Max Frisch, „Andorra“ – Inhalt und zentrale Textstellen mit Detail-Interpretation (Mat2417)

Worum es hier geht:

  • Max Frischs „Stück in zwölf Bildern“ zeigt am Beispiel eines jungen Mannes und eines fiktiven Kleinstaates die verhängnisvollen Mechanismen kollektiver Vorurteile.
  • Zu Recht hat das Stück deshalb auch seinen Platz im Deutschunterricht der späten Sekundarstufe I erobert.
  • Mit dieser Seite wollen wir den Einstieg in das Werk erleichtern, indem wir eine knappe Übersicht über Inhalt und Aufbau präsentieren und diese mit einer Auflistung kommentierter Schlüsselzitate verbinden.
  • Auf deren Bedeutung werden wir auch eingehen.
  • Zunächst eine Kurzübersicht, gut zum Ausdrucken.
  • Dann eine ausführliche Vorstellung der einzelnen Szenen.

Und hier noch die gute Nachricht als Video

Wer sich lieber die ersten 6 Bilder von uns erklären lassen will, der sollte sich einfach mal das folgende Video anschauen.

Und wer am Ende enttäuscht ist, weil es nicht weitergeht, der sollte sich mal unser Angebot vor Bild 7 anschauen 😉

8-23: Erstes Bild

Ebene 1: Barblin und der Soldat Peider

07ff Barblin weißelt am Vorabend des Sanktgeorgtages die Mauer ihres andorranischen Hauses und wird dabei vom Soldaten Peider beobachtet. Um seinen Nachstellungen zu entgehen, bringt sie ihren Verlobten ins Spiel. Vergeblich versucht der Soldat, Näheres über ihn zu erfahren.

  • Anmerkung: Das Weißeln, d.h. das Bestreichen der Mauer mit weißer Farbe, steht hier sinnbildlich für Reinheit bzw. Unschuld, wie sich im Verlauf der ersten Szene herausstellt. Vor allem ist es natürlich ein Gegenpol zu den „Schwarzen“, die im Verlauf des Stücks Andorra erobern.
  • Anmerkung: Beim Sanktgeorgstag handelt es sich um einen Festtag der christlichen Kirche, bei dem des heiligen Georg gedacht wird (23. April). Ursprünglich handelte es sich bei dem Heiligen „nur“ um einen Märtyrer, seit dem 12. Jahrhundert gilt er auch als Drachentöter. Offensichtlich ist der heilige Georg so etwas wie ein Nationalheiliger der Andorraner.

Ebene 2: Andri und der Tischler

08ff Parallel zum Gespräch zwischen Barblin und dem Soldaten erscheint im Vordergrund der Küchenjunge Andri, der vom Tischler ein Trinkgeld bekommt und dieses sofort in einen Musikautomaten wirft.

  • Anmerkung: Orchestrion: eine im 19. Jahrhundert erfundene Musikmaschine mit Flöten, Schlagzeugelementen u.ä., eine Vorform der späteren Musikboxen.

Ebene 3: Barblin und der Pater – Gespräch über die Andorra drohende Gefahr

  • 09ff Bei Barblin erscheint als nächstes der Pater – sie sprechen über die von den Schwarzen im Nachbarland drohende Gefahr.
  • Außerdem geht es um Barblins Vater, den Lehrer, der in der letzten Zeit zu viel trinkt.
  • An einer Stelle deutet der Pater auch bereits an, dass Andri sich bedroht fühlt: „Kein Mensch verfolgt euren Andri […] – noch hat man eurem Andri kein Haar gekrümmt.“ (10) Anmerkung: Interessant, weil wenig beruhigend, ist hier das „noch“.
  • Angesprochen werden auch Verfolgungen, die im Land der Schwarzen stattgefunden haben. Barblin spricht auch ganz konkret die Gerüchte an, die sich auf Juden beziehen: „Wenn einmal die Schwarzen kommen, dann wird jeder, der Jud ist, auf der Stelle geholt. Man bindet ihn an einen Pfahl, sagen sie, man schießt ihn ins Genick. Ist das wahr oder ist das ein Gerücht? Und wenn er eine Braut hat, die wird geschoren, sagen sie, wie ein räudiger Hund.“ (12)

Ebene 4: Verhandlung des Lehrers mit dem Tischler um eine Lehrstelle für Andri

  • 13ff In einem nächsten Schritt der Exposition verhandelt der Lehrer Can mit dem Tischler Prader wegen einer Lehrstelle für seinen Pflegesohn Andri.
  • Er soll dafür 50 Pfund bezahlen, was ihm nicht leicht fällt.

Ebene 5: Der Lehrer im Gespräch mit dem Wirt: Grundstücksverkauf und der Pfahl

  • 15ff: Der Wirt spricht den Lehrer auf seinen Konflikt mit dem Tischler an.
  • Sie sprechen über einen neu aufgestellten Pfahl, der den Lehrer beunruhigt, während der Wirt versucht, harmlose Erklärungen für ihn zu finden.
  • Nach einer kurzen Pause erscheint der Wirt wieder und bietet dem Lehrer die benötigten 50 Pfund gegen ein entsprechendes Stück Land.
  • Der Lehrer macht deutlich, dass ein Vorurteil gegenüber Juden eigentlich ein Urteil über die Andorraner ist: „Die Andorraner sind gemütliche Leut, aber wenn es ums Geld geht, dann sind sie wie der Jud.“ (17)

Ebene 6: Barblin und ihr Vater, der Lehrer, im Hintergrund die Prozession

  • 17 Barblin erscheint und kritisiert ihren Vater, weil er schon wieder trinkt.
  • 18 Im Hintergrund erscheint eine Prozession, die den Lehrer in die Kneipe vertreibt, während alle anderen niederknien.
  • Andri erscheint und macht deutlich, wie sehr er sich darüber freut, Tischler werden zu dürfen.
  • Außerdem kündigt er an, Barblin zu heiraten.

Ebene 7: Rauswurf des Soldaten, der sich mit Andri streitet

  • 19 Der Soldat wird vom Wirt an die Luft gesetzt.
  • 19ff Zwischen ihm und Andri kommt es zu Auseinandersetzungen – dabei macht der Soldat noch einmal deutlich, dass er es auf Barblin abgesehen hat.

Allgemeine Anmerkungen zum 1. Bild

  • Frischs Stück „Andorra“ präsentiert gleich im 1. Bild ein sehr gutes Beispiel für eine so genannte „Exposition“, d.h. die Entwicklung der Ausgangssituation – nicht durch einen Erzähler, sondern in Gespräch und Handlung.
  • Es ist sicher eine sehr reizvolle Aufgabe, genau diese Expositionselemente herauszuarbeiten, indem man Schritt für Schritt prüft, was der Zuschauer/Leser über die Voraussetzungen der eigentlichen Handlung erfährt.
  • Hingewiesen werden soll an dieser Stelle auch noch auf den Ringschluss des 1. Bildes: Es beginnt mit dem Bemühen des Soldaten um Barblin und es endet mit seiner Bereitschaft, sie auch mit Gewalt zu nehmen, wenn er sie anders nicht kriegen kann.

Vordergrund Nr. 1: Wirt

  • 24 In der ersten Vordergrund-Szene erscheint der Wirt und gibt zu, dass er und die anderen Andorraner sich in Andri getäuscht haben.
  • Deutlich wird, als was der Lehrer seinen eigenen Sohn ausgegeben hat: als ein Judenkind, das er vor den Schwarzen gerettet hat.
  • Von Schuld oder Verantwortung will der Wirt nichts wissen.

25-28: Zweites Bild

  • 25 Andri und Barblin auf der Schwelle ihres Zimmers: Während Barblin einfach nur mit ihrem Freund zusammen sein und Zärtlichkeiten austauschen will, denkt Andri immerzu über seine Situation nach und will wissen, ob er wirklich anders ist als die anderen. Barblin reagiert auf diese selbstquälerischen Fragen schon genervt: „Fang jetzt nicht wieder an!“ (25) oder „Andri, du denkst zuviel!“ (25)
  • 26 Ein weiteres wichtiges Thema für Andri ist sein Verhältnis zu seinem vermeintlichen Pflegevater, dem Lehrer: „Er hat mich gerettet, er fände es sehr undankbar von mir, wenn ich seine Tochter verführte. Ich lache, aber es ist nicht zum Lachen, wenn man den Menschen immerfort dankbar sein muss, dass man lebt.“ (26)
  • 27 Barblin wiederum möchte, dass Andri möglichst nur an sie denkt und stolz darauf ist, dass sie ihn liebt „vor allen andern.“ (27)
  • 27/28: Trotz aller gegenseitigen Bemühungen können die beiden sich nicht auf sich und ihre Beziehung konzentrieren – vor allem Andri muss immer wieder an sein Verhältnis zu den anderen denken: „Sie haben mir wieder das Bein gestellt.“ (27) „Das ist kein Aberglaube, o nein, das gibt’s, Menschen, die verflucht sind, und man kann machen mit ihnen, was man will, ihr Blick genügt, plötzlich bist du so, wie sie sagen. Das ist das Böse. Alle haben es in sich, keiner will es haben, und wo soll das hin? In die Luft? Es ist in der Luft, aber da bleibt’s nicht lang, es muss in einen Menschen hinein, damit sie’s eines Tages packen und töten können …“ (28)
  • 28 Der letzte Gesprächspunkt zwischen Andri und Barblin ist dann bezeichnenderweise wieder der Soldat Peider, der Andris Freundin nachstellt.

Vordergrund Nr. 2: Der Tischler

29 In der zweiten Vordergrund-Szene tritt der Tischler an die Zeugenschranke. Auch er will von Schuld nichts wissen, bekräftigt noch einmal seine Vorurteile gegenüber Andri: „Niemand hat wissen können, dass er keiner [Gemeint ist: kein Jude] ist.“ Ja, der Tischler geht sogar so weit zu behaupten, er habe es ja eigentlich gut gemeint mit Andri.

30-35: Drittes Bild

  • 30 Andri befindet sich mit dem Gesellen in der Tischlerei und spricht mit diesem über seine Aufnahme in die Fußballmannschaft; der Geselle ist aber vor allem am Verkauf seiner alten Fußballschuhe und weiterer Utensilien interessiert, verhält sich also genau so geschäftstüchtig und vorwiegend an Geld interessiert, wie man es den Juden vorwirft.
  • 30/31 Außerdem schnorrt er Zigaretten bei Andri und zündet sich eine an. Dem entsprechenden Verbot (in einer Tischlerei zu rauchen) begegnet er mit arroganten Sprüchen, die im Gegensatz zu seinem späteren feigen Verhalten stehen. Auch hier merkt man, dass dieser Geselle viele Klischees erfüllt, die Andri vergeblich bei sich sucht.
  • 31 Hauptthema ist die Lehrlingsprobe, bei der Andri einen gut gemachten und vor allem haltbaren Stuhl vorweisen muss. Es stellt sich schnell heraus, dass er sowohl die Theorie als auch die Praxis sehr gut beherrscht.
  • 31 Der Tischlermeister selbst scheint demgegenüber aber gar nicht so gut in seinem Fach zu sein, denn sein Eintritt in die Szene beginnt mit einer ziemlich dreisten Abwehr einer Kundenreklamation – viel spricht dafür, dass es sich dabei um einen Stuhl handelt, den der Geselle – entgegen den Vorschriften – nur geleimt, aber nicht verzapft hat.
  • 32/33 Wider besseres Wissen nimmt der Tischlermeister bei der Lehrlingsprobe den vom Gesellen gemachten schlechten Stuhl und reißt ihm die Beine aus – es wird überdeutlich, dass er sich seine Vorurteile nur bestätigen lassen will: „Tischler werden ist nicht einfach, wenn’s einer nicht im Blut hat.“ (32) Schon richtig peinlich wird es, wenn er dann von „andorranischer Eiche“ spricht, obwohl es sich um Buche handelt, worauf Andri ihn hinweist. Dieser scheint wirklich sehr große Kenntnisse zu haben, was Holz- und Holzverarbeitung angeht.
  • 33 Als Andri protestierend darauf hinweist, dass es sich bei dem schlechten nicht um seinen Stuhl handelte, wird der Geselle herbeigerufen, der sich allerdings herauswinden kann, indem er nur allgemeine Sprüche loslässt – der Tischlermeister scheint allerdings auch gar nicht an der Wahrheit interessiert zu sein.
  • 34 Schließlich platzt Andri der Kragen und – überhaupt nicht feige – stellt er seinen Meister zur Rede, sagt ihm deutlich, was abgelaufen ist: „Sie machen sich nichts aus Beweisen [… ] Ich kann tun, was ich will, ihr dreht es immer gegen mich [… ]“ (34)
  • 35 Der Tischlermeister zeigt ein überaus dickes Fell und sagt dazu nur: „Schnorr nicht soviel.“ (35) Er tut also die Kritik als inhaltsleere Rederei ab. Daraufhin wird Andri erstmals auch persönlich ausfallend und vergleicht seinen Meister mit einer Kröte, was offensichtlich bei den heimlich zuhörenden Gesellen gut ankommt. Der Meister geht aber auch darauf gar nicht ein (er zeigt also nicht viel Ehrgefühl), sondern verfolgt nur weiter sein geschäftliches Interesse – und nach dem soll Andri lieber Aufträge hereinholen – und dafür soll er auch gut bezahlt werden: „Das ist’s, was deinesgleichen im Blut hat, glaub mir, und jedermann soll tun, was er im Blut hat. Du kannst Geld verdienen, Andri, Geld, viel Geld…“ (25) Hier ist die Satire überdeutlich, denn was der Meister Andri zuschreibt, gilt für ihn selbst.
  • 35 Am Ende wird das Problem dieser Szene noch einmal auf den Punkt gebracht – Andri macht ganz klar, was ihm „im Blute liegt“, wenn man dieses Bild überhaupt verwenden will: „Ich wollte aber Tischler werden…“

Vordergrund Nr. 3: Der Geselle

36 Jetzt kommt der Geselle an der Zeugenschranke zu Wort: Er zeigt eine gewisse Einsicht, was die Verwechslung der Stühle angeht, schiebt aber letztlich Andri die Schuld in die Schuhe, dass es nicht zu einer Klarstellung gekommen ist. Schuld am tragischen Ausgang des Schicksals Andris weist er wie die anderen weit von sich.

37-48: Viertes Bild

  • 37 Andri wird im Haus des Lehrers vom neuen Amtsarzt untersucht – offensichtlich auf Betreiben der Mutter, obwohl ihm eigentlich nichts fehlt. Der Doktor weiß noch nichts von Andris Schicksal und ist sehr von ihm angetan: „Du bist ein strammer Bursch, das seh ich…“ (37).
  • 37/38: Der Doktor erzählt Andri vom Vorleben des Lehrers, der früher sehr massiv für die Wahrheit eingetreten ist – im Übrigen als „Teufelskerl“ galt, der bei Frauen gut ankam.
  • 38/39: Der Doktor schwärmt von Andorra, in das er nach 20 Jahren zurückgekehrt ist.
  • 39/40: Bei ihm werden aber auch Nationalismus und sogar Rassismus deutlich, wenn er über die Juden schimpft, die sich mit ihrem Ehrgeiz angeblich überall einnisten und seinesgleichen die Berufschancen wegnehmen. Nach dieser Tirade geht Andri einfach, ohne die angebotenen Pillen zu nehmen.
  • 41ff Die Mutter kritisiert daraufhin den Doktor, noch ärgerlicher ist der Lehrer, der gerade nach Hause kommt und den Arzt ziemlich unsanft vor die Tür setzt.
  • 42ff Andri kehrt mit Barblin zurück und bekommt gleich eine Rede des Lehrers über seine Rolle als Pflegevater zu hören. Er verlangt von Andri, dass er sich mit dem Wort Jude nicht mehr beschäftigt. Als Andri erklärt, dass er Barblin heiraten wolle, ist der Lehrer entsetzt, verbietet es, allerdings ohne dafür eine überzeugende Erklärung zu geben. Er betont nur immer wieder: „…das geht nicht.“ (46) Daraufhin verlässt Barblin weinend das Haus.
  • 46ff Die Mutter, die die Wahrheit, nämlich, dass Andri ja der wirkliche Sohn des Lehrers und damit ein Halbbruder Barblins ist, nicht kennt, setzt sich für die jungen Leute ein, allerdings vergeblich. Andri vermutet daraufhin, dass er als Jude Barblin nicht bekommen soll. Der Lehrer verlässt schließlich wieder entnervt das Haus: „Jetzt trinkt er wieder bis Mitternacht…“ (48) bemerkt die Mutter. Am Ende steht ihre Interpretation der Situation: „Jetzt sind wir auseinander.“

49/50: Fünftes Bild

  • 49 Der Lehrer sitzt vor der Kneipe und denkt über Andri nach – ihm ist klar, dass er seine Lüge (Andri sei ein von ihm gerettetes fremdes Judenkind) nicht mehr los wird, auch wenn er sich vornimmt: „Einmal wird ich die Wahrheit sagen…“ (49).
  • 49/50 Der Jemand kommt hinzu und spricht von der zunehmenden Bedrohung durch die Schwarzen – der Lehrer entzieht sich dem, indem er in die Kneipe hinein verschwindet.

51-57: Sechstes Bild

  • 51 Andri schläft vor dem Zimmer Barblins; über ihn hinweg steigt der Soldat in ihr Zimmer.
  • 51/2 Während es dort zu einer Vergewaltigung kommt, spricht Andri durch die Tür ins Zimmer. Er hat sich zu einem Plan und zum Hass entschlossen und fühlt sich scheinbar sehr wohl dabei: „Je gemeiner sie sind wider mich, um so wohler fühle ich mich in meinem Hass. Und um so sichrer. Hass macht Pläne. Ich freue mich jetzt von Tag zu Tag, weil ich einen Plan habe, und niemand weiß davon […] Ich liebe einen einzigen Menschen, und das ist genug.“ (52)
  • 52/3 Andri spart und will mit Barblin in eine bessere Welt fliehen.
  • 53ff Es erscheint der Lehrer, der mit Andri über seine wirkliche Herkunft sprechen will. Da er aber wieder ziemlich betrunken ist, kommt er mit seinem Geständnis nicht an. Darüber hinaus wird deutlich, wie enttäuscht Andri von seinem „Pflegevater“ ist: „Ich habe dich verehrt. Nicht weil du mein Leben gerettet hast, sondern weil ich glaubte, du bist nicht wie alle, du denkst nicht ihre Gedanken, du hast Mut. Ich hab mich verlassen auf dich. Und dann hat es sich gezeigt, und jetzt schau ich dich an.“ (55)
  • 56/7: Nachdem der Lehrer gegangen ist, muss Andri feststellen, dass der Soldat in Barblins Kammer war – zur realen Demütigung durch Peider kommt noch die verbale: „Verschwinde, du, oder ich mach dich zur Sau.“

Vordergrund Nr. 4: Der Soldat

  • 58 Der Soldat tritt jetzt in Zivil auf, auch er verweist auf seine Unwissenheit, deutet aber im Gegensatz zu den anderen an, dass er auch jetzt noch nicht daran glaubt, dass Andri kein Jude ist. Im Übrigen beruft er sich auf seine Befehle: „Order ist Order.“ (58)

Und nun wie versprochen: Das Video mit Bild 7-12

7. Bild 7

  • 59ff: Andri ist beim Pater. Das Gespräch findet auf Bitte der Mutter statt. Es geht um die Frage, inwieweit Andri etwas Besonderes ist.
  • 60: Das verschiebt sich dann hin zur Frage des Jude-Seins bzw. des Sich-als-Jude-Fühlens.
  • 61ff Andri dagegen will gerade nicht anders sein und zum Beispiel seinen Konflikt lieber mit dem Soldaten in einer Prügelei austragen.
  • 62ff Im Laufe des Gesprächs wird der Pater ungehalten: „Ich habe dir gesagt, Andri, als Christ, dass ich dich liebe – aber eine Unart, das muss ich leider schon sagen, habt ihr alle: Was immer euch widerfährt in diesem Leben, alles und jedes bezieht ihr nur darauf, dass ihr Jud seid. Ihr macht es einem wirklich nicht leid mit eurer Überempfindlichkeit.“ (62/63).
  • 63 Nach dieser Attacke bricht Andri zusammen und denkt dabei erkennbar vor allem an Barblin. Am meisten tut ihm weh, dass er von niemandem, eben auch nicht von seiner Freundin, geliebt wird – und damit meint er sicher vor allem: angenommen.
  • 63/64 Der Pater fordert daraufhin von ihm, dass er sich vor allem erst einmal selbst lieben, also annehmen müsse. In diesem Zusammenhang hebt er Andris vermeintliche besondere Gaben noch einmal hervor: „Warum willst du sein wie die andern? Du bist gescheiter als sie, glaub mir, du bist wacher. […] Du denkst. Warum soll’s nicht auch Geschöpfe geben, die mehr Verstand haben als Gefühl? Ich sage: Gerade dafür bewundere ich euch.“
  • 64 Der Pater verlangt von Andri, Mut gerade dadurch zu beweisen, dass er sein Anderssein annimmt.

Vordergrund Nr. 5: Der Pater

65 Im Gegensatz zu allen anderen erkennt der Pater seine Schuld und führt sie auf einen Verstoß gegen ein biblisches Verbot zurück: „Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott, deinem Herrn, und nicht von den Menschen, die seine Geschöpfe sind.“ (65)

8. Bild

  • 66ff Der Doktor, der Wirt, der Tischler, der Soldat, der Geselle sowie der Jemand diskutieren über die Senora und die Gefahr vom Nachbarland. Während der Soldat auf militärische Stärke setzt, betont der Doktor die „Unschuld“ des Landes als Waffe: „Das Einzige, was Andorra widerfahren könnte, wäre ein Unrecht […] Und das werden sie nicht wagen.“ (70)
  • 70 Während der Rede des Doktors hetzt der Soldat weiter gegen Andri, was der These von Andorra als „Hort der Menschenrechte“ einen satirischen Unterton gibt.
  • 71ff Die Senora tritt auf, verhält sich gesittet und bildet einen Kontrast zu den Andorranern, die Anstand nur vortäuschen. Ein Zornesausbruch des Soldaten gegen ihr Gepäck wird nur aus Angst vor politischer Intervention kritisiert.
  • 73ff Der Konflikt zwischen Andri und dem Soldaten eskaliert in einer Prügelei. Nachdem alle über Andri hergefallen sind, beendet die Senora den Kampf, versorgt ihn und lässt sich zu seinem Vater führen.
  • 76 Der Doktor kommentiert die Sache als „peinlich“ und schiebt Andri die Schuld an seinem schlechten Gewissen zu. Seine Lösung: „Waschen Sie das bisschen Blut weg. Und schwatzen Sie nicht immer soviel […]“

Vordergrund Nr. 6: Der Lehrer und die Senora

77 Diese Szene ist Teil des Geschehens: Die Senora stellt den Lehrer wegen seiner Lüge zur Rede. Der Leser erfährt, dass sie schon früher Aufklärung wollte. Der Lehrer reagiert genervt und schweigsam.

77/78 Beide waren feige: Er aus Angst vor seinen Leuten, sie, weil sie sich nicht zum gemeinsamen Kind bekennen wollte. Die Senora vermutet als Motiv des Lehrers den Wunsch, die Andorraner als „bessere Menschen“ darzustellen. Am Ende verspricht er die Wahrheit zu sagen, zögert aber erneut.

9. Bild

  • 79ff Die Senora bereitet ihre Abreise vor. Sie erzählt Andri ihre Lebensgeschichte von einer „anderen Welt“, die an Angst und Lügen scheiterte. Andri versteht ihre Andeutungen noch nicht.
  • 81/82 Die Mutter erkennt nun die Wahrheit: „Du hast uns alle verraten, aber den Andri vor allem. Fluch nicht auf die Andorraner, du selbst bist einer.“
  • 83ff Gespräch Pater/Andri: Andri glaubt den Pater nicht mehr, der ihm nun endlich die Wahrheit sagen will („du bist kein Jud“). Andri beruft sich auf sein Gefühl: „Hochwürden, das fühlt man.“ Er hat sein Anderssein bereits vollkommen angenommen.
  • 86/87 In langen Monologen beschreibt Andri seine Gefühlslage und Schwermut: „Ich möchte tot sein. Aber mir graut vor dem Sterben…“
  • 88 Am Ende berichtet der Lehrer, dass die Senora durch einen Steinwurf getötet wurde und man die Tat Andri anlastet.

Vordergrund Nr. 7: Der Jemand

89 Er äußert sich unbestimmt und feige: „Einmal muss man auch vergessen können, finde ich.“

10. Bild

  • 90ff Andri sitzt auf dem Platz und hält Selbstgespräche über seine Unschuld. Die Schwarzen marschieren ein und versprechen per Lautsprecher Sicherheit.
  • 92/95 Der Lehrer versucht verzweifelt, Andri zur Annahme seiner richtigen Identität zu bewegen, doch Andri lehnt ab: „Ich weiß, wer meine Vorfahren sind. Tausende und Hunderttausende sind gestorben am Pfahl, ihr Schicksal ist mein Schicksal.“
  • 95/97 Die Andorraner geben ihre Waffen ab; auch dem Lehrer wird sein Gewehr entrissen.

Vordergrund Nr. 8: Zwei Soldaten in Uniform

97 Die Soldaten patrouillieren; das Orchestrion spielt als Sinnbild für das nahende Schicksal Andris.

11. Bild

  • 98ff Andri quält Barblin mit Fragen über den Soldaten. In seiner Verzweiflung will er, dass sie sich ihm hingibt („Ich küss dich, Soldatenbraut!“). Sie reagiert nur mit „Bruder“.
  • 102/3 Die Schwarzen verhaften Andri. Barblins Ruf „Rührt meinen Bruder nicht an“ wird mit dem Hinweis auf die kommende „Judenschau“ abgetan.

Vordergrund Nr. 9: Der Doktor

104/5 Der Doktor wäscht seine Hände in Unschuld: Man sei lediglich „einer gewissen Aktualität erlegen“. Er bedauert den Lauf der Dinge lediglich als „tragische Geschichte“.

12. Bild

  • 106ff Die Andorraner versammeln sich auf dem Platz. Barblins Aufruf zum Widerstand wird aus Angst abgelehnt. Der Wirt beschuldigt Andri weiterhin des Mordes an der Senora.
  • 111ff Durchführung der „Judenschau“: Alle müssen Tücher über den Kopf ziehen. Der Lehrer beschimpft die Andorraner als Mörder, denen Wohlstand wichtiger ist als Wahrheit.
  • 116ff Barblin versucht erneut Widerstand zu leisten und wird weggeführt. Auch der „Jemand“ gerät kurz in Verdacht, weil er vor Angst wie ein Jude aussieht.
  • 121ff Andri wird „entdeckt“, nachdem man Geld und den Ring bei ihm findet. Er wird zur Hinrichtung abgeführt.
  • 124ff Schlussszene: Barblin weißelt das Pflaster, sie ist geschoren. Der Lehrer hat sich erhängt. Barblin bleibt auf dem Platz und bewacht Andris Schuhe, während die Bürger in der Kneipe verschwinden.

Weitere Infos, Tipps und Materialien

  • „Andorra“ (Drama von Max Frisch)
    Themenseite
  • Infos, Tipps und Materialien zu weiteren Themen
    Übersicht