Profi Freistein und die Frage: Was sind eigentlich Mythen?

Worum es hier geht:

Es gibt immer wieder Schülis, denen die Erklärungen nicht reichen, die in den Büchern stehen.

Dafür haben wir einen fiktiven Professor Freistein erfunden, den wir allerdings auf „Profi“ abkürzen, um nicht in den Verdacht des Amtsmissbrauchs zu kommen.

Aber der Begriff ist auch nicht schlecht, denn dieser Herr Freistein ist ein Meister im Erklären – vor allem im Hinblick darauf, was uns das jeweils angeht. Denn das kommt manchmal im normalen Unterricht zu kurz – die Verbindung zwischen dem, was im Lehrplan steht, und dem, was es wirklich für das eigene Leben bedeuten kann.

Profi Freistein erklärt: Was ist eigentlich ein Mythos?

  1. Also Leute, wenn ihr das Wort Mythos hört, denkt ihr vielleicht an Götter aus alten Zeiten, die sogar Blitze schleudern konnten.
  2. Und da sind wir eigentlich schon beim entscheiden Punkt, der die Sache erklärt: Die alten Griechen wussten nicht, was Blitze sind und wie sie entstehen. Aber sie wollten eine Erklärung – und so dachten sie sich einfach einen Gott aus, der die Dinger auf ihre Reise schickt.
  3. Auf diese Weise entstand eine ganze Mythologie, eine Sagenwelt mit vielen Göttern, aber auch Helden, in die viele kleine Geschichten mit Bedeutung eingebaut wurden.
  4. Wichtig ist der Bezug zu einer höheren Welt, deren Regeln man sich unterwerfen muss, wenn man in der entsprechenden Gemeinschaft bleiben will. Ein Kritiker wie Sokrates wurde deshalb auch mit abweichender Meinung als Verführer der Jugend angesehen und musste sterben.
  5. Bekannt ist heute noch der Ödipus-Mythos, also die Geschichte eines Königssohnes, den sein Vater in der Wildnis aussetzen ließ. Ihm war nämlich prophezeit worden, dass sein Sohn ihn mal umbringen würde. Keine schöne Aussicht – aber es kam dann nicht so schlimm. Der junge Ödipus wurde fremd aufgezogen, ging später auf Reisen, hörte von einem Ungeheuer, das man besiegen musste. Auf dem Weg traf er einen älteren Mann, mit dem er in Streit geriet. Und am Ende hatte er unbekannterweise seinen Vater umgebracht. Daraus hat dann ein berühmter Psychologe einen Ödipus-Komplex gemacht. Aber das ist dann schon was anderes.
  6. Wichtig ist also, dass so ein Mythos einen Anspruch auf Wahrheit enthält, was natürlich verschwindet, wenn jemand den ersten Blitzableiter erfunden hat. Da war der Obergriechengott Zeus schon längst Teil der Geschichte und die Naturwissenschaft erklärte das, was uns umgibt.
  7. Aber die Naturwissenschaft erklärt nicht alles und man braucht auch etwas, um etwas Besonderes verehren zu können – und sei es ein berühmter Sportler. Interessant der Unterschied zur Legende, ein Wort, das hier auch gebraucht wird. Das ist etwas, was nicht ganz so heilig ist wie ein letztlich übernatürlicher Mythos – man kann gut den Unterschied erkennen.
  8. Interessant, aber auch problematisch kann es werden, wenn ganze Gemeinschaften wie zum Beispiel Völker sich für etwas Besonderes halten, was alle anerkennen müssen. Das kann dann schnell zu Überheblichkeit führen und Streit mit anderen Gruppenmythen.
    Im ersten Weltkrieg wurde in Deutschland der Konflikt mit England entsprechend überhöht in Richtung die tiefe deutsche Seelenkultur gegenüber der englischen Kaufmanns-Zivilisation.
  9. Da kann man den Bogen wieder zurückspannen und an Rivalitäten wie zwischen Fußballvereinen denken. Deutlich wird, dass das Mythische dann das Gemeinschaftsgefühl verstärkt.
  10. Und hier ist der Punkt, an dem man selbst ins Spiel kommt: Tua res agitur, wie der alte Horaz sagte – es geht um dich. Denn auch heute gibt es Mythen. Über Karriere. Über Schönheit. Über das, was ‚man‘ angeblich braucht, um glücklich zu sein. Manche dieser modernen Mythen heißen Werbung. Oder Klischee. Oder: ‚Alle machen das so.‘ Einfach mal überlegen, was einem selbst so wichtig ist, dass es fast etwas Heiliges ist, das man nicht in Frage stellen darf – vielleicht ein Mythos – zumindest kann man damit vielleicht einiges erklären und auch gut darüber diskutieren.