Yaak Karsunke, „zur schönen aussicht“ (Mat9466)

Gefunden haben wir das Gedicht hier:
Lyrik nach 1945, Erarbeitet von Norbert Schläbitz, Schöningh 2007, S. 120
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3140223799

Einleitung

  • Das Gedicht „zur schönen aussicht“ von Yaak Karsunke gehört zur Lyrik der deutschen Wendezeit.
  • Es wurde in der Anthologie „Von einem Land und vom andern. Gedichte zur deutschen Wende“ (1993) veröffentlicht.
  • Thematisch setzt sich das Gedicht mit dem Umgang der Täter mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinander, insbesondere in Bezug auf Schuld, Vergebung und Vergangenheitsbewältigung.

Äußere Form

  • Das Gedicht besteht aus zehn Versen, die in einer freien Form ohne Reim oder festes Metrum angeordnet sind.
  • Die Zeilenstruktur ist bewusst unregelmäßig, was den fließenden, fast ironisch-nüchternen Ton des Gedichts unterstützt.
  • Auffällig ist der Gebrauch der Kleinschreibung, der auf eine moderne, reduzierte Formensprache hinweist.

Inhalt und Sprechweise des lyrischen Ichs

  • Das lyrische Ich tritt in Distanz zu den beschriebenen „Tätern“.
  • In den ersten Versen (1–3) wird ironisch angedeutet, dass diese nicht nur bereit seien, ihren Opfern zu vergeben, sondern sogar mehr als das.
  • In den folgenden Versen (4–8) wird geschildert, dass die Täter die Vergangenheit ruhen lassen und mit den Opfern einen „neuen Anfang“ wagen wollen. Das hört sich natürlich scheinbar gut an, verkennt aber die Beziehungen zwischen den Gruppen und die gemeinsame Geschichte.
  • Schließlich wird in den letzten Versen (9–10) betont, dass sie „gänzlich unbelastet von ihren früheren Taten“ seien. Das ist natürlich nichts als Wunschdenken der Täter, das hier wiedergegeben wird.

Die Sprache des Gedichts wirkt nüchtern und sachlich, aber auch ironisch, da die Täter sich in einer Position sehen, in der sie über Vergebung entscheiden, obwohl sie selbst Schuld auf sich geladen haben.

Aussagen des Gedichts

Das Gedicht macht deutlich,

  • dass Täter versuchen, ihre Vergangenheit zu relativieren oder gar zu verdrängen.
  • Dies geschieht durch eine Umkehrung der Perspektive: Die Täter erscheinen als diejenigen, die vergeben, nicht als diejenigen, die um Vergebung bitten müssten.
  • Das Gedicht kritisiert damit eine oberflächliche Aufarbeitung der Vergangenheit, die eine tiefere Auseinandersetzung vermeidet.

Sprachliche und rhetorische Mittel

  • Ironie: Die Täter „vergeben“ ihren Opfern – eine bewusste Umkehrung der eigentlichen Rollen (Z. 1–3).
  • Enjambements: Die Sätze erstrecken sich oft über mehrere Zeilen, was den Textfluss verstärkt und eine nüchterne Aufzählung suggeriert (z. B. Z. 5–8).
  • Parataktischer Stil: Kurze, scheinbar sachliche Sätze betonen die scheinbare Selbstverständlichkeit des Täterdenkens (Z. 4–10).
  • Verzicht auf Satzzeichen: Dies verstärkt den Eindruck einer distanzierten, protokollhaften Darstellung.

Relevanz des Gedichts

  • Das Gedicht setzt sich kritisch mit der Geschichtsaufarbeitung auseinander
  • und könnte insbesondere auf die deutsche Wiedervereinigung anspielen.
  • Es wirft Fragen zur Erinnerungskultur und zum Umgang mit Schuld auf, die über die deutsche Geschichte hinaus von allgemeiner Bedeutung sind.
  • Tatsächlich geht es hier um ein allgemeines Phänomen.
  • Man könnte diskutieren, inwieweit sich diese Abläufe auch in privaten Beziehungen zeigen.

Einschätzung

  • Das Gedicht ist trotz seiner Kürze wirkungsvoll.
  • Besonders die ironische Verkehrung der Täter-Opfer-Rolle entfaltet eine starke Wirkung und regt zum Nachdenken an.
  • Die sprachliche Reduktion verstärkt diese Wirkung zusätzlich.
  • Insgesamt ist das Gedicht ein gelungenes Beispiel für politische Lyrik, die mit wenigen Worten eine prägnante Kritik formuliert.

Weitere Infos, Tipps und Materialien