt – und es ist Mephisto, der Faust von Gretchen trennt. Verantwortung konnte Faust hier kaum zeigen.
  6. Insgesamt ist Goethes Fassung natürlich deutlich moderner. In der Bibel geht es eigentlich nur um eine sehr schmerzhafte Diskussion der Frage, ob Glaube automatisch auch Glück garantiert.
  7. In Goethes Faust bleibt die göttliche Welt im Hintergrund. Um einen direkten Gottesglauben geht es gar nicht – siehe das berühmte Religionsgespräch mit Gretchen. Dennoch ist die Botschaft klar: Als Mensch darf man irren, am Ende hat man aber die Chance, auf dem richtigen Weg zu sein – und das geschieht durch Liebe und letztlich Gottes Gnade, der eine bestimmte Haltung und das Bemühen um das Rechte reicht..

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