Worum es hier geht:
Auf der Seite
https://schnell-durchblicken.de/deutungsansaetze-zum-roman-heimsuchung
haben wir Deutungsansätze zum Roman „Heimsuchung“ zusammengestellt – mit Video-Begleitung.
Die intensive Beschäftigung mit der Frage, „wozu der Roman in der Schule gut ist“, hat uns zu Überlegungen geführt, die Anders Tivag für uns in einem Kurz-Essay zur Diskussion stellt.
Vorschau


Druckvorlage
Der Essay im Wortlaut mit Zwischenüberschriften
Um eine schnelle Überblickslektüre zu erleichtern, haben wir den Text hier mit Zwischenüberschriften gegliedert. Die Originalfassung ist ja oben zu sehen und kann auch als PDF-Datei heruntergeladen werden.

- Außerdem lassen wir
MIA = „menschliche Intelligenz in Aktion“
die einzelnen Abschnitte kommentieren.
— - Damit hat man einen schnellen Überblick über den Aufbau des Textes?
— - Damit hat man dann da auch die Möglichkeit
- Zum einen, die Aussagen des Textes zu formulieren
- und von dort aus auch das Thema des Textes anzugeben.
Schritt 1: Kein Jahrhundertroman
Anders Tivag,
Warum man Goethe braucht, wenn man von einem Roman „heimgesucht“ wird
Überlegungen zum Füllen der Lücke, die im Roman bleibt.
Als Jenny Erpenbecks Roman *Heimsuchung* zur Pflichtlektüre erklärt wurde, fragten sich viele, was Schülerinnen und Schüler damit eigentlich anfangen können. Denn die große Begründung, es handle sich um einen „Jahrhundertroman“, wirkt bei näherem Hinsehen fast wie ein Scherz: Das Jahrhundert ist hier nichts anderes als der Hintergrund für einzelne Schicksale, die jeweils von persönlichen Heimsuchungen geprägt sind.
- MIA: Der Titel deutet drei Elemente an.
- Zum einen wird der Titel auf den Leser übertragen. Damit soll deutlich werden, dass auch dieser Roman durchaus beim Lesen Probleme auslösen kann.
- In diesem Fall wird behauptet, gäbe es eine Lücke.
- Das wiederum bedeutet die Herausforderung, sie gegebenenfalls zu füllen.
- Ausgangspunkt des Textes ist dann eine gewisse Irritation beim ersten Lesen des Romans.
- Damit wird der Gedanke der Lücke aufgenommen.
- Die wird damit begründet, dass die These vom Jahrhundertroman in der Sache nicht viel bringt.
Schritt 2: Die große Perspektive des Romans
Wenn man diese Begründung für die Wahl des Romans zurückweist und sich auch nicht für die Lebensgeschichte der Autorin interessiert, dann muss man selbst nach einer tragfähigen Begründung suchen. Erstaunlicherweise ist sie im Roman selbst angelegt. So verstörend die naturkundliche oder erdgeschichtliche Einleitung im Prolog zunächst wirkt, so viel Sinn gewinnt sie im Verhältnis zum Epilog. Dort begegnet uns eine Miniaturfassung derselben Idee: Die Arbeiter haben kein Haus mehr vor sich, nur noch Trümmer architektonischer Bemühungen. Sie sitzen im Gras, lehnen sich an einen Baum – eine Szene, die fast schon urgeschichtlich anmutet. Die Natur gleicht nach einer Phase der „Verwüstung“ am Ende „wieder sich selbst“.
- MIA: in diesem Abschnitt wird die Möglichkeit einer Rechtfertigung des Romans über die Lebensgeschichte der Autorin beiseite geschoben.
- Stattdessen wird auf den Rahmen aus Prolog und Epilog verwiesen.
- Hervorgehoben wird die Zerstörung dessen, was die Menschen im Verlaufe des Romans für sich angelegt haben, und die Rückkehr zur natürlichen Ausgangssituation.
Schritt 3: Minimalisierung menschlicher Existenz
Daraus lässt sich schließen: Dieser Roman ist nicht nur kein Jahrhundertroman, er ist ein Roman, der menschliche Existenz in einen kosmischen Rahmen einbettet und ihr damit auf den ersten Blick jede höhere Bedeutung nimmt. Das erklärt auch den mitleidlos wirkenden, distanzierten Erzählstil. Man kann das so verstehen, dass Erpenbeck eine post-religiöse oder post-ideologische Sicht auf die Welt präsentiert, wie sie typisch ist für das moderne Denken seit den Erschütterungen des Selbstbewusstseins an der Wende zum 20. Jahrhundert (Einstein, Freud, Le Bon u.a.).
- MIA: Daraus wird ein Schluss gezogen, der bezeichnet wird als „Minimalisierung menschlicher Existenz“.
- Es geht also um die These, dass menschliches Handeln hier in den größeren Rahmen der Entwicklung der Natur eingeordnet wird
- Das bedeutet zugleich, dass ihm eine höhere Bedeutung, wenn nicht abgesprochen, so doch zumindest nicht zugesprochen wird.
- Diese Sicht wird zum einen in die kulturgeschichtliche Entwicklung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eingeordnet.
- Zum anderen ist die Einschränkung „auf den ersten Blick“ wichtig, wie sich gleich zeigen wird.
Schritt 4: Suche nach positivem Sinn
Wenn die Beschäftigung mit Literatur in der Schule überhaupt einen Sinn hat, dann den: Man sucht nach etwas, was einen nicht noch kleiner macht, als man sich vielleicht schon fühlt. Vielmehr nach etwas, an dem man sich „aufrichten“ kann – Kraft findet für ein sinnvolles Leben, das mehr ist als ein kurzes, kaum sichtbares und schnell wieder verschwundenes Aufflackern im Weltall
- MIA: in diesem Abschnitt wird von eine Grundeinstellung beim Lesen ausgegangen.
- Man möchte gewissermaßen für sich selbst einen Gewinn davon tragen.
- Also irgendetwas, an dem man sich, wie es so schön in einem sprachlichen Bild heißt, „aufrichten“ kann.
Goethes (auch) schlechte Nachricht für den Menschen
Hier kann man erstaunlicherweise auf Goethe zurückgreifen. Der hat nämlich anscheinend Erpenbecks Roman schon vorausgesehen. Zumindest präsentiert ein Teil des Gedichtes „Das Göttliche“ eigentlich die gleiche Aussage wie „Heimsuchung“:
In der 3. Strophe heißt es – und das ist „Heimsuchung“ pur, wenn man die nächsten beiden Strophen hinzunimmt.
Das Gedicht findet sich u.a. hier.
Denn unfühlend
Ist die Natur:
Es leuchtet die Sonne
Über Bös’ und Gute,
Und dem Verbrecher
Glänzen, wie dem Besten
Der Mond und die Sterne.
Und anschließend beschreibt Goethe, wie das Schicksal einen alten Mann genauso treffen kann wie ein Kind. Das ist genau das, was die Figuren des Romans mehr oder weniger erfahren.
- MIA: Die Zwischenüberschrift baut hier jetzt eine zusätzliche Spannung auf.
- Das entspricht nämlich der Herausstellung des ebenfalls negativen Aspekts in Goethes Gedicht „Das Göttliche“.
- Dort kann man nämlich etwas Ähnliches vorfinden wie die Heimsuchung in Erpenbecks Roman.
- Wer das Gedicht allerdings genau erkennt, weiß, dass das nur die halbe Wahrheit ist.
- In dem Falle ist man gespannt, wie der Autor dieses Textes damit umgeht.
Goethes positive Antwort auf die Sinnfrage
Aber Goethe belässt es nicht dabei. Er setzt hinzu: Der Mensch kann der Unerbittlichkeit des Schicksals etwas entgegensetzen, er kann „heilen und retten“, ja sogar „dem Augenblick Dauer verleihen“.
Woran Goethe dabei denkt, wird gleich am Anfang hervorgehoben: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut.“ Was den Titel angeht, es kommt für Goethe nicht auf den Glauben an Götter an, sondern darauf, dass er das Göttliche in sich pflegt und nutzt, ganz gleich, wo es herkommt.
- MIA: Hier kommt dann etwas, was dem Idealismus der Weimarer Klassik entspricht, aber eben auch heute noch Bedeutung haben kann.
- Es geht nämlich um das, was Goethe dem Menschen als positive Möglichkeiten zuspricht.
- Deutlich wird, ausgehend vom Titel des Gedichtes, dass ihm die Annahme zugrunde liegt, dass es in uns Menschen etwas gibt, was positiv über uns hinaus weist.
Unterstützung Goethes durch zwei andere Schriftsteller
Interessant sind an dieser Stelle zwei Schriftsteller, die hier etwas beigetragen haben.
Da ist zunächst der Aufklärer Voltaire, der am Ende seines Romans „Candide“ einen Menschen im Osmanischen Reich vorstellt. Der interessiert sich nicht für große Ereignisse in der Ferne, die er sowieso nicht beeinflussen kann – stattdessen konzentriert er sich voll auf die Früchte in seinem Garten.
Das ist noch nicht so ganz im Sinne Goethes, aber eine notwendige Voraussetzung, was der Barockdichter Matthias Claudius mitten im schlimmsten Leid des Dreißigjährigen Krieges geschrieben hat. Denn er möchte, dass wir auch an unseren kranken Nachbarn denken – der häufig bei der Weltrettung vergessen wird.
- MIA: an dieser Stelle verweist der Autor auf zwei andere Autoren, etwa aus der Zeit Goethes.
- Da ist zum einen der berühmte Aufklärer Voltaire, der in einem Roman darauf hinweist, dass man sich auf das konzentrieren soll, was im unmittelbaren Umfeld positiv wirkt
- Das zweite Beispiel ist dann ein berühmtes Gedicht, das direkt darauf verweist, dass man nicht nur an sich denken soll, sondern auch an die Menschen um einen herum, denen es vielleicht weniger gut geht.
Konsequenz für einen „sinnvollen“ Deutschunterricht
Schlagen wir nun den Bogen zum Anfang zurück: Erpenbecks Roman macht deutlich, dass menschliche Schicksale die Natur und die Geschichte nicht groß interessieren. Wohl aber kann jeder Mensch für sich überlegen, wie Menschlichkeit im Sinne von „edel, hilfreich, gut“ aussieht.
Die Welt wird dann mit Sicherheit ein bisschen heller – und der Roman „Heimsuchung“ hat mit Goethe zusammen seinen verdienten Platz im Deutschunterricht.
- MIA: Der Text verwendet am Ende einen Bogen zum Anfang zurück.
- Es bleibt die Leistung des Romans von Erpenbeck, auf die Heimsuchungen im menschlichen Leben verwiesen zu haben.
- Der Verweis auf Goethes Gedicht „Das Göttliche“ ist dann eine Möglichkeit, die damit deutlich werdende Lücke im Hinblick auf die Bedeutung und die positiven Möglichkeiten des Menschen zu füllen.
Weitere Infos, Tipps und Materialien
- Infos, Tipps und Materialien zum Roman „Heimsuchung“ von Jenny Erpenbeck
https://schnell-durchblicken.de/themenseite-heimsuchung
— - Youtube-Playlist zum Roman „Heimsuchung“
https://www.youtube.com/playlist?list=PLNeMBo_UQLv3HeM299xejKEGxQIEM_eEY
— - Essay – in der Schule: Was ist das, wie schreibt man so etwas?
https://textaussage.de/thema-essay-infos-tipps-und-materialien-themenseite— - Tipps und Materialien zu weiteren Themen des Deutschunterrichts
https://textaussage.de/weitere-infos
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