Barthold Heinrich Brockes, „Einleitung“ – von der Höhle ins irdische Paradies (Mat9443)

Kurzübersicht: Das Wichtigste auf einen Blick

  1. Brockes lässt einen Menschen, der sein ganzes Leben in einer dunklen Höhle verbracht hat, plötzlich in die Welt hinaustreten.
  2. In den ersten 50 Versen zählt er auf, was dieser Mensch sehen, hören, schmecken, riechen und fühlen würde – von der Sonne bis zum Sternenhimmel.
  3. Die Aufzählung ist bewusst einseitig: Nur das Schöne kommt vor, nichts Hässliches oder Bedrohliches.
  4. Der imaginäre Höhlenmensch wäre überwältigt und würde glauben, er befinde sich „aufs mindst‘ im Paradiese“ (Z. 55).
  5. Ab Vers 57 wendet sich Brockes an „uns“, die wirklichen Menschen, die all diese Gaben längst besitzen.
  6. Sein Vorwurf: Wir empfinden die Schönheit der Welt „minder, als ein Stein“ (Z. 59).
  7. Am Ende steht die offene Frage, warum Menschen ihr eigenes Paradies „fast selbst zur Hölle“ machen (Z. 61).
  8. Das Höhlen-Motiv erinnert an Platons Höhlengleichnis, funktioniert bei Brockes aber genau umgekehrt: Nicht die Sinne täuschen, sondern sie zeigen die Wahrheit.
  9. Auch Goethes „Das Göttliche“ behandelt das Verhältnis von Mensch und Naturordnung – deutlich nüchterner: Bei Goethe muss der Mensch selbst edel handeln, bei Brockes muss er nur wieder richtig hinsehen.
  10. Diskussionsfrage: Reicht bewusste Wahrnehmung wirklich aus, um die eigene „Blindheit“ gegenüber dem Alltäglichen zu überwinden – oder braucht es, wie bei Goethe, aktives Handeln?

Barthold Heinrich Brockes: Ein Gedankenexperiment aus der Höhle

Was würde ein Mensch empfinden, der sein ganzes bisheriges Leben in einer dunklen Höhle verbracht hat und plötzlich zum ersten Mal die Welt sieht? Mit dieser Frage eröffnet Barthold Heinrich Brockes (1680–1747) seine „Einleitung“ – eines der bekanntesten Gedichte der deutschen Aufklärung. Der besondere Reiz liegt darin, dass Brockes aus einem einzigen Gedankenexperiment sowohl eine Feier der sinnlichen Welt als auch einen scharfen Vorwurf an seine Leser entwickelt. Wer das Gedicht genau liest, erkennt darin nicht nur ein barockes Naturgedicht, sondern auch Anklänge an Platons Höhlengleichnis und – bei aller Verschiedenheit – an Goethes „Das Göttliche“.

Das Gedicht in drei Sinnabschnitten

Das Gedicht lässt sich in drei klar unterscheidbare Abschnitte gliedern, die eine didaktische Bewegung vollziehen: von der hypothetischen Beobachtung über deren Deutung bis zur direkten Kritik am Leser.

Unser „Scout“ zum Verständnis schwieriger Texte

1. Die hypothetische Erfahrung der Welt (Zeilen 1–50)

  1. Wenn iemand irgendswo in einer Höhle,
  2. Allwo desselben Sinn und Seele
  3. Von aller Creatur und allem Vorwurf leer,
  4. In steter Dämmerung erzogen wär;
  5. Und trät‘ auf einmal in die Welt,
  6. Zumal zur holden Frühlings-Zeit,
  7. Und sähe dann der Sonnen Herrlichkeit,
  8. Und säh‘ ein grün beblühmtes Feld,
  9. Und sähe dick bebüschte Hügel,
  10. Und sähe reiner Bäche Spiegel,
  11. Durch einen Schatten-reichen Wald,
  12. Mit seiner sich drin spiegelnden Gestalt,
  13. Umkränzt mit glatten Binsen, fliessen,
  14. Und sähe Flüsse sich ergiessen,
  15. Auch ihrer Bürger schuppicht Heer;
  16. Und säh‘ ein unumschränktes Meer,
  17. Und sähe bunte Gärten prangen,
  18. Auch, wann die Sonn‘ erst untergangen,
  19. Der Abend-Röte güldne Pracht;
  20. Und säh‘ in einer heitern Nacht
  21. Den Wunder-schönen Sternen-Himmel;
  22. Zusamt den Silber-reinen Glantz
  23. Der Schatten-Sonne, wenn sie gantz;
  24. Und hört‘ ein zwitscherndes Getümmel
  25. Der Singe-Vögel, und den Schall
  26. Der angenehmen Nachtigall,
  27. In Luft- und Schatten-reichen Büschen,
  28. Sich mit dem sanften Rauschen mischen,
  29. Und hört‘, auf rauh- und glatten Kieseln,
  30. Geschwinde Bäche murmelnd rieseln;
  31. Und schmeckte tausend süsse Früchte,
  32. Und schmeckte vielerlei Gerichte,
  33. Die Wasser, Luft und Erde geben;
  34. Und schmeckte, voller Geist und Kraft,
  35. Den säurlich-süssen Tranck und Saft
  36. Der lieblichen Tockayer-Reben;
  37. Und röche Bluhmen mancher Arten,
  38. In Feldern, Wäldern und im Garten;
  39. Und röch‘ auf Bergen und im Thal
  40. Gesunde Kräuter ohne Zahl;
  41. Und röche balsamirte Düfte;
  42. Und fühlte sanfte laue Lüfte,
  43. Und fühlte Wunder-süsse Triebe
  44. Von einer zugelaßnen Liebe;
  45. Und fühlte mit vergnügter Brust,
  46. Des süssen Schlafes sanfte Lust;
  47. Und fühlte, wann der Schlaf vorbei,
  48. Daß er dadurch gestärcket sey,
  49. Um alles, was so Wunder-schön,
  50. Aufs neue wiederum zu sehn.

Der erste und mit Abstand längste Abschnitt besteht aus einer einzigen, gewaltigen Wenn-Konstruktion. Brockes entwirft ein Gedankenexperiment: Ein Mensch ist sein ganzes bisheriges Leben in einer dunklen Höhle aufgewachsen, ohne jeden Kontakt zur Außenwelt (Z. 1–4). Tritt dieser Mensch nun plötzlich, noch dazu zur Frühlingszeit, ins Freie, stürzt eine Flut von Sinneseindrücken auf ihn ein. Brockes geht dabei systematisch Sinn für Sinn durch: Er sieht Sonne, Felder, Wälder, Flüsse und den Sternenhimmel (Z. 7–23), er hört Vogelgesang und rauschende Bäche (Z. 24–30), er schmeckt Früchte und Wein (Z. 31–36), er riecht Blumen und Kräuter (Z. 37–41) und er fühlt schließlich milde Luft, Liebe und erquickenden Schlaf (Z. 42–50). Für den Leser entsteht dabei ein Sog: Je länger die Aufzählung dauert, desto überwältigender wirkt die Fülle der Schöpfung – und man beginnt zu ahnen, worauf Brockes hinauswill.

Lese-Scout: Achte auf die Häufung der Konjunktion „und“ am Beginn fast jeder Zeile – sie erzeugt den Eindruck einer endlosen, kaum zu bewältigenden Fülle. Achte außerdem darauf, dass in diesen 50 Zeilen ausschließlich Schönes vorkommt: kein Sturm, kein Winter, kein Leid. Diese Auswahl ist kein Zufall, sondern die Grundlage für das, was ab Zeile 51 folgt.

2. Die emotionale und spirituelle Einordnung (Zeilen 51–56)

  1. Auf welche sonderbare Weise
  2. Würd‘ er sich nicht darob ergetzen!
  3. Würd‘ er sich nicht halb selig schätzen?
  4. Er bliebe ganz gewiß dabei,
  5. Dass er, aufs mindst‘ im Paradiese,
  6. Wo nicht schon gar im Himmel sey.

Nach der langen sinnlichen Aufzählung zieht Brockes in nur sechs Zeilen die Konsequenz: Ein Mensch, der all das zum ersten Mal erlebt, würde sich „halb selig“ fühlen (Z. 53) und wäre überzeugt, sich „aufs mindst‘ im Paradiese“ zu befinden – wenn nicht gar „schon gar im Himmel“ (Z. 55–56). Dieser kurze Abschnitt markiert das Scharnier des Gedichts: Aus der bloßen Beschreibung wird eine Wertung. Die Welt wird explizit als Paradies benannt – vorausgesetzt, man nimmt sie wirklich mit allen Sinnen wahr.

Lese-Scout: Die Formulierung „aufs mindst’… wo nicht schon gar“ ist eine rhetorische Steigerung: Selbst die vorsichtigste Einschätzung (Paradies) wird sofort noch überboten (Himmel). Diese sechs Zeilen sind der gedankliche Wendepunkt des ganzen Gedichts.

3. Die kritische Wendung und moralische Lehre (Zeilen 57–62)

  1. Und wir, die alle diese Gaben
  2. Unstreitig um und an uns haben,
  3. Empfindens minder, als ein Stein;
  4. Ja machen uns, an deren Stelle,
  5. Das Paradeis fast selbst zur Hölle.
  6. Was mag daran wohl Ursach sein?

Quelle: Barthold Heinrich Brockes: Auszug der vornehmsten Gedichte aus dem Irdischen Vergnügen in Gott. Stuttgart 1965, S. 1–3, 8–9. Permalink: zeno.org

Die letzten sechs Zeilen wenden sich abrupt an die realen Leser: „Und wir, die alle diese Gaben / Unstreitig um und an uns haben“ (Z. 57–58). Der Clou: Wir besitzen bereits alles, was der imaginäre Höhlenmensch erst entdecken müsste – Sonne, Blumen, Musik, Nähe, alles ist längst da. Und doch, so der Vorwurf, empfinden wir es „minder, als ein Stein“ (Z. 59). Der Mensch macht sich sein eigenes Paradies „fast selbst zur Hölle“ (Z. 61). Das Gedicht endet mit einer offenen Frage nach der Ursache – Brockes beantwortet sie nicht, sondern überlässt die Antwort dem Leser.

Lese-Scout: Der Vergleich „minder, als ein Stein“ ist die schärfste Formulierung des ganzen Gedichts – ein Stein empfindet gar nichts, wir also weniger als nichts. Die Wendung von „Paradeis“ zu „Hölle“ innerhalb eines einzigen Verses (Z. 61) fasst die zentrale These noch einmal zusammen: Nicht die Welt hat sich verändert, sondern unsere Wahrnehmung von ihr.

Zum Weiterdenken: Es lohnt sich, das Gedankenexperiment einmal umzukehren und sich einen Menschen vorzustellen, dem es deutlich schlechter geht als einem selbst. Ziel ist nicht, sich einfach an das Schöne und Bequeme im eigenen Alltag zu gewöhnen, sondern dafür dankbar zu bleiben. Die offene Frage dabei: Reicht ein bewusster Blick wirklich aus – oder fehlt im echten Leben oft genau jene „50-Zeilen-Situation“, die im Gedicht den Anstoß gibt?

Vergleich mit Goethes „Das Göttliche“

Brockes‘ „Einleitung“ und Goethes berühmte Hymne „Das Göttliche“ behandeln beide das Verhältnis von Mensch, Natur und einer höheren Ordnung – kommen dabei aber zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen.

MerkmalBrockes, „Einleitung“Goethe, „Das Göttliche“
Blick auf die WeltEinseitig-optimistisch: Natur als vollkommenes ParadiesRealistisch-zwiespältig: Natur als unbarmherziges, gleichgültiges Gesetz
Rolle des MenschenWahrnehmender – er soll die Schönheit erkennen und dankenHandelnder – er soll das moralisch Gute in einer gleichgültigen Welt selbst schaffen
Das GöttlicheBeweisbarer Schöpfergott, erkennbar durch die SinneNur geahntes Prinzip, Ideal des „Edlen“
Kern-Appell„Ändere deine Wahrnehmung – du lebst bereits im Paradies!“„Handle edel, hilfreich und gut!“

Trotz der gegensätzlichen Ausgangspunkte ähneln sich beide Appelle in der Zielsetzung: Beide Dichter wollen den Menschen aus einer Art Stumpfheit herausholen. Brockes wirft dem Menschen vor, die vorhandene Schönheit „minder, als ein Stein“ zu empfinden; Goethe fordert, sich nicht auf das Niveau einer instinktgesteuerten, gleichgültigen Natur zu beschränken, sondern „edel“ zu handeln. Wo Brockes zu bewussterer Wahrnehmung auffordert, fordert Goethe zur aktiven Tat – beide setzen dabei, wie du selbst treffend bemerkt hast, eine gewisse Tendenz zur Transzendenz voraus: eine höhere Ordnung, an der sich der Mensch messen soll.

Vergleich mit dem Höhlengleichnis

Bereits die Ausgangssituation von Brockes‘ Gedicht – ein Mensch, der sein Leben lang von aller Außenwelt abgeschnitten war – erinnert unweigerlich an Platons berühmtes Höhlengleichnis. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass Brockes das Motiv in die genau entgegengesetzte Richtung nutzt.

  • Bei Platon ist der Weg aus der Höhle schmerzhaft: Der Befreite ist zunächst geblendet, hält die Schatten für die eigentliche Wirklichkeit und muss sich mühsam an das Licht gewöhnen. Bei Brockes dagegen tritt der Höhlenmensch „auf einmal“ ins Freie und ist sofort überwältigt von Freude – kein Wort von Schmerz oder Gewöhnung.
  • Für Platon sind die Schatten in der Höhle eine Täuschung, die überwunden werden muss, um zur wahren Erkenntnis – der Welt der Ideen – vorzudringen. Für Brockes ist die sichtbare, sinnlich erfahrbare Welt selbst schon die Wahrheit: die göttliche Schöpfung, die der Mensch nur wieder wahrnehmen lernen muss.
  • Kurz gesagt: Platon warnt vor den Sinnen, Brockes feiert sie. Wo die Höhle bei Platon für unsere alltägliche, oberflächliche Wahrnehmung steht, steht sie bei Brockes für die vollständige Abwesenheit jeder Wahrnehmung überhaupt.

Gerade dieser Kontrast macht das Höhlenmotiv bei Brockes interessant: Er übernimmt ein Bild der antiken Erkenntniskritik und dreht dessen Aussage bewusst um, um sein eigenes, aufklärerisch-optimistisches Argument zu stützen – die Sinne täuschen bei ihm nicht, sondern sie führen zur Wahrheit.

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