Lühe-Tower, Jutta von der, „Die Botschaft“ – oder wie man ohne Worte kommunizieren kann (Mat2048)

Angaben zur Kurzgeschichte

Eine Geschichte, die mit einem Streit zwischen Eltern beginnt – und mit einer faszinierenden Idee des Sohnes vorläufig endet.

Zu finden ist die Geschichte zum Beispiel hier:
Jutta von der Lühe-Tower, „Die Botschaft“, Training Deutsch, 10. Schuljahr, Stuttgart: Klett-Verlag 2006

Wir haben sie auch hier gefunden.

Übersicht über den Inhalt – einfach hinspringen

Inhaltsangabe – grundsätzlich und die einfachste Form

Bei der Inhaltsangabe gelten einige Grundregeln: Knappe Sachlichkeit, keine wörtliche Rede, auch keine Zitate – und vor allem die Zeitform des Präsens, damit es nicht zu einer Nacherzählung wird.

Ab Klasse 7 geht es dann nur um die reinen Handlungsschritte:
1. In der Geschichte geht es um einen Jungen,
2. der morgens die Küche aufräumt,
3. die seine Eltern nach einem Streit ziemlich unordentlich zurückgelassen haben.
4. Bevor er das Haus verlässt, stellt er eine alte Spieleisenbahn auf den Küchentisch,
5. womit er wohl seinen Eltern eine Botschaft hinterlassen will.

Worauf es uns ankommt: KI „ja“ – aber am Ende „wir“.

  • Dieses „Siegel“ hier links soll deutlich machen, worauf es uns ankommt.
  • Wir leben in der Zeit der Künstlichen Intelligenz – und sie bringt viele Vorteile und hilft, schnell Texte zu schreiben und Aufgaben zu lösen.
  • Wichtig ist aber dabei, dass wir Menschen am Ende entscheiden, was wir von uns geben. Das heißt: Wir müssen es bewerten können – und auch verbessern, was die KI uns bietet.
    Wir zeigen hier, wie das aussehen könnte.

Beispiel für eine KI-Inhaltsangabe mit Blick auf die Oberstufe

  • In der Kurzgeschichte „Die Botschaft“ von Jutta von der Lühe-Tower wird die Bewältigung eines elterlichen Konflikts aus der Perspektive eines Kindes thematisiert.
    • MIA (unser Kommentar aus der Sicht der „menschlichen Intelligenz in Aktion“)
      Hier wird das Thema genannt, also das Problem, worum es in der Geschichte geht. Das erfordert aber bereits so etwas wie „Interpretation“, nämlich die eigenständige Auswertung dessen, was im Text steht. Dementsprechend kann es hier durchaus unterschiedliche Sichtweisen geben, sie müssen aber am Text bleiben.
  • Die Handlung setzt am Morgen nach einer lautstarken nächtlichen Auseinandersetzung der Eltern ein.
  • Das Kind betritt die Küche und beseitigt akribisch die Spuren des Vorabends: Es räumt Wein und Gläser weg, entsorgt einen übervollen Aschenbecher und säubert den Tisch von zerbrochenen Streichhölzern.
  • Während dieser mechanischen Tätigkeiten wird die emotionale Belastung des Kindes deutlich, das in der Nacht vergeblich versucht hat, den Streitlärm unter seiner Bettdecke auszublenden.
    • MIA: Auch hie wird wieder etwas stark hervorgehoben, was man dem Text entnehmen kann und was auch dem Verständnis dient. Aber es steht so nicht direkt im Text.
      Es geht also gewissermaßen um eine tiefere Inhaltsebene, die schon ein entsprechendes Verständnis voraussetzt.
  • Nach einem funktionalen Frühstück bereitet es sich auf die Schule vor, setzt jedoch vor dem Verlassen des Hauses einen bewussten symbolischen Akt: Es holt eine alte Holzeisenbahn aus seinem Zimmer – ein Relikt aus einer Zeit, in der die Familie noch harmonisch gemeinsam spielte – und drapiert sie sorgfältig auf dem nun sauberen Küchentisch.
    • MIA: Hier geht die KI noch einen Schritt weiter, wenn sie sogar einen „symbolischen Akt“ erkennt.
      Allerdings wird es kaum jemanden geben, der das anders sieht. Nur so „macht die Geschichte Sinn“ 😉
  • Trotz technischer Mängel am Spielzeug lässt das Kind den Zug kurz rollen, bevor es das Haus leise verlässt.
    • MIA: Hier ist interessant, dass die KI darauf verzichtet anzudeuten, dass es ein normaler Abschied sein kann, aber auch ein endgültiger. Der aber würde der Idee der Botschaft im Titel nicht so ganz entsprechen – denn die will eigentlich Kommunikation über ein Problem auslösen – mit dem Ziel einer möglichen Reparatur – im Interesse aller.

Was meint man mit „Beschreibung“?

Diese Inhaltsangabe ist schon auf dem Weg zu etwas, was man „Beschreibung“ nennt.

Man kann das mit der Tätigkeit eines Fremdenführers vergleichen. Der präsentiert nicht das, was alle selbst sehen. Sondern er ordnet es ein, erklärt Hintergründe, verweist auf das, was besonders interessant ist.

Das gibt es auch beim Umgang mit Texten – auch da kommen Fachwissen und Verständnis für die Zusammenhänge hinzu. Man hat dann zum Beispiel erkannt, dass es eine Kurzgeschichte ist, spricht vom Erzähler usw.

Übergang zum „Interpretieren“

Wir haben schon bei der Inhaltsangabe für die Oberstufe gesehen, dass es beim Umgang mit Literatur nicht reicht, einfach das zu beschreiben, was eindeutig zu sehen ist.

Vielmehr muss man auch gewissermaßen die tiefer liegenden Schichten in den Blick nehmen. Denn erst kann zeigt man, dass man etwas verstanden hat. Deutlich gemacht haben wir das am Beispiel der Formulierung des Themas.

Von daher gehen wir im Folgenden von „analysieren“ und „interpretieren“ aus und zeigen jeweils auf, was davon noch zur Beschreibung gehört und was nicht.

Die Einleitung der Analyse

Bei dem vorliegenden Text handelt es sich um eine Kurzgeschichte von Jutta von der Lühe-Tower mit dem Titel „Die Botschaft“. In ihr geht es um die Frage, wie ein Junge mit seiner Vernachlässigung durch die zerstrittenen Eltern umgeht. Dabei spielt eine besondere Form der Kommunikation ohne Worte eine entscheidende Rolle.
 

Hauptteil, Teil 1: Inhalt und Aufbau

  • Hier beschreibt man einfach, was die Geschichte nacheinander präsentiert. Das bedeutet automatisch, dass man die Teile zusammenfasst, die zusammengehören. 
  • Von: „Als er am Morgen in die Küche kam
    Bis: “ zurück an den Tisch“)

    Ein „er“ schafft Ordnung in der Küche und ekelt sich dabei vor einigen Dingen wie „zerdrückten Kippen“ und „Aschekrümeln“, die vom Abend vorher übrig geblieben sind.
  • Von: „Er war müde“
    bis „geschlossen hatte“)

    Dieser „er“ erinnert sich an den Abend, an dem es laut hergegangen ist und er sich nur hat unter seine Bettdecke verkriechen können, bis die, die den Lärm verursacht haben, wohl seine Eltern, in getrennten Zimmern schlafen gegangen sind.
  • Von: „Auch jetzt“
    bis „zog er sich an“

    In diesem Abschnitt geht es darum, wie der Junge alles in Ruhe für sich regelt, was er am Morgen erledigen muss.
  • „Bevor er das Haus verließ“
    bis „noch ganz gut fahren“)

    Der Junge geht dann noch einmal in sein Zimmer zurück, holt eine alte Holzlokomotive  mit Kohlewagen und einem Güterwaggon hervor, was Erinnerungen an schöne gemeinsame Spielzeiten mit seinen Eltern hervorruft. Er stellt daraus den Zug zusammen und setzt ihn auf dem Küchentisch zusammen, wobei er feststellt, dass man ihn noch ganz gut fahren lassen kann.
  • Von „Er schnürte seine Stiefel“
    bis „ins Schloss fallen“

    Der Junge zieht sich dann an und verlässt das Haus.

Teil 2: Die Ermittung der Textaussage(n) bzw. der Intention

  • Grundsätzlich kann man von einer Formulierung ausgehen wie:
    Die Geschichte zeigt … Wichtig ist, dass man das dann „differenziert“ ausführt, also auf mehr als eine „Aussage“ kommt.
  • Zunächst einmal die äußere Verwüstung eines Familienlebens, sichtbar gemacht an der unaufgeräumten Küche mit den Resten des Streits der Eltern.
  • Dann die Veränderung in der Reaktion des Jungen: Am Abend zuvor hat er sich noch verkrochen, um den Streit nicht hören zu müssen, jetzt bringt er alles in Ordnung, übernimmt also eigentlich Aufgaben, die normalerweise von den Eltern übernommen oder in ihrem Auftrag durchgeführt werden.
  • Im Zentrum seines Handelns steht dann aber der Hervorholen der alten Holzeisenbahn, mit der viele Erinnerungen an schönere Kindertage verknüpft sind, und die er jetzt ganz deutlich sichtbar in einem fahrfähigen Zustand auf den Küchenstand stellt.
  • Das ist die im Titel angesprochene „Botschaft“ an seine Eltern, ganz ohne Worte, aber mit deutlichen Hinweisen auf das, was einmal gewesen ist und was eigentlich auch wieder so sein sollte.
  • Am Ende steht dann sein Entschluss, nicht nur die Küche aufzuräumen und seinen Eltern eine Botschaft zu senden, sondern sein Leben auch weiterhin in die eigene Hand zu nehmen. Dabei gibt es nur einen kleinen Hinweis (die „Schultasche“), dass er nicht einfach verschwindet, sondern auch weiterhin verantwortlich handeln will. Er erfüllt seine tägliche Schulpflicht, kann aber dann erwarten, dass es zu Hause zumindest zu einem Gespräch über die aktuelle Familiensituation kommt.

Teil 3: Unterstützung der Aussagen durch „künstlerische“ Mittel

  • Der schon im Titel enthaltene Schlüsselbegriff der „Botschaft“. Angesichts der Tendenz im Deutschunterricht nach irgendwelchen Detail-Mitteln zu suchen wie Metaphern, Antithesen und Steigerungen – kann man hier nicht genug betonen, dass hier ein „strategisches“ Mittel viel wichtiger ist.
    Es ist die grundsätzliche Idee, auf eine spezielle Familiensituation auf eine ganz besondere Art und Weise zu reagieren.
  • Wahrscheinlich müssen die Eltern erst mal nachdenken, wenn sie den Zug auf dem Küchentisch sehen. Damit hat der Junge einen besonderen, sehr starken Impuls gesetzt. Der ist mehr wert als ein Zettel: „Könnt ihr nicht wenigstens aufräumen, wenn ihr mit dem Streiten fertig sein?!“

    Auch der Gegensatz zwischen dem Aschenbecker, der für Unordnung steht, und dem Zug, der für familiären Zusammenhalt steht, kann als kleineres strategisches Mittel verstanden werden. Das geht weit über die üblichen Listen mit sprachlichen Mitteln hinaus.
  • Ebenfalls die Idee mit der etwas beschädigten Eisenbahn, die aber trotzdem noch fährt, wie der Junge feststellt – sie kann verstanden werden als Symbol für den Zustand der Familie und die hoffnungsvolle Haltung des Jungen.
  • Natürlich fällt auch im üblichen Bereich der sprachlichen Mittel auf, dass es viele Begriffe gibt, die zu einem gemeinsamen Wortfeld gehören: „sorgfältig“, „gesäubert“, „bedächtig“ „schnürte … fest zu“, „leise“. All das könnte man unter „verantwortlich“ oder „überlegt“ zusammenfassen. Dann würde sogar „umständlich“ dazugehören.
  • Damit hätte man auch das Mittel des Kontrastes zwischen „leise“ und „laut“, „sorgfältig“ und „nicht geleert“ (4).
  • Auch der Hinweis auf die „zersplitterten Holzstäbchen“, verbunden mit „sinnlos“ unterstützt die Beschreibung der Familiensituation.
  • Inhaltlich ganz wichtig ist natürlich die Holzeisenbahn, die nicht mehr ganz in Ordnung ist, aber noch „gut fahren“ kann, als Vergleich und vielleicht Brücke zwischen damals und heute.

Teil 5: Kurzgeschichte?

  • Es handelt sich um einen kurzen, aber bedeutungsvollen Ausschnitt aus einem Leben – mit dem Potenzial einer Wende.
  • Es wird direkt eingestiegen.
  • Es gibt einen Wendepunkt: Vom Aufräumen der Küche zum Aufräumen der Familiensituation
  • Der Schluss bleibt offen, was die Reaktion der Eltern und die weitere Entwicklung angeht.

Interpretation: Bedeutung der Kurzgeschichte ganz allgemein?

  • Die Geschichte zeigt etwas, was leider in vielen Fällen stattfindet, nämlich das Ende oder zumindest eine tiefgreifende Infragestellung der Liebe von zwei Menschen, die sich auch auf den gemeinsamen Nachwuchs auswirken sollte.
  • Neben diesem allgemeinen Phänomen geht es in der Geschichte aber auch – und das macht sie interessant, diskussionswürdig, hilfreich – um die Autonomie des betroffenen Sohnes, der nicht im Versteck seines Bettes bleibt, sondern Verantwortung für sich behält und für die Familie übernimmt.
  • Geradezu genial ist die Idee dieser besonderen „Botschaft“.
  • Hier kann jeder mal selbst überlegen, wie häufig man das Gefühl hat, jemandem wolle eine Botschaft schicken, die in keiner Weise mit Sprache verbunden ist.
    • Freunde oder Freundinnen vergessen immer wieder gemeinsame Termine. So wichtig scheint ihnen die Beziehung nicht zu sein.
    • Eine Lehrkraft, die in Pension ging, bekam zum Abschied einen Korb mit ganz vielen Varianten von Schokolade. Zu Hause erst stellte er fest, dass gefühlt die Hälfte davon jenseits des Verfallsdatums war.
    • Die Freundin des Sohnes bekommt von dessen Vater zum Geburtstag einen Knigge geschenkt. Wer sich da nicht auskennt: Das ist ein altes Handbuch, wie man sich gesittet in Gesellschaft benehmen sollte.
    • Es dürfte wohl deutlich geworden sein, wie sehr solche Botschaften ohne Sprache unseren Alltag bestimmen, auch wenn sie häufig falsch verstanden werden.

Kreative Anregung(en)

  • Diese Geschichte „schreit“ fast schon danach weitergeschrieben zu werden.
  • Dabei könnten folgende Elemente eine Rolle spielen:
    • Als erstes kommt der Vater nach unten, er ruft dann seine Frau herbei.
    • Die ist erst mal ärgerlich und dann erstaunt: Was ist das denn?
    • Der Vater hat ja schon etwas Zeit gehabt, über die Situation nachzudenken und meint nachdenklich: „Was soll der Zug auf dem Küchentisch?“
    • Die Mutter: „Vielleicht wollte er auch etwas Unordnung machen – es sah wahrscheinlich schlimm genug aus, als er runterkam.“
    • Dann könnte der Vater antworten: „Vielleicht ging es ihm gar nicht um Unordnung.“
    • An der Stelle könnte man erneut enden – und die Geschichte bleibt eine Kurzgeschichte.

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