Leistung von Literatur – Kurzgeschichte zu Integration als Chance und Verhängnis (Mat8446)

Worum es hier geht:

In der Schule taucht häufig die Frage auf: Wozu ist Literatur eigentlich gut? Weil wir selbst immer wieder die Erfahrung machen, dass Gedichte, Kurzgeschichten, aber auch ganze Romane wirklich etwas Besonderes leisten, stellen wir hier mal ein Beispiel vor:

Es geht um die Kurzgeschichte „Günders Grenzen“ von Sabine Trinkhaus.
Näher eingegangen sind wir auf sie auf der Seite:
https://schnell-durchblicken.de/trinkaus-guenders-grenzen

Was ist das Besondere an dieser Kurzgeschichte?

  1. Zunächst einmal stellt sie einen ganz normalen Konflikt zwischen Menschlichkeit und Berufsverpflichtung dar.
  2. Es geht nämlich um einen Postzusteller, der auf seinem Dienstweg immer wieder auf Menschen trifft, die Fragen oder besondere Bedürfnisse haben.
  3. Dabei vernachlässigt er seine Dienstpflicht – im wahrsten Sinne des Wortes. Sie wird für ihn „nachrangig“ – und er kümmert sich erst mal um die menschlichen Bedürfnisse anderer.
  4. Damit kommt er natürlich in Konflikt mit seinem Vorgesetzten und letztlich dem Arbeitgeber, der auch Interessen zu vertreten und zu berücksichtigen hat.
    Das wäre schon mal ein erster schöner Diskussionspunkt, zu dem die Geschichte angeregt hat.
  5. Aber sie hat noch mehr zu bieten: Eine der Hilfestellungen besteht nämlich darin, dass ein Albaner sich auf das Gespräch mit der Einbürgerungsbehörde vorbereiten muss. Nun ist er bei der Frage der Gleichberechtigung von Mann und Frau angelangt – und darüber denkt er viel als sprachlicher „Newcomer“ viel intensiver nach als der „sprachgewandte“ Deutsche (übrigens ein sehr verräterisches Attribut ;-). Wir zitieren wegen ihrer Bedeutung diese Passage aus der Kurzgeschichte etwas ausführlicher: Das Originalzitat in Kursivschrift, unser Kommentar eingerückt.
    • Egzon bereitete sich akribisch auf das Gespräch mit der Einbürgerungsbehörde vor.
      • Egzon ist ein Albaner, der sich um die deutsche Staatsbürgerschaft bemüht und ein entsprechendes Prüfungsgespräch vor sich hat, in dem es um seine Integration in die Kultur des Aufnahmelandes geht.
    • Etwas zu akribisch, wenn man Iskender fragte, obgleich er Gründlichkeit im Prinzip sehr schätzte. Natürlich fühlte er sich dennoch geschmeichelt, als Fachmann für deutsche Leitkultur um Rat gefragt zu werden. „Halten Sie es für einen Fort-schritt, dass Männer und Frauen in Deutschland kraft des Gesetzes gleichberechtigt sind?“, zitierte Egzon etwa. Eine leichte Frage, fand Iskender.
      • Iskender ist der Postzusteller, der selbst Migrationshintergrund hat, aber bereits voll integriert ist.
      • Offensichtlich hat er die deutsche Kultur schon komplett angenommen, gewissermaßen verinnerlicht. Genau das ist ein Problem, wie sich jetzt herausstellt:
    • Egzon jedoch wollte zunächst klären, ob Fortschritt in diesem Falle eher die bewertete Veränderung des Zustandes oder das wertfreie Näherkommen an ein Ziel meinte. Ungeklärte Axiome, so sagte er, könnten zu grauenvollen Missverständnissen führen.
      • Das ist natürlich voll der Hammer, wie man heute spontan sagen würde, ohne sich den Zwängen einer Kommunikation in gehobener Schriftsprache zu unterwerfen. 😉
      • Dieser zugewanderte Albaner zeigt mehr Verständnis für sprachliche Phänomene und auch die damit verbundenen gesellschaftlichen Probleme als das als siegreiche betrachtete Objekt von „Enkulturation“.
        Näheres zu dem Begriff und dem Phänomen hier:
        https://de.wikipedia.org/wiki/Enkulturation
      • Dahinter steckt übrigens ein viel grundsätzlicheres sprachliches Problem, nämlich das der sogenannten „Universalien“. Wir meinen damit die Begriffe, die sich nicht mehr auf ganz bestimmtes, klar definiertes Phänomen beziehen, sondern eine Gattung bezeichnen.
        Man sieht das schön am Wort „Spiel“, das das, was ein Kleinkind im Sandkasten macht genauso umfasst, wie das Spiel von zwei Fußballvereinen, in dem es um Riesensummen an Geld geht.
        Ansatzweise eingegangen worden ist auf das sprachliche Phänomen und zugleich Problem in diesem Blog-Beitrag von Anders Tivag:
        https://textaussage.de/anders-tivag-blog-2-die-beschraenktheit-der-reinen-begriffe
    • Damit wir uns nicht missverstehen: Es geht hier nicht darum, ob die Frage der Figur des Albaners sich inhaltlich am Ende als berechtigt herausstellt. Die Rechtfertigung liegt schon in der Infragestellung von etwas scheinbar Selbstverständlichem.
    • Übrigens soll der bekannte Satz des Sokrates „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ eigentlich sinngemäß gelautet haben:
      • Ich weiß, dass ich nichts weiß.
      • Und damit weiß ich schon mehr als die,
      • die glauben, alles zu wissen.
        Wir haben das nicht überprüft, finden aber das Statement aber so provokativ, dass wir es hier gerne zur Diskussion stellen.
  6. Gehen wir mit der Kurzgeschichte noch einen Schritt weiter:
    Am Ende äußert der Vorgesetzte seine Enttäuschung über diesen Postzusteller, den er doch immer für ein „Musterbeispiel gelungener Integration“ gehalten hat. Ihm ist gar nicht klar, dass das auch schon wieder ein Beispiel für eine „Universalie“ ist. Er meint nämlich nur die Integration in die hiesigen Wirtschaftsgepflogenheiten. Als aufmerksamer Leser erkennt man, dass es vielleicht auch eine Seite unserer Kultur gibt, nämlich Menschlichkeit, die dem Zugewanderten vielleicht mehr bewusst ist als dem Objekt einer partiellen „Enkulturation“.
  7. Wir verweisen hier abschließend noch einmal auf unsere eingehende Betrachtung der Kurzgeschichte auf der Seite:
    https://schnell-durchblicken.de/trinkaus-guenders-grenzen.
    Dort verweisen wir auf viele Integrationsprozesse ganz eigener Art – vom Prozess des Erwachsenwerdens bis hin zum rollengesteuerten Verhalten, dem man sich zum Beispiel im Militär oder in der Politik ausgesetzt wird.
    Vielleicht sogar manchmal als Lehrkraft gegenüber den „Anbefohlenen“ 😉

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