Warum diese Rede?
Nun wir haben viel am Roman „Heimsuchung“ herumkritisiert – aber uns ist klar geworden, dass wir dabei gar nicht das Werk selbst und schon gar nicht die Autorin treffen wollten.
Unser Ärger bezog sich auf eine besondere Art von Verehrung, die wir zumindest im Hinblick auf die Lektüre des Romans in der Schule nicht so ganz nachvollziehen konnten.
Wir greifen hier mal auf den großen Schleiermacher zurück, der uns die Vorlage für den Titel unserer kurzen Rede verwendet haben.
Das Original heißt wohl: „„Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“““
Und wir erklären hier auch gleich, wozu das uns angeregt hat.
Liebe Verehrerinnen und Verehrer des Romans Heimsuchung,
und besonders jene unter Ihnen, die nicht nur lesen, sondern auch denken,
erlauben Sie mir eine kleine Anmerkung zu Ihrer großen Begeisterung.
Sie preisen diesen Roman gern als Werk über Erinnerungskultur,
als literarisches Gedächtnis der Nation,
manche nennen ihn sogar einen „Jahrhundertroman“.
Wir verstehen diese Begeisterung –
der Roman hat Stil, Mut und eine ungewöhnliche Form.
Doch gerade Sie, die Gebildeten unter den Verehrern,
dürften bemerken, dass Heimsuchung ein anderes, tieferes Anliegen verfolgt.
Dieser Roman ist kein Denkmal der Menschen.
Er ist eine Huldigung an die Natur.
Die Figuren treten auf und verschwinden wieder
wie Spuren im Sand, die der See in einer Nacht auslöscht.
Die Natur bleibt.
Der Mensch bleibt nicht.
Was Sie für „kühlen Stil“ halten,
ist eine stille metaphysische Aussage:
Wir sind Episoden im Gewebe des Ortes.
Wir sind Bewegung, nicht Bestand.
Der See, der Garten, die Erde –
sie sind die eigentlichen Chronisten.
Wer Heimsuchung verehren möchte,
sollte es deshalb nicht tun,
weil man ihn als Werk der Erinnerungskultur liest,
sondern weil er uns lehrt,
wie klein der Mensch ist
– und wie groß seine Verantwortung dennoch bleibt.
Und an dieser Stelle lohnt ein kurzer Blick
zu einem der alten Weimarer Meister,
der vor über zweihundert Jahren
denselben Gedanken in die Gegenrichtung lenkte:
In Goethes Gedicht „Das Göttliche“
bleibt der Mensch nicht klein,
sondern wird aufgerufen,
„edel, hilfreich und gut“ zu handeln –
nicht, weil die Natur es vorgibt,
sondern trotz der Natur.
Vielleicht liegt genau dort der Punkt,
an dem sich die Lektüre von Heimsuchung schärft:
als Erinnerung daran,
dass die Natur uns nichts schuldet –
und dass Humanität nicht gegeben ist,
sondern unser Auftrag bleibt.
Und jetzt müssen wir nur noch klären,
was das „Bedenkliche“ an unserer Rede ist.
Aber nein, wir wenden uns ja an die Gebildeten,
also die, die bereit sind, selbst zu denken,
auch da, wo es „bedenklich“ wird 😉
Denn Verehrung ersetzt nie das Verstehen – und Verstehen beginnt dort, wo man auch das Verehrte immer wieder neu befragt.
Vielen Dank.