
Unser Tipp für eine kreative Aufgabe
Natürlich ist es wichtig, Texte zu analysieren.
Aber noch schöner ist es, sie kreativ weiterzuentwickeln. Weiter unten gibt es einen Vorschlag dazu.
Einstieg: Vorbereitung auf typische Aufgaben
Im Folgenden zeigen wir an einer Kurzgeschichte, wie man sich am besten auf typische Aufgaben vorbereitet. Dabei geht es um:
- einen einleitenden Satz, in dem man auch das Thema nennt (das wird von der Reihenfolge her erst mal zurückgestellt, weil man den Text ja erst lesen und verstehen muss)
- das Lesen des Textes und das Erkennen seines Aufbaus (dann hat man schon den Inhalt und zugleich die Art und Weise, wie der Erzähler ihn entwickelt)
- die Klärung der Aussageabsicht(en) – das ist die eigentliche Analyse des Inhalts, wobei man sich auf entscheidende Dinge konzentriert und diese auch am Text belegt
- die Herausarbeitung der künstlerischen (sprachlichen, rhetorischen, stilistischen) Mittel, mit denen die Aussageabsicht(en) unterstützt werden
- abschließende Überlegungen zur allgemeinen Bedeutung des Textes (Was kann man mit ihm anfangen?) und zur Bedeutung für einen selbst als Leser (das ist individuell und kann von Leser zu Leser unterschiedlich sein, sollte aber begründet werden, damit man darüber sprechen oder es bewerten kann)
Diese Kurzgeschichte ist außerdem aus einem besonderen Grund interessant: Sie muss nach einem direkten Einstieg mitten in die Situation hinein einen wichtigen Teil der Vorgeschichte einbauen. Wie das gelingt, wird weiter unten genauer erklärt.
Aufbau und Inhalt der Kurzgeschichte
Erster Schritt: Aufbau des Textes als Basis für eine Vorstellung des Inhalts
Die Zeilenangaben hängen von der jeweils verwendeten (gekürzten) Textausgabe ab. Anfang und Ende der Abschnitte werden zusätzlich durch entsprechende Wörter gekennzeichnet:
- 1–3 [„Der Gang“ bis „100 Jahren“]: Beschreibung eines Ganges mit einem Bild von Hamburg.
- 4–8 [„Das war vor meiner Zeit“ bis „so setzt sie sich“]: Elena ist in der Passabteilung des Ordnungsamtes und soll erst noch warten.
- 9–14: Rückblick auf den Besuch des Standesamtes. Deutlich wird, dass es um eine Namensänderung geht – von Maren zu Elena. Zunächst ist der Empfang freundlich, weil eine Geburtsurkunde oder eine Heirat erwartet wird.
- 15–26: Als Elena vom Wunsch einer Namensänderung spricht, trübt sich die Stimmung ein. Sie wird darauf hingewiesen, dass das etwas sehr Einschneidendes sei, das man sich gut überlegen müsse – was Elena aber offensichtlich getan hat.
- 27–41 [ab „Jetzt also die zweite Station“ bis „Ein Grund mehr, Elena zu werden.“]: Während des Wartens im Ordnungsamt denkt Elena an die Momente zurück, in denen verschiedene Menschen von ihrer Namensänderung erfahren haben. Der Vater hat sie nur gefragt, ob sie verrückt geworden sei. Die Mutter hat gefragt, warum sie gerade diesen Namen gewählt hat. Ihr Freund Rolf hat sie wieder einmal nicht ernst genommen, was Elena in ihrem Entschluss nur bestärkt hat.
- 42–52 [„Elena schließt die Augen“ bis „er gibt mir sogar meine Gedanken“]: Angeregt durch ein Bild, auf dem sie behütet von einer strengen Lehrerin zu sehen ist, denkt Elena an ein Leben zurück, in dem sie als Maren einfach nur gesteuert worden ist – sogar von ihrem Freund.
- 53–57 [von „Meine Maren, hat er immer gesagt“ bis „die nun mal dazugehören“]: Die Erinnerung fokussiert sich auf ein kurzes Gespräch mit Rolf über die Namensänderung. Deutlich werden die unterschiedlichen Auffassungen: Der Freund glaubt an kein neues Leben nur durch eine Namensänderung, Elena hält sie für die Folge eines entsprechenden Entschlusses.
- 58–62 [von „Wollen Sie zu mir?“ bis „Ich bin nicht mehr Maren.“]: Elena wird ins Büro gerufen – ihr ist inzwischen gleichgültig, wie der Beamte dreinschaut. Sie vertritt deutlich ihren Wunsch, im Bewusstsein, dass sie innerlich schon nicht mehr Maren ist.
Einleitender Satz
In der Kurzgeschichte „Ich bin nicht Maren“ von Kai Riedemann, erschienen 1986, geht es um die Frage, wie man deutlich machen kann, dass man ein neues Leben beginnen will.
Formulierung einer kurzen Beschreibung des Inhalts
Konkret geht es um eine Maren, die ihren Namen in Elena ändern lassen will. Damit soll für sie und andere deutlich werden, dass sie jetzt nicht mehr von anderen gesteuert werden möchte, sondern ein eigenes, selbstbestimmtes Leben beginnen will. Die Reaktion der Eltern, aber auch ihres Freundes und sogar einer Mitarbeiterin in einer Behörde ist eher von Unverständnis oder zumindest Irritation bestimmt. Das ändert aber nichts daran, dass am Ende der Geschichte der Entschluss noch stärker feststeht als schon am Anfang.
Besonderheit: Vorgeschichte als Erzähltechnik
Kurzgeschichten steigen meist direkt in eine Situation ein, ohne lange Vorrede – so auch hier: Der Text beginnt mitten in der Wartesituation im Ordnungsamt. Das Problem dabei: Ohne die Vorgeschichte – den Besuch beim Standesamt, die Reaktionen von Vater, Mutter und Rolf – bliebe unklar, worum es überhaupt geht und warum Elenas Entschluss so bedeutsam ist.
Riedemann löst das, indem er die Vorgeschichte nicht vorab erzählt, sondern während der Wartezeit als Rückblende einbaut – ausgelöst durch Elenas Gedanken. So bleibt der Text in der Gegenwart der Rahmenhandlung verankert, liefert aber trotzdem alle nötigen Informationen. Für angehende Schreiberinnen und Schreiber lohnt sich genau dieser Blick: Wie viel Vorgeschichte braucht ein Text wirklich, und wie lässt sie sich einbauen, ohne den Erzählfluss zu unterbrechen? Diese Frage ist unabhängig von der eigentlichen Inhaltsanalyse ein eigenes, lohnendes Thema – auch für den Unterricht.
Vertiefungsaufgabe: Die Reaktion der Mutter
Aufgabe: Im Text wird die Reaktion der Mutter nur knapp angedeutet. Schreibe eine kurze Szene, die diese Reaktion weiter ausgestaltet – und baue dabei einen Aspekt der Vorgeschichte ein (zum Beispiel: warum der ursprüngliche Name überhaupt gewählt wurde). Orientiere dich am Stil der Vorlage: knappe, indirekte Rede, wenig ausgesprochene Gefühle, viel zwischen den Zeilen. Deine Szene soll direkt an die Stelle „Schließlich war sie zu dem Zeitpunkt noch nicht richtig Elena.“ anschließen.
Lösungsvorschlag
Ihre Mutter hat noch etwas gesagt, das Elena erst später richtig verstanden hat. Nicht gleich, nicht an der Wohnungstür. „Elena Stein“, hat die Mutter noch einmal vor sich hin gesagt, leiser jetzt, fast zu sich selbst. „Weißt du eigentlich, wie lange dein Vater und ich überlegt haben? Maren, nach der Großtante. Die hat dich noch auf dem Arm gehalten, bevor sie gestorben ist. Wir haben gedacht, das ist schön, dass etwas von ihr bleibt.“
Elena hat nichts gesagt. Was hätte sie auch sagen sollen. Es war ja kein Vorwurf gewesen, jedenfalls nicht so, wie der Vater es gemeint hatte mit seinem Ersten-April. Es war eher, als hätte die Mutter ihr gerade zum ersten Mal erzählt, dass sie ihr etwas geschenkt hatte, vor 22 Jahren – ein Geschenk, das man nicht wieder zurücknehmen kann, wenn man es nicht mehr will. Nur zurückgeben.
„Ich weiß“, hat Elena schließlich gesagt. „Und es ist auch nicht wegen ihr. Es ist wegen mir.“
Ihre Mutter hat nur genickt. Dann ist sie zurück in die Küche gegangen, und Elena hat noch eine Weile vor dem Namensschild gestanden, das jetzt „Elena Stein“ sagte, und gedacht, dass manche Sätze man nicht mehr zurücknehmen kann, auch wenn man wollte.
Was diese Lösung leistet: Sie holt die Ebene nach, die im Original nur angedeutet ist, und macht die dahinterliegende Kränkung konkret – der Name als Geschenk, das zurückgewiesen wird. Die Großtante als Namensgeberin liefert genau den geforderten Aspekt der Vorgeschichte (Familientradition). Stilistisch bleibt die Szene nah am Original: keine große Gefühlsdebatte, sondern knappe, fast beiläufige Sätze mit viel Unausgesprochenem – passend zum zurückhaltenden Grundton des Textes.
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