Das Problem der fehlenden Konkretheit bei Immanuel Kant (Mat8427-wiss)

Worum es hier geht:

Da lesen wir bei dem berühmten Philosophen Kant:
„Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen.“
Und auf der folgenden Seite bekommen wir den Hinweis, dass die beiden lateinischen Wörter bedeuten: „von Natur aus volljährig“.

Und dann denken wir: Nein, mein lieber Kant, so geht das nicht. Mal eben locker etwas in einem Nebensatz behaupten.
Und dann denkt jeder mal für sich, ob er durch die Natur „von fremder Leitung frei gesprochen ist“. Wer das glaubt, einfach mal mitten im Unterricht aufstehen und Richtung Ausgang gehen – und dann schauen, was die fremde Lehrer-Leitung einem sagt 😉

Und damit sind wir bei dem Problem, um das es geht:
In der Mathematik und in den Naturwissenschaften mag es eindeutige Definitionen geben.
In den sogenannten Geisteswissenschaften, die sich auch mit Literatur oder eben mit Philosophie beschäftigen, gibt es keine eindeutigen „Denotationen“, sondern bei jedem Menschen schwingen eigene Erfahrungen bei den Wörtern mit.
Deshalb Vorsicht bei Leuten wie Kant, die – wie wir inzwischen in einem Youtube-Video erfahren haben, regelrecht zu feige sind oder waren, ihre kühnen Gedankengebäude mit Beispielen dem harten Wind der Realitätsprüfung auszusetzen.

Man kann Kant natürlich zugutehalten, dass er eben in der Zeit der Aufklärung lebte. Und da glaubten ja wirklich einige, dass die menschliche Vernunft das Maß aller Dinge sei. Sie hatten verständlicherweise noch keine Ahnung davon, wie spätestens so etwa ab 1900 das Bewusstsein sehr abgründig erweitert wurde. Man denke an Sigmund Freud. Und der Dichter Hofmannsthal hat in seinem fiktiven „Brief des Lord Chandos“ jemanden die schlimme Erfahrung machen lassen, dass ihm die Worte im Mund wie Pilze vergehen und am Ende nichts Festes und Sicheres übrig bleibt.

Vielleicht hat Immanuel Kant das – auf der Spitze seines Gedankengerüsts stehend – schon ein bisschen geahnt und deshalb auf die nicht immer sturmfesten Beispiele verzichtet.

Nun aber zu dem, was wir auf dieser Seite eigentlich klären wollten:
  • Bei einer genaueren Betrachtung der Beantwortung der Frage „Was ist Aufklärung“ durch Immanuel Kant ist uns aufgefallen, dass die Ausführungen nach dem grandiosen Einstieg sehr unkonkret sind.

Näheres dazu findet sich hier:

Dazu die grundsätzliche Frage:
  • Das hat uns zu der Frage geführt, ob Begriffe in den nicht-mathematischen bzw. nicht-naturwissenschaftlichen Fächern nicht ein Definitionsproblem haben.
  • Das heißt: Wenn man zum Beispiel so etwas sagt oder hört wie „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“, dann klingt das gut, aber es hat solange nicht viel Wert, wie nicht genau geklärt ist, was mit „Freiheit“ gemeint ist.
  • Zur Zeit der alten DDR war es ganz klar, dass dort vielfach die gleichen Begriffe in der Verfassung verwendet wurden wie im Grundgesetz – sie wurden nur anders verstanden bzw. ausgelegt.
  • Große Konsequenzen ergeben sich für die Analyse gerade von Sachtexten.
    Uns ist letztens erst mal klar geworden, wie wenig viele Sachtexte wirklich aussagen, wenn Begriffe wie Freiheit, Menschheit oder Glück nicht mit konkreten Vorstellungen gewissermaßen ausgeleuchtet werden.
    Damit ergeben sich bei der Analyse und Interpretation eine Menge „Spielmöglichkeiten“ bei der Stellungnahme.
Zwei Wissenschaftler mit interessanten Andeutungen
  • Zurück zu Kant:
    Wir haben inzwischen zwei Philosophen gefunden, also Fachleute, die bei Kant auch ein Konkretisierungsproblem sehen.

    • Zum einen ist da Richard David Precht, der bei seiner Vorstellung der Werke Kants in seiner Geschichte der Philosophie, Band II ab auf S. 504 (E-Book-Ausgabe) folgendes feststellt:
      „Als die Kritik der reinen Vernunft erscheint, blüht auch in mancher deutschen Stadt die Aufklärung, vor allem in Berlin. Doch die dortigen Aufklärer sind von Kants Werk enttäuscht: zu unkonkret, zu umständlich, zu unverständlich.“
    • Und nach der Vorstellung der Kritik Hamanns an Kants recht eindimensionaler Vernunftorientierung bemängelt ein anderer „das Fehlen der Psychologie in Kants Buch. Wo bleiben die empirischen Beweggründe wie Gefühle, sinnliche Antriebskräfte und all die alltagspragmatischen Situationen, von denen unser Vernunftgebrauch abhängt?“ (S. 505)
    • Und wenn Psychologen heute davon ausgehen, dass wir nur zu 10% von der hellen Vernunft bestimmt sind und zu 90% von dunklen Triebkräften, wird Kants Vernunft-Monomanie noch fragwürdiger.
  • Dann schauen wir uns ein Youtube-Video an, in dem mit Dr. Walther Ziegler ein Kenner seiner Philosophie Kant vorstellt:
    https://youtu.be/q2Wky9MKw50?si=h2g5oWjXa-8vkoeJ
    Da heißt es ab Minute 25:53
    „Kant kann selbst hat hierfür [für die Kategorien] leider kein einziges Beispiel die brachte in seinem dicken Buch. Er selbst hat sich dazu geäußert und hat gesagt: Na ja,  klar,  was soll er denn großartig jetzt noch ein Beispiel bringen,  das Buch hat er über 1000 seiten lieber nicht willst nicht noch mehr verlängern. Aber ich glaube,  er war ein bisschen zu feige, weil es ist tatsächlich schwer diese hölzernen Kategorien auf die Wirklichkeit anzuwenden.“
Auch Goethe sieht Konkretisierungsprobleme

Vorstellung vom Autor in der Zeit des Idealismus am Beispiel von Goethes „Wilhelm Meister“, vgl. Kant Thesen ohne Anschaulichkeit, Konkretisierung
https://schnell-durchblicken.de/vorstellung-vom-autor-in-goethes-wilhelm-meister

Dazu ein Text von Anders Tivag:

Unser Autor hat sich der Frage der fehlenden Konkretheit von Begriffen auch noch – und zwar auf dieser Seite angenommen:
http://textaussage.de/anders-tivag-blog-2-die-beschraenktheit-der-reinen-begriffe

Zur Problematik von allgemeinen Behauptungen

    • Gezeigt wird am Beispiel von Sprichwörtern, aber auch bemerkenswerten Äußerungen von Schriftstellern wie Dürrenmatt oder kunstvollen Songs wie von der Gruppe  „Die Ärzte“, dass sehr allgemein formulierte Sätze einer Überprüfung an konkreten Beispielen nicht standhalten.
    • Gerade bei den Sprichwörtern kann man zudem zeigen, dass es sich häufig um reine Werbe- oder soger Manipulationsmaßnahmen handeln kann.
    • Beispiel: Jemand möchte Leute dazu bringen, in recht problematische Objekte zu investieren (Immobilien, Aktien o.ä.) und wird „überzeugt“ mit dem Hinweis:
      „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.“
    • Sobald man nur ein bisschen darüber nachdenkt, merkt man, dass das so allgemein nicht gilt.
      https://textaussage.de/problematik-der-allgemeinen-abstrakten-begriffe
Fazit:

Wir glauben, dass es sich lohnt, an dieser Frage dranzubleiben. Denn Kommunikation ohne Klarheit ist kein wirklicher Austausch von Gedanken, die einen weiterbringen.

Weitere Infos, Tipps und Materialien

 

 

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