„Verständnis-Entstehung bei der Gedichtsanalyse: „Wie reimt sich Lieb und Tod zusammen“ von Johann Christian Günther (Mat6159)

Worum es hier geht:

Durch Zufall sind wir an ein Barockgedicht geraten, bei dem man gut die Entstehung und Absicherung des Verständnisses sehen kann.
Das Gedicht haben wir zum Beispiel hier gefunden:
https://www.deutschelyrik.de/als-er-der-phillis-einen-ring-mit-einem-totenkopf-ueberreichte-1912.html

Beispiel für den Aufbau von Verständnis

Wir zeigen jetzt Zeile für Zeile, wie sich ein gutes Verständnis aufbauen kann:

  1. Erschrick nicht vor dem Liebeszeichen,
    • Hier spricht jemand einen anderen an und will ihn davor bewahren, vor dem Totenkopf (das ist wohl anzunehmen, siehe Titel) zu erschrecken, er sei ein „Liebeszeichen“.
    • Leserlenkung: Wie ist der denn drauf? Gehört der irgendeinem Totenkult an?
  2. Es träget unser künftig Bild,
  3. Vor dem nur die allein erbleichen,
  4. Bei welchen die Vernunft nichts gilt.
    • Das lyrische Ich sieht im Totenkopf das „künftig Bild“ dessen, was jedem Menschen bevorsteht.
    • Nicht ganz klar ist, wieso nur die „erbleichen“, die zu wenig auf „Vernunft“ achten.
    • Später wird klar, wieso Vernunft gegen Todesfurcht hilft – nämlich, indem man die Zeit optimal zum Beispiel für die Liebe nutzt. Dann ist man wahrscheinlich zum einen glücklich, zum anderen abgelenkt.
  5. Wie schickt sich aber Eis und Flammen?
  6. Wie reimt sich Lieb‘ und Tod zusammen?
  7. Es schickt und reimt sich gar zu schön,
  8. Denn beide sind von gleicher Stärke
  9. Und spielen ihre Wunderwerke
  10. Mit allen, die auf Erden gehn.
    • Hier geht das lyrische Ich zu Bildern über, die man überkreuz zuordnen muss:
      • „Lieb“ und „Feuer“
      • „Tod“ und „Eis“
      • Als Gemeinsamkeit werden Stärke und Einfluss auf die Menschen genannt („Wunderwerke“).
      • Leserlenkung: „Wunderwerke“ des Todes ist jetzt aber sehr schräg, auf gut deutsch: schwer nachzuvollziehen, das muss man entweder kritisieren oder versuchen zu verstehen.
      • Beispielsweise, indem man darauf hinweist, dass der Tod natürlich etwas Antreibendes ist für viele Menschen. Wenn wir ewig leben würden, könnten wir uns mit dem Englisch-Lernen zum Beispiel mehr Zeit lassen. 😉
  11. Ich gebe dir dies Pfand zur Lehre:
    • Ein Pfand ist etwas, was einen an etwas bindet, ständig erinnert.
    • Das heißt: Der Totenkopf soll für die Geliebte eine „Lehre“ sein.
    • Leserlenkung: Etwas herablassend, wenn hier ein Mann spricht.
  12. Das Gold bedeutet feste Treu‘,
  13. Der Ring, daß uns die Zeit verehre,
  14. Die Täubchen, wie vergnügt man sei;
    • Hier werden die Erinnerungs- oder Mahnungselemente aufgeführt.
    • Anscheinend enthält der Totenkopf (wohl Ring) an Festigkeit des Wertes.
    • Die Verbindung von Ring und Zeit und Verehrung ist erst mal unklar.
    • Möglichkeit hängt hier „verehre“ mit „verehelichen“ zusammen. Das würde Sinn machen – denn warum gibt es bei der Ehe den Ring, der bedeutet doch, dass jemand, der den Ring entlanggeht, immer wieder an derselben Stelle rauskommt.
    • Interessante Erklärungen gibt es auf dieser Seite:
      https://www.eppi.de/magazin/hochzeit/die-symbolik-der-eheringe
      „Der Kreis gilt als Archetyp nicht nur für Unendlichkeit, sondern auch für Ganzheit und Heimkehr. „
  15. Der Kopf erinnert dich des Lebens,
  16. Im Grab ist aller Wunsch vergebens,
  17. Drum lieb und lebe, weil man kann,
  18. Wer weiß, wie bald wir wandern müssen!
  19. Das Leben steckt im treuen Küssen,
  20. Ach, fang den Augenblick noch an!
    • Jetzt kommt der etwas simple Schluss, verbunden mit dem Herzenswunsch des lyrischen Ichs.
    • Mit Blick auf das Grab soll die Partnerin lieben und leben, einfach weil man es noch „kann“.
    • Der Tod wird mit dem Euphemismus „wandern“ heruntergespielt – man merkt auch hier, dass das lyrische Ich weniger Existenzielles im Sinn hat als Erotisches.
      („Existenzielles“ = alles, was ein wirkliches Bewusstsein der Existenz bedeutet, Existenzialismus war eine bedeutende Bewegung, in der die Menschen durch das Denken an den Tod mehr Lebensintensität schöpften.)
      https://de.wikipedia.org/wiki/Existentialismus
    • Am Ende dann die gleiche Haltung, wie sie auch in Brechts Gedicht „Entdeckung an einer jungen Frau“ deutlich wird.
      https://textaussage.de/brecht-entdeckung-an-einer-jungen-frau

Schluss-Verständnis

Das Gedicht zeigt,

  1. wie raffiniert das lyrische Ich sich eines Symbols bedient, um mit großem Aufwand eine ganz einfache Mahnung und zugleich Aufforderung an wahrscheinlich die Frau zu bringen.
    Jede(r) mag selbst prüfen, ob man die Geschlechter auch anders sehen kann. Uns geht es hier nur um das Grundsätzliche.
  2. Und das besteht darin, dass der Partner oder die Partnerin vor dem Hintergrund der verrinnenden Zeit diese gut nutzen soll,
  3. um das lyrische Ich zu küssen oder einfach gemeinsam ins Bett zu gehen.
  4. Interessant dass vom Gegenüber kaum die Rede ist – um Liebe kann es sich kaum handeln. Hier geht es nur um die Wünsche des lyrischen Ichs. Alles andere dient nur einer überhöhenden Sicht, die etwas sehr Einfaches im Sinne hat.

Rückkehr zur Übersicht

Wenn man mal bei verschiedenen Teilschritten des Programms gewesen ist, kann man mit diesem Link immer zur Gesamtübersicht zurückkehren.
https://schnell-durchblicken.de/lernprogramm-analyse-und-interpretation-von-gedichten-ub

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