
- Wir versuchen ja immer, den Deutschunterricht durch eigene Überlegungen zu bereichern.
— - wir zeigen also nicht nur, wie man zu dieser Geschichte eine Inhaltsangabe schreibt, sondern auch,
- welchen kleinen Trick der Erzähler immer wieder anwendet
- und warum Bens Sprung alles andere als ein dummer Stunt ist.
Alles auf einen Blick
- Spannend: Was bringt einen Jungen im Rollstuhl dazu, sich auf eine steile Halfpipe hochtragen zu lassen – um dann loszufahren?
— - Die Idee der Kurzgeschichte: Ben will nicht länger das „Maskottchen“ seiner Skater-Clique sein, das alle nett behandeln, aber niemand wirklich ernst nimmt.
— - Entwicklung: Rainbow, in die Ben verliebt ist, sagt zwar Ja zu einem Treffen – aber Ben ist überzeugt: nur aus Mitleid.
- Deshalb denkt er sich eine Mutprobe aus: Sein Freund Piet trägt ihn und den Rollstuhl nach oben, alles soll gefilmt und auf YouTube gestellt werden – egal, wie es ausgeht.
- Auffällig: Immer wieder korrigiert Ben selbst, was er vorher gesagt hat – Schritt für Schritt kommt die ungeschönte Wahrheit heraus.
- Selbst Johnny, sein großes Vorbild, bekommt Angst und will ihn aufhalten.
— - „Aber ich hab keinen Bock, den Rest meines Lebens bloß das Scheißmaskottchen von anderen Leuten zu sein.“ – mit diesem Gedanken stößt Ben sich ab.
— - Ende: Ben hat genau das Gefühl, über das die Skater immer reden: Er fliegt. Wie der Sprung ausgeht, erfahren wir nicht.
— - Was zeigt die Geschichte: Gut gemeintes Mitleid kann verletzen – wer ernst genommen werden will, braucht manchmal einen Moment, in dem er selbst entscheidet.
— - Diskussionsfrage: Ist Bens Sprung mutig oder unvernünftig – und hätten seine Freunde ihn aufhalten müssen?
Nun zu den Details:
Worum es hier geht
Im Folgenden wollen wir zeigen, wie man zu dieser Geschichte eine Inhaltsangabe schreiben kann.
Das Problem bei dieser Geschichte ist, dass sie zwar einen klaren Handlungsablauf hat, der aber eigentlich ganz kurz ist. Das meiste spielt sich in Bens Kopf ab – in Erinnerungen und Gedanken.
Danach schauen wir uns an, wie die Geschichte gemacht ist – und warum der Schluss so viel mehr ist als eine waghalsige Aktion.
Vorbereitung der Inhaltsangabe: die Handlungsschritte
Zunächst nehmen wir die inhaltlichen Elemente auf. Die Zahlen in Klammern sind Zeilenangaben, die man ggf. an seiner Textausgabe anpassen muss.
- Ben wird von seinem Freund Piet die Treppe zur Halfpipe hochgetragen, weil er im Rollstuhl sitzt (6).
- Dann wird auch noch der Rollstuhl hochgetragen (33).
- Ben schaut sich in der Zeit die sogenannte Prärie an, das Gelände, in dem die Halfpipe sich befindet (43ff).
- Er sieht seine Freunde kommen, vor allem aber auch Rainbow, das Mädchen, für das er sich stark interessiert und das er so wegen ihrer bunten Haare genannt hat und bei der er vor allem ihr Lachen bewundert (54–68).
- Johnny, der Freund von Rainbow, fragt dann, warum Ben sie zur Halfpipe bestellt hat, bekommt darauf aber keine klare Antwort (72ff).
- Ben bewundert Johnny wegen seiner Halfpipe-Fähigkeiten, würde gerne viel von ihm lernen.
- Was die Gefahr angeht, so denkt er, dass ihm nicht viel mehr passieren kann als das, was er jetzt schon im Rollstuhl täglich bewältigen muss.
- Ben denkt an die vorige Woche zurück, als sie sich gemeinsam eine DVD mit ganz schwierigen Halfpipe-Herausforderungen angesehen haben und wo er Rainbow gefragt hat, ob sie auch mit ihm mal allein ausgehen würde.
- Als sie zugesagt hat, hat ihm das aber nicht gereicht, weil er gedacht hat, sie würde nur aus Mitleid mitgehen.
- Deshalb hat er sich diese Mutprobe ausgedacht.
- Als Piet Sorgen äußert wegen Bens Vater, heißt es nur, der würde ihm sowieso nichts erlauben außer Modellflugzeuge bauen.
- In Wirklichkeit aber glaubt Ben, dass sein Vater Verständnis für seine Situation hätte.
- Als Johnny, den Ben bewundert und von dem er noch viel lernen möchte, auch deutlich macht, dass er seinen Versuch für zu gefährlich hält, und darauf hinweist, dass er doch ihr Maskottchen sei, denkt Ben nur daran, dass er eben gerade nicht sein Leben lang nur darauf reduziert werden möchte.
- Am Ende balanciert er den Rollstuhl noch auf den Hinterreifen und freut sich, dass er ihn so unter Kontrolle hat.
- Dann stößt Ben sich ab und hat das schöne Gefühl zu fliegen.
So könnte die Inhaltsangabe aussehen
Tipp für den Anfang: Eine Inhaltsangabe beginnt mit einem Einleitungssatz, der Textsorte, Autorin, Titel und Thema nennt (TATT-Satz). Das könnte hier so aussehen:
In der 2011 erschienenen Kurzgeschichte „Chuck Norris und all seine Freunde“ von Marlene Röder geht es um einen querschnittsgelähmten Jugendlichen, der mit einer lebensgefährlichen Mutprobe aus der Rolle des harmlosen „Maskottchens“ seiner Skater-Clique ausbrechen will.
Danach folgt die eigentliche Inhaltsangabe:
- In der Geschichte geht es um Ben, einen behinderten Jungen, der sich von seinem Freund Piet auf eine Halfpipe hochtragen lässt, um von dort aus mit seinem Rollstuhl runterzufahren.
- Piet hat Bedenken, aber Ben hat sich diese Mutprobe ausgedacht, weil er Rainbow, der Freundin seines Kumpels Johnny, beweisen will, dass er mehr zu bieten hat, als nur Maskottchen der Truppe zu sein und höchstens aus Mitleid mal mit ihm allein auszugehen.
- Ben glaubt von sich, dass er sich auf der Halfpipe gut auskennt, aber natürlich nur theoretisch. Nun will er es auch praktisch versuchen, nachdem er mit den anderen vor einer Woche eine DVD mit extremen Leistungen gesehen hat. Er ist dabei bereit, volles Risiko zu gehen, und stellt nur die einzige Bedingung, dass es hinterher auf YouTube hochgeladen wird, ganz gleich, wie es ausgeht.
- Als sein Freund Piet die Sorge äußert, er könnte hinterher wegen seiner Mithilfe Probleme mit Bens Vater bekommen, wischt Ben das mit dem Hinweis beiseite, sein Vater würde ihn ohnehin vor allem bewahren, was über den Bau von Modellflugzeugen hinausgeht. In Wirklichkeit glaubt er aber, dass sein Vater ihn durchaus verstehen könnte.
- Als Johnny deutlich macht, dass auch er Angst um Ben hat, denkt Ben nur daran, dass er nicht den Rest seines Lebens nur ein Maskottchen sein will, und stößt sich ab.
- Die Geschichte endet damit, dass er dabei genau das Gefühl hat, über das sie immer sprechen, nämlich zu fliegen.
Die Figuren und ihr Verhältnis zu Ben
- Ben ist querschnittsgelähmt und sitzt im Rollstuhl. Seine Beine nennt er bitter „dumme, nutzlose Anhängsel“. Übers Skaten weiß er theoretisch sehr viel. Am meisten leidet er darunter, dass ihn niemand als richtigen Jungen wahrnimmt – als einen, in den man sich auch verlieben könnte. Was ihn antreibt: Respekt, selbst entscheiden können, gleichberechtigt sein.
- Piet ist Bens bester und treuester Freund. Er hat Bedenken, trägt Ben und den Rollstuhl aber trotzdem mühsam nach oben – weil er weiß, wie wichtig diese Aktion für ihn ist.
- Johnny ist der coole Kopf der Clique und Bens Vorbild. Er ist freundlich zu Ben und nimmt ihn mit – macht ihn dabei aber, ohne es zu merken, zum „Maskottchen“. Als er begreift, was Ben vorhat, bekommt er Angst und will ihn aufhalten.
- Rainbow ist das Mädchen mit den bunten Haaren, in das Ben verliebt ist. Auch sie ist freundlich – aber ein Treffen mit Ben versteht sie offenbar nicht als Date. Gerade diese Freundlichkeit ohne Hintergedanken trifft Ben besonders.
- Bens Vater kommt nur in Bens Gedanken vor. Ben unterstellt ihm zunächst, er wolle ihn nur „zu Hause in meinem Zimmer sitzen und Modellflugzeuge bauen“ lassen – nimmt das aber später selbst zurück.
Auffällig: Keiner in der Geschichte ist gemein zu Ben. Das Problem ist gerade die Nettigkeit – sie hält ihn auf Abstand.
Der Trick des Erzählers: Bens Selbstkorrekturen
Das ist vielleicht die interessanteste Beobachtung an der ganzen Geschichte: An mehreren Stellen nimmt Ben zurück, was er vorher gesagt hat – sinngemäß immer mit der Formel „Es stimmt nicht, was ich … gesagt habe“. Das betrifft vier Punkte:
- den Namen der „Prärie“,
- den Grund, warum er Rainbow so nennt,
- die Frage, was Skaten eigentlich ist,
- sein Verhältnis zum Vater.
Den vierten Punkt haben wir oben schon in den Handlungsschritten 11 und 12 gesehen: Erst ist der Vater derjenige, der ihm nichts erlaubt – dann gibt Ben zu, dass der ihn wahrscheinlich verstehen würde.
Was bewirken diese Selbstkorrekturen? Ben legt nach und nach seine Ausreden und coolen Sprüche ab und kommt der Wahrheit über sich selbst immer näher. Die Geschichte zeigt also nicht nur einen Sprung von der Halfpipe, sondern auch einen inneren Weg: weg vom Sich-etwas-Vormachen.
Tipp für Klassenarbeit und Klausur: Eine solche wiederkehrende Formel ist ein starker Analysepunkt. Wer sie entdeckt und erklärt, zeigt, dass er nicht nur den Inhalt, sondern auch die Machart der Geschichte verstanden hat.
Motive und Symbole: Maskottchen, Fliegen, Chuck Norris
- Maskottchen gegen Fliegen: Ein Maskottchen ist niedlich, wird mitgenommen und herumgezeigt – aber es tut selbst nichts. Genau diese Rolle will Ben loswerden. Das Gegenbild ist das Fliegen: Skaten bedeutet für ihn nicht Rollen, sondern Fliegen – also Freiheit und das Überwinden von Schwerkraft und Behinderung.
- Chuck Norris: Die Witze über den unbesiegbaren Actionhelden handeln immer davon, dass eigentlich Unmögliches möglich wird. In der Clique steht außerdem die Redewendung „Bienen kauen“ für Mut und extremes Skaten.
- Die „Prärie“: Das raue, abgelegene Gelände mit rostigen Schienen und Glasscherben ist der Freiraum der Jugendlichen – weit weg von der Kontrolle der Eltern.
Deutungsvorschlag zum Titel: „Chuck Norris und all seine Freunde“ – im Moment des Sprungs gehört Ben selbst dazu: zu denen, die das Unmögliche wenigstens versuchen.
Erzählweise und Sprache
- Ben erzählt selbst (Ich-Erzähler). Dadurch sind wir ganz nah an seinen Gedanken, seiner Unruhe und seiner Wut – und können die Selbstkorrekturen überhaupt erst miterleben.
- Die Sprache ist stark von Jugend- und Umgangssprache geprägt (zum Beispiel „coole Sau“, „abblitzen“, „Jackass“).
- Kurze, knappe Sätze und direkte Dialoge sorgen für Tempo und Spannung.
- Die Rückblenden (DVD-Abend, Frage an Rainbow) erklären nach und nach, warum Ben überhaupt oben auf der Halfpipe sitzt.
Warum springt Ben? Deutung des Schlusses
Der Sprung ist kein Versuch, sich das Leben zu nehmen. Ben will etwas zurückgewinnen: seine Würde und das Gefühl, selbst zu handeln, statt immer nur behandelt zu werden. Er nimmt das Risiko eines Sturzes in Kauf, um den Stempel „der Arme, auf den man aufpassen muss“ loszuwerden.
Im Moment des Abstoßens hat er das erreicht – zumindest für die Dauer des Flugs ist er einer von ihnen. Wie der Sprung ausgeht, lässt die Geschichte offen. Das ist typisch für eine Kurzgeschichte und zwingt uns, selbst weiterzudenken.
Was zeigt die Geschichte?
- Gut gemeintes Wohlwollen und Mitleid können von Menschen mit einer Behinderung als verletzende Ausgrenzung erlebt werden.
- Ben will weder bewundert noch geschont werden – sondern als gleichwertig gelten.
- Zugleich zeigt die Geschichte, wie groß der Druck werden kann, wenn jemand glaubt, sich das mit einer gefährlichen Aktion beweisen zu müssen.
Diskussions- und Recherche-Anregung
Man kann diese „Mutprobe“, in der Ben einfach mal „für voll genommen“ werden will, vergleichen mit dem Einsatz bei „Wetten, dass..?“ im Jahre 2010. Was ist gemeinsam und was unterscheidet sich bei diesem fiktiven und dem realen Vorgang von damals?
Auf den ersten Blick sieht es danach aus, dass es auch eine Frage des Kommerzes ist, wenn manche Menschen Risiken eingehen.
Inwieweit das bei Samuel Koch eine Rolle gespielt hat, können und wollen wir nicht beurteilen. Das kann man schön recherchieren und dann in einem Referat vortragen.
Auf jeden Fall ist klar, dass in der Kurzgeschichte dieses Motiv keine Rolle spielt. Es geht Ben wirklich nur darum, „für voll“ genommen zu werden und einmal in einer besonderen Situation, die ihm am Herzen liegt, auch dieses „Fliegen“ zu erleben.
Näheres zu dem Vorfall bei „Wetten, dass..?“:
https://de.wikipedia.org/wiki/Samuel_Koch
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