Beispiel: Aussagen und Thema eines Gedichtes ermitteln: Lichtenstein, Die Fahrt nach der Irrenanstalt I

Worum es hier geht:

Wir wollen zeigen, wie man die Aussagen eines Gedichtes sicher versteht. Dafür verwenden wir die Methode der Signalbündelung.

Das Gedicht haben wir hier gefunden.

Alfred Lichtenstein
Die Fahrt nach der Irrenanstalt I
  1. Auf lauten Linien fallen fette Bahnen
  2. Vorbei an Häusern, die wie Särge sind.
  3. An Ecken kauern Karren mit Bananen.
  4. Nur wenig Mist erfreut ein hartes Kind.
    • Signal 1: Die Häuser einer Stadt werden mit Särgen verglichen, was auf den Tod hindeutet.
    • Signal 2: Was dem Lebensunterhalt dient, z.B. Bananen wird so dargestellt, als würden sich die Karren, die dazugehören, zusammenkauern – vielleicht vor Kälte oder Verzweiflung.
    • Signal 3: Ein Kind wird zum einen als hart dargestellt – vielleicht vom Gesichtsausdruck her.
    • Signal 4: Außerdem ist die einzige Freude dieses Kinders ein „wenig Mist“ – vielleicht weil er noch warm ist oder den kahlen Boden verdeckt.
  5. Die Menschenbiester gleiten ganz verloren
  6. Im Bild der Straße, elend grau und grell.
  7. Arbeiter fließen von verkommnen Toren.
  8. Ein müder Mensch geht still in ein Rondell.
    • Signal 5: Die Menschen werden als „Biester“ bezeichnet, ein Begriff, der normalerweise auf unangenehme Tiere wie Fliegen o.ä. angewendet wird. (Vgl. das negative Signal 4)
    • Signal 6: Der negative Eindruck von der Beschreibung verstärkt sich  (Signalbündelung mit Signal 1)
    • Signal 7: Die Beschreibung der Tore passt zu Signal 1 und 6. Damit hat man eine erste klare Signalbündelung für die Formulierung der Aussagen.
    • Signal 8: Den Menschen geht es schlecht und das sieht man ihnen an, vgl. Signal 3.
  9. Ein Leichenwagen kriecht, voran zwei Rappen,
  10. Weich wie ein Wurm und schwach die Straße hin.
  11. Und über allem hängt ein alter Lappen –
  12. Der Himmel … heidenhaft und ohne Sinn.
    • Signal 9 Die Leichenwagen passen zu den Särgen (Signal 1)
    • Signal 10 Die Tiere sind in genau so einem schlechten Zustand wie die Menschen. (Signal 4 und 8)
    • Signal 11: Der Himmel wird als „alter Lappen“ bezeichnet – d.h. nicht mal das, was man sieht, wenn man nach oben, über die Stadt hinausschaut, ist schön oder macht Hoffnung. Hypothetisch könnte man hier Himmel auch für Gott als Helfer der Menschen nehmen.
    • Signal 12: Das wird verstärkt durch das „heidenhaft“ – also hier ist keine religiöse Hoffnung.
    • Signal 13: Und dazu passt natürlich die Hoffnungslosigkeit – denn die ergibt sich, wenn Menschen keinen (religiösen oder auch sonstigen) Sinn in ihrem Leben mehr sehen.

Von den Signalen zur Aussage

Wenn man die Signale jetzt bündelt, ergeben sich die folgenden Gruppen:

  1. Stadt
    • Signal 1: Häuser wie Särge
    • Signal 2: Nur Anzeichen von minimalen Lebensbedingungen
    • Signal 4: Mist als einzige Freude eines Kindes
    • Signal 5: Stadt = „grau und grell“
  2.  Tod
    • Signal 1: Häuser -> Särge
    • Signal 5: „verloren“ deutet auch auf trauriges Ende hin
    • Signal 7: Das Aussehen der Tore (verkommen) geht auch in die Richtung
    • Signal 8: Eine unnatürliche Müdigkeit kann eine Vorstufe des Todes sein
    • Signal 9: Leichenwagen
  3. Gruppe: Negative Sicht auf die Menschen
    • Signal 3: Kind hat wahrscheinlich einen harten Gesichtsausdruck
    • Signal 5: Menschen als „Biester“
  4. Gruppe: Hoffnungslosigkeit – Sinnlosigkeit
    • Signal 1: Häuser wie Särge
    • Signal 2: Verkaufs-Angebote nicht attraktiv
    • Signal 4: Mist als einzige Freude
    • Signal 5: Menschen als „Biester“ und „verloren“
    • Signal 8: Unnatürliche Müdigkeit
    • Signal 11: Über den Menschen nur ein „alter Lappen“
    • Signal 12: Mehr „Himmel“ gibt es nicht
    • Signal 13: „heidenhaft“ = keine Religion mehr
      und „ohne Sinn“ – deutlicher kann man es nicht ausdrücken.

Das Gedicht zeigt also:

  1. ein negatives Bild der Stadt, das von vornherein mit dem Tod in Verbindung gesetzt wird,
  2. die schlechte soziale Situation der Menschen, die letztlich auf einen frühen Tod zuläuft,
  3. ein seltsam negatives Bild von den Menschen – ohne Mitgefühl (kann als Ausgangspunkt von Kritik genommen werden)
  4. vor allem aber Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit, weil keine Religion oder Vergleichbares den Menschen noch einen Halt und eine Perspektive gibt.

Von den Aussagen zum Thema

Wenn die Aussagen die Antworten darstellen, kann man als Thema formulieren:

Das Gedicht beschäftigt sich mit der Frage, wie es den Menschen in einer Stadt geht.

Fragen und Anregungen können auf dieser Seite abgelegt werden:
https://textaussage.de/schnelle-hilfe-bei-aufgaben-im-deutschunterricht

Nachtrag: Es ist mal wieder passiert …

Wir haben schon häufig drauf hingewiesen, dass wir zwar ziemlich gut sind im Interpretieren von Gedichten, aber auch eine Schwäche haben (mindestens 😉

Wir konzentrieren uns so auf die Verszeilen, dass wir die Überschrift häufig aus den Augen verlieren.

Das ist uns auch hier wieder passiert.
Als Aussagen hatten wir festgestellt: Das Gedicht zeigt …

  1. ein negatives Bild der Stadt, das von vornherein mit dem Tod in Verbindung gesetzt wird,
  2. die schlechte soziale Situation der Menschen, die letztlich auf einen frühen Tod zuläuft,
  3. ein seltsam negatives Bild von den Menschen – ohne Mitgefühl (kann als Ausgangspunkt von Kritik genommen werden)
  4. vor allem aber Hoffnungslosigkeit und Sinnlosigkeit, weil keine Religion oder Vergleichbares den Menschen noch einen Halt und eine Perspektive gibt.

Und nun stellt sich die Frage:
Was hat das mit der Fahrt in die Irrenanstalt zu tun?

  1. Die schlimmstmögliche Variante, die es auch schon gegeben hat: Das Gedicht hatte keine Überschrift und irgendwer hat die gesetzt, nicht immer mit Verstand.
    Das ist in diesem Falle aber unwahrscheinlich, weil die Überschrift so extrem vom Inhalt abweicht, dass da keiner drauf kommt.
  2. Also muss man die Überschrift und ihr Nicht-Verhältnis zum eigentlichen Gedicht ernst nehmen und Hypothesen entwickeln.
  3. Die einfachste Erklärung ist, dass die Überschrift bildhaft gemeint ist und das lyrische Ich damit deutlich machen will, dass es insgesamt das Gefühl hat, auf dem Weg ins Irrenhaus zu sein.
  4. Und was dann im Gedicht beschrieben wird, ist ein Teil davon.
    Es könnte also gemeint sein: So müsste eine Stadt nicht aussehen und die Situation der Menschen nicht sein, wenn zum Beispiel keine Kriege geführt werden, das Geld nicht für alles Mögliche verschwendet wird und man sich mehr auch um einfache Menschen kümmert. Denn es ist davon auszugehen, dass es neben dem Elendsgebiet auch ganz andere Stadtteile gibt.
  5. Anregung:
    Ggf. könnte man prüfen, wie es in den USA gesellschaftlich aussieht. Dort sollen ungeheurer Reichtum größter sozialer Not  (Zeltstädte) gegenüberstehen.
    Das wäre eine interessante Recherche-Aufgabe. Wir können das hier nicht beurteilen.

Rückkehr zur Übersicht

Wenn man mal bei verschiedenen Teilschritten des Programms gewesen ist, kann man mit diesem Link immer zur Gesamtübersicht zurückkehren.
https://schnell-durchblicken.de/lernprogramm-analyse-und-interpretation-von-gedichten-ub

Weitere Infos, Tipps und Materialien

 

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