Gedichtinterpretation: Von der Inhaltsbeschreibung zu den Aussagen des Gedichtes – Signalbündelung und ihre Fallen (Mat6193-signale-aussage-falle)

Worum es hier geht:

  • Wir zeigen im Folgenden am Beispiel einer Strophe aus dem Gedicht „Abendlied“ von Matthias Claudius,
    • wie man zunächst den Inhalt der Strophe beschreiben kann,
    • wie man dann später die Signale bündelt, die in der Strophe präsentiert werden
    • und wie man aufpasst, dass man nicht zu schnell einer ersten Idee folgt.
      Die ist in diesem Zusammenhang sogar Lars Krüsand, einem erfahrenen Deutschlehrer zum Verhältnis geworden, worauf ihn sein Schüler Latus Crux (natürlich auch ein Pseudonym) mal eben aufmerksam gemacht hat.
    • Übrigens ein schönes Beispiel, dass der Aufstieg eines interessierten Schülers (und einer Schülerin natürlich auch) mit kleinen Siegen beginnt 🙂

Schritt 1: Inhaltsbeschreibung

  • Bei einem Gedicht kann man normalerweise den Inhalt nicht so „angeben“ wie bei einer Kurzgeschichte – einfach, weil es keine oder wenig Handlung gibt.
  • Also muss man einen anderen Weg wählen. Wir zeigen, wie wir das gemacht haben:
  • Zunächst einmal die Strophe:
  • Kurzer Hinweis: Das ganze Gedicht haben wir vorstellt und analysiert auf dieser Seite:
    https://schnell-durchblicken.de/matthias-claudius-abendlied

Matthias Claudius

Abendlied

  1. Der Mond ist aufgegangen
  2. Die goldnen Sternlein prangen
  3. Am Himmel hell und klar;
  4. Der Wald steht schwarz und schweiget,
  5. Und aus den Wiesen steiget
  6. Der weiße Nebel wunderbar.
Unsere „Inhaltsbeschreibung“ sah dann so aus:
  • In der ersten Strophe geht es um das Naturphänomen des aufgehenden Mondes und die Begleitphänomene, wie sie das lyrische Ich in den Blick nimmt und auch gefühlsmäßig bewertet.
  • Konkret bedeutet das, dass neben dem Mond auf drei Naturelemente näher eingegangen wird.
    • Bei den Sternen wird die Schönheit hervorgehoben, die vor einem klaren Himmel natürlich besonders deutlich wird.
    • Im Wald wird im Kontrast dazu das Dunkle und das Schweigende hervorgehoben, wohl um deutlich zu machen, dass die Nacht im irdischen Bereich eine Zeit der Ruhe ist.
      (Hypothese)
    • Das dritte Element, auf das näher eingegangen wird, ist der Nebel, der aus den Wiesen aufsteigt und der damit wegen seiner Helligkeit eine Verbindung herstellt zwischen dem irdischen und dem himmlischen Bereich – und zwar im Sinne einer Aufwärtsbewegung.
Anmerkung zu dieser Lösung:
  • Wenn man sich jetzt unsere Lösung anschaut, so ist es tatsächlich eine Beschreibung. Die enthält allerdings durchaus analysierende Elemente.
  • Wir haben die in der Beschreibung markiert, damit man sieht, wie hier Inhalt mit näheren Erläuterungen verbunden wird.
Kommen wir jetzt zu den Signalen:

Darunter verstehen wir inhaltliche Punkte, die anscheinend von besonderer Bedeutung sind. Sie setzen gewissermaßen ein Zeichen – darum der Begriff „Signal“.

  1. Der Mond ist aufgegangen
  2. Die goldnen Sternlein prangen
  3. Am Himmel hell und klar;
  4. Der Wald steht schwarz und schweiget,
  5. Und aus den Wiesen steiget
  6. Der weiße Nebel wunderbar.

Markiert haben wir in unserer Meinung nach goldener Schriftfarbe, was für die helle Himmelswelt steht.

Grau in Richtung schwarz haben wir markiert, was zur nächtlich schlafenden Erdenwelt gehört.

Blau haben wir den romantischen Teil der Strophe eingefärbt, weil das Aufsteigen von der Erde zur Himmelswelt Transzendenz bedeutet, also ein Überschreiten irdischer Grenzen.

Und so etwas nennen die Romantiker „wunderbar“.

Bündeln wir jetzt die Signale zu Aussagen
  • Aussage 1: Es gibt eine Welt , die „golden“, „prangt“ und “hell” und “klar” ist.
  • Aussage 2: Es gibt eine Welt, die “schwarz” steht und “schweiget”
  • Aussage 3: Die beiden Welten werden durch den “weißen Nebel” verbunden, der aufsteigt,
  • Aussage: was “wunderbar” ist, also die Grenzen der fiktiven Normalität der Realität übersteigt.
  • Kritische Anmerkung:
    • Den Mond hatten wir erst mal nicht als Signal genommen. Er schien uns nur einen Zeitpunkt anzuzeigen. Entscheidend sind die helle und die dunkle Welt und die aufsteigende Verbindung.
      1. Er ist nur halb zu sehen,
      2. Und ist doch rund und schön!
      3. So sind wohl manche Sachen,
      4. Die wir getrost belachen,
      5. Weil unsre Augen sie nicht sehn.
    • Dann aber der nachträgliche Schock.
      In der 3. Strophe heißt es dann:
      Seht ihr den Mond dort stehen? –
      Er ist nur halb zu sehen,
      Und ist doch rund und schön!
      So sind wohl manche Sachen,
      Die wir getrost belachen,
      Weil unsre Augen sie nicht sehn.
    • Das heißt: Der Mond, der am Anfang nur so nebenbei erwähnt worden ist, spielt noch eine sehr wichtige Rolle, denn sein Aufgang, Vollmond und Untergang wird genutzt. Und zwar für die Einsicht, dass das, was wir sehen, nicht die ganze Wirklichkeit ist.
    • Und das wird dann für den Schlussteil des Gedichtes genutzt – gewissermaßen als Gleichnis für unsere Sicht der Welt, die mehr enthalten  kann, als wir sehen.
    • Also: Bei den Signalen eines Gedichtes muss man natürlich den gesamten Text nutzen – und das machen  auf der genannten Seite.
Vorsicht: Eine schnelle Meinung ist nicht immer die richtige
  • Kommen wir zu dem schon angekündigten traurigen  Höhepunkt.
  • Lehrer Lars Krüsand hat bei den beiden Zeilen
    Seht ihr den Mond dort stehen? –
    Er ist nur halb zu sehen,
    sofort an Goethes Gedicht „Willkommen und Abschied“ gedacht:
    https://www.deutschelyrik.de/willkommen-und-abschied.540.html
    Da bemerkt ein verliebt zu seiner Freundin jagender junger Mann, dass es dem Mond genauso geht wie ihm:
    Der Mond von einem Wolkenhügel
    Sah kläglich aus dem Duft hervor,“
    also hat unser Lehrer die beiden Zeilen auch gleich so verstanden, dass der Mond wegen dieser „Wolkenhügel“ nicht ganz zu sehen ist.
  • Dumm nur, dass es eine viel bessere Erklärung ist: Es herrscht Halbmond.
    Das steht erstens fast so im Text,
    außerdem löst sich die falsche Vorstellung in dieser Nacht nicht auf – wie bei einem Wolkenhügel. Die Zunahme des Mondes dauert einige Tage.
Zusammenfassung:

Zu einer sehr guten Interpretation kommt man schnell und sicher, wenn man

  1. Sich den Inhalt im Rahmen der Strophenbeschreibung klarmacht und dabei möglichst schon auf Zusammenhänge achtet:
    1. Helle Welt des Himmels
    2. dunkle Welt der Erde
    3. Nebel als aufsteigende Verbindung, die wunderbar ist.
  2. Dann ist es gut, wenn man sich die Signale, also die Wörter oder Wortgruppen, die uns ein Zeichen geben, was gemeint sein könnte, markiert.
  3. Dann schaut man, wie diese Zeichenwörter sich zu Aussagen bündeln lassen.
  4. Und am Ende denkt man immer daran, dass erste Meinungen häufig nur spontane „Einfälle“ sind, die bei der weiteren oder genaueren Lektüre in sich „zusammenfallen“.
    Wie bei der ersten Meinung: Der Mond deute nur einen Zeitpunkt an – und später muss man sich dann korrigieren: Er wird noch für eine andere und viel wichtigere Aussage des Gedichtes gebraucht.

Weitere Infos, Tipps und Materialien

 

 

 

 

 

 

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