Anmerkungen zur Kurzgeschichte „Der höfliche Junge“ von Etgar Keret (Mat2841)

Was suchen wir hier gleich bei einer Kurzgeschichte?
Natürlich den direkten Einstieg – also eine Tür, die sich plötzlich öffnet, aber nur den aktuellen Stand zeigt. Was vorher Wichtiges passiert ist, kann man nur erschließen.
Und das werden wir gleich hier tun.

Das zweite, was wir bei einer Kurzgeschichte suchen, ist die Stelle, wo die Schranke auf- oder zugeht. Je nachdem, welche Entscheidungsmöglichkeiten sich an einem Wendepunkt ergeben.
Näheres weiter unten.

Aber jetzt erst mal kurz zur Präsentation der Kurzgeschichte

Wir präsentieren hier zunächst eine Fassung der Kurzgeschichte, die wir aus urheberrechtlichen Gründen auf die wichtigsten Textstellen/Zitate beschränkt haben.

Damit hat man die Möglichkeit, die Erklärung der Erzählsschritte weiter unten nachzuvollziehen.

Für die, die sich das gerne zum Vergleich danebenlegen wollen, gibt es hier auch noch die beiden Seiten als PDF-Datei.

  • Überschrift > erstes Signal: Betonung von etwas, was nicht unbedingt selbstverständlich ist im jugendlichen Alter.

Teil 1 der Kurzgeschichte

  • Überschrift > erstes Signal: Betonung von etwas, was nicht unbedingt selbstverständlich ist im jugendlichen Alter.
  • 1-2: sehr distanzierter Einstieg – stark zusammenfassendes Erzählen: Streit der Eltern, Junge klopft – keine Antwort – tritt trotzdem ein.
  • 3-9: Details des Streits der Eltern
    • 3-4: Negative Sicht des Vaters auf die Beziehung zur Mutter6/7 Resignierte Frage der Mutter
  • 10-13: Schwenk der Erzählperspektive auf den Jungen und sein Modellflugzeug, Betonung der Bauleistung
  • 14-22 Fortsetzung der Auseinandersetzung der Eltern
    • 14-16 Klage der Mutter: Kein Grund mehr zum Lachen, verbunden mit freundlicher Berührung des Jungen, die eher automatisch erfolgt
    • 17-18: Aggressive Reaktion des Vaters auf das nicht mehr vorhandene Lachen – mit Beschimpfung auf englisch
  • 23-30: Thema: Rausgehen des Jungen
    • Mutter lobt das schöne Flugzeug und schlägt vor, dass der Junge damit rausgehtm [will ihn offensichtlich schützen]
    • Junge fragt nach Erlaubnis – Mutter gibt sie ihm, erneut mit unbewusstem Streicheln
  • Höhepunkt des Streits
    • Vater reagiert aggressiv und überträgt sein Eheproblem auf den Jungen – extremes Angebot, gar nicht mehr zurückzukommen, sondern nur die Mutter zu informieren, damit sie sich keine Sorgen machtDie OhrfeigeMutter gibt dem Vater eine Ohrfeige (extreme körperliche Reaktion, behandelt ihn, wie unhöfliche Kinder früher behandelt wurden)

Teil 2 der Kurzgeschichte

  • Draußen
  • 41-48: Gespräch mit dem rothaarigen Mädchen
    • die zeigt sich beeindruckt, will es auch mal fliegen lassenJunge korrigiert den Begriff
    • Mädchen wiederholt ihre Bitte als Forderung
    • Junge verweist auf Reparaturnotwendigkeit
    • regelrechte Verwünschungen des Mädchens52-56 Junge hätte ihr auch eine Ohrfeige geben können, hält sich aber höflich zurück.
    • Mädchen verschwindet
  • Junge allein draußen
    • 58-68: Spiel und Nachdenklichkeit des Jungen58-60 gelungene Flüge60-65: Nachdenken über die Gefahren des In-die-Sonne-Schauens
    • 65-68: Junge hätte es gerne erforscht, nimmt aber Rücksicht auf Sorge der Mutter

Rückkehr und Schluss

  • •69-72 Rückkehr und Schluss
    • 69/70: Mutter weint immer noch70-72 Hinweis: Vater hat sich wegen kommender Nachtschicht hingelegt
    • 72-79: Gespräch mit dem Vater:
    • 75-76: Frage des Vaters nach dem Flugzeug, Junge antwortet zweimal positiv
    • 77-78: Vaters Erklärung des Streits, verbunden mit Liebeserklärung gegenüber dem Sohn

Bündelung der Signale zur Gesamtaussage

Auf Basis der Textsignale lässt sich die Aussage der Kurzgeschichte wie folgt zusammenfassen:

  • Die Geschichte macht deutlich, dass übertriebene Höflichkeit als antrainiertes Verhaltensmuster (Signal: „höflicher Junge“, „Danke“) eine Schutzfunktion übernehmen kann, um emotional belastende Situationen (Signal: „Ohrfeige“, „weinen“) im Elternhaus auszuhalten.
  • Sie zeigt, dass die strikte Einhaltung von Formen (Signal: „kontrolliertes Verhalten“) zu einer Entfremdung führt, bei der echte Gefühle hinter einer Fassade verborgen bleiben, was die Kommunikation zwischen den Generationen erschwert.
  • Es wird offengelegt, dass sich aggressive Verhaltensmuster der Erwachsenenwelt (Signal: „rüder Umgang“, „Modellflieger-Szene“) in der Außenwelt spiegeln und der Junge versucht, diesem Druck durch eine moralische Überlegenheit in Form von Höflichkeit zu begegnen.
  • Letztlich verdeutlicht die Geschichte, dass eine „gute Mitte“ zwischen dem extremen emotionalen Ausbruch der Eltern und der extremen emotionalen Unterdrückung des Kindes notwendig ist, um authentische menschliche Nähe zuzulassen.

Der direkte Einstieg als Kennzeichen von Kurzgeschichten

Befund: Die Geschichte beginnt unmittelbar „in medias res“. Es gibt keine einleitende Vorstellung der Charaktere oder der Vorgeschichte.

Nachweis: Der erste Satz versetzt den Leser sofort in das Treppenhaus, wo der Junge auf seine Eltern wartet. Die emotionale Spannung des soeben miterlebten Streits (Ohrfeige) ist die Ausgangsbasis der Handlung.

Wirkung: Der Leser wird ohne Vorwarnung in die beklemmende Atmosphäre hineingezogen, was die Hilflosigkeit des Jungen gegenüber den elterlichen Emotionen unterstreicht.

Die Frage des Wendepunktes

Befund: Der Umschlagpunkt der Erzählung findet statt, als der Junge das Haus verlässt und auf die Nachbarin bzw. das Mädchen trifft.

Nachweis: Hier wird die „Höflichkeit“ des Jungen zum ersten Mal einer Belastungsprobe unterzogen. Die Reaktion der Umwelt zeigt, dass sein Verhalten nicht als Tugend, sondern als irritierend und künstlich wahrgenommen wird.

Wirkung: Die Schranke markiert den Moment, in dem deutlich wird, dass Höflichkeit hier keine Brücke baut, sondern eine Mauer der Distanz errichtet. Das positive Attribut „höflich“ wird ab diesem Punkt problematisch.

Literarische Analyse (Vertiefung)

  • Vergleich der Welten: Untersuchung des Kontrasts zwischen der privaten Sphäre (Elternhaus) und der öffentlichen Sphäre (Begegnung mit dem Mädchen).
  • Erzählperspektive: Analyse der Wirkung der neutralen, fast distanzierten Erzählweise, die die Kälte der „Höflichkeit“ unterstreicht.

Fokus Kommunikation

  • Das Vier-Seiten-Modell: Was sendet der Junge auf der Beziehungsebene, wenn er „Danke“ sagt, während die Welt um ihn herum zusammenbricht?
  • Höflichkeit als Maske: Diskussion darüber, wann Höflichkeit soziale Schmieröl ist und wann sie zur Mauer wird, die echte Klärung verhindert.

Kreative Aufgabenstellungen (Produktionsorientierung)

  • Perspektivwechsel: Verfassen eines inneren Monologs des Vaters oder der Mutter – warum ist die Höflichkeit des Sohnes für sie vielleicht sogar eine Provokation?
  • Die Fortsetzung: Wie verhält sich der Junge in zehn Jahren? Bleibt er das „kontrollierte Kind“ oder bricht die unterdrückte Emotion irgendwann aus?

Debatte im Unterricht

  • Werte-Check: „Ist Höflichkeit immer eine Tugend?“ – Erörterung auf Basis der Geschichte, ob Selbstkontrolle zur Selbstaufgabe führen kan

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