Gabriele Wohmann, „Der Rivale“ – Analyse der Kommunikation (Mat2389)

Kurzübersicht: Das Wichtigste auf einen Blick

  1. Simone ist in Ruodi verliebt und möchte, dass er endlich den ersten Schritt macht – doch statt offen zu reden, erfindet sie einen Rivalen.
  2. Sie zeigt Ruodi einen Brillantring und behauptet, ein verheirateter Mann habe ihn ihr geschenkt – eine Lüge, die sie sich von ihrer Mutter ausgeliehen hat.
  3. Ihr Plan: Ruodi soll eifersüchtig werden und „den Rivalen tilgen“ – also endlich aktiv um sie werben.
  4. Ruodis Reaktion ist wenig romantisch: Er wirkt eher sachlich als eifersüchtig und stellt nüchtern fest, dass Simones Geschichte nicht zusammenpasst.
  5. Der Höhepunkt der ungewollten Komik: Auf Simones Frage „Was meinst du?“ antwortet Ruodi schlicht „Der Bus kommt.“
  6. Ruodi sieht den Widerspruch in Simones Verhalten – sie hat sich nie wie eine „anderweitig verlobte Braut“ benommen – und spricht das direkt aus.
  7. Simone gibt eine ausweichende Antwort und merkt dabei nicht, wie weit sie und Ruodi gedanklich voneinander entfernt sind.
  8. Im inneren Monolog denkt Ruodi über die Situation nach und erwägt, noch einmal mit Simone zu sprechen – ein kleiner Hoffnungsschimmer.
  9. Simones innerer Monolog zeigt, dass sie selbst erkennt, wie unklug ihre Lüge war – und wie schwierig es nun sein wird, aus der Nummer wieder herauszukommen.
  10. Zur Diskussion: Was wäre ein besserer Weg gewesen, um Gefühle zu zeigen? Und: Wann wird eine Notlüge zur echten Gefahr für eine Beziehung?

Worum es hier geht

  • Viele kennen das: Man ist in jemanden verliebt und möchte gerne mehr.
  • Dann ist es keine so gute Idee, was dieses Mädchen macht: Es denkt sich einen angeblichen Rivalen aus, der ihr sogar einen Verlobungsring geschenkt haben soll.
  • Das ist so schräg, dass sie damit natürlich nicht viel erreicht.
    • Aber man kann zumindest darüber nachdenken, wie man selbst so ein Ziel besser erreicht – gute Gelegenheit für eine Diskussion.
    • Und man hat eine gute Gelegenheit, hinterher mal die beiden Beteiligten über das Ganze nachdenken zu lassen.
    • Wir zeigen am Beispiel von zwei inneren Monologen, was dabei herauskommen kann.

Analyse der Kommunikation

  • Die Geschichte beginnt mit einer Täuschung, wie der Leser am Ende erfährt. Simone zeigt ihrem Verehrer Ruodi einen Brillantring und tut so, als wäre das das Problem in ihrer Beziehung.
  • Es folgt ein Erzählerbericht über die Beziehung, wie Simone sie sieht: Sie ist ganz hingerissen und hofft nur noch, dass Ruodi endlich ihrer nie wirklich geäußerten Aufforderung folgt – „Greif endlich zu“ bzw. wenigstens „diesen dringenden Wunsch“ äußert.
  • Es folgt ein kleiner Dissens (Unstimmigkeit): Ruodi „nickte stumm und betrübt“ – sieht das also eher als Grund für eine Kapitulation –, während Simone ihn sich „ein wenig kämpferischer“ gewünscht hätte.
  • Ausdrücklich ist von einem „Plan“ mit dem Ring die Rede: Ruodi soll „den Rivalen tilgen„.
  • Es folgt eine längere Erklärung von ihr, weil Ruodi ihr „begriffsstutzig“ vorkommt. Simone beschreibt kurz ihre angebliche Verlobung mit einem verheirateten Mann und fragt am Ende scheinheilig: „… kann man was dagegen tun?“ Und ergänzend spricht sie von der Bindewirkung von geschenkten Schmuckstücken und fragt auch hier nach: „Das findest du doch auch, oder?“
  • Bezeichnend ist die Reaktion von Ruodi: „Kann sein, kann nicht sein.“ Das ist Simone verständlicherweise zu „lahm“ – deshalb „dreht“ sie auf, indem sie erst den hohen Wert des Rings erwähnt. Vom Leiden des angeblichen Verlobten geht sie dann über zum eigenen Leiden „unseretwegen“.
  • Und dann der Hammer: Auf ihre abschließende Frage „Was meinst du?“ bekommt sie die Antwort „Der Bus kommt.“ Mehr ungewollte Satire geht wirklich nicht. Gemeint damit ist, dass der Leser hier natürlich mehr versteht als die beiden Beteiligten, die mitten im Gespräch stecken.
  • Im weiteren Verlauf zeigt Ruodi doch noch Gefühle: „Es wäre nicht die erste Verlobung, die gelöst wird […] Warum kriege ich eigentlich diesen ganzen Schlamassel erst jetzt zu hören? Neugierig wäre ich schon ein bisschen.“
    • Interessant hier die Signale „Schlamassel“ – weit entfernt von Liebesleid – und „neugierig“ – auch weit entfernt von dem, was Simone sich erträumt.
  • Gegenangriff: Dann wird es schwierig: Simone muss sich anhören: „Du hast dich bisher nicht gerade wie eine längst anderweitig verliebte Braut benommen“ – und Ruodi stellt das regelrecht „aufsässig“ fest. Er sieht also das Unvereinbare, was eigentlich eine Lüge ist.
  • Simone gibt eine halbe Antwort: „Und warum wohl nicht. Bemühe mal deine ganze Phantasie und gib dir dann selber die Antwort.“ Und für diese Taktik lobt sie sich dann auch noch. Damit zeigt sie, dass sie nicht begreift, dass ihre Brillanten-Lüge bei Ruodi etwas ganz anderes auslösen könnte, als sie sich vorstellt. Er sieht das sachlich Nicht-Zusammenpassende – Simone sieht nur das für sie beziehungsmäßig Noch-nicht-genügend-Zusammengehörende. Das ist der Punkt, von dem aus die Beziehung auseinanderdriftet.
    • Simone träumt sich in eine Zukunft hinein, die der viel zu junge und unerfahrene Ruodi ihr nicht geben kann.
  • Bei der Gelegenheit erfährt der Leser dann auch endlich, was es mit dem Brillantring auf sich hat – er ist heimlich von der Mutter ausgeliehen worden. Über die Folgen dieser Lügenaktion hat Simone anscheinend gar nicht nachgedacht: Selbst im besten Falle müsste sie hinterher bekennen, dass sie Ruodi angelogen hat – keine gute Basis für eine Beziehung.
  • Und Ruodi macht das, was er am besten kann: Er sucht sich ein Mädchen, mit dem er sich einen Bergsteigervortrag anhören kann – nachdem seine Baseball-Erklärungen bei Simone nicht gut angekommen sind.
Auswertung

Insgesamt wird deutlich, dass Simone und Ruodi in verschiedenen Welten leben: Sie möchte romantische Liebe mit Umarmungen und wertvollen Geschenken – für Ruodi ist sie nicht mehr als die Nummer 1 in einem Bereich, der bei ihm nicht Nummer 1 ist. Für ihn haben Sport und Abenteuer einen höheren Stellenwert als die romantischen Liebesträume eines wohl noch recht jungen Mädchens.

Kreative Anregung: Innere Monologe

Nun gibt es glücklicherweise Deutschlehrer, die gerne möchten, dass sich ihre Schüler richtig in die Figuren hineinversetzen. Das wird dann meistens zu einem sogenannten „inneren Monolog“ – also einer Kette von Gedanken, die einer der Figuren an einer ganz bestimmten Stelle kommen.

In diesem Fall macht das Sinn nach dem Ende der eigentlichen Geschichte. Damit verbunden ist dann auch gleich die Frage, wie es weitergehen könnte.

Schauen wir uns mal an, was die beiden Hauptpersonen zu Hause über das Vergangene denken:

Innerer Monolog von Ruodi

Nach dem Vortrag waren sie schnell nach Hause gegangen – denn eigentlich konnte er mit Evi nicht viel anfangen, sie war ihm einfach zu klug. Und mit Simone war er immerhin einige Zeit zusammen gewesen:

Weil er den Bus verpasst hatte, hatte er Zeit, noch mal über alles nachzudenken. Er fühlte sich auch nicht so gut – die Gedanken fingen an spazieren zu gehen: Das geht ja eigentlich nicht, die eine so einfach gegen eine andere auszutauschen. Und eigentlich gab es ja auch schöne Momente. Soll ich das alles wirklich aufgeben? Und was hatte Evi gesagt: „seine hundertprozentige Anbeterin“. Vielleicht habe ich sie wirklich falsch eingesetzt. Aber ob sie wirklich so einen Typen mit Brillantring hat? Ich könnte sie ja einfach mal fragen. Auf jeden Fall sollte ich noch mal mit ihr drüber sprechen …

Innerer Monolog von Simone

Als sie zu Hause angekommen war, war ihre Mutter glücklicherweise noch bei ihrem Gesangsabend. Als sie in ihrem Schlafzimmer den Brillantring wieder im Schmuckkästchen untergebracht hatte, fing sie an zu heulen. Schrecklich: Wie bin ich nur auf so einen blöden Gedanken gekommen? Der hatte ja richtig unglücklich geguckt – und dann hat er sich eigentlich zu Recht aufgeregt, dass ich das nicht früher gesagt habe. So ein Unsinn – der Mann verheiratet – und ich mit ihm verlobt. Wenn Ruodi jetzt kommt, um mir Sachen zurückzugeben, die er noch von mir hat – und dann fragt er meine Mutter, wann denn die Hochzeit ist. Peinlich, peinlich. Vielleicht gehe ich morgen noch mal ganz normal zu ihm hin und sage ihm, ich hätte den Brillantring zurückgegeben. Aber: Noch eine Lüge? Na ja, sonst muss ich alles zugeben. Irgendwann kommt es sowieso raus.

Weitere Infos, Tipps und Materialien

Empfehlenswerte Materialien auf einen Blick