
- Eine Geschichte kann sehr fremdartig erscheinen – und gerade dadurch etwas erreichen.
— - Das Besondere bei uns: Wir zeigen
—- wie man diese seltsame Geschichte schnell versteht
- und warum ausgerechnet eine Taube ohne Füße der Schlüssel zu allem ist.
Alles auf einen Blick
- Spannend: Was würdest du tun, wenn dich an einer Haltestelle ein völlig verzweifeltes Mädchen anschreit, ihre Taube könne nicht mehr landen?
— - Die Idee der Kurzgeschichte: Ein Mann trifft in Zürich auf ein drogenabhängiges Mädchen – und muss sich entscheiden: helfen oder wegsehen.
— - Anfang: Ein bitterkalter Februarmorgen hinter dem Zürcher Hauptbahnhof. Der Ich-Erzähler ist verkatert und will eigentlich nur weg.
- Die seltsame Bitte: Das Mädchen behauptet, ihrer Taube fehlten die Füße – und ohne Füße könne sie nicht mehr landen.
- Misstrauen: Der Erzähler hält das für wirres Drogen-Gerede und greift erst einmal nach seinem Portemonnaie.
- Wendepunkt: Auf ihrer Hand liegen tatsächlich zwei Vogelfüße.
- Erkenntnis: Er begreift: Das Mädchen und die Taube gehören zusammen – beide haben jeden Halt verloren.
- Schluss: Trotzdem steigt er in die Tram und reiht sich wieder bei den anderen ein.
— - „Jemand hört hin, jemand sieht weg.“ – dieser Satz fasst das Verhalten aller Beteiligten zusammen, am Ende auch das des Erzählers.
— - Was zeigt die Geschichte: Menschen am Rand der Gesellschaft werden oft übersehen, weil ihre Not so fremd wirkt. Die Literatur nutzt genau diese Fremdheit, um uns genauer hinsehen zu lassen.
— - Diskussionsfrage: Warum nennt der Erzähler die anderen Wartenden am Ende „meinesgleichen“ – obwohl er sie vorher so kritisch beschrieben hat?
Wer darüber hinaus noch Insider-Tipps zu dieser Geschichte bekommen möchte:
https://textaussage.de/thomas-huerlimann-flug-durch-zuerich-insider-tipps
Nun zu den Details:
Vorgestellt wird eine Kurzgeschichte, die auf den ersten Blick absurd wirkt: Es geht um eine Taube, die nicht mehr landen kann. Wer genauer hinsieht, entdeckt dahinter ein sehr ernstes Thema – und die Frage, wie wir mit Menschen umgehen, deren Not uns fremd erscheint.
Zu finden ist die Geschichte (erschienen 1992) zum Beispiel hier:
Thomas Möbius, Wie interpretiere ich Fabeln, Parabeln und Kurzgeschichten? Aufgaben und Musterinterpretationen, 7. Auflage 2021, Bange Verlag, 96142 Hollfeld, ISBN: 978-3-8044-1575-1
Vorabhinweis auf ein Video
Auf der Seite
https://schnell-durchblicken.de/kuenstliche-intelligenz-hilfe-bei-korrektur-eines-vorurteils-gegenueber-kurzgeschichte
stellen wir ein Video vor, in dem wir unsere Erfahrung mit dieser Geschichte geschildert haben.
Videolink: https://youtu.be/tKel692Zl70
Die Dokumentation kann hier angeschaut bzw. heruntergeladen werden:
Mat7397 HP KI kann Vorurteile von Fachleuten überwinden und den Blick erweitern
Inhalt der Geschichte
- Die Kurzgeschichte „Flug durch Zürich“ von Thomas Hürlimann ist interessant, weil sie auf den ersten Blick eine scheinbar absurde Situation präsentiert.
- Die Geschichte spielt an einem Februarmorgen in Zürich. Eine junge, verzweifelte Frau bittet einen Mann um Hilfe. Ihre seltsame Erklärung: Ihrer Taube seien die Füße ausgerissen worden, deshalb könne sie jetzt nicht mehr landen und müsse ständig in der Luft bleiben.
- Der Mann ist zunächst irritiert und misstrauisch.
- Alles spricht dafür, dass diese Frau wohl drogenabhängig ist und deshalb so seltsame Vorstellungen hat.
- Allerdings zeigt sie dem Mann tatsächlich Taubenfüße in ihrer Hand.
- Obwohl der Mann Mitleid empfindet, steigt er letztendlich in die nächste Straßenbahn und lässt die Frau zurück.
Die Figuren – kurz vorgestellt
- Das Mädchen: Sie ist bleich, schmal und eigentlich fast noch ein Kind. Ihre Kleidung ist abgetragen, am Hals sieht man Einstiche – deutliche Spuren der Drogensucht. Der Erzähler nennt sie „ein altes Kind“: Die Sucht hat ihr die Jugend geraubt. Ihr eigenes Schicksal überträgt sie auf die sterbende Taube.
- Der Ich-Erzähler: Er ist verkatert und will „bloß weg hier“. Seine erste Reaktion ist Misstrauen – er kontrolliert, ob sein Portemonnaie noch da ist. Zwischendurch versteht er das Mädchen erstaunlich gut und empfindet Mitleid. Am Ende siegt aber der Wunsch, seine Ruhe zu haben.
- Die „Jemands“: So nennt der Erzähler die anderen Wartenden an der Tramhaltestelle. Sie haben keine Namen und keine Gesichter – sie stehen für eine Gesellschaft, die sich das Elend lieber nicht zu nahe kommen lässt. Einer blickt zum Beispiel lieber in den „Abgrund seiner Zeitung“.
Die fußlose Taube als Symbol
- Die Taube ist das wichtigste Symbol der Geschichte. Das Mädchen schreit: „ohne Füße kann sie nicht landen“.
- Genau so geht es dem Mädchen selbst: Sie hat jeden Boden unter den Füßen verloren, also jeden Halt im Leben.
- Der erzwungene Flug steht für den Rausch und für die ständige Flucht vor der Wirklichkeit – eine Flucht, die am Ende tödlich sein kann.
- Der Erzähler erkennt das selbst: „sie gehören zusammen, die sterbende Taube und das Mädchen“. Er ahnt auch, dass sie sich, sobald sie kann, in die nächste Spritze stürzen wird.
- Auch der Ort passt dazu: „hinterm Bahnhof“ in Zürich, bitterkalt – dort gab es Anfang der 1990er Jahre eine große, offene Drogenszene. Die Kälte der Umgebung spiegelt die Kälte der Menschen.
Aussagen der Geschichte
- Die Geschichte kann als Kritik an einer Tendenz der modernen Gesellschaft gesehen werden, bei Problemen wegzusehen und Verantwortung zu meiden.
- Bezeichnend ist ja, dass die anderen Passanten, die nur pauschal als „Jemands“ bezeichnet werden, die Situation bewusst ausblenden.
- Die Erklärung dafür ist wohl, dass die Not dieser Frau als so fremdartig empfunden wird, dass man sie lieber ignoriert.
- Damit ist man bei einem wichtigen Punkt für die Behandlung im Unterricht: Es geht um Probleme von Drogenabhängigen und ihre Wahrnehmung durch die Gesellschaft.
Sprachliche Mittel
Am besten versteht man die sprachlichen Mittel, wenn man sie direkt den Aussagen zuordnet, zu denen sie gehören – dann sieht man, was sie eigentlich bewirken.
- Anapher „Jemand … jemand … jemand“ (zum Wegsehen der Gesellschaft): Die ständige Wiederholung macht aus den Menschen eine gesichtslose Masse. Keiner ist wirklich jemand – und deshalb fühlt sich auch keiner verantwortlich.
- Oxymoron „ein altes Kind“ (zur Not des Mädchens): Zwei Wörter, die eigentlich nicht zusammenpassen, zeigen auf einen Schlag, was die Sucht aus einem jungen Menschen gemacht hat.
- Ich-Erzählung im Präsens (zur Frage „Helfen oder wegsehen?“): Man erlebt alles unmittelbar mit, als stünde man selbst an der Haltestelle – und fragt sich automatisch, wie man selbst reagieren würde.
- Gleicher Satz am Anfang und am Ende (zur Kritik am Wegsehen): „Zürich, hinterm Bahnhof, ein Morgen im Februar.“ Die Geschichte endet, wo sie begonnen hat – so, als hätte sich nichts verändert. Für das Mädchen hat sich ja auch tatsächlich nichts verändert.
Konkurrenz zu Infos durch einen Fachmann?
- Hier kann man sich natürlich fragen, ob es nicht besser wäre, wenn man sich diesen Problemen nicht vermittelt durch eine literarische Verfremdung, sondern direkt nähern würde – etwa durch den Besuch und Infos durch Sozialarbeiter bzw. Drogenbeauftragte.
- Allerdings kann es auch so sein, dass gerade diese zweite Vermittlungsschicht der Kurzgeschichte einen anderen Zugang ermöglicht. Der Vortrag eines Experten wäre etwas Normales und würde vielleicht nur distanziert wahrgenommen.
- Die Lektüre der Geschichte wirft aber erst mal Fragen auf und ermöglicht auch eine entsprechende besondere Rezeptionssituation. Möglicherweise kann so viel direkter und auch emotionaler über das Thema gesprochen werden.
- Wenn tatsächlich anschließend ein Experte eingeladen würde, wäre es auch für den vielleicht ganz interessant, sich erst mal zu dieser Geschichte zu äußern. Dadurch würde er auch aus einer möglichen Routine herausgelöst. Dann könnte er ausgehend von diesem fiktiven Fall über seine Erfahrungen mit Drogensüchtigen sprechen.
Gemeinsamkeit mit einer Parabel
- In gewisser Weise könnte das wie bei einer Parabel funktionieren: Auch dort wird ja erst mal „verfremdet“. Dadurch werden mögliche Erkenntniswiderstände gewissermaßen umgangen. Das könnte hier auch funktionieren und würde einmal mehr zeigen, wozu Literatur gut ist.
Kurzgeschichten-Eigenschaften
- Direkter Einstieg: Nur Ort und Zeit in wenigen Worten – dann ist man sofort mitten im Geschehen.
- Ausschnitt aus dem Alltag: Eine kurze Begegnung an einer Tramhaltestelle, wie sie jeden Morgen passieren könnte.
- Wendepunkt: Die echten Vogelfüße auf der Hand des Mädchens. Ab hier kann der Erzähler das Ganze nicht mehr als wirres Gerede abtun.
- Offener Schluss: Was aus dem Mädchen wird, erfahren wir nicht. Und auch die Frage, ob der Erzähler richtig gehandelt hat, bleibt beim Leser hängen.
Kreative Anregung
Man könnte einen inneren Monolog des Ich-Erzählers schreiben: Was geht ihm durch den Kopf, während die Tram davonfährt und das Mädchen an der Haltestelle zurückbleibt? Spannend ist dabei, ob er sich sein Verhalten schönredet – oder ob ihn die Sache nicht loslässt.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Parabeln
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