Gellert, „Der Blinde und der Lahme“ (Mat694-bul)

Worum es hier geht:

Wir stellen hier ein Gedicht der Aufklärung vor. Es zeigt diese Epoche von ihrer besten Seite: Denn es wird an einem Beispiel gezeigt, wie einfach sich Menschen gegenseitig helfen können – die selbst jeweils ein „Defizit“ haben.

Spannnend wird es, wenn man die Grenzen des Ansatzes untersucht und dann noch Ausschau hält nach Möglichkeiten, diese zu überwinden und das Ursprungsziel doch noch zu erreichen.

Das  Gedicht hier u.a. hier zu finden.

Noch ein wichtiger Hinweis:
Wer mehr zur Frage der Gattung wissen will mit weiteren Informationen zu diesem Text zu seinem Umfeld, der findet das auf der folgenden Seite:
https://schnell-durchblicken.de/hintergrund-infos-zu-gellert-der-blinde-und-der-lahme

Der Blinde und der Lahme
  1. Von ungefähr muss einen Blinden
  2. Ein Lahmer auf der Straße finden,
  3. Und jener hofft schon freudenvoll
  4. Dass ihn der andre leiten soll.
    • In der ersten Strophe wird eine Situation beschrieben, In der ein Blinder zufällig auf einen Lahmen trifft, also jemanden, der nicht gut gehen kann.
    • Im zweiten Teil der Strophe geht es um die aus seiner Sicht verständlicher Hoffnung, dass der andere, dessen eigene Behinderung der Blinde höchstwahrscheinlich nicht gleich wahrnimmt, ihm in seiner Behinderung hilft, nämlich seinen Weg zu finden.
  5. Dir, spricht der Lahme, beizustehen?
  6. Ich armer Mann kann selbst nicht gehen;
  7. Doch scheint’s, daß du zu einer Last
  8. Noch sehr gesunde Schultern hast.
    • Die zweite Strope präsentiert dann die Antwort des gehbehinderten Menschen, der dem Blinden sein Handicap erklärt.
    • Er nutzt dann die Gelegenheit für einen Gegenvorschlag zu seinen Gunsten. Da der Blinde ihm kräftig vorkommt, will er ihm die Last auflegen, die er selbst anscheinend zu tragen hat.
  9. Entschließe dich, mich fortzutragen,
  10. So will ich dir die Stege sagen:
  11. So wird dein starker Fuß mein Bein,
  12. Mein helles Auge deines sein.
    • Die dritte Strophe macht dann deutlich, dass es um etwas sehr Grundsätzliches geht, nämlich: Der Blinde soll den Gehbehinderten komplett auf die Schulter nehmen.
    • Im zweiten Teil der Strophe wird darauf hingewiesen, dass die beiden Behinderungen sich zumindest teilweise gegenseitig aufheben.
    • Denn der Blinde ersetzt dem lahmen Menschen jetzt die fehlenden gesunden Beine; dafür kommt der blinde Mensch jetzt in den Genuss der Sehkraft, zumindest indirekt.
  13. Der Lahme hängt, mit seinen Krücken,
  14. Sich auf des Blinden breiten Rücken.
  15. Vereint wirkt also dieses Paar,
  16. Was einzeln keinem möglich war.
    • Die vierte Strophe präsentiert und interpretiert die neue Situation:
    • Was beiden einzeln nicht gegeben war, können sie durch gegenseitigen Ausgleich erreichen.
  17. Du hast das nicht, was andre haben,
  18. Und andern mangeln deine Gaben;
  19. Aus dieser Unvollkommenheit
  20. Entspringet die Geselligkeit.
    • Die fünfte Strophe verlässt dann die konkrete Situation und beschreibt auf sehr ungewöhnliche Weise das Phänomen menschlicher Geselligkeit. Hervorgehoben wird nämlich, dass es dabei nicht einfach nur um Spaß und Unterhaltung geht, sondern auch um die Bereitstellung der eigenen Gaben an andere, denen es genau daran fehlt.

    • Hier kann man deutlich machen, was konkret damit gemeint sein könnte: Jemand könnte einem anderen erklären, auf welchem Weg er schneller zur Arbeit kommt; ein anderer wiederum bekommt von einem Rechtsanwalt – natürlich ohne fachliche Verpflichtung – einen guten Rat.

  21. Wenn jenem nicht die Gabe fehlte,
  22. Die die Natur für mich erwählte,
  23. So würd‘ er nur für sich allein
  24. Und nicht für mich bekümmert sein.
    • Eigentlich ist damit die Aussage der Fabel schon klar.
    • Allerdings weitet die sechste Strophe den Hinweis noch etwas aus und beschreibt es wie ein Defizit, wenn man sich nicht um andere Menschen kümmern kann.
  25. Beschwer die Götter nicht mit Klagen!
  26. Der Vorteil, den sie dir versagen
  27. Und jenem schenken, wird gemein:
  28. Wir dürfen nur gesellig sein.
    • Die letzte Strophe verallgemeinert dann die Lehre der Fabel noch mehr: Man soll nicht so viel klagen. Die Begründung dafür ist der Hinweis auf die Vorteile des geselligen Austausches zwischen den Menschen.

Fazit und Anregung

  •  Insgesamt ist dies eine sehr originelle Begründung für einen ganz normalen menschlichen Zusammenhalt, bei dem man nicht sofort an den Vorteil denkt, der hier beschrieben wird – etwa wenn man sich ganz normal zum Beispiel zu einem Geburtstag oder einer anderen gemeinsamen Veranstaltung trifft.
  • Um das noch deutlicher herauszufinden, kann es sich lohnen, mal darüber nachzudenken, was einem selbst als Erstes als Begründung dafür einfällt, dass man sich mit anderen Leuten trifft.
Quelle:
Christian Fürchtegott Gellert: Werke, Band 1, Frankfurt a.M. 1979, S. 50-51.

Weitere Infos, Tipps und Materialien