
Mit Sprache etwas erreichen – worum es auf dieser Seite geht
Im Deutschunterricht lernt man nicht nur, Texte zu verstehen. Man lernt auch, mit Sprache etwas zu erreichen – zu Hause, in der Schule, später im Beruf. Genau darum geht es in dieser Kurzgeschichte: Marco bringt mit ein paar geschickten Sätzen seinen Vater und seinen Lehrer dazu, das zu tun, was er will. Und dann erlebt er, dass seine Mitschülerin Nina das noch viel besser kann.
Im Augenblick gibt es im Internet unzählige Videos, die feste Regeln verkünden: Wer einen Auftritt mit seinem Namen beginnt, sich entschuldigt oder sich bedankt, habe schon verloren. Die Geschichte zeigt etwas anderes: Nicht starre Regeln entscheiden über den Erfolg, sondern ob man sein Gegenüber und die Situation richtig einschätzt.
Drei Fragen vorab, auf die die Geschichte eine Antwort gibt:
- Wie bringt man seinen Vater dazu, einen um sieben Uhr früh zur Schule zu fahren, obwohl er erst um neun im Büro sein muss?
- Warum kann ein einziger Satz zu viel die beste Ausrede ruinieren?
- Wer ist am Ende die eigentliche Meisterin der Gesprächsführung – und wo hört ihr Geschick auf und fängt das Schummeln an?
Die Grundidee der Geschichte stammt aus dem E-Book „Mit Sprache was erreichen …: Tipps zur Kommunikation, Argumentation, Rhetorik, Analyse von Gesprächen“ (Bücher für den schnellen Durchblick 14) – natürlich mit Zustimmung des Autors 😉
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❓ Übrigens: Am Ende der Seite wartet eine Vertiefungsfrage, mit der man im Unterricht glänzen kann.
Alles auf einen Blick
- Spannend: Ausgerechnet der Schüler, der sich schon für den „Weltmeister im Überreden“ hält, wird im selben Moment von einer Mitschülerin übertrumpft.
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- Marco erreicht zwei Ziele: Sein Vater fährt ihn bei Regen zur Schule, und er muss im Unterricht kein Protokoll schreiben.
- Sein wichtigster Trick: den eigenen Wunsch mit einem Vorteil für den anderen verbinden.
- Sein gefährlichster Fehler: die Übertreibung – Regel Nr. 7 auf seinem Plakat.
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- Nina erreicht noch mehr: eine kleine Flucht aus dem Unterricht, Zeit mit ihrer Freundin und nebenbei die Antwort auf eine Frage für die nächste Geschichtsstunde.
- Ihr Geheimnis: Sie tut das Unerwartete, übertreibt offen ironisch statt heimlich – und nutzt die Gunst der Stunde.
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- Aber: Beide arbeiten auch mit Unwahrheiten. Die Geschichte zeigt damit auch, wo geschicktes Überzeugen in Schummeln übergeht.
Nun zu den Details
Inhaltsverzeichnis
- Die Kurzgeschichte „Gekonnt ist gekonnt“
- Aufgaben für den Unterricht
- Die Geschichte Schritt für Schritt: Wie Marco und Nina mit Sprache etwas erreichen
- Zusammenfassung: Was man aus der Geschichte lernen kann
- Die Gipfel im Überblick – was die Fahnen auf dem Bild bedeuten
- Wo Geschick zum Schummeln wird
- Und die Rhetorik-Regeln aus dem Internet?
- Weitere Tipps, die in der Geschichte nicht vorkommen
Die Kurzgeschichte „Gekonnt ist gekonnt“
Die Absätze sind nummeriert, damit man sich im Unterricht und weiter unten auf dieser Seite gezielt auf einzelne Stellen beziehen kann.
Hajo Frerich: Gekonnt ist gekonnt
- Als Marco an diesem Morgen aufwachte, war das Erste, was er sah: Regen, der so richtig ans Fenster klatschte. Das Erste, woran er dachte, war, wie er einigermaßen trocken in die Schule kam. Wenn er irgendwas hasste, dann war es dieses schräge Sitzen auf dem Fahrrad, gegen den Wind ankämpfend, während man merkte, wie das Wasser sich seinen Weg in die Kleidung bahnte.
- Sein Blick fiel auf das Plakat an der Wand mit dem Spruch: „Du kannst alles erreichen – du musst es nur geschickt anstellen!“ Darunter standen die ganzen Ratschläge, die sie während der Projektwoche im letzten Jahr zusammengestellt hatten. Also raus aus dem Bett und wenigstens einmal überfliegen. Schon beim dritten Punkt hatte er eine Idee.
- Als er zum Frühstück unten ankam, schaute ihn sein Vater kurz an: „Was ist los? Du siehst ja noch lustloser aus als sonst.“
- Während er sich Kaffee eingoss, legte er mal vorsichtig los: „Nö, mit Lustlosigkeit hat das nichts zu tun. Hast du mal gesehen, wie das draußen regnet?!“
- „Ja, warum?“
- Jetzt kam es drauf an: „Du weißt doch, ich bin schon erkältet und ich muss unbedingt übermorgen in der Schule fit sein. Wir schreiben da doch die Deutscharbeit. Könntest du mich nicht auf dem Weg zur Arbeit eben an der Schule vorbeibringen?“
- Sein Vater schwankte zwischen Erstaunen über eine solch lange Rede am frühen Morgen und Empörung:
- „Du bist vielleicht gut. Du weißt genau, dass ich heute erst um neun im Büro sein muss. Und jetzt ist es kurz nach sieben.“
- Jetzt galt es, Punkt 3 von der Liste ins Spiel zu bringen: „Oh, das kann ich verstehen. Aber hattest du nicht gestern gesagt, dass Opa unbedingt den Hochdruckreiniger zurückhaben will? Wie wäre es denn, wenn du mich eben kurz an der Schule vorbeibringst und auf dem Weg ins Büro dann noch diese Sache erledigst?!“
- Und tatsächlich, es funktionierte. Der Vater hatte kurz überlegt und dann sein Tagesprogramm offensichtlich umgestellt. „Okay, an mir soll deine Deutscharbeit nicht scheitern. Apropos Arbeit: Wie sieht das eigentlich bei dir in Mathe aus? Beim letzten Mal ist das ja wohl ziemlich danebengegangen, und du wolltest noch ganz viel tun.“
- Da konnte man direkt den Tipp Nr. 4 einsetzen: „Oh, gut, dass du mich erinnerst. Ich wollte heute sowieso mit dem Lehrer sprechen und ihn fragen, was ich noch unbedingt üben sollte. Ich hatte ihm schon ein paar Lösungen von mir mitgegeben, damit er mal draufschaut. Also mach dir keine Sorgen. Albert Einstein stand in Mathe schließlich auch mal mangelhaft, und du weißt ja, was aus dem geworden ist.“
- Während er den Satz zu Ende formulierte, wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte. Regel Nr. 7: Nicht übertreiben.
- Glücklicherweise hatte sein Vater den Schlusssatz wohl gar nicht mehr richtig wahrgenommen, sondern auf die Uhr geschaut. Das war noch mal gut gegangen.
- Im Auto hatte Marco immer noch die Regel Nr. 7 im Kopf und ließ seinen Vater erst mal in Ruhe. Wer weiß, welche Fallen er sich sonst noch selbst stellen würde. Während er also kurz in seiner WhatsApp-Gruppe nachschaute, was es Neues gab, meinte sein Vater plötzlich:
- „Sag mal, das finde ich jetzt ja gar nicht gut. Da nehme ich dich hier im Auto mit und will mich mal mit dir unterhalten, und du bist nur mit deinem Handy beschäftigt.“
- Marco verstaute den Stein des Anstoßes in der Tasche und murmelte entschuldigend: „Oh, das wusste ich nicht. Ich dachte, du wolltest deine Ruhe haben, da wollte ich dich nicht stören.“
- So viel Einfühlungsvermögen stellte seinen Vater offensichtlich zufrieden, außerdem waren sie an der Schule angelangt.
- Kaum war Marco ausgestiegen und hatte seinem Vater zum Abschied zugewinkt, sah er, was er sich erspart hatte: jede Menge Schüler in dieser nach vorn gebeugten Haltung, zum größten Teil klatschnass. Etwas besser ging es seinem Freund Nico. Der wohnte schräg gegenüber, hatte doch tatsächlich den Familienschirm mitgenommen und meinte nur in scheinbarer Bewunderung: „Na, da hat aber wieder einer seine ganze Familie unter Kontrolle.“
- Marco hatte keine Lust auf das Thema und erledigte es mit einem sprachlichen Abräumer: „Ja, gekonnt ist gekonnt.“
- Zu Beginn der Deutschstunde dachte er immer noch an seinen Erfolg bei seinem Vater. Meistens wurde jeder Antrag in Richtung Papa-Taxi rundweg abgelehnt.
- Er bekam dann auch gleich Gelegenheit, sein Glück noch mal zu probieren, denn der Lehrer wandte sich süß lächelnd an ihn: „Marco, ich glaube, du bist heute mit dem Protokoll dran.“ Jetzt hieß es also, eine Variante seines Frühstückstricks auszuprobieren: „Grundsätzlich kein Problem, aber ich habe zurzeit eine Sehnenscheidenentzündung im rechten Arm. Sobald die weg ist, bin ich wieder voll dabei.“ Und siehe da, es funktionierte, auch wenn Nico, der neben ihm saß, am Ende ironisch lächelnd zu ihm rübersah. Zu mehr kam Nico nicht, denn als nächster Kandidat fürs Protokoll hatte er keine Entschuldigung parat und musste also schreiben.
- Während Marco sich langsam für einen Weltmeister in der Disziplin „Überreden“ hielt, hatte er bald Gelegenheit, auch mal jemand anders zu bewundern: Nachdem der Deutschlehrer die halbe Tafel vollgeschrieben hatte, brach ihm das letzte Stück Kreide auseinander, und der Fingernagel verursachte ein hässliches Kreischen.
- Wie so häufig blickte Herr Schneeberger hilfesuchend zu Nina, die in der ersten Reihe saß und den Wolkenhimmel betrachtete, durch den langsam die ersten Sonnenstrahlen brachen: „Nina, könntest du nicht eben Kreide holen?“ Die überraschende Antwort haute Marco fast um: „Ja, für Sie doch immer!“ So was hatte er von Nina noch nie gehört. Die wusste normalerweise, wie man Abstand hielt.
- Aber als er das kleine Pingpongspiel kurz checkte, war klar: Sieg auf der ganzen Linie. Der Lehrer war zufrieden, Nina hatte ein bisschen Auslauf aus dem Unterricht, und ihre leicht ironisch übertriebene Antwort machte ganz offensichtlich in der Klasse Eindruck. Dabei war sie eigentlich schon der heimliche Star, wenn auch meistens eher nicht auf der zuckersüßen Schokoladenstraße unterwegs.
- Aber dann wurde es noch besser. Mit einem Blick auf ihre Freundin Mara fragte Nina: „Kann nicht Mara mitkommen, damit mir unterwegs nichts passiert?!“ Der Lehrer schluckte kurz, dachte dann wahrscheinlich an seine Aufsichtspflicht und reagierte mit einem Kopfnicken und einer Handbewegung, die so was wie Zustimmung signalisieren sollte.
- Beim Rausgehen stieß Nina dann fast mit Dr. Norberg zusammen, der gerade vorbeiging. Während ihr Deutschlehrer zur Überbrückung in seiner Tasche kramte und wohl irgendwas suchte, bekam Marco noch mit, wie Nina wieder in diesem zuckersüßen Ton sagte: „Ach, Herr Norberg, schön, Sie zu sehen.“ Dann war die Tür leider zu. Aber in der anschließenden Pause machte er sich gleich an Nina ran und fragte, was sie von dem Lehrer gewollt hatte. Die Antwort war überraschend ehrlich: „Nun ja, wir haben doch gleich Geschichte – eine gute Gelegenheit, den Mann zu fragen, inwieweit Napoleon der Abschluss der Französischen Revolution war.“ Marco war perplex: „Und er hat nicht gefragt, warum er dir das auf dem Flur beantworten soll?“ „Na ja, als mein ehemaliger Geschichtslehrer hat er sich wohl geschmeichelt gefühlt – und ich habe natürlich noch hinzugefügt: Da gab es letzte Stunde eine Diskussion zu, und wir konnten uns nicht einigen. Und ich wusste ja, wie sehr der auf Schülerdiskussionen steht.“
- Marco wusste jetzt, dass er noch viel lernen musste, aber auch viel erreichen konnte. Während Nina abrauschte, fiel ihm ein, was sie gesagt hatte, als sie nach einer Viertelstunde endlich mit der Kreide erschien: „Oh, sorry, aber wir haben Herrn Norberg getroffen …“ „Herrn Dr. Norberg!“, so die Ermahnung des Deutschlehrers. „Stimmt, hatte ich ganz vergessen. Aber er hatte eine Frage zur Stimmung in der Stufe, von wegen Geschichtsleistungskurs, und da wollte ich ihn nicht im Regen stehen lassen.“ Das Letzte betonte sie besonders, während auf den Heizungen immer noch Kleidungsstücke vor sich hin dampften.
Aufgaben für den Unterricht
- Auf Marcos Plakat stehen Ratschläge, die in der Geschichte nur als „Punkt 3“, „Tipp Nr. 4“ und „Regel Nr. 7“ auftauchen. Formuliere aus Marcos Verhalten möglichst viele dieser Ratschläge selbst. Gib jeweils die Absatznummer an.
- Vergleiche Marco und Nina: Warum ist Nina erfolgreicher? Achte besonders darauf, wie beide mit Übertreibungen umgehen (Abs. 11–12 und Abs. 23–24).
- Marco und Nina sagen nicht immer die Wahrheit. Suche die Stellen heraus und beurteile: Wo ist das noch geschicktes Überzeugen, wo schon Schummeln? Was könnte jeweils passieren, wenn es herauskommt?
- Erkläre, welche Rolle das Wetter in der Geschichte spielt – vom ersten bis zum letzten Absatz.
- Kreativ: Schreibe eine kurze Szene, in der einer der Tricks schiefgeht – zum Beispiel, weil sich Herr Schneeberger und Dr. Norberg im Lehrerzimmer unterhalten.
Die Geschichte Schritt für Schritt: Wie Marco und Nina mit Sprache etwas erreichen
Die Geschichte ist klar aufgebaut. Im ersten Teil, zu Hause und im Auto, sammelt Marco Erfolge – mit einem gefährlichen Ausrutscher. Im zweiten Teil, in der Schule, hält er sich schon für den „Weltmeister“. Genau in diesem Moment tritt Nina auf und zeigt ihm, was wirklich möglich ist. Aus dem Meister wird ein Lehrling. Eingerahmt wird alles vom Regen: Er ist am Anfang das Problem und am Ende Teil der Schlusspointe.
Abs. 1–2: Das Problem und der Werkzeugkasten
- Der Regen ist ein ganz konkretes Problem: Marco will nicht nass werden.
- Das Plakat ist sein Werkzeugkasten. Der Spruch „Du kannst alles erreichen – du musst es nur geschickt anstellen!“ ist zugleich das Motto der ganzen Geschichte.
- Erzählt wird ganz aus Marcos Sicht. Wir erfahren seine Pläne vorher und werden so zu seinen Komplizen – wir wissen mehr als der Vater.
- Tipp: auf glückliche Zufälle achten – oder gute Ideen so bereithalten, dass sie im richtigen Moment zur Hand sind.
Abs. 3–10: Beim Frühstück – den eigenen Wunsch mit dem Vorteil des anderen verbinden
- Marco fällt nicht mit der Tür ins Haus. Er greift die Bemerkung des Vaters auf („lustlos“) und lenkt das Gespräch auf den Regen.
- Dann stellt er seinen Wunsch in einen größeren Zusammenhang: Erkältung, Deutscharbeit. Damit geht es plötzlich nicht mehr um Bequemlichkeit, sondern um den Schulerfolg – und der liegt auch dem Vater am Herzen.
- Den Einwand des Vaters („erst um neun im Büro“) nimmt Marco ernst: „Oh, das kann ich verstehen.“ Wer einen Einwand anerkennt, statt ihn wegzuwischen, hält das Gespräch offen.
- Der entscheidende Zug ist Opas Hochdruckreiniger: Der Vater bekommt einen eigenen Vorteil, nämlich eine lästige Erledigung, die sich jetzt gut einbauen lässt. Aus Marcos Wunsch wird ein Plan, von dem beide etwas haben.
- Tipp: sich vorher überlegen, wie man den eigenen Wunsch mit einem Vorteil der anderen Seite verbindet.
Abs. 10–13: Die Mathe-Frage – schönfärben, aber nicht übertreiben
- Kaum ist der Erfolg da, kommt der Gegenzug: Der Vater spricht das unangenehme Thema Mathe an.
- Marco gibt keinen Fehler zu, sondern stellt alles in ein positives Licht. Die angeblich mitgegebenen Lösungen haben gleich zwei Wirkungen: Er hat überhaupt etwas getan – und er holt sich sogar den Rat des Lehrers.
- Dann der Einstein-Satz: eine Übertreibung, die alles wieder gefährdet. Marco merkt es selbst sofort – Regel Nr. 7: Nicht übertreiben.
- Zusatzpointe: Dass Einstein in Mathe schlecht gewesen sei, ist eine bekannte Legende, die nicht stimmt. Marco übertreibt hier also gleich doppelt.
- Gerettet wird er nur durch Zufall: Der Vater schaut auf die Uhr. Auch das gehört zur Wahrheit – nicht jeder Erfolg ist allein eigenes Verdienst.
- Tipp: Übertreibungen sind gefährlich, wo man ohnehin schon etwas schönfärbt. Dann wird man durchschaut, und die ganze Wirkung ist dahin.
Abs. 14–17: Im Auto – Kritik aufnehmen statt zurückschlagen
- Marco hat aus seinem Fehler gelernt und schweigt lieber. Doch jetzt beschwert sich der Vater, dass Marco nur aufs Handy schaut.
- Marco verteidigt sich nicht und greift nicht an. Er nimmt die Kritik auf und deutet sein Verhalten um: Er wollte den Vater nur nicht stören.
- Der Erzähler kommentiert ironisch: „So viel Einfühlungsvermögen“. Wir wissen, dass es Taktik ist – der Vater nicht.
- Tipp: Auf Kritik nicht mit einem Gegenangriff reagieren, sondern sie aufnehmen und das eigene Verhalten in ein gutes Licht rücken. Letztlich ist alles Werbung – für die eigene Person und ihre Absichten.
Abs. 18–19: Auf dem Schulhof – ein Gespräch souverän beenden
- Nico spottet in „scheinbarer Bewunderung“. Marco könnte sich rechtfertigen – das brächte ihm aber nichts.
- Stattdessen beendet er das Thema mit einem einzigen Satz: „Ja, gekonnt ist gekonnt.“ Das klingt souverän, ein bisschen geheimnisvoll und verletzt niemanden.
- Dieser Satz ist zugleich der Titel der Geschichte – und er wird am Ende ironisch: Wer es wirklich kann, zeigt erst Nina.
- Tipp: Manchmal gilt: Weniger ist mehr – oder sogar: Fast-Schweigen ist Gold.
Abs. 20–21: Das Protokoll – Zustimmung mit Einschränkung
- Marco wendet eine Variante seines Frühstückstricks an: „Grundsätzlich kein Problem, aber …“ Er sagt erst Ja und grenzt dann im eigenen Interesse ein.
- Das wirkt kooperativ – und der Lehrer hat kaum eine Möglichkeit, Nein zu sagen.
- Allerdings ist die Sehnenscheidenentzündung erfunden. Hier überschreitet Marco eine Grenze. Nicos ironisches Lächeln zeigt: Ein Mitschüler hat ihn längst durchschaut – und Nico muss das Protokoll jetzt selbst schreiben.
Abs. 22–25: Nina und die Kreide – das Unerwartete tun
- Der Wendepunkt: In dem Moment, in dem Marco sich für einen Weltmeister hält, bekommt er Gelegenheit, „auch mal jemand anders zu bewundern“.
- Ninas „Ja, für Sie doch immer!“ passt überhaupt nicht zu ihr – und gerade deshalb wirkt es. Wer das Unerwartete tut, gewinnt Aufmerksamkeit.
- Der feine Unterschied zu Marco: Auch Nina übertreibt, aber offen und ironisch. Jeder erkennt das Spiel, niemand fühlt sich hereingelegt. Marcos Einstein-Übertreibung dagegen war heimlich – und drohte deshalb aufzufliegen.
- Nicht zufällig brechen genau jetzt die ersten Sonnenstrahlen durch: Mit Nina beginnt eine neue Stufe.
- Dann setzt sie noch eins drauf: Ihre Freundin Mara soll mitkommen. Ihr eigenes Interesse – Zeit mit der Freundin – verpackt sie in das Interesse des Lehrers: „damit mir unterwegs nichts passiert“. Gegen seine eigene Aufsichtspflicht kann der Lehrer kaum etwas einwenden.
- Tipp: Je mehr man die Interessen der anderen Seite schon einbezieht, desto schneller und sicherer kommt man voran.
Abs. 26–27: Nina und Dr. Norberg – die Gunst der Stunde und zwei Versionen
- Nina trifft zufällig Dr. Norberg und denkt sofort an drei Dinge: die nächste Geschichtsstunde, dass er ihr ehemaliger Geschichtslehrer ist und dass er Schülerdiskussionen liebt. Daraus macht sie in Sekunden eine Gelegenheit.
- Sie schmeichelt ihm mit einer Frage, statt etwas zu fordern – und bekommt die Antwort für die nächste Stunde frei Haus.
- Ein feines Detail: Nina sagt „Herr Norberg“, der Deutschlehrer korrigiert prompt: „Herrn Dr. Norberg!“ Wer Schule kennt, schmunzelt hier.
- Marco erzählt sie die Napoleon-Geschichte, dem Deutschlehrer etwas ganz anderes: Dr. Norberg habe eine Frage zur Stimmung in der Stufe gehabt. Das ist eine Unwahrheit – und sie kann sich rächen, wenn die beiden Lehrer sich im Lehrerzimmer austauschen. Dann hängt alles davon ab, ob der Deutschlehrer Ninas Einfallsreichtum bewundert oder sich belogen fühlt.
- Die Schlusspointe: Sie wollte Dr. Norberg „nicht im Regen stehen lassen“ – während auf den Heizungen noch die nassen Sachen dampfen. Damit schließt sich der Kreis zum Anfang.
- Das Ende bleibt offen: Marco weiß jetzt, dass er „noch viel lernen“ muss. Aus dem stolzen Gipfelstürmer ist ein Schüler geworden, der eine Meisterin gefunden hat.
Zusammenfassung: Was man aus der Geschichte lernen kann
Die Gipfel im Überblick – was die Fahnen auf dem Bild bedeuten
Marcos Fahne: das Auto
Das Papa-Taxi. Marco bringt seinen Vater dazu, ihn bei Regen zur Schule zu fahren, indem er den eigenen Wunsch mit Opas Hochdruckreiniger verbindet (Abs. 9).
Marcos Fahne: der durchgestrichene Block
Das vermiedene Protokoll. Marco stimmt erst grundsätzlich zu und schiebt dann eine „Sehnenscheidenentzündung“ nach (Abs. 21).
Ninas Fahne: die Kreide
Der Auftrag des Lehrers wird für Nina zur Chance: ein bisschen „Auslauf“ aus dem Unterricht (Abs. 23–24).
Ninas Fahne: die offene Tür
Nina geht nicht allein. Sie handelt aus, dass ihre Freundin Mara mitkommen darf, „damit mir unterwegs nichts passiert“ (Abs. 25).
Ninas Fahne: das Buch, der Notizzettel und der Zweispitz
Der Napoleon-Trick. Auf dem Flur lässt sich Nina von Dr. Norberg schnell noch die Frage für die nächste Geschichtsstunde beantworten – dem Deutschlehrer erzählt sie anschließend eine ganz andere Version (Abs. 26–27). Das Schlüsselloch auf dem Buch passt: Nina kennt den „Schlüssel“ zu ihrem ehemaligen Geschichtslehrer.
Und das Wetter?
Über Marcos Gipfel ziehen noch die letzten Regenwolken ab, Nina steht schon in der Sonne – genau wie in der Geschichte, in der die ersten Sonnenstrahlen in dem Moment durchbrechen, in dem Nina ihren Auftritt hat (Abs. 23).
Wo Geschick zum Schummeln wird
Die Geschichte ist kein Lehrbuch für Tricks, sondern zeigt auch deren Grenzen. Geschickt ist es, die Interessen des anderen einzubeziehen, Einwände ernst zu nehmen, Kritik aufzunehmen und ein Gespräch im richtigen Moment zu beenden. Schummeln beginnt dort, wo man etwas erfindet: Marcos Sehnenscheidenentzündung, vielleicht auch seine Lösungen für den Mathelehrer, und Ninas zweite Version des Gesprächs mit Dr. Norberg.
Der Unterschied ist nicht nur moralisch, sondern auch ganz praktisch: Wer erfindet, kann durchschaut werden – und verliert dann mehr als nur ein einzelnes Gespräch, nämlich das Vertrauen. Nico hat Marco schon durchschaut. Ob Nina auffliegt, lässt die Geschichte offen.
Und die Rhetorik-Regeln aus dem Internet?
In vielen Videos heißt es derzeit: Nie mit dem eigenen Namen anfangen, sich nie entschuldigen, sich nie fürs Kommen bedanken. Solche Regeln stammen meist aus der Welt der Bühnenauftritte und Präsentationen. Für Gespräche im Alltag taugen sie wenig, wie die Geschichte zeigt:
„Nie entschuldigen“?
Nina kommt nach einer Viertelstunde zurück und beginnt mit „Oh, sorry“ – und kommt damit durch. Eine kurze, lockere Entschuldigung nimmt dem Ärger die Spitze.
„Nicht unterwürfig wirken“?
„Ja, für Sie doch immer!“ ist nach jeder Coach-Regel viel zu ergeben. Aber Nina meint es ironisch, alle wissen das – und gerade deshalb wirkt es.
„Nie mit dem Namen anfangen“?
In einem anderen Beispiel aus dem E-Book eröffnet ein Schüler namens Jan den Schlagabtausch mit einem Vertretungslehrer ausgerechnet mit seinem Namen: „Ich heiße Jan, wenn Ihnen das hilft.“ Und genau damit gewinnt er die Oberhand.
Schnell durchblicken bei: Lars Krüsand, „Untergrundarbeit“
https://schnell-durchblicken.de/lars-kruesand-untergrundarbeit
Die eigentliche Regel lautet also: Es gibt keine Formulierung, die immer richtig oder immer falsch ist. Entscheidend ist, ob man sein Gegenüber und die Situation richtig einschätzt.
Weitere Tipps, die in der Geschichte nicht vorkommen
Fragen statt behaupten
Wer fragt („Was hältst du davon, wenn …?“), lässt dem anderen das Gefühl, selbst zu entscheiden. Das macht ein Ja leichter.
Den richtigen Zeitpunkt wählen
Dieselbe Bitte kann kurz vor einem wichtigen Termin scheitern und eine Stunde später ganz leicht erfüllt werden. Wer wartet, bis der andere entspannt ist, hat bessere Karten.
Dem anderen einen Ausweg lassen
Niemand gibt gern vor Publikum nach. Wer dem anderen ermöglicht, ohne Gesichtsverlust einzulenken, erreicht oft mehr als mit dem besten Argument.
Zuhören und zusammenfassen
„Habe ich dich richtig verstanden, dass …?“ zeigt, dass man den anderen ernst nimmt – und verschafft einem selbst Zeit zum Nachdenken.
Ein Nein mit einer Alternative verbinden
Wer etwas ablehnen muss, sollte gleich anbieten, was stattdessen möglich ist. Dann bleibt das Gespräch offen.
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