Wir präsentieren hier eine Kurzgeschichte, die eine kreative Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Nihilismus veranschaulicht.
Die Geschichte
Anders Freistein
Der Irrtum
Bestes Fernseherlebnis letzte Tage. Irgendeine Talkshow. Nach kurzer Zeit weiß man, woran man ist. Irgendein bekannter Nihilist soll erzählen, wie sich sein Leben fundamental geändert hat. Das will man natürlich wissen. Und dann die Überraschung. Er erzählt von dem Tag, an dem er seinem Leben ein Ende machen wollte. Wieder mal Geburtstag seiner Tochter, die vor fünf Jahren spurlos verschwunden war. Kein Lebenszeichen, nur Erinnerungen. Die immer noch schmerzten. Jetzt kam ihm seine Philosophie zustatten. Die ganze Sinnlosigkeit des eigenen Lebens und die Möglichkeit, sich in die endgültige Freiheit zu stürzen. Das Gefühl, dass dann das unerbittliche Schicksal einem nichts mehr tun konnte, verschafft zumindest einen kurzen Moment des Glücks. Aber natürlich war der abhängig von dem, was er vorhatte. Und dann der Hammer. Er überlegte schon, wie er das Geländer überwinden sollte. Als plötzlich ein Auto mit kreischenden Bremsen vor dem Eingang des Hauses hielt. Schon dachte er: Dann endete sein Leben wenigstens mit ein bisschen Aufregung. Dann der Hammer: eine unvorsichtige Bewegung und der Besen, der einem immer im Weg stand, fiel um. Während er sich noch irritiert umschaute. Ein Freudenschrei von unten, der alles änderte: Papa, du bist ja da! Wie schön!
Was der Autor zu dieser Geschichte sagt
- Mia: „Onkel Anders, ich hab die Geschichte gerade hochgeladen. Aber sag mal, wie kommst du eigentlich auf so ein düsteres Szenario? Erst dieser absolute Nullpunkt auf dem Balkon und dann dieser krasse Umschlag. War das wieder so ein Moment, in dem du zu viel nachgedacht hast?“
— - Anders: (lacht kurz auf und lehnt sich zurück) „Vielleicht. Ich habe mir neulich dieses Video über die drei großen Schattenwerfer angesehen – Schopenhauer, Nietzsche und Heidegger. Die ‚Nihilismus-Freunde‘, wie ich sie nenne. Die saßen da virtuell zusammen und haben das Nichts vermessen, als wäre es eine Katasterbehörde. Und während ich denen so zuhörte, kam mir eine uralte Idee wieder in den Sinn.“
— - Mia: „Was für eine Idee?“
— - Anders: „Die Idee der maximalen Tragik. Ich dachte an jemanden, der bereits gesprungen ist. Der sich im freien Fall befindet und in diesem einen, allerletzten Sekundenbruchteil an etwas denkt, das er bei seinem endgültigen Entschluss schlichtweg vergessen hat. Eine Kleinigkeit, eine offene Rechnung, ein ungesagtes Wort. Aber im freien Fall gibt es kein Zurück mehr. Das ist die absolute Tragik.“
— - Mia: „Aber in deiner Geschichte springt er ja nicht. Er wird unterbrochen.“
— - Anders: „Genau das war der Wendepunkt. Ich wollte weg von der reinen Tragik hin zur Entlarvung der philosophischen Arroganz. Mein Nihilist auf dem Balkon glaubt ja, er hätte das Leben in seiner Totalität begriffen und abgeschlossen. Er hält seine Theorie für die ganze Wahrheit. Aber das Leben besteht eben nicht aus Theorien, sondern aus Überraschungen – wie einem umkippenden Besen oder einer Stimme von unten. Ich wollte zeigen, dass das Leben immer einen Joker im Ärmel hat, den kein Philosoph einplanen kann. Deshalb habe ich die klassische Kurzgeschichte auch so radikal eingedampft.“
— - Mia: „Stimmt, sie wirkt fast wie diese alten Schnurren, von denen du immer erzählst.“
— - Anders: „Richtig beobachtet. Wolf-Dietrich Schnurre war da das Vorbild. Weg mit dem erzählerischen Fett, hin zum harten Skelett der Dramaturgie. Dieser fiktive Rahmen einer Talkshow erlaubt mir, den ganzen Ballast abzuwerfen. Es ist wie ein Schein-Kontext, der mir die Freiheit gibt, direkt zum Punkt zu kommen: Der Mensch plant, der Nihilismus triumphiert – und dann fällt ein Besen um.“
— - Mia: (lächelt und klappt den Laptop zu) „Okay, Onkel, ich hab’s verstanden. Das Leben ist das, was passiert, während man gerade den Untergang plant. Aber jetzt habe ich Hunger. Gehen wir was essen? Du lädst mich ein!“
— - Anders: (steht auf und greift nach seinem Mantel, blickt sie dankbar an) „Abgemacht. Gehen wir. Tja, mal schauen, was wir da für eine Überraschung erleben.“
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Zu dem besonderen Erzählformat der Erinnerung an ein Erlebnis
- Beste Geschichte meines Lebens von Wolfdietrich Schnurre
https://schnell-durchblicken.de/wolfdietrich-schnurre-beste-geschichte-meines-lebens
— - Lars Krüsand, „Bester Film meines Lebens“
https://textaussage.de/lars-kruesand-bester-film-meines-lebens
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Der Unterschied zu einer KI-generierten Kurzgeschichte
Um mal zu vergleichen, wie eine eigene menschliche Lösung aussieht, haben wir Google Gemini mal eine Kurzgeschichte schreiben lassen. Dabei hat die künstliche Intelligenz präzise Vorgaben bekommen, was die Dramaturgie der Geschichte angeht, und das Folgende ist dabei herausgekommen und hat uns nicht sehr gefallen. Das hat dazu geführt, dass wir eher mal versucht haben, diese Idee von Wolf-Dietrich Schnurre mal für diesen Zweck auszuprobieren.
Hier also nun die KI-Variante von Google Gemini.
Jeder mag sich selbst dazu seine Meinung bilden.
Der Irrtum
Der Beton des Balkongeländers war rau und hielt die Kälte der Nacht wie ein Versprechen. Ludwig starrte in die Tiefe. Achtundzwanzig Stockwerke unter ihm flossen die Lichter der Stadt wie ein gleichgültiger Strom aus Photonen.
Es war der 24. März. Der Tag, an dem seine Tochter vor fünf Jahren verschwunden war. Ein Datum, das in seinem Kalender wie ein schwarzes Loch klaffte. Ludwig hatte die letzten Jahre damit verbracht, sich dem „Nichts“ zu stellen, wie er es nannte. Er hatte Schopenhauer gelesen, über Heidegger gegrübelt und war zu dem Schluss gekommen, dass das Leben eine einzige, arrogante Anmaßung war. Wer glaubte, im Chaos der Existenz so etwas wie dauerhaftes Glück zu finden, war ein Narr.
Seine Wohnung hinter ihm war bereits tot. Die Möbel mit Laken abgedeckt, die Urkunde seiner Existenz geschreddert. Er hatte die Totalität des Leidens begriffen und beschlossen, die Konsequenz zu ziehen. Warum auf den Tod warten, wenn man dem Schicksal das Heft aus der Hand reißen konnte? Die Freiheit, so sagte er sich, lag in der absoluten Beziehungstatlosigkeit. Keine Hoffnung mehr, keine Enttäuschung mehr.
Er hob den rechten Fuß. Er spürte den leichten Schwindel, das Adrenalin, das sein Körper in einem letzten, sinnlosen Aufbäumen produzierte. „Ein chemischer Irrtum“, dachte er grimmig. Er wollte gerade das Gewicht nach vorne verlagern, um die Schwerkraft zum finalen Partner zu machen.
In diesem Moment zerriss ein Geräusch die Stille der Höhe. Ein Quietschen von Reifen direkt unter ihm.
Ein kleiner, verbeulter Wagen hielt im Halteverbot vor dem Haupteingang. Die Fahrertür schwang auf. Eine Gestalt trat ins gelbe Licht der Straßenlaterne. Sie trug einen knallroten Mantel, der in der grauen Tristesse des Parkplatzes fast wie eine Provokation wirkte.
Die Frau legte den Kopf in den Nacken. Sie schirmte die Augen gegen das Streulicht der Stadt ab und blickte genau zu seinem Balkon hinauf.
„Hey, Papa!“, schallte es nach oben. Die Stimme war brüchig, aber unverkennbar. „Du bist ja da! Ich dachte schon, ich komm zu spät!“
Ludwig erstarrte. Der Fuß, der bereits die Leere gesucht hatte, krallte sich zurück in den kalten Beton. Das gesamte Gebäude seines Nihilismus, diese stolze Festung aus logischer Verzweiflung und metaphysischer Endgültigkeit, bekam einen Riss, der vom Fundament bis zum Dach reichte.
Er starrte hinunter. Die junge Frau winkte. Ein einfacher, banaler, temporärer Moment. Eine relative Wahrheit, die in ihrer konkreten Wucht alle seine Theorien über die totale Sinnlosigkeit wie Staubflocken beiseite fegte.
Er hatte das Leben bewerten wollen, bevor es zu Ende war. Das war sein Irrtum gewesen.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Infos, Tipps und Materialien auf Youtube zum Thema „kreatives Schreiben“
https://textaussage.de/kreativ-im-deutschunterricht-themenseite
— - Videos zum Thema
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