Betrogen mit sich selbst: drei Fragen vorab

Eine Liebe, die nur auf dem Bildschirm stattfindet – und ein Ende, mit dem niemand rechnet. Bevor es losgeht, drei Fragen zum Mitdenken:
1. Betrogen mit sich selbst – geht das überhaupt?
John lässt seine Geliebte von seinem eigenen Zweitprofil verführen – und fühlt sich danach „mit sich selbst betrogen“. Wer hat hier eigentlich wen betrogen?
2. Catfishing – schon 1995?
Fake-Profile, geschönte Fotos, Filter: Heute weiß fast jeder, dass im Netz nicht jeder ist, wer er zu sein scheint. Was hätte John ahnen können – und warum wollte er es offenbar gar nicht wissen?
3. Warnung – oder schwarzer Humor?
Ein Mord per Mausklick und eine Schlusspointe, bei der man fast lachen muss. Will der Verfasser vermutlich vor dem Internet warnen? Oder macht er sich eher über etwas lustig – und wenn ja, worüber?
Die Antworten findest du weiter unten: Auflösung der Einstiegsfragen

Wie man sieht: Zeichnen ist nicht unsere Stärke. Aber Überblick können wir! Jeder blaue Eintrag im Inhaltsverzeichnis ist ein Link – einfach antippen, und du springst direkt an die passende Stelle. Zurück geht’s mit dem Zurück-Pfeil deines Browsers.
Inhaltsverzeichnis
- Worum es geht – und wo man die Geschichte findet
- Die Überschrift: Ein Seitensprung, der keiner ist
- Die Geschichte Schritt für Schritt
- Was die Geschichte zeigt – die Aussagen
- Die Frage hinter der Geschichte
- Wie die Geschichte gemacht ist
- Unser Urteil: Wie gut ist die Geschichte?
- Und heute? Von AOL zu KI-Freundin und Deepfake
- Ideen zum Weiterarbeiten
- Auflösung der Einstiegsfragen
- Weitere Infos, Tipps und Materialien
Worum es geht – und wo man die Geschichte findet
- Hier wird an einem extremen Beispiel deutlich gemacht, wie problematisch rein virtuelle Liebesbeziehungen über das Internet sein können.
- Die Kurzgeschichte von Paulo Moura erschien am 23. Februar 1995 in der Süddeutschen Zeitung – also ganz am Anfang des Internetzeitalters, als Modem, AOL und „Datenautobahn“ noch neue Wörter waren.
- Erstaunlich ist, wie viel davon heute vertraut wirkt: Fake-Profile, Leben vor dem Bildschirm, Liebe zu jemandem, den man nie gesehen hat.
- Fundstelle: EinFach Deutsch – Die Kurzgeschichte auf dem Weg ins 21. Jahrhundert (2007), S. 121
https://www.amazon.de/dp/314022396X
Unterrichtsmodell aus dem Schöningh-Verlag mit einer Sammlung neuerer Kurzgeschichten, darunter dieser Text.
Die Überschrift: Ein Seitensprung, der keiner ist
- „Seitensprung“ kennt jeder: Jemand geht fremd. Das Wort „virtuell“ davor macht stutzig – kann man im Netz überhaupt fremdgehen?
- Die Geschichte gibt darauf eine verblüffende Antwort: Der einzige Seitensprung, der darin vorkommt, ist einer, den der betrogene Liebhaber selbst eingefädelt hat.
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Die Überschrift verspricht also eine Eifersuchtsgeschichte – und liefert eine Geschichte über Selbsttäuschung.
Die Geschichte Schritt für Schritt
Wir gehen die Geschichte Abschnitt für Abschnitt durch. Zu jedem Schritt: Was passiert – und was merkt man als Leser jetzt mehr als vorher?
Schritt 1: Ein Toter vor dem Computer – aber wer?
Abschnitt 1: „Als die Polizei […] Tot.“
- Die Geschichte beginnt wie eine Polizeimeldung: Die Polizei kommt zu spät, ein Körper im „Cyberspace-Anzug“ liegt über der Tastatur. Das letzte Wort steht allein: „Tot.“
- Der Ort ist Los Angeles, Hollywood-Boulevard. Gleich danach lernen wir aber John Malone in New York kennen.
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Viele Leser nehmen deshalb zunächst an, der Tote sei John. Erst am Ende wird klar: Hier liegt sein Opfer. Der Anfang ist eigentlich schon das Ende der Geschichte.
Schritt 2: Ein Leben komplett im Netz
Abschnitt 2: „John Malone lebte seit zehn Jahren in New York […] nicht mehr nötig, die Bars und Cafes im Cyberspace aufzusuchen.“
- John hat seine Wohnung seit fünf Jahren nicht mehr verlassen. Essen, Arbeit, Freunde – alles läuft über den Bildschirm.
- Sein Bildschirmname „R. U. Sirius“ ist ein kleiner Witz: Ausgesprochen klingt er wie das englische „Are you serious?“ – „Meinst du das ernst?“
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Diese Frage kann man sich bei der ganzen Geschichte stellen. - Auffällig ist der nüchterne, fast stolze Ton: Der Computer hat ihm einen Freundeskreis „über den ganzen Kontinent“ verschafft. Dass er dabei keinen Menschen mehr leibhaftig trifft, wird nicht als Problem erwähnt.
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Gerade das, was der Text nicht ausspricht, fällt dem Leser auf.
Schritt 3: Candi – Liebe zu einem Bild
Abschnitt 3 bis 5: „Vor ungefähr einem Jahr hatte John Malone Candi kennengelernt […] über ihre in den Computer integrierten Stereoanlagen hörten.“
- John lernt „Candi“ kennen: 20 Jahre alt, grüne Augen, blondes Haar – das Klischee einer kalifornischen Traumfrau.
- Ein wichtiger Satz: „im Cyberspace sind Städte keine Städte: Sie sind Ideen.“
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Das gilt nicht nur für Städte, sondern auch für Menschen. Candi ist ebenfalls nur eine Idee. - An die Zeit vor dem Netz erinnert sich John „nur noch wie an einen Traum“. Die echte Welt ist für ihn unwirklich geworden – das Bild auf dem Bildschirm dagegen wirklich.
- Dann ein Satz, der plötzlich im Präsens steht: „Candi ist nichts weiter als ein wunderschönes Bild auf dem Computerbildschirm, erschaffen von Candi selbst.“
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Hier meldet sich der Erzähler mit einer Feststellung, die über die Geschichte hinaus gilt. Für den aufmerksamen Leser ist das eine erste Warnung. - John macht es übrigens genauso: Auch er erschafft „ein Bild seines Körpers“. Beide begegnen sich also nur als selbst gebaute Bilder.
Schritt 4: Nähe auf Distanz
Abschnitt 6: „Doch sie redeten nicht nur. […] spürte der andere eine Liebkosung.“
- Die Beziehung bekommt eine körperliche Seite – allerdings vermittelt über Anzüge mit elektrischen Reizen, die per Mausklick ausgelöst werden.
- Nähe wird damit zu einer technischen Funktion: Ein Klick „auf der anderen Seite des Kontinents“ ersetzt die Berührung.
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Wichtig für später: Wer klickt, hat die Macht über den Körper des anderen. - Solche Anzüge gab es 1995 nicht. Die Geschichte erzählt sie aber so selbstverständlich, als wären sie Alltag – das gehört zu ihrem Trick.
Schritt 5: Misstrauen und die selbst gestellte Falle
Abschnitt 7: „John verliebte sich immer heftiger in Candi […] der aber Candis Vorlieben eher entsprach.“
- Mit der Leidenschaft wächst das Misstrauen. Ausgerechnet im Netz, wo jeder jeder sein kann, hält John „den Wert der Treue“ für „wichtiger denn je“.
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Das ist schon ein Widerspruch in sich: Treue soll gerade dort gelten, wo man nicht einmal weiß, wer der andere ist. - John legt sich ein Zweitprofil zu: „D. Juan 007“ – eine Mischung aus Don Juan, dem berühmten Verführer, und James Bond, dem Agenten. Er will Candis Treue testen.
- Verräterisch ist die Bemerkung, der neue Körper sei nicht schöner als der von R. U. Sirius – „denn das war seiner Ansicht nach unmöglich“.
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John ist vor allem in sein eigenes Bild verliebt.
Schritt 6: „mit sich selbst betrogen“ – vom Liebhaber zum Rächer
Abschnitt 8 und 9: „Eines Nachts schließlich schlief Candi virtuell mit D. Juan 007. […] über den virtuellen Liebesakt zu Rate.“
- Die Falle schnappt zu: Candi lässt sich auf D. Juan 007 ein. John fühlt sich „mit sich selbst betrogen“.
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Das ist der Kern der Geschichte: Betrogen wurde er von einer Figur, die er selbst erfunden hat. - Die Gefühle kippen in drei kurzen Schritten: Er „begann, Candi zu hassen, und beschloss, sie zu töten.“ Kein Zögern, kein Nachdenken – so knapp, wie man einen Befehl eintippt.
- Auch die Vorbereitung des Mordes läuft über den Computer: Er liest „die gesamte verfügbare Literatur“ zum Thema. Das Netz liefert ihm nicht nur Liebe, sondern auch das Werkzeug zur Gewalt.
Schritt 7: Klick, klick, klick – Mord per Mausklick
Abschnitt 10: „Bei der nächsten Begegnung bat er Candi […] hingerichtet durch Elektroschocks.“
- Candi zieht den Anzug an, John nicht: Sein Anzug hängt „die ganze Zeit an seinem Haken“. Die Nähe ist nur noch einseitig – er ist bloß noch der, der klickt.
- Die Wiederholung „Klick, klick, klick, kliiick …“ macht hörbar, wie kalt und mechanisch das Töten abläuft. Ein Mord, der sich anhört wie Computerarbeit.
- Das Wort „hingerichtet“ zeigt, wie John es selbst sieht: nicht als Mord, sondern als Strafe für Untreue – für eine Untreue, die er selbst herbeigeführt hat.
Schritt 8: Die Pointe – wer Candi wirklich war
Abschnitt 11: „Die Polizei in Los Angeles brachte den verbrannten Körper ins Leichenschauhaus. […] den Bildschirmnamen Candi 2000 benutzt.“
- Jetzt schließt sich der Kreis zum Anfang: Der Tote in Los Angeles ist „Candi 2000“. Unter dem Anzug findet man den Körper eines etwa 80-jährigen Mannes.
- Damit ist der „Held“ der Kurzgeschichte auf eine ganz andere Weise der Betrogene: Die Traumfrau, deren Treue er so wichtig nahm, hat es nie gegeben.
- Leicht überliest man den letzten, traurigen Satz: „Da niemand aus der realen Welt kam, um ihn zu identifizieren“, sucht die Polizei im Netz nach Angehörigen.
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Auch der alte Mann hatte offenbar niemanden mehr. Die Pointe ist nicht nur ein Schock, sondern zeigt Einsamkeit auf beiden Seiten des Bildschirms.
Was die Geschichte zeigt – die Aussagen
- Wer nur noch im Netz lebt, verliert den Maßstab für die Wirklichkeit.
John hält das Bild für echt und die echte Welt für einen Traum.
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Gestützt wird das durch die Verengung des Raums auf Wohnung und Bildschirm, durch den Satz „Städte […] sind Ideen“ und durch Johns Erinnerung „wie an einen Traum“. - Im Netz liebt man oft ein Bild – und dieses Bild ist zum Teil das eigene Wunschbild.
Beide Figuren bauen sich ihren Körper selbst. Was John an Candi liebt, ist vor allem das Klischee, das er sich wünscht.
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Gestützt wird das durch den Erzählersatz im Präsens („Candi ist nichts weiter als ein wunderschönes Bild […], erschaffen von Candi selbst“) und Johns Überzeugung, sein eigener Körper sei nicht zu übertreffen. - Kontrolle und Misstrauen zerstören, was sie schützen wollen.
John will Treue sichern – und erzeugt mit seinem Test genau den Verrat, den er fürchtet.
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Gestützt wird das durch das Paradox „mit sich selbst betrogen“ und den Agenten-Namen „D. Juan 007“. - Technik macht Gewalt leicht und kalt.
Wer den anderen nur als Bild erlebt, kann ihn auch wie ein Bild behandeln – und „wegklicken“.
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Gestützt wird das durch die Lautmalerei „Klick, klick, klick, kliiick …“, den leeren Anzug am Haken und den knappen Mordentschluss. - Hinter den Masken steckt Einsamkeit – auf beiden Seiten.
Der vereinsamte John und der alte Mann, nach dem niemand fragt, suchen beide im Netz, was ihnen im Leben fehlt.
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Gestützt wird das durch die Schlusspointe und den Hinweis, dass „niemand aus der realen Welt“ kam.
Die Frage hinter der Geschichte
- Man kann die Aussagen einer Geschichte wie Antworten lesen – und dann zurückfragen: Auf welche Frage antwortet sie eigentlich?
- Ein Vorschlag:
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Kann man jemanden lieben, den man nur als Bild kennt?
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Die Geschichte antwortet: Man liebt dann vor allem sein eigenes Wunschbild – und das kann gefährlich werden. - Eine zweite, größere Frage, die 1995 noch neu war:
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Was passiert mit Menschen, die glauben, die reale Welt nicht mehr zu brauchen?
Wie die Geschichte gemacht ist
- Erzähler
Ein Er-Erzähler berichtet sachlich und mit Abstand, folgt aber meist Johns Sicht. Nur an wenigen Stellen meldet er sich selbst zu Wort („im Cyberspace sind Städte keine Städte“, „Candi ist nichts weiter als …“). - Aufbau
Die Geschichte beginnt mit dem Ende (Polizei, Leiche), erzählt dann in einer Rückblende, wie es dazu kam, und kehrt am Schluss zur Polizei zurück. In diesem Rahmen stecken zwei Pointen: Der Tote ist nicht John – und Candi war ein alter Mann. - Figuren und Namen
Alle Figuren haben mehrere Identitäten: John Malone / R. U. Sirius / D. Juan 007 – Candi 2000 / alter Mann ohne Namen.
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Bezeichnend: Der wirkliche Mensch hinter Candi bekommt nie einen Namen. Bekannt ist nur seine Netzidentität. - Räume
Die realen Orte New York und Los Angeles verblassen. Wichtig sind nur noch Wohnung, Bildschirm und Datenleitung. Die weite Welt des Netzes und die enge Dachwohnung stehen gegeneinander. - Sprache
Technische Begriffe (Modem, AOL, Macintosh Quadra, Cursor, Bildschirmname) und ein nüchterner Berichtston schaffen Distanz. Umso stärker wirkt die Lautmalerei „Klick, klick, klick“. - Das strategische Mittel: eine Zeitungsgeschichte im Nachrichtenton
Die Geschichte erschien in einer Tageszeitung und klingt über weite Strecken wie eine Meldung: Polizei, Namen, Adressen, Zahlen. So wirkt das Unglaubliche fast glaubwürdig.
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Zugleich nimmt sie die Begeisterung der 1990er Jahre für „Cyberspace“ aufs Korn: Was als Zukunft gefeiert wurde, endet hier in Einsamkeit, Wahn und einer grotesken Pointe. Für Zeitungsleser war das gleichzeitig Unterhaltung und Denkanstoß.
Unser Urteil: Wie gut ist die Geschichte?
- Sachurteil
Die Geschichte ist klug gebaut: Der Rahmen, die falsche Fährte am Anfang und die doppelte Pointe greifen genau ineinander. Die Technik ist veraltet, die Grundprobleme sind es nicht. - Werturteil
Erstaunlich früh zeigt sie Gefahren, die heute jeder kennt: Fake-Identitäten, Vereinsamung, Kontrollwahn in Beziehungen.
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Ein Einwand: Die Pointe lebt stark vom Schock „alter Mann statt junger Frau“. Man kann fragen, ob da nicht auf Kosten eines einsamen Menschen gelacht wird – oder ob die Geschichte gerade dessen Einsamkeit sichtbar machen will. - Geschmacksurteil
Schwarzer Humor ist nicht jedermanns Sache, und manche finden die Handlung zu überzogen. Andere schätzen genau diese Zuspitzung, weil sie das Problem deutlich macht.
Und heute? Von AOL zu KI-Freundin und Deepfake
- Die Kurzgeschichte ist grundsätzlich immer noch aktuell, auch wenn die Entwicklung im digitalen Bereich inzwischen viel weiter ist.
- Vieles, was 1995 übertrieben klang, ist heute normal: Essen per App bestellen, im Homeoffice arbeiten, Freundschaften über Bildschirme pflegen.
- Dazu kommen neue Formen der Täuschung: Catfishing mit fremden Fotos, Filter, Deepfakes – und KI-Chatbots, die eine Freundin oder einen Freund spielen, der immer Zeit hat und nie widerspricht.
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Johns Liebe zu einem selbst gewünschten Bild ist damit näher an unserer Gegenwart als je zuvor. - Die Geschichte ist ein guter Ausgangspunkt, um über Möglichkeiten und Gefahren der Entfernung des modernen Menschen von der realen Umwelt zu sprechen – und über die grundsätzliche Problematik virtueller Liebesbeziehungen.
- Abschlussfrage für die Lerngruppe:
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Woran erkennt man, ob man einen Menschen kennt – oder nur sein Profil?
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Und was macht eine Beziehung „echt“, wenn sie zu großen Teilen online stattfindet?
Ideen zum Weiterarbeiten
- Perspektivwechsel
Einen Tagebucheintrag des alten Mannes hinter „Candi 2000“ schreiben: Warum hat er sich diese Identität gebaut, und wie einsam war er? - Polizeibericht
Den abschließenden Bericht der Polizei von Los Angeles verfassen – sachlich, im Stil des Anfangs der Geschichte. - Moderne Fassung
Die Schlüsselszene in die Gegenwart übertragen: mit Dating-App, VR-Brille oder KI-Chatbot statt AOL und Cyberspace-Anzug. - Diskussion
Kann im Zustand völliger Anonymität echte Liebe und Treue entstehen – oder liebt man im Netz immer nur sein eigenes Bild vom anderen?
Auflösung der Einstiegsfragen
- Betrogen mit sich selbst – geht das überhaupt?
Ja, und genau darin liegt der Witz der Geschichte: D. Juan 007 ist John selbst. Candi geht also mit niemand anderem „fremd“ als mit ihm (Schritt 5 und 6).
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Betrogen hat John vor allem sich selbst: Er hat eine Falle gebaut, ist hineingetappt und bestraft dann die andere dafür.
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Und am Ende ist er noch einmal der Getäuschte, denn die Frau, um deren Treue es ging, gab es gar nicht (Schritt 8).
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Kleiner Tipp: Wer die Treue eines anderen „testet“, sollte sich fragen, was er eigentlich herausfinden will – und was er tut, wenn der Test „positiv“ ausfällt. - Catfishing – schon 1995?
Im Grunde ja: Candi 2000 ist ein klassisches Fake-Profil. Und auch John zeigt nur ein geschöntes Bild von sich (Schritt 3).
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Ahnen konnte er es: Der Erzähler sagt ausdrücklich, Candi sei „nichts weiter als ein wunderschönes Bild […], erschaffen von Candi selbst“. Außerdem kannte sie Los Angeles „kaum“ – für eine angebliche Kalifornierin ein deutlicher Hinweis.
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Warum er es nicht wissen wollte: Das Bild war für ihn wichtiger als jeder echte Mensch. Wer seit fünf Jahren nicht mehr vor die Tür geht, will die Wirklichkeit lieber nicht prüfen.
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Praktischer Tipp aus dem Text heraus: Ein schönes Profil ist kein Beweis. Wer jemanden im Netz kennenlernt, sollte irgendwann prüfen, ob es den Menschen auch außerhalb des Bildschirms gibt – am besten bei einem Treffen an einem öffentlichen Ort. - Warnung – oder schwarzer Humor?
Sicher erkennbar ist nur die Aussage: Ein Leben nur im Netz führt zu Selbsttäuschung, Wahn und Einsamkeit.
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Über die Absicht des Verfassers können wir nur Vermutungen anstellen. Vieles spricht für Satire: der übertriebene Plot, Namen wie „R. U. Sirius“ („Are you serious?“) und „D. Juan 007“, die groteske Pointe (Schritt 2, 5 und 8).
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Lustig gemacht wird sich dabei weniger über das Internet selbst als über die Begeisterung der 1990er Jahre für den „Cyberspace“ – und über Menschen, die ihr Wunschbild für die Wirklichkeit halten.
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Beides schließt sich nicht aus: Gerade weil man über die Geschichte lachen kann, bleibt die Warnung im Kopf. Hier sieht man schön, dass die Aussage eines Textes und die vermutete Absicht dahinter zwei verschiedene Dinge sind.
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