Lessing, „Emilia Galotti“: Sprachliches Beziehungshandeln in 2,4 (Mat5149)

Worum es hier geht:

  • Ein Drama ist durch zwei Dinge bestimmt:
    • zum einen durch einen Konflikt,
    • zum anderen durch dessen sprachliche Bewältigung.
    • Das bedeutet: Im wesentlichen äußert sich der Konflikt und verändert sich auch dadurch, dass die Figuren (bzw. dann die Schauspieler) auf der Bühne sprechen.
    • Sprache kann immer auch als Handeln verstanden werden.
    • Das merkt man spätestens dann, wenn man vor dem Standesbeamten oder vor dem Traualtar eine bestimmte Frage mit „Ja“ beantworten soll – und das auch alle erwarten.
    • Wenn man dann in Liebesfilmen sieht, wie zum Beispiel die Braut zögert, dann merkt man, wie spannungsgeladen die Atmosphäre ist und wie sehr alle auf ein Handeln warten.
  • Wir wollen im Folgenden zeigen, wie im Gespräch zwischen Odoardo und seiner Frau auch ein solches spannendes Sprachhandeln stattfindet.
Übersicht über die sprachlichen Handlungsschritte in der Szene

Wir gehen hier von einer im Internet verfügbaren Textversion der Szene aus, die hier zu finden ist.

Quelle:
Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 2, München 1970 ff., S. 147-149.
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20005261902

Der Originalwortlaut der Szene wird in kursiver Schrift präsentiert – und wir haben die einzelnen Absätze durchnummeriert.

Die aufgabenbezogenen Kommentar rücken wir ein.

  1. ODOARDO. Sie bleibt mir zu lang‘ aus –
    • Hier gibt es schon ein erstes Beispiel für „Sprachhandeln“:
    • Odoardo informiert über seine Gefühle
    • und setzt damit sofort seine Frau unter Druck, denn die kann hier Kritik hören.
    • Darauf kommt man spätestens dann, wenn man die ganze Szene gelesen oder gesehen hat.
  2. CLAUDIA. Noch einen Augenblick, Odoardo! Es würde sie schmerzen, deines Anblicks so zu verfehlen.
    • Die Ehefrau bittet um Geduld,
    • verschiebt aber zugleich das Thema von der zu langen Abwesenheit Emilias auf deren Wunsch, den Vater noch anzutreffen.
  3. ODOARDO. Ich muß auch bei dem Grafen noch einsprechen. Kaum kann ichs erwarten, diesen würdigen jungen Mann meinen Sohn zu nennen. Alles entzückt mich an ihm. Und vor allem der Entschluß, in seinen väterlichen Tälern sich selbst zu leben.
    • Hier informiert Odoardo über seinen Tagesplan.
    • Außerdem macht er deutlich, wie sehr er den Bräutigam schätzt und gerne in seiner Familie sieht.
    • Er ist ganz begeistert von ihm,
    • vor allem an seinem Entschluss zu einem autonomen Leben, fern ab vom Hof.
    • Auch das versteht der Leser bzw. der Zuschauer erst richtig, wenn er die ganze Szene gelesen oder gesehen hat.
  4. CLAUDIA. Das Herz bricht mir, wenn ich hieran gedenke. – So ganz sollen wir sie verlieren, diese einzige geliebte Tochter?
    • Die Mutter macht deutlich, dass sie nicht ganz so glücklich mit dieser Ortsveränderung ist.
    • Sie verbindet das mit der Tatsache, die meistens spätestens mit der Heirat einer Tochter verbunden ist, nämlich die räumliche Trennung.
    • Vor allem in der Zeit, in der das Drama spielt, war es völlig unüblich, dass eine unverheiratete Tochter nicht auch im Haus der Eltern lebte.
  5. ODOARDO. Was nennst du, sie verlieren? Sie in den Armen der Liebe zu wissen?
    • Im nächsten Schritt zeigt sich Odoardo als ein ziemlich moderner Vater, der der Liebe seines Kindes Vorrang gibt vor allen anderen Interessen.
    • Das entspricht schon ziemlich dem Denken des Sturm und Drang. Man denke etwa an Schillers Theaterstück „Kabale und Liebe“.
  6. Vermenge dein Vergnügen an ihr, nicht mit ihrem Glücke. – Du möchtest meinen alten Argwohn erneuern: – daß es mehr das Geräusch und die Zerstreuung der Welt, mehr die Nähe des Hofes war, als die Notwendigkeit, unserer Tochter eine anständige Erziehung zu geben, was dich bewog, hier in der Stadt mit ihr zu bleiben; – fern von einem Manne und Vater, der euch so herzlich liebet.
    • Es folgt eine recht kritische Einstellung gegenüber den Wünschen und Zielen der Mutter.
    • Odoardo macht hier deutlich, dass es grundsätzliche  Meinungsverschiedenheiten gibt im Hinblick auf die Nähe zum Fürstenhof und entsprechende Vorteile.
    • Auch das ist schon ganz aus dem Geist des Sturm und Drang gesprochen.
  7. CLAUDIA. Wie ungerecht, Odoardo! Aber laß mich heute nur ein einziges für diese Stadt, für diese Nähe des Hofes sprechen, die deiner strengen Tugend so verhaßt sind. – Hier, nur hier konnte die Liebe zusammen bringen, was für einander geschaffen war. Hier nur konnte der Graf Emilien finden; und fand sie.
    • Die Mutter reagiert recht pauschal und verweist dann recht vordergründig darauf, dass ihre gemeinsame Tochter diese Liebe überhaupt erst im Umfeld des Hofes gefunden hat.
    • Das ist natürlich grundsätzlich richtig, nimmt aber den Kern der Sorge des Vaters in keiner Weise auf.
  8. ODOARDO. Das räum‘ ich ein. Aber, gute Claudia, hattest du darum Recht, weil dir der Ausgang Recht gibt? – Gut, daß es mit dieser Stadterziehung so abgelaufen! Laßt uns nicht weise sein wollen, wo wir nichts, als glücklich gewesen! Gut, daß es so damit abgelaufen! – Nun haben sie sich gefunden, die für einander bestimmt waren: nun laß sie ziehen, wohin Unschuld und Ruhe sie rufen. – Was sollte der Graf hier? Sich bücken, schmeicheln und kriechen, und die Marinellis auszustechen suchen? um endlich ein Glück zu machen, dessen er nicht bedarf? um endlich einer Ehre gewürdiget zu werden, die für ihn keine wäre? – Pirro!
    • Das Schluss-Statement des Vaters ist recht ausführlich geraten.
    • Zum einen sieht man deutlich, dass er sich hier atmosphärisch auf seine Frau zubewegt.
    • Andererseits argumentiert er sehr rational, also ganz im Stil der Aufklärung.
    • Das wird an seiner Mahnung deutlich, nicht ein glückliches Ergebnis zu verwechseln mit einer echten Chance unter Ausklammerung von Gefahren.
  9. PIRRO. Hier bin ich.
  10. ODOARDO. Geh und führe mein Pferd vor das Haus des Grafen. Ich komme nach, und will mich da wieder aufsetzen. Pirro geht. – Warum soll der Graf hier dienen, wenn er dort selbst befehlen kann? – Dazu bedenkst du nicht, Claudia, daß durch unsere Tochter er es vollends mit dem Prinzen verderbt. Der Prinz haßt mich –
    • Hier geht Odoardo noch mal auf die Situation des Grafen ein und hebt die Vorteile der Selbstbestimmung hervor.
    • Außerdem erinnert er daran, dass der Graf durch die Verbindung mit der Tochter den Fürsten noch mehr gegen sich aufbringt.
    • Dieser ist ja schließlich selbst hinter Emilia her.
    • Am besten ist es da, wenn der Graf und seine Frau schnell den Einflussbereich des Prinzen verlassen.
  11. CLAUDIA. Vielleicht weniger, als du besorgest.
    • Auch hier wieder einfach nur eine Hoffnung, hinter der nicht viel Wahrscheinlichkeit steckt.
  12. ODOARDO. Besorgest! Ich besorg‘ auch so was!
    • Hier ist Odoardo anscheinend schon mit seinem Abgang beschäftigt, so dass er nur noch einen Spruch loslässt, der nicht viel aussagt.
  13. CLAUDIA. Denn hab‘ ich dir schon gesagt, daß der Prinz unsere Tochter gesehen hat?
  14. ODOARDO. Der Prinz? Und wo das?
  15. CLAUDIA. In der letzten Vegghia, bei dem Kanzler Grimaldi, die er mit seiner Gegenwart beehrte. Er bezeigte sich gegen sie so gnädig – –
  16. ODOARDO. So gnädig?
  17. CLAUDIA. Er unterhielt sich mit ihr so lange – –
  18. ODOARDO. Unterhielt sich mit ihr?
  19. CLAUDIA. Schien von ihrer Munterkeit und ihrem Witze so bezaubert – –
  20. ODOARDO. So bezaubert? –
  21. CLAUDIA. Hat von ihrer Schönheit mit so vielen Lobeserhebungen gesprochen – –
  22. ODOARDO. Lobeserhebungen? Und das alles erzählst du mir in einem Tone der Entzückung? O Claudia! eitle, törichte Mutter!
    • Diese Passage ist sehr interessant, weil die Begeisterung der Mutter
    • auf die Fassungslosigkeit Odoardos stößt.
    • Der kann nicht verstehen, wie dumm seine Frau sich hier seiner Meinung nach präsentiert.
  23. CLAUDIA. Wie so?
    • Die Mutter versteht nichts und fragt einfach nach.
  24. ODOARDO. Nun gut, nun gut! Auch das ist so abgelaufen. – Ha! wenn ich mir einbilde – Das gerade wäre der Ort, wo ich am tödlichsten zu verwunden bin! – Ein Wollüstling, der bewundert, begehrt. – Claudia! Claudia! der bloße Gedanke setzt mich in Wut. – Du hättest mir das sogleich sollen gemeldet haben. – Doch, ich möchte dir heute nicht gern etwas Unangenehmes sagen. Und ich würde, Indem sie ihn bei der Hand ergreift. wenn ich länger bliebe. – Drum laß mich! laß mich! – Gott befohlen, Claudia! – Kommt glücklich nach!
    • Hier zeigt sich eine ganze Menge.
    • Zum einen akzeptiert Odoardo die Situation.
    • Dann aber geht die negative Fantasie mit ihm durch.
    • Er macht seiner Frau zunächst Vorwürfe, lenkt dann aber ein, will nicht im Ärger von ihr scheiden.
    • Am Ende dann ein bisschen stressbedingte Verwirrung und nur noch der Wunsch, dass Frau und Tochter glücklich ihm ohne Schaden folgen können.
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