Die „Werkzeuge“, mit denen man auch schwierige Gedichte „knacken“ kann
Viele Gedichte erscheinen einem zunächst vom Inhalt her rätselhaft. Wir zeigen, mit welchen „Werkzeugen“ man sie „knacken“ und ihr „Inneres“, d.h. ihre Aussage gewissermaßen „freilegen“ kann.
Zunächst die Kurz-Version

- Wichtig ist wirklich, die Angst vor Gedichten zu verlieren. Die Leute, die Interpretationen schreiben, können noch so viel Wissen haben – entscheidend ist nur, was im Gedicht steht. Und wer unvoreingenommen an die Sache herangeht, hat auch weniger Probleme mit Vor-Urteilen.
- Der Schlüssel zum Verständnis eines jeden Gedichtes ist, sich auf das Lyrische Ich und seine Aktivitäten einzulassen. Es gibt nämlich nichts anderes in einem Gedicht.
- Dann muss man nur noch schauen, was da so vom Lyrischen Ich kommt: Was erklärt etwas anderes näher? Was passt zusammen und deutet eine Richtung an? Wo gibt es nur Andeutungen, bei denen man selbst überlegen muss, was gemeint sein könnte.
- Da kann man von der Semantik ausgehen, der Wortbedeutung: „Engel“ zum Beispiel ist in der Regel etwas Positives, man assoziiert es mit „Schutzengel“. Wenn in einem Gedicht von „Ferien“ die Rede ist, kann man erst mal davon ausgehen, dass das im Normalfall positiv ist, mit Freiheit verbunden. Auch die Etymologie, die Wortherkunft kann eine Rolle spielen. „Rachsucht“ zum Beispiel ist eben nicht nur Rache, sondern auch eine Sucht, eine krankhafte Übersteigerung.
- Wichtig ist, dass man am Ende erkennt, worauf das Gedicht „hinausläuft“ – das nennt man „Intentionalität“, was eigentlich so viel heißt wie Spannungs-Richtungs-Ansätze. Am einfachsten ist es, einfach den Satz „Das Gedicht zeigt …“ zu ergänzen – und das möglichst differenziert, also genau entwickelt – vielleicht auch in verschiedenen Varianten.
Nun die ausführliche Version – erläutert an einem Beispielgedicht
Jakob van Hoddis
Morgens
01 Ein starker Wind sprang empor.
02 Öffnet des eisernen Himmels blutende Tore.
03 Schlägt an die Türme.
04 Hellklingend laut geschmeidig über die eherne Ebene der Stadt.
05 Die Morgensonne rußig. Auf Dämmen donnern Züge.
06 Durch Wolken pflügen goldne Engelpflüge.
07 Starker Wind über der bleichen Stadt.
08 Dampfer und Kräne erwachen am schmutzig fließenden Strom.
09 Verdrossen klopfen die Glocken am verwitterten Dom.
10 Viele Weiber siehst du und Mädchen zur Arbeit gehn.
11 Im bleichen Licht. Wild von der Nacht. Ihre Röcke wehn.
12 Glieder zur Liebe geschaffen.
13 Hin zur Maschine und mürrischem Mühn.
14 Sieh in das zärtliche Licht.
15 In der Bäume zärtliches Grün.
16 Horch! Die Spatzen schrein.
17 Und draußen auf wilderen Feldern
18 singen Lerchen.
1. Tipp: Das wichtigste Werkzeug überhaupt: „Was macht das Lyrische Ich“?
• Beobachtung, Feststellung, Element der Natur
• -> Tipp Nr. 1: Das wichtigste Werkzeug bei einer Gedichtinterpretation ist die Frage, was das Lyrische Ich, also der, die oder das, was da spricht, eigentlich tut. In diesem Fall beobachtet es etwas und beschreibt es dann. Außerdem konzentriert es sich auf einen bestimmten Bereich der Wirklichkeit, nämlich den der Natur.
2. Tipp: Was passt zusammen, erklärt sich gegenseitig?
3. Tipp: Welche Fragen ergeben sich hinter dem, was das Lyrische Ich sagt?
(Die verfolgt man aber nur, wenn sie im weiteren Verlauf des Gedichtes eine Rolle spielen.)
4. Tipp: Bei unklaren Stellen mit Hypothesen arbeiten
-> Tipp Nr. 4: Hier verlässt das Gedicht den Bereich der Alltagswahrnehmung. Zunächst einmal geht es um die Frage, was mit „Himmel“ gemeint ist.
An solchen Stellen muss man mit „Hypothesen“ arbeiten. Das sind vorläufige Thesen, also Annahmen, die man anschließend „verifizieren“, d.h. möglichst erhärten muss, so dass sie immer wahrscheinlicher werden. Oder sie werden „falsifiziert“, d.h. als falsch verworfen.
In diesem Falle denkt man zunächst einmal an die scheinbare Himmelskuppel, die sich über die Erdoberfläche wölbt. Es kann natürlich auch ein überirdischer, religiöser Himmel sein. Das ist hier aber unwahrscheinlich, weil Wind und Himmel gut zusammenpassen.
„Öffnet … Tore“ kann man mit „eisern“ im Zusammenhang sehen. Wenn man dann noch „blutende“ hinzunimmt und nur als Farbe versteht, lässt sich die Zeile gut verstehen: Der Wind reißt die eiserne = einheitlich graue Wolkendecke auf – und die offenen Stellen sind rot = Morgenröte.
Bei „Himmel“ hat man also die religiöse Hypothese schnell verworfen – im Fall der Farben und der durchbrechenden Morgenröte hat sie sich bestätigt und kann für die Interpretation verwendet werden.
02 Öffnet des eisernen Himmels blutende Tore.
Im Folgenden wird noch einmal auf die Begriffe „eisern“, „blutend“ und „Tore“ eingegangen – und zwar diesmal, indem sie als Metaphern verstanden werden. Bei einer Metapher wird für etwas ein Begriff aus einem anderen Bedeutungsbereich verwendet. Der erscheint dann im Gedicht. Hier muss man ggf. versuchen, zurückzuschließen auf den Ausgangspunkt.
Wofür könnte „eisern“ im Hinblick auf den Himmel stehen?
Wofür könnte „blutend“ stehen, wofür „Tore“. Die Hypothesen sind oben schon entwickelt und „verifiziert“ werden. Hier geht es nur noch um den speziellen Bereich der Metaphern.
6. Tipp: Von Alltagserfahrungen ausgehen
7. Tipp: Assoziationen nutzen
03 Schlägt an die Türme.
Auch hier geht es um Hypothesen, also Thesen zum Verständnis aufzustellen, die dann überprüft werden müssen. Konkret spielen hier aber weniger Metaphern eine Rolle als die Frage, in welchen Situationen „an die Türme geschlagen“ wird. Dabei greift man auf Assozationen zurück, also an das, was einem zu etwas einfällt.
Man denkt als erstes „an die Tür schlagen“ – und das bedeutet normalerweise, dass man auf sich aufmerksam machen möchte und möglichst hereingelassen werden möchte – oder der hinter der Tür soll aufstehen und kommen – o.ä.
8. Tipp: Alternativen abwägen
03 Schlägt an die Türme.
Und die Türme kann man weitgehend für das nehmen, was sie sind – eben die höchsten Erhebungen der Stadt, die als erste vom Wind getroffen werden.
9. Tipp: Die Semantik (Bedeutung) von Wörtern bedenken und ggf. „ausleuchten“
04 Hellklingend laut geschmeidig über die eherne Ebene der Stadt.
Während „laut“ dem „stark“ vom Anfang entspricht, kommen jetzt zwei Begriffe, bei denen man auf die Bedeutungsbreite achten sollte.
„Hellklingend“ steht im Gegensatz zu „dumpf“ und hört sich eher positiv an.
Bei „geschmeidig“ hat man Bewegungen vor seinem inneren Auge, die schnell, ja fast elegant wirken.
10. Tipp: Themen- oder Bereichswechsel erkennen und auswerten
05 Die Morgensonne rußig. Auf Dämmen donnern Züge.
11. Tipp: Auf Fehlendes achten
05 Die Morgensonne rußig. Auf Dämmen donnern Züge.
Was meistens vergesseen wird, ist das, was nicht erwähnt wird, aber eigentlich zu erwarten ist. Bisher war überhaupt nicht von Menschen die Rede – jetzt kommen sie zumindest „implizit“, also als Bestandteil der Züge, ins Spiel.
Tipps 5. 6., 7., 9., 10. Tipp: Wieder mal: Bereichswechsel, Metaphernumkehr, Alltagserfahrungen, Assoziationen, Semantik,
06 Durch Wolken pflügen goldne Engelpflüge.
12. Tipp: Signale bündeln
07 Starker Wind über der bleichen Stadt.
08 Dampfer und Kräne erwachen am schmutzig fließenden Strom.
13. Tipp: Über den Text hinausgehende offene Fragen
09 Verdrossen klopfen die Glocken am verwitterten Dom.
14. Tipp: Auch für das Lyrische Ich gilt das Element „Selbstoffenbarung“
10 Viele Weiber siehst du und Mädchen zur Arbeit gehn.
11 Im bleichen Licht. Wild von der Nacht. Ihre Röcke wehn.
15. Tipp: Auch auf nicht direkt Ausgesprochenes achten
13 Hin zur Maschine und mürrischem Mühn.
Dies passts zum vorigen Punkt, ist nur nicht so peinlich. Aber auf jeden Fall wird den Frauen eine Haltung zur Arbeit nahegelegt, die der Realität nicht entsprechen muss – denn sie müssen Geld verdienen und sind wahrscheinlich froh, überhaupt Arbeit zu haben.
16. Tipp: Über verschiedene Anrede-Situationen nachdenken
14 Sieh in das zärtliche Licht.
16 Horch! Die Spatzen schrein.
Solch ein Du kann sich natürlich an den Leser richten, der befindet sich aber nicht im Kontext des Gedichtes. Also meint das Lyrische Ich wohl eher sich selbst. Natürlich kann dieses „Du“ auch dieselbe Bedeutung haben wie „man“, sich also an die Menschen ganz allgemein richten.
14 Sieh in das zärtliche Licht.
15 In der Bäume zärtliches Grün.
16 Horch! Die Spatzen schrein.
17 Und draußen auf wilderen Feldern
18 singen Lerchen.
Auffällig ist zunächst die Wiederholung von „zärtlich“, was man eher mit den vorher genannten Frauen verbinden würde, hier wird es verbunden mit Naturphänomen.
Das wird dann fortgesetzt, indem Vögel einbezogen werden, die ganz natürlich, ohne „mürrisches Mühn“ zu leben scheinen – vielleicht sind die Spatzen auch gerade auf Partnersuche. Eine Steigerung ist dann das wilde und über das Singen menschenähnliche Leben der Lerchen weiter draußen. Je weiter man sich von dieser Stadtwelt entfernt, desto schöner wird das Leben – es ist einfach zum Singen.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Gedichte: Wie interpretiert man sie schnell und sicher?
https://textaussage.de/themenseite-gedichte-interpretieren
— - Besonders hervorheben möchten wir hier:
https://textaussage.de/5-survival-tipps-zur-sicheren-interpretation-bsd-von-gedichten
— - Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/weitere-infos
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