Lessing, „Nathan der Weise“ – Akt 2 – Inhalt, Schlüsselzitate, Interpretation (Mat6305-akt2)

Worum es hier geht:

Wir präsentieren hier einen Gesamtüberblick über Akt 2 von Lessings „Nathan der Weise.

Zunächst ein Gesamtüberblick

 


II. Akt, 1. Szene: Sultan Saladin in finanziellen Schwierigkeiten – Kritik an den Christen
  • Schauplatzwechsel in den Palast des Sultans: Saladin verliert beim Schachspiel mit seiner Schwester Sittah und muss ihr deshalb wieder eine bestimmte Summe auszahlen. In diesem Zusammenhang wird deutlich, wie knapp der Sultan bei Kasse ist.
  • Das Problem wird dadurch noch größer, dass der Waffenstillstand mit den christlichen Kreuzrittern zu Ende geht und ehrgeizige Heiratspläne über Religionsgrenzen sich nicht verwirklichen lassen.
  • In diesem Zusammenhang äußert Sittah deutliche Kritik an den Christen:
  • 866ff:  Sittah.
    Hab ich des schönen Traums nicht gleich gelacht?
    Du kennst die Christen nicht, willst sie nicht kennen.

    Ihr Stolz ist: Christen sein; nicht Menschen. Denn
    Selbst das, was, noch von ihrem Stifter her,
    Mit Menschlichkeit den Aberglauben würzt,
    Das lieben sie, nicht weil es menschlich ist:
    Weil’s Christus lehrt; weil’s Christus hat getan. –
    Wohl ihnen, daß er so ein guter Mensch
    Noch war! Wohl ihnen, daß sie seine Tugend
    Auf Treu und Glaube nehmen können! – Doch
    Was Tugend? – Seine Tugend nicht; sein Name
    Soll überall verbreitet werden; soll
    Die Namen aller guten Menschen schänden,
    Verschlingen. Um den Namen, um den Namen
    Ist ihnen nur zu tun.

    Saladin.       Du meinst: warum
    Sie sonst verlangen würden, daß auch ihr,
    Auch du und Melek, Christen hießet, eh‘
    Als Ehgemahl ihr Christen lieben wolltet?

    Sittah.
    Jawohl! Als wär‘ von Christen nur, als Christen,
    Die Liebe zu gewärtigen, womit
    Der Schöpfer Mann und Männin ausgestattet!

    Saladin.
    Die Christen glauben mehr Armseligkeiten,
    Als daß sie die nicht auch noch glauben könnten!
    Und gleichwohl irrst du dich. – Die Tempelherren,
    Die Christen nicht, sind schuld: sind nicht, als Christen,
    Als Tempelherren schuld. Durch die allein
    Wird aus der Sache nichts.

  • Am Ende der Szene wünschen sich der Sultan und seine Schwester sehnlichst, dass doch endlich der Derwisch, der neue Finanzverwalter, kommen möge.

II. Akt, 2. Szene: Nathan gerät ins Visier des Sultans und seiner Schwester
  • Der sehnlichst erwartete Derwisch erscheint und soll nun Sittah das im Schach erspielte Geld geben.
  • Dabei stellt sich heraus, dass diese das Geld nicht nur hat „stehen“ gelassen, sondern seit längerem schon den ganzen Hoftstaat des Sultans bezahlt.
  • Deshalb drängt der Sultan, dass sich der Derwisch bei anderen Leute Geld leiht – und so kommt man auf Nathan.
  • Der Derwisch versucht, ihn zu schützen und hebt vor allem seine schon vorhandene Mildtätigkeit hervor:
  • 1066: Al-Hafi
    Auf den,
    Auf den nur rechnet nicht. – Den Armen gibt
    Er zwar; und gibt vielleicht trotz Saladin.
    Wenn schon nicht ganz so viel; doch ganz so gern;
    Doch ganz so sonder Ansehn. Jud‘ und Christ
    Und Muselmann und Parsi, alles ist
    Ihm eins.
  • Am Ende der Szene verschwindet der Derwisch schnell, um angeblich jetzt bei anderen Leuten nach Geld zu fragen.
  • 1080/1: Al-Hafi
    Nur darum eben leiht er keinem,
    Damit er stets zu geben habe.

II. Akt, 3. Szene
  • Der Sultan und seine Schwester fragen sich im Hinblick auf das Verhältnis des Derwischs zu dem Juden Nathan:
    1096ff
    Hat er wirklich sich in ihm
    Betrogen, oder – möcht‘ er uns nur gern
    Betrügen?

  • Vor allem Sittah behält diesen Juden im Visier:
    1135/6
    Der Jude sei mehr oder weniger
    Als Jud‘, ist er nur reich: genug für uns!

    Saladin.
    Du willst ihm aber doch das Seine mit
    Gewalt nicht nehmen, Schwester?

    Sittah
    Ja, was heißt
    Bei dir Gewalt? Mit Feu’r und Schwert? Nein, nein,
    Was braucht es mit den Schwachen für Gewalt,
    Als ihre Schwäche? –

  • Offensichtlich hat Sittah eine Idee oder will einen Plan entwickeln, wie man einigermaßen ohne Gewalt, also wohl mit List an das Geld Nathans kommen kann.
  • Die Szene endet damit, dass sie ihrem Bruder eine neue Sängerin in ihrem Harem vorstellen will.
II. Akt, 4. Szene
  1. Nathan:
    Sei doch nur ruhig! ruhig!

    Recha:
    Wolltet Ihr
    Wohl eine Tochter, die hier ruhig wäre?

    Sich unbekümmert ließe, wessen Wohltat
    Ihr Leben sei? Ihr Leben, – das ihr nur
    So lieb, weil sie es Euch zuerst verdanket.

    • Deutlich wird hier, welche Gefühlsstürme in Recha tosen – bezogen auf den Tempelherrn.
  2. Nathan.
    Ich möchte dich nicht anders, als du bist:
    Auch wenn ich wüsste, daß in deiner Seele
    Ganz etwas anders noch sich rege.

    Recha
    Was,
    Mein Vater?

    1. Nathan zeigt hier einen sehr modernen, liberalen Erziehungs- und Beziehungsansatz.
  3. Nathan
    Fragst du mich? so schüchtern mich?
    Was auch in deinem Innern vorgeht, ist
    Natur und Unschuld. Lass es keine Sorge
    Dir machen. Mir, mir macht es keine. Nur
    Versprich mir: wenn dein Herz vernehmlicher
    Sich einst erklärt
    , mir seiner Wünsche keinen
    Zu bergen.

    1. Hier merkt man, wie „unschuldig“, unaufgeklärt diese junge Frau noch ist.
    2. Nathan muss sie ganz vorsichtig darauf aufmerksam machen, dass es so etwas wie einen Ablösungsprozess vom Elternhaus gibt, wenn man sich verliebt.
  4. Recha
    Schon die Möglichkeit, mein Herz
    Euch lieber zu verhüllen, macht mich zittern.

    1. Hier wird noch einmal besonders deutlich, wie kindlich Recha sich hier präsentiert.
    2. Auch nur ein bisschen Heimlichkeit, Distanzierung vom „Vater“ ist für sie zu diesem Zeitpunkt unvorstellbar.


II. Akt, 5. Szene: Beispiel für eine fast wunderbare Annäherung

Schlüssel-Zitate

  1. Nathan:
    Fast scheu ich mich des Sonderlings. Fast macht
    Mich seine rauhe Tugend stutzen. [… ]Bei Gott!
    Ein Jüngling wie ein Mann. Ich mag ihn wohl
    […] Die Schale kann nur bitter sein: der Kern
    Ist’s sicher nicht.

    1. Deutlich wird, wie sehr der Tempelherr gleich beim ersten Sichtkontakt beeindruckt.
  2. Nathan
    Groß und abscheulich! – Doch die Wendung lässt
    Sich denken. Die bescheidne Größe flüchtet
    Sich hinter das Abscheuliche, um der
    Bewundrung auszuweichen.

    1. Hier merkt man, wie positiv Nathan sein Gegenüber interpretiert.
  3. Nathan.
    Ich weiß, wie gute Menschen denken; weiß,
    Dass alle Länder gute Menschen tragen.

    1. Hier macht Nathan seinen Ansatz besonders gut deutlich, der von einem allgemeinen guten Menschentum ausgeht, das es überall gibt.
  4. Nathan
    Kommt,
    Wir müssen, müssen Freunde sein! – Verachtet
    Mein Volk so sehr Ihr wollt. Wir haben beide
    Uns unser Volk nicht auserlesen. Sind
    Wir unser Volk?
     
    Was heißt denn Volk?
    Sind Christ und Jude eher Christ und Jude,
    Als Mensch? Ah! wenn ich einen mehr in Euch
    Gefunden hätte, dem es gnügt, ein Mensch
    Zu heißen!
    […]
    Tempelherr
    Nathan, ja;
    Wir müssen, müssen Freunde werden.

    1. Mit der Trennung von Ein-guter-Mensch-Sein und Volkszugehörigkeit hat Nathan die Basis für sein
    2. mutiges Freundschaftsangebot gefunden,
    3. auf das der Tempelherr dann auch erstaunlich schnell eingehen kann.

Hilfen zur Analyse: Voraussetzungen
Voraussetzungen:

  1. In dem fünften Auftritt des zweiten Aktes kommt es jetzt endlich zur Begegnung zwischen Nathan und dem Tempelherrn,
  2. In I,1 hat Nathan von der Rettung seiner Tochter durch den Tempelherrn erfahren,
  3. aber auch von seiner ablehnenden Haltung, sich von der Familie der Geretteten danken zu lassen.
  4. Zur ablehnenden Haltung ist bisher noch ein gewisses Maß an Aggressivität gekommen.
  5. Die hat vor allem Daja in I,6 erfahren.
  6. Dabei handelt es sich um eine sehr ausgeprägte Distanz, wenn nicht sogar Feindschaft gegenüber Juden.
  7. Die ist zum einen religiös geprägt, zum anderen auch durch das Vorurteil, dass Juden nur an Geld denken würden.
  8. Jetzt ist man gespannt als Zuschauer, was die direkte Konfrontation des christlichen Tempelherrn mit dem jüdischen Handelsherrn bringt.
  9. Zwischen der Zurückweisung Dajas in I,6 und direkten Begegnung in II,5 haben drei Szenen im Palast des Sultans gespielt und ein anderes Thema behandelt, nämlich die Finanzprobleme Saladins. Mittelfristig eine Gefahrt für Nathan stellt sicher der Plan dar, den die Schwester des Sultans entwickeln will, um an das Geld das reichen Juden zu kommen.
  10. Unmittelbar vorausgegangen ist die vierte Szene, in der noch einmal die Sehnsucht Rechas nach einer Begegnung mit ihrem Retter deutlich wird, aber auch Nathans kluge Überlegung, die beiden Frauen nicht direkt in eine mögliche Konfrontation mit ein zu beziehen.

Hilfen zur Analyse: Erläuterung des dramatischen Verlaufs
Erläuterung des dramatischen Verlaufs

  1. Gleich am Anfang der Szene wird deutlich, dass der Tempelherr Nathan beeindruckt. So heißt es gleich zu Beginn: „Fast scheue ich mich des Sonderlings. Fast macht / Mich seine raue Tugend stutzen“.
  2. Anschließend gibt es wieder eine sehr schwierige Gesprächsanbahnung, wie wir sie bereits aus 1,6 kennen, wo Daria versuchte, an den Tempelherrn heranzukommen.
  3. Ab etwa 1203 geht es dann zur Sache und Nathan muss wieder die gleiche Erfahrung machen wie auch schon Daja, dass der Tempelherr keinen Dank will. Ja es gibt sogar wiederum eine Beleidigung in 1219: „wenn’s auch nur das Leben einer Jüdin wäre.“
  4. Interessant ist dann aber ab 1220 die Reaktion von Nathan, denn er meint den Tempel Herrn besser zu verstehen als der sich selbst. Er stellt zwar fest: „Groß und abscheulich“, sagt dann aber: „Doch die Wendung lässt sich denken“ (= erklären ). „Die bescheidene Größe flüchtet sich hinter das Abscheuliche, um der Bewunderung auszuweichen.“ D.h. Nathan unterstellt dem Tempelherrn einfach, dass seine Aggressivität eine besondere Art von Bescheidenheit sei.
  5. Ab etwa 1228 geht es um die Frage, was Nathan tun könnte zum Dank. Auch hier kommt es gleich wieder zu einer Beleidigung in etwa 1232, wo der Tempelherr sagt: „der reichre Jude war mir nie der bessere Jude“.
  6. Dann allerdings verändert der Tempelherr zunehmend seine Meinung und sein Verhalten. In etwa 1236 ist er grundsätzlich bereit, sich bei Bedarf zu einem neuen Mantel verhelfen zu lassen.
  7. In 1240 nimmt er sein Gegenüber nicht nur wahr, sondern versucht auch, Nathan zu besänftigen: Seht nicht mit eins [= auf einmal] so finster“.
  8. Aber auch Nathan meint, Positives zu entdecken und zwar das Brandmal auf dem Mantel in 1248. Das erinnert ihn daran, dass der Tempelherr im entscheidenden Moment sich menschlicher verhalten hat, als er hier redet.
  9. In etwa 1255 zeigt sich dann auch der Tempelherr beeindruckt, indem er zu sich selbst sagt: „Bald aber fängt mich dieser Jud’ an zu verwirren.“
  10. In 1259 erkundigt er sich dann sogar nach dem Namen des Juden und das bedeutet schon ein gewisses Maß an Ehrerbietung. Er erkennt auch an, dass Nathan seine Worte sehr gut wählt, sogar sehr „spitz“. Damit meint er wohl: treffend. Und stellt für sich fest: „Ich bin betreten“. Und damit hat er etwa dieselbe Stufe erreicht wie Nathan am Anfang, als der sagte, dass er fast ein bisschen scheu dem Tempelherrn gegenüber trete.
  11. In 1269/70 erkennt der Tempelherr auch an, was Nathan von ihm vermutet, nämlich eine gewisse Rücksichtnahme auch auf Recha. „Ich muss gestehen, ihr wisst, wie Tempelherrn denken sollten.“
  12. Ab 1270 geht es dann um die Frage, ob es nicht in allen Gruppen von Menschen auch gute Menschen geben könnte.
  13. Das wird aber dann etwa um 1288 etwas vom Tempelherrn eingeschränkt, der nämlich den Juden vor wirft, sich als erste für ein auserwähltes Volk gehalten zu haben, was andere ja diskriminieren könnte.
  14. In circa 1296 merkt man wieder, wie der Tempelherr wahrnimmt, wie Nathan reagiert: „Ihr stutzt, dass ich ein Christ, ein Tempelherr, so rede?“
  15. Nachdem er noch kurz beklagt hat, dass man gerade in dieser ihrer Gegenwart in Jerusalem sich letztlich fast als Feinde gegenübersteht, will er gehen, das nutzt Nathan dann aber für einen mutigen Schritt: Etwa in 1304 sagt er: „Kommt, wir müssen, müssen Freunde sein.“ Er begründet das damit, dass schließlich sich ja niemand das eigene Volk ausgesucht hat und es nur darauf ankommt, dass man ein wahrer, anständiger Mensch ist.
  16. Erstaunlich schnell geht der Tempelherr darauf ein und stimme zu: „Nathan, ja, wir müssen, müssen Freunde werden.“ (1319)
  17. Den Schluss bildet dann schon die gemeinsame Sorge um Recha, als da Daja auf sie zugestürzt kommt.

Hilfen zur Analyse: Auswertung der Szene

Auswertung: Die Szene zeigt,

  1. dass Nathan von Anfang an Sympathien für diesen Tempelherrn hat,
  2. dass er sich auch von diesen Beleidigungen nicht abschrecken lässt,
  3. ja sie sogar positiv interpretiert.
  4. dass vom Tempelherrn nach und nach Zugeständnisse kommen,
  5. bis das schließlich dazu führt, dass Nathan am Ende dem Tempelherrn ein Freundschaftsangebot macht,
  6. das dieser auch annimmt.
  7. Anschließend beziehungsweise abschließend zeigen sie schon, dass sie gemeinsam Angst um Recha haben, als sie Daja auf sich zustürzen sehen.
  8. Insgesamt also eine völlige Veränderung, die wohl damit zusammen hängt, dass sie sich im Gespräch als gleichrangig begegnen und sich auf etwas Gemeinsames einigen können, nämlich das Menschsein, unabhängig von der jeweiligen Religion.

II. Akt, 6. Szene

Voraussetzungen:
  • Überraschende Freundschaft nach schwierigem Beginn, ermöglicht durch eine langsame Annäherung, die schließlich in dem Bewusstsein, Mensch zu sein, gipfelt
  • Hier wird nun eine andere Handlungslinie des Dramas aufgenommen, nämlich die in der Derwisch-Szene vorbereitete und dann in II,1-3 näher ausgeführte Situation des Sultans. Geldnot. Daraus entsteht bei Sittah, der Schwester des Sultans die Ide eines „Anschlags“ auf Nathan.

Schlüssel Zitat:

  1. Dies ist eine sehr kurze Szene, in der es verständlicherweise auch nicht unbedingt ganz grandiose Textstellen geben muss, aber auch an kleinen Bemerkungen lässt sich einiges aufzeigen.
    „Muss unterbrechen“

    • Dieser Hinweis von Daja macht deutlich, dass jetzt wirklich ein Einbruch in die scheinbar harmonische Welt droht.
    • Es gibt eben neben der Konfliktebene Nathan-Recha-Tempelherr noch eine andere, die im Haus des Sultans spielt und von dort aus geht.
  2. 1328: Daja: „Der Sultan hat geschickt. Der Sultan / Will Euch sprechen. Gott, der Sultan“.
    • Die Gefahr geht vom Sultan aus und wenn das das vorher in den Szenen II,1-3 Beschriebene eine Rolle spielt, dann wird das wohl mit der Geldnot und dem „Anschlag“, den Sittah plant, zusammenhängen.
  3.  1335 Daja: „Gott, wir sind bekümmert, was der Sultan / Doch will.“
    • Dementsprechend kann man verstehen, dass Daja bekümmert ist.

II. Akt, 7. Szene

Nach dem Freundschaftsschluss zwischen Nathan und dem Tempelherrn ist man jetzt durch den plötzlichen Ruf zum Sultan beunruhigt.

Man tauscht sich jetzt über die jeweilige Beziehung zum Herrscher aus. Nathan ist jetzt noch dankbarer, weil Saladin ja schließlich indirekt die Rettung Rechts erst ermöglichte.
Außerdem geht es um den Namen des Tempelherrn und Nathans Überlegungen dazu, denen sich der Tempelherr erst mal entzieht.
  1. 1340: Tempelherr.
    So kennt Ihr ihn noch nicht? – ich meine, von
    Person.

    Nathan
    Den Saladin? Noch nicht. Ich habe
    Ihn nicht vermieden, nicht gesucht zu kennen.
    Der allgemeine Ruf sprach viel zu gut
    Von ihm, dass ich nicht lieber glauben wollte,
    Als sehn.
     
    Doch nun, – wenn anders dem so ist,
    Hat er durch Sparung Eures Lebens …

    Interessanter Ansatz, dass man etwas Gutes lieber nicht einem Test unterzieht, um nicht enttäuscht zu werden.
    Man fragt sich allerdings, ob Nathan hier nicht genauso „unaufgeklärt“ denkt und handelt wie Recha bei ihrem Engel-Wunder-Glauben.

  2. 1345: Tempelherr
    Ja;
    Dem allerdings ist so. Das Leben, das
    ich leb, ist sein Geschenk.

    Nathan
    Durch das er mir
    Ein doppelt, dreifach Leben schenkte. Dies
    Hat alles zwischen uns verändert; hat
    Mit eins ein Seil mir umgeworfen, das
    Mich seinem Dienst auf ewig fesselt. Kaum,
    Und kaum, kann ich es nun erwarten, was
    Er mir zuerst befehlen wird. Ich bin
    Bereit zu allem; bin bereit ihm zu
    Gestehn, daß ich es Euertwegen bin
    .

    Hier entspannt sich die Situation Nathans, weil er von sich aus ja schon viel für den Sultan zu tun bereit ist – weil dieser dem Tempelherrn das Leben geschenkt hat, so dass dieser wiederum Recha retten konnte.

  3. Nathan
    Und Euer Name? – muss ich bitten.

    Tempelherr.
    Mein Name war – ist Curd von Stauffen. – Curd!

    Nathan.
    Von Stauffen? – Stauffen? – Stauffen?

    Tempelherr.       Warum fällt
    Euch das so auf?

    Bevor die beiden Männer auseinandergehen, möchte Nathan noch den Namen des Tempelherrn wissen. Dieser zeigt ja eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Ritter, den Nathan von früher her kennt.

  4. Tempelherr.       Drum verlass
    Ich Euch zuerst. Der Blick des Forschers fand
    Nicht selten mehr, als er zu finden wünschte.

    Ich fürcht ihn, Nathan. Lasst die Zeit allmählich,
    Und nicht die Neugier, unsre Kundschaft machen.

    (Er geht.)

    Nathan (der ihm mit Erstaunen nachsieht).
    »Der Forscher fand nicht selten mehr, als er
    Zu finden wünschte.« – Ist es doch, als ob
    In meiner Seel‘ er lese!
     – Wahrlich ja;
    Das könnt‘ auch mir begegnen. – Nicht allein
    Wolfs Wuchs, Wolfs Gang: auch seine Stimme
    . So,
    Vollkommen so, warf Wolf sogar den Kopf;
    Trug Wolf sogar das Schwert im Arm‘; strich Wolf
    Sogar die Augenbraunen mit der Hand,
    Gleichsam das Feuer seines Blicks zu bergen.
    Wie solche tiefgeprägte Bilder doch
    Zu Zeiten in uns schlafen können, bis
    Ein Wort, ein Laut sie weckt. – Von Stauffen! –
    Ganz redet, ganz recht; Filnek und Stauffen. –
    Ich will das bald genauer wissen; bald.

    Hier wird deutlich, dass beide Männer ahnen, dass sie ein Geheimnis verbindet. Der Tempelherr möchte es nicht herausfinden, während Nathan es „genauer wissen“ will.

II. Akt, 8. Szene

  1. Zitatmäßig nichts Interessantes, aber inhaltlich die Weitergabe der Information, dass der Tempelherr jetzt kommen will,
  2. und Ermahnungen, Daja möge weiterhin schweigen.
  3. Dann Überleitung zum Derwisch, der gerade kommt.

II. Akt, 9. Szene

  1. Al-Hafi.
    Borgen ist
    Viel besser nicht als betteln: so wie leihen,
    Auf Wucher leihen, nicht viel besser ist,
    Als stehlen. Unter meinen Gebern, an
    Dem Ganges, brauch ich beides nicht, und brauche
    Das Werkzeug beider nicht zu sein. Am Ganges,
    Am Ganges nur gibt’s Menschen. Hier seid Ihr

    Der einzige, der noch so würdig wäre,

    Dass er am Ganges lebte.
     – Wollt Ihr mit? –

    Der Derwisch zeigt hier den Zusammenhang zwischen der einfachen Lebensweise der Bettler und dem echten Mensch-Sein. Er schätzt Nathan so ein, dass er auch besser in diese andere Welt passt.

  2. Al-Hafi
    Wer überlegt, der sucht
    Bewegungsgründe, nicht zu dürfen.
     Wer
    Sich Knall und Fall, ihm selbst zu leben, nicht,
    Entschließen kann, der lebet andrer Sklav‘
    Auf immer. –

    Der Derwisch entwickelt hier eine interessante Theorie des richtigen Handelns. Über die lässt sich sicher gut diskutieren.

  3. Al-Hafi
    Ach Possen! Der Bestand
    Von meiner Kass‘ ist nicht des Zählens wert;
    Und meine Rechnung bürgt – Ihr oder Sittah.
    Lebt wohl! (Ab.)

    Nathan (ihm nachsehend).
    Die bürg ich! – Wilder, guter, edler –
    Wie nenn ich ihn? – Der wahre Bettler ist
    Doch einzig und allein der wahre König!

    (Von einer andern Seite ab.)

Anregungen für die Diskussion

Nathan nähert sich hier der Lebensweise und Philosophie des Bettelmönchs an. Auch diese Aussage kann man gut diskutieren.

Weitere Infos, Tipps und Materialien

Themenseite: „Nathan “
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